28.06.2010

EMIGRATIONKültürschock in Istanbul

Mehr Türken gehen inzwischen aus Deutschland in die Türkei als umgekehrt. Im Boomland am Bosporus bekommen sie dank ihrer deutschen Ausbildung oft bessere Gehälter und attraktivere Stellen, begegnen aber auch vielen Vorurteilen.
Als er das erste Mal Heimweh nach Deutschland verspürte, lag Ömer Küçükbay auf einer Pritsche in einer Kaserne nördlich von Antalya. Er war 20 Jahre alt, es war zwei Uhr nachts, und ein Offizier brüllte ihn an, er solle Wache halten. Aber das musste ihm erst einmal jemand übersetzen, denn Küçükbay sprach kein Türkisch, nur fließend Bayerisch.
Der Gastarbeitersohn aus Eggenfelden in Niederbayern hatte sich aus einer Laune heraus für den Militärdienst in der Türkei verpflichtet. Aus Zuneigung zu einem Land, das er eigentlich nur aus dem Urlaub kannte. "Aber irgendwie war ich auch in Deutschland nur ein Ausländer", sagt er, "für meine Mitschüler war ich nun mal Türke. Also wollte ich mal ausprobieren, wie es ist, ein Türke zu sein."
Drei Monate währte das Experiment, dann verging Küçükbay die Lust, sich anschreien zu lassen und durch den Staub zu robben. Er fuhr wieder nach Eggenfelden und schwor sich, nie in die Türkei zurückzukehren. Das war 1991.
Es kam anders. Das hatte mit seinem Vater zu tun, der in der alten Heimat einen Herzinfarkt erlitt, und mit einem Istanbuler Mädchen, in das er sich verliebte. Küçükbay eröffnete ein Teehaus, heiratete und lernte Türkisch.
Heute arbeitet der 38-Jährige in einem Callcenter in Istanbul. Hier hat er seinen Weg gemacht, in einem deutschen Unternehmen mit über 250 Mitarbeitern, bis auf wenige sind alle Deutsch-Türken. Fast alle haben sie eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Eine, die davon handelt, als Gastarbeiterkind in Deutschland aufgewachsen zu sein und dann eines Tages in die Heimat der Eltern auszuwandern, um dort sein Glück zu versuchen. Weil man sich in Deutschland nicht dazugehörig fühlte. Weil man abgeschoben wurde. Weil die Familie rief. Oder weil man in der Türkei Karriere machen wollte.
Oft sind es Geschichten gut ausgebildeter, gut integrierter Deutsch-Türken. Die große Mehrheit der Auswanderer sind junge Akademiker, die Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehren. Etwa 40 000 Türken und türkischstämmige Deutsche gingen im vergangenen Jahr zurück in das Land ihrer Väter, das sind 10 000 mehr als umgekehrt in die Bundesrepublik kamen. Der Trend der Zuwanderung hat sich damit eindeutig gewendet.
Jeder dritte deutsch-türkische Student, so eine Erhebung des Dortmunder "futureorg Institut", plane seine Karriere mittlerweile in der Türkei und nicht in Deutschland. "Dort haben sie eindeutig bessere Aufstiegschancen als in Deutschland", sagt Marc Landau, Geschäftsführer der deutsch-türkischen Handelskammer. Allein bei Mercedes Benz in der Türkei sind 30 Prozent der Beschäftigten im mittleren und Top-Management Deutsch-Türken.
Die meisten Heimkehrer gehen nach Istanbul, wo der Arbeitsmarkt am vielversprechendsten und der Kulturschock am erträglichsten ist. So wie die Architektin Emine Şahin, 37, die "Muster-Integrierte", wie sie selbst sagt, die eigentlich alles hatte. Eine behütete Kindheit in einer hessischen Kleinstadt, deutsche Nachbarn, deutsche Freunde, gute Noten. Und die dann doch nicht blieb: Für einen Job als Bauleiterin zog sie von Frankfurt nach Izmir an die türkische Westküste, kurz darauf wechselte sie zu einer britischen Immobilienfirma in Istanbul, heute berät sie einen deutschen Drogeriekonzern, der in der Türkei neue Märkte erschließen will.
Şahin sagt, sie sei in Deutschland nie wegen ihres Namens oder ihrer Herkunft diskriminiert worden, aber vieles sei dort kleingeistiger und weniger dynamisch als im Boomland Türkei. "Noch haben nicht alle begriffen, welches Potential von den gut ausgebildeten Deutsch-Türken ausgeht. Wer zwischen zwei Welten wandert, kommt besser mit der Globalisierung zurecht. Die Deutschen müssten eigentlich angeben mit uns."
