12.10.1998

DDRWanzen in Wandlitz

Aktenfunde in der Berliner Gauck-Behörde belegen: Honeckers deutschlandpolitischer Top-Unterhändler, Herbert Häber, wurde durch eine Intrige gestürzt und anschließend zwangspsychiatrisiert. Erich Mielke persönlich zog im Hintergrund die Fäden.
Der Brief war mit der Hand geschrieben, die Anrede ließ auf eine gewisse Nähe schließen. "Liebe Genossen", schrieb Annemarie Schneider aus Berlin-Hohenschönhausen den Freunden in Mielkes Ministerium, "seit dem Zeitpunkt der Wahl des Prof. Häber als Mitglied des Politbüros" befinde sie sich "in einem Gewissenskonflikt".
Grund: Der Vater des ranghohen DDR-Politikers sei im Zweiten Weltkrieg Angehöriger eines Erschießungskommandos der Wehrmacht gewesen - ein Umstand, der, falls er bekannt würde, dem "Ansehen unserer Partei und unseres Staates" schweren Schaden zufügen könne.
Die vierseitige Denunziation vom 17. Oktober 1984 ist Bestandteil eines jüngst in der Gauck-Behörde gefundenen Aktenkonvoluts, das unter dem Decknamen "Säule" bislang im Archiv lagerte. Die Dokumente lassen das Ende der politischen Karriere des SED-Politbüromitglieds Herbert Häber in neuem Licht erscheinen.
Offiziell war der Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der Staatspartei im Herbst 1985 wegen gesundheitlicher "Probleme" aus allen Ämtern geschieden. Der Vorgang "Säule" indes beweist: Häber wurde Opfer einer Mobbing-Kampagne, die auf Druck aus Moskau von SED-Führung und Stasi exekutiert wurde.
Die Aktion traf einen Mann, der seit mehr als zehn Jahren einer der wichtigsten Deutschlandpolitiker der DDR war. Schon bei den historischen Treffen der Regierungschefs Brandt und Stoph 1970 in Kassel und Erfurt war Häber als Macher im Hintergrund mit von der Partie. Zur zentralen Figur wurde er durch den Aufbau einer geheimdiplomatischen Ebene für Gespräche mit Unionspolitikern in den siebziger Jahren. Damals liefen CDU und CSU noch offiziell Sturm gegen die Ost- und Deutschlandpolitik der Regierungen Brandt und Schmidt. Häbers Gespräche mit Christdemokraten wie Walther Leisler-Kiep, Richard von Weizsäcker, Volker Rühe oder Wolfgang Schäuble trugen mit dazu bei, daß auch nach dem Regierungswechsel in Bonn 1982 Kontinuität in den Beziehungen der beiden deutschen Staaten herrschte.
Häbers Absetzung 1985 machte deutlich, daß zwischen Bonn und Ost-Berlin keine Kooperation möglich war, wenn die Großmächte auf Konfrontation setzten.
Der SED-Westexperte, den die "Frankfurter Allgemeine" 1984 als "sachkundigen, undogmatischen und offenen Gesprächspartner" einstufte, paßte nicht mehr in die politische Landschaft des Ostblocks. Nach der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen vom Typ "Pershing II" in der Bundesrepublik 1983 waren wieder Kalte Krieger gefragt und nicht Genossen, die einen deutsch-deutschen Sonderweg der Entspannung propagierten.
Bis zu diesem Zeitpunkt galt Häber als Honecker-Schützling und als realsozialistischer Bilderbuchkarrierist. Als 16jähriger Schüler war er 1946 in die SED eingetreten. Seit 1950 befaßte er sich im SED-Zentralkomitee mit Westpolitik. Im Alter von 35 Jahren avancierte er zum stellvertretenden Staatssekretär für gesamtdeutsche Fragen. Acht Jahre später, 1973, beförderte Honecker ihn zum Leiter der Westabteilung des ZK, dem er seit 1978 als Vollmitglied angehörte.
Als die Kreml-Oberen mit der Stationierung von SS-20 Mittelstreckenraketen eine neue Runde des Wettrüstens einläuteten, versuchte die DDR-Führung ab 1979, trotz des Nato-Doppelbeschlusses die Beziehungen zur Bundesrepublik weiter auszubauen. Eine Aufgabe, die vor allem Häber zufiel.
Im Oktober 1983 verfaßte er für Erich Honecker einen Brief an Helmut Kohl, in dem er angesichts der neuen Ost-West-Spannungen eine "Koalition der Vernunft" forderte. Noch ungewöhnlicher für die sonst eher auf Abgrenzung bedachte SED-Riege war Häbers Formulierung am Schluß des Schreibens: Die DDR betreibe Politik "im Namen des deutschen Volkes".
