21.06.2010

SPANIENDas Ende des Wunders

Die Spanier hatten alles: die coolsten Künstler, die besten Sportler und, als der Euro kam, die billigsten Kredite. Dann traf die Krise das Land. Nach 14 Jahren Aufschwung droht der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone nun eine Schuldenkrise.
Der Fußball ist die Hoffnung, die bleibt, die Disziplin, in der Spanien noch als Superstar gilt. Die Tageszeitung "ABC" hat in Madrid Fotografen und Reporter losgeschickt, sie sollen dokumentieren, was sich im Land verändert, wenn die Fußball-Nationalmannschaft spielt - auf dem Höhepunkt der größten Wirtschaftskrise, die das Land seit dem Ende der Franco-Diktatur erlebt.
Es ist Mittwoch voriger Woche, der Tag, an dem Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero in Madrid seine Arbeitsmarktreform präsentiert, eine Reform, nach der Spanien wohl nicht wiederzuerkennen sein wird.
Zwei Jahre lang hat Zapatero mit Gewerkschaften und Unternehmern darum gerungen, ohne Einigung, aber um einen hohen Preis. Den sanften Mann, den sie einst "Bambi" nannten, bezeichnen Zeitungen heute als "Schlächter der Arbeiterklasse". Seine Zustimmungsraten sind fürchterlich, mehr als drei Viertel der Befragten haben kein Vertrauen mehr in seine Amtsführung. "Dies ist der wichtigste Juni meines politischen Lebens", hat er sich einem Mitarbeiter anvertraut, "und der wichtigste in der jüngsten spanischen Geschichte."
Für die meisten Spanier ist es einfach der Tag, an dem Spanien seinen ersten Auftritt bei der Fußball-Weltmeisterschaft hat. Spanien ist Favorit.
Überall sind die Reporter unterwegs, vor dem Bernabéu-Stadion stehen sie, in der U-Bahn, an der Gran Vía. Sie können zusehen, wie sich die Straßen füllen, sie zählen die Menschen in den U-Bahnen, sie recherchieren alles an diesem Tag. Jede Zahl bekommt plötzlich eine Bedeutung. Was ist los mit dieser Nation?
Spanien war cool. Spanien hatte den Filmemacher Almodóvar, Ferran Adrià, den weltbesten Koch, es hatte den Modekonzern Inditex (Zara), der Hennes & Mauritz überholte, es hatte das beste Wetter und Penélope Cruz, es stellte den Fußball-Europameister und den Wimbledon-Sieger, es hatte die Banco Santander, die sich in der ersten Finanzkrise nicht verspekulierte und keine Staatshilfen brauchte.
Spanien war das Land, das drei Jahre hintereinander einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftete, seit der Jahrtausendwende fünf Millionen Arbeitsplätze schuf und Wachstumsraten über dem europäischen Durchschnitt produzierte. Spanien war ein ökonomisches Schwergewicht geworden, die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone.
Das war bemerkenswert. Ein Land, in dem in den siebziger Jahren noch Eselskarren fuhren, das Hunderttausende als Gastarbeiter in den Norden schickte, war zu Europas Kalifornien geworden. Und Zapatero, der Prophet dieses spanischen Wunders, verband den Wirtschaftsaufschwung mit einer neuen Bürgerkultur: Gegen das Geschrei der Bischöfe setzte er die Homo-Ehe und die Fristenregelung durch, berief mehr Frauen als Männer in sein Kabinett und beschleunigte die Scheidungsverfahren.
So stand Spanien vor zwei Jahren da: ein Superstar. Dann kam die Krise.
Mehr als zwei Millionen Menschen haben seit 2008 in Spanien ihren Job verloren. Die Arbeitslosenquote ist von gut 8 auf fast 20, bei den jungen Leuten sogar auf 40 Prozent hochgeschnellt.
Reiche Spanier bringen Geld jetzt im Ausland in Sicherheit. Regelmäßig telefonieren sie in diesen Tagen mit ihren Privatbankiers in der Schweiz, Luxemburg oder Großbritannien. "Die Anfragen aus Ländern wie Spanien und Griechenland haben signifikant zugenommen", sagt Peter Fanconi, Chef des Private Bankings der Zürcher Bank Vontobel.
"Meine spanischen Kunden haben Panik", erzählt der Direktor einer Genfer Privatbank, "sie fürchten sich davor, dass bald Spezialsteuern für Vermögende erhoben oder gar ihre Konten eingefroren werden." Zudem würden Euro-Bestände in Dollar, Schweizer Franken oder Norwegische Kronen getauscht.
War der Spanien-Boom nur ein Strohfeuer? So groß die Begeisterung zuvor gewesen ist, so schnell schwindet nun das Vertrauen.
Ende April stufte die Ratingagentur Standard & Poor's Spaniens Kreditwürdigkeit herab. Als die Regierung vorvergangene Woche eine dreijährige Staatsanleihe auflegte, verlangten die Anleger bereits einen Zins von 3,3 Prozent, ein Drittel mehr als im April.
An den Finanzplätzen der Welt stellen sich Händler nun, wie vor vier Monaten bei Griechenland, die Frage: Ist dieser Anstieg ein fester Trend? Reichen die Reformen, die Zapatero vergangene Woche dekretierte und diese Woche durchs Parlament bringen muss, um den Vertrauensverlust zu stoppen? Oder führt der Anstieg der Renditen in eine Schuldenspirale? Gerät, da Spaniens Wirtschaft fast fünfmal so groß ist wie die Griechenlands, damit auch Europa in Gefahr?
Vom 1. Juli an könnte das Land den Rettungsschirm von EU und IWF in Anspruch nehmen, aber allein die Absichtserklärung könnte die Kosten für künftige Kredite empfindlich anheben.
Spanien dementiert. Es gebe keine Verhandlungen über ein Hilfspaket, sagt die Regierung. Um die Gerüchte zu stoppen, Spanien könnte in eine schwere Schuldenkrise geraten, forderte Notenbankchef Miguel Ordóñez, die bislang geheim gehaltenen Stresstests der spanischen Geschäftsbanken zu veröffentlichen. Am Donnerstag einigten sich auch die EU-Staatschefs auf mehr Transparenz (siehe Seite 78).