Die Elite der Auswanderer hat sich organisiert, sie trifft sich regelmäßig zu einem "Rückkehrerstammtisch". Auf der Dachterrasse des "Teras6", einer angesagten Bar in Istanbuls Szeneviertel Beyoglu, sitzen sie zusammen: 50 Männer und Frauen, in Sakkos und Business-Kostümen, sie trinken Bier in Krügen und türkischen Tee in bauchigen kleinen Gläsern.
Sie wollen vor allem Kontakte knüpfen, ein Netzwerk aufbauen. Manchmal klagen sie gemeinsam über Begegnungen mit der ungewohnten Kultur, über den Alltag mit der schwerfälligen türkischen Bürokratie. "Viele von uns sind eigentlich keine Rückkehrer, sie kommen zum ersten Mal in die Türkei. Und zwar nicht als Türken, sie kommen als Deutsche", sagt Şahin. Mit deutschen Ideen, deutschen Werten, deutschen Gewohnheiten.
Als die Architektin am Anfang ihrer Zeit in Istanbul einem Vorgesetzten widersprach, brach sie damit ein ungeschriebenes Gesetz und bekam Ärger. Später erregte sie Aufsehen, weil sie im Ramadan tatsächlich fastete. Das hatte sie schließlich auch in Deutschland immer getan und als "Urlaub von meinem Körper" bezeichnet. Unter ihren streng laizistischen Arbeitskollegen in der Türkei aber geriet sie nun in Verdacht, eine "Religiöse" zu sein.
Şahin sieht sich trotzdem als privilegiert, es sei ein Luxus, sagt sie, zwischen zwei Heimatländern entscheiden zu können: "Wie ist eigentlich der Plural von Heimat?"
In Deutschland ausgebildete Akademiker haben hervorragende Chancen auf dem türkischen Arbeitsmarkt. Weniger qualifizierte Deutsch-Türken aber bleiben lieber in Deutschland, denn in der Türkei müssen sie mit Hunderttausenden Billiglöhnern konkurrieren. Wer trotzdem kommt, gibt sich mit Gelegenheitsjobs zufrieden oder arbeitet schwarz. Gerade mal 729 türkische Lira, umgerechnet 380 Euro, beträgt der Mindestlohn in der Türkei, die Arbeitslosenhilfe liegt bei etwa 170 Euro, Sozialhilfe gibt es nicht.
Viele dieser Heimkehrer stoßen noch dazu auf Vorurteile bei den Einheimischen. Denn den "Almancilar", den "Deutschländern", eilt ein fragwürdiger Ruf voraus. Sie gelten wahlweise als frömmelnde Hinterwäldler oder neureiche Proleten.
"Sie kamen mit falschen Goldkettchen und fuhren im BMW oder Mercedes vor, der aber nur gemietet war", sagt eine Türkin über eine Gruppe junger Gastarbeiter, die in ihr Dorf zurückkehrten. Prominente Deutsch-Türken wie Regisseur Fatih Akin, der Fußballer Mesut Özil oder der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, von türkischen Medien schon zum "Obama der Türken" erhoben, ändern das Bild nur wenig.
Den Rückkehrern aus Deutschland wird mit großer Skepsis begegnet, wie ein Song ("Ich bin kein Deutschländer") der türkischen Liedermacherin Şebnem Kisaparmak zeigt. Er handelt von einer rücksichtslosen Rückkehrerfamilie, die ein Grundstück in der Türkei kauft und damit die Preise in die Höhe treibt. "Danke, das sind genau meine Gefühle", kommentierte ein Leser im Internet.
Besonders schwer wiegen für viele die mangelhaften Sprachkenntnisse der Heimkehrer: Als die türkisch-belgische Popsängerin Hadise Açikgöz bei einem Spiel der Nationalmannschaft unlängst etwas nuschelte und den Fehler machte, die Nationalhymne frei zu interpretieren, löste das unter den derzeit besonders patriotischen Türken Empörung aus. "Sie ist nicht einmal Türkin, ihr Türkisch ist schlecht, und von türkischer Kultur hat sie keine Ahnung", hetzte ein Kritiker.
Ankara unternimmt bislang wenig, um die Sprachkenntnisse der Auslandstürken zu verbessern und ihnen bei der Re-Integration zu helfen. Vor Deutsch-Türken in Köln warnte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor zwei Jahren zwar davor, die "türkische Identität" aufzugeben - wie die Regierung ihren Bürgern im Ausland dabei helfen könnte, darauf ging er nicht ein. Bislang erfolgt türkische Kulturpolitik vor allem über die Entsendung von Imamen aus der Türkei.
"Warum zum Beispiel gibt es kein türkisches Goethe-Institut?", wundert