Mit seinem diplomatischen Geschick empfahl er sich für höhere Weihen - im Mai 1984 holte Honecker den Westexperten ins Politbüro. Doch zu diesem Zeitpunkt stand Häber bereits mit dem Rücken an der Wand. Daß seine politischen Vorstellungen in der Sowjetunion negativ bewertet wurden, war ihm schon im Oktober 1983 aufgefallen. Damals hatte Häber den Vize der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, Wadim Sagladin, in Moskau besucht. Der forderte, die sozialistischen Länder sollten den Westen nach einer Pershing-Stationierung "bestrafen", vielleicht sogar durch einen Abzug der Botschafter.
Im Juli 1984 versuchten die Sowjets über den Leiter der Abteilung Auslandsinformation des ZK, Manfred Feist - den Bruder der Honecker-Ehefrau Margot - einen grobschlächtigen Artikel über "westdeutschen Revanchismus" im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" zu plazieren. Häber verhinderte die Veröffentlichung durch eine direkte Intervention beim SED-Generalsekretär. Von nun an galt die gesamte DDR-Westpolitik den Sowjets als Sicherheitsrisiko. Nur wenige Wochen später, im August 1984, geriet Häbers Förderer Honecker bei einem Treffen mit der sowjetischen Führungsspitze in Not.
KP-Chef Konstantin Tschernenko machte aus seinem Mißfallen gegenüber der DDR-Politik kein Hehl, verbot Honecker einen geplanten Besuch in Bonn und drohte ihm für den Fall weiterer "Eigenmächtigkeiten" sogar mit einer möglichen Absetzung.
Wenige Wochen später ließ der von den sowjetischen Brüdern bedrängte Honecker seinen altgedienten Westunterhändler fallen. Es begann eine Phase der systematischen Ausgrenzung Häbers aus allen wichtigen Gremien der DDR-Führung. Im Oktober 1984 entzog sein einstiger Förderer ihm erstmals auf einer Politbürositzung das Wort: "Halt hier keine vorlauten Reden." Fortan bekam er nicht mehr die üblichen Informationen, wurde zu wichtigen Sitzungen nicht mehr eingeladen. Politbüromitglied Joachim Herrmann, den Häber für einen Freund hielt und nach Gründen für die rüden Umgangsformen fragte, gab ihm kalt zur Antwort: "Hier gibt es keine Freundschaften."
Aus Rücksicht auf den "ewigen Bruderbund" mit der Sowjetunion wollten Honecker und die SED-Spitze den politischen Konflikt mit Häber jedoch nicht offen austragen. Hinzu kam: Es galt den Mythos von der "Einheit und Geschlossenheit" der Partei aufrechtzuerhalten.
Honecker kam mit Stasi-Chef Erich Mielke überein, Belastendes über Häber zusammenzutragen. Einen aktuellen Anlaß für eine Untersuchung schuf sich die Staatssicherheit selbst.
Am 17. Oktober 1984 erschienen zwei korrekt gekleidete Herren um die 40 bei der Schwester von Häbers Ex-Frau. Sie baten Annemarie Schneider, SED-Genossin seit 1956, einen Brief an das MfS zu schreiben. "Etwas über die Vergangenheit von Häbers Vater" sollte es sein. Schneider, die ahnte, daß die Besucher "wohl von der Firma" kamen und wußte, worum es ging: Häber senior war 1943 als Wehrmachtssoldat zur Hinrichtung eines französischen "Fremdarbeiters" befohlen worden, der an der Plünderung eines ausgebombten Hauses beteiligt gewesen sein sollte. Als seine Beteiligung an dem Erschießungskommando 1954 bekannt wurde, schloß die SED Fritz Häber aus der Partei aus.
Der Karriere des Sohnes hatte dies nie geschadet. Politbüromitglied Karl Schirdewan versicherte schon dem jungen Häber, der sich ängstlich nach möglichen weiteren Konsequenzen erkundigt hatte: "Wir betreiben keine Sippenhaft."
1984 galt diese Devise nicht mehr. Während die Abgesandten des Mielke-Ministeriums in der Küche Kaffee tranken, schrieb Häbers Ex-Schwägerin die geforderte Denunziation. Heute bedauert Schneider, daß ihre Parteidisziplin stärker war als ihr Gewissen: "Ich habe großen Mist gemacht."