Für sich genommen steht der spanische Staat bisher so schlecht nicht da. Das Land ist mit rund 550 Milliarden Euro verschuldet, das waren 2009 53 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Deutschlands Verschuldung betrug 73 Prozent, Italiens 115 und die von Japan über 200 Prozent. Doch Ökonomen fürchten, Spaniens Schulden könnten schnell ansteigen. Während das Land 2007 noch einen Überschuss erzielte, machte es im letzten Jahr so viele neue Schulden wie schon seit 14 Jahren nicht mehr.
Zur Skepsis trägt bei, dass der Spanien-Boom nicht in erster Linie auf der Stärke der heimischen Wirtschaft beruhte, sondern zum großen Teil von außen getragen wurde - und auf einen Konstruktionsfehler bei der Euro-Einführung zurückgeht.
Denn das Land trat mit einer relativ schwach bewerteten Pesete in die Euro-Zone ein - was zur Folge hatte, dass die Preise zunächst rasch anstiegen. Gewöhnlich reagiert eine Notenbank auf solche Preissteigerungen mit höheren Leitzinsen. Da es aber seit der Einführung des Euro nur noch einen einheitlichen Leitzinssatz für die gesamte Euro-Zone gibt und Länder wie Deutschland und Frankreich deutlich geringere Inflationsraten hatten, reagierte die Europäische Zentralbank nicht. Die Zinsen blieben also niedrig - zeitweise lagen sie sogar unter der spanischen Inflationsrate. Es gab Monate, in denen Spanien Realzinsen von null Prozent hatte. Kredite waren praktisch kostenlos.
Und das war das Fundament des iberischen Aufschwungs: Die Spanier liehen sich Geld und kauften Häuser. Oder sie beliehen ihre rasant im Wert steigenden Immobilien und gaben das Geld für Konsumgüter aus. Jährlich entstanden 800 000 Wohnungen, mehr als in Deutschland, Italien und Frankreich zusammen. Bald war es selbst für die Mittelschicht üblich, eine zweite oder dritte Wohnung am Meer zu haben. Einfach als Geldanlage. Der Bausektor trug bis zu elf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Noch heute sind es mit neun Prozent doppelt so viel wie in anderen Volkswirtschaften.
Auch der Staat betonierte fleißig mit. Er baute eine Hochgeschwindigkeitstrasse von Madrid nach Sevilla und eine nach Barcelona. Er ließ Flughäfen und Meerwasser-Entsalzungsanlagen errichten, größere Städte leisteten sich Kongresszentren und Sportstadien. In Kastilien entstanden zwei Fracht- und Charterflughäfen, in Seseña bei Madrid ein Komplex mit 13 500 Wohnungen für Pendler.
Als 2008 die Krise ausbrach und die Immobilienpreise zweistellig abstürzten, hatte Spanien keine anderen Wirtschaftszweige, die den Einbruch beim Bau hätten abfangen können. Tourismus und Landwirtschaft, die beiden anderen Schlüsselbranchen des Landes, sind selbst angeschlagen. Und die Industrie trägt nur 11,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei (Deutschland: 26 Prozent). Nur ein Prozent des BIP werden in Spanien in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien gesteckt.
Dramatisch ist auch der Bildungsnotstand: Die Spanier sind deutlich schlechter ausgebildet als andere Europäer. 30 Prozent brechen die Schule ab, doppelt so viele wie im EU-Durchschnitt.
Soziologen haben bereits eine Formel für die jungen Spanier geprägt: "Generación ni-ni", die Weder-noch-Generation. Weder studieren sie, noch verdienen sie ihren Lebensunterhalt selbst. Eine wahre Null-Generation, null Jobs, null Aussichten. Schon über die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen erklärte sich in einer Umfrage im letzten Sommer zu "ni-nis".
Die größten Belastungen stehen Spanien noch bevor, vor allem wegen der drohenden Schuldenkrise der Banken. Mehr als ein Drittel aller Hypothekenkredite dürfte nach dem Immobilien-Crash als problematisch eingestuft werden, eine Summe von 165 Milliarden Euro. Vor allem die Sparkassen, die deutlich aggressiver als die Geschäftsbanken Baugeld verliehen, gelten als schwer kalkulierbare Risiken.
Im vergangenen Jahr bereits musste die spanische Notenbank die überschuldete Sparkasse Caja Castilla La Mancha mit einer Bürgschaft von neun Milliarden Euro retten, vor drei Wochen stellte sie die Sparkasse CajaSur unter ihre Aufsicht und zahlte eine Nothilfe von 550 Millionen Euro (siehe Seite 103). Viele der 45 Sparkassen sind allein nicht mehr überlebensfähig, nach Plänen der Notenbank sollen nur noch 20 Sparkassen übrig bleiben. Diese Reformen kosten Geld. Die Caja Madrid, die sich gerade mit sechs kleineren Banken zur größten Sparkasse Spaniens zusammenschließen will, hat 4,5 Milliarden Euro Kapitalhilfe beantragt.
Auch deshalb hat Zapatero dem Land einen harten Sparkurs verordnet: Insgesamt gut 65 Milliarden Euro sollen bis 2013 quer durch alle Ressorts eingespart werden. Ab Juni sollen die Beamtengehälter um fünf Prozent gesenkt und im nächsten Jahr eingefroren werden. 13 000 Stellen sollen im Öffentlichen Dienst abgebaut werden. Für Rentner gibt es 2011 eine Nullrunde, der Vorruhestand wird erschwert.
Die Zeit des Dopings ist vorbei, der träg gewordene Superstar muss dringend ins Trainingslager. Er kann froh sein, wenn er aus den Jahren des Raubbaus keinen Herzinfarkt davonträgt.
Am Bernabéu-Stadion warten die spanischen Fans am vorigen Mittwochnachmittag lange auf das erste Tor des Favoriten. Aber es sind die Schweizer, die es schießen. Dann wird die Zeit knapp, und 20 000 machen sich Mut mit den immer gleichen Schlachtrufen, podemos, podemos, wir können's, wir können's, aber dann ist das Spiel aus, und Spanien hat 0:1 verloren. Einen Moment lang weiß niemand, was er sagen soll. Dann geht jemand ans Mikrofon und ruft: "Macht nichts, wir sehen uns am Montag wieder, dann geht die Party weiter."
Von Beat Balzli, Marc Hujer, Wolfgang Reuter und Helene Zuber