Ihr Brief landete beim MfS in der für Gegenspionage zuständigen Hauptabteilung II/6 - als "Sonderauftrag" von Mielke, wie sich ein Offizier der Truppe erinnert. Die Stasi verwanzte Häbers Wohnung im Funktionärsghetto Wandlitz bei Berlin, hörte sein Telefon ab und observierte ihn - immer in der Hoffnung, einen Vorwand zu finden, der die politische Kaltstellung Häbers plausibel erscheinen ließe. Doch der Verdächtige verhielt sich korrekt.
Die Verzweiflung der zuständigen Bearbeiter muß groß gewesen sein. Sogar seine "Funktionen im faschistischen Jungvolk" warf die Stasi Häber in ihrer Beweisnot vor. Als Zwölfjähriger hatte er als "Jungenschaftsführer" eine Gruppe von fünf Pimpfen geführt.
Gefährlicher war der Verdacht, das Politbüromitglied könne ein Spitzenspion sein. In den Stasi-Unterlagen findet sich eine Information des sowjetischen Geheimdienstes KGB von 1978, Häber sei bei der CIA erfaßt und solle möglicherweise geworben werden.
Am bedrohlichsten für Häber war eine Unterlage des MfS, aus der hervorging, daß ein Agent des Bundesnachrichtendienstes (Deckname: "Kreuzspinne") 1954 berichtet hatte, er habe Kontakt zu ihm. Der lasse sich für die "Organisation nutzbar machen". Solche Aussagen konnten in der DDR für den Betreffenden lebensgefährlich sein. Doch die Stasi fand nichts, was die Verdachtsmomente bestätigte.
Die "Zersetzung" des Genossen Häber funktionierte, auch ohne daß Mielkes Mannen Kompromittierendes zu Tage förderten. Im August 1985 erlitt er nach einem Jahr Mobbing und Isolation einen Nervenzusammenbruch und wurde ins Regierungskrankenhaus Berlin-Buch eingeliefert.
Dort war das SED-Führungsmitglied von jedweder Information abgeschnitten - auch Nachrichten und Zeitungen fehlten. Vier Wochen nach seiner Einlieferung erhielt Häber überraschend Besuch von Honecker. Seine anfängliche Freude verflüchtigte sich schnell. Der SED-Chef eröffnete ihm: "Du hast keinen Grund, dich zu freuen."
* Auf dem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins 1984.
Honecker warf dem in Ungnade gefallenen Genossen vor, er habe "öffentlich über Differenzen zwischen SED und KPdSU diskutiert". Tatsächlich hatte Häber bei einer Plauderei mit seiner Ärztin zwei Monate zuvor eingeräumt, die neue sowjetische Politik Gorbatschows stimme wohl nicht völlig mit der DDR-Politik überein. Die Medizinerin machte offenbar brav der Stasi Meldung. Der langersehnte konkrete Anlaß war da.
Der SED-Chef nötigte den Westexperten, ein Rücktrittsgesuch aus Krankheitsgründen einzureichen. Parteiintern ließ die SED-Spitze verbreiten, Häber habe Krebs.
Zum Jahreswechsel 1985/86 wies die SED ihrem abservierten Westexperten einen Arbeitsplatz an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften des Zentralkomitees zu, einen Job ohne Aufgabenbereich. Als Häber am 3. Januar 1986 im Büro Honeckers anrief, um den Parteichef zu fragen, welche Aufgaben er übernehmen solle, war der nicht zu sprechen.
Honeckers Mitarbeiter baten ihn, noch einmal zu einer Besprechung ins Regierungskrankenhaus zu fahren. Seiner Frau, die als Sekretärin im ZK-Gebäude arbeitete, versprach er, sie abends abzuholen. Erst drei Monate später sah er sie wieder.
Häber wurde im Regierungskrankenhaus festgehalten, mit Medikamenten ruhiggestellt und drei Tage später in die Psychiatrie nach Bernburg gebracht. Dort blieb er bis Ende März 1986.
Daß er die "stalinistische Kadervernichtung" jetzt durch die in der Gauck-Behörde gefundenen Akten belegen kann, erfüllt den heute 67jährigen mit Genugtuung.
Er ist sicher, daß es ihm gelingt, deutlich zu machen, daß er die Mauer schon Mitte der achtziger Jahre durchlässiger machen wollte. Ein Problem Häbers ist damit aber nicht erledigt: Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ihn wegen der Schüsse an der deutsch-deutschen Grenze angeklagt. Sie wirft ihm Totschlag durch Unterlassung vor, weil er das Grenzregime in seiner Amtszeit nicht geändert, sondern aktiv gebilligt habe. "Das", so der frühere Deutschlandpolitiker halb sarkastisch, halb empört, "nenne ich Ironie der Geschichte."
* Auf dem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins 1984.

DER SPIEGEL 42/1998
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