DER SPIEGEL 25/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPANIEN:
Das Ende des Wunders

Video 01:01

US-Dashcam-Video Wo bitte ist die Straße hin?

  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde" Video 00:57
    Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "Australien: 17-Jähriger greift islamfeindlichen Politiker mit Ei an" Video 01:23
    Australien: 17-Jähriger greift islamfeindlichen Politiker mit Ei an
  • Video "US-Präsidentschaftswahl 2020: Beto O'Rourke und die verrückten Hände" Video 01:29
    US-Präsidentschaftswahl 2020: Beto O'Rourke und die "verrückten" Hände
  • Video "Toyota Yaris im Test: Schadstofffrei und Spaß dabei" Video 06:37
    Toyota Yaris im Test: Schadstofffrei und Spaß dabei
  • Video "Paris: Gelbwesten verwüsten die Champs-Élysées" Video 01:27
    Paris: Gelbwesten verwüsten die Champs-Élysées
  • Video "Erstes Saisontor in Japan: Podolskis Sumo-Jubel" Video 00:54
    Erstes Saisontor in Japan: Podolskis Sumo-Jubel
  • Video "Filmstarts: Kompromisslos, weiblich, abgewrackt" Video 09:31
    Filmstarts: Kompromisslos, weiblich, abgewrackt
  • Video "Webvideos der Woche: Naturgewalten" Video 02:56
    Webvideos der Woche: Naturgewalten
  • Video "Augenzeugen zu Anschlag in Neuseeland: Wir haben versucht, über den Zaun zu springen" Video 01:58
    Augenzeugen zu Anschlag in Neuseeland: "Wir haben versucht, über den Zaun zu springen"
  • Video "Britische Unternehmen vor dem Brexit: Das große Horten" Video 02:37
    Britische Unternehmen vor dem Brexit: Das große Horten
  • Video "Weltweite Schülerdemos fürs Klima: Auf der Straße gelernt" Video 02:46
    Weltweite Schülerdemos fürs Klima: Auf der Straße gelernt
  • Video "US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?" Video 01:01
    US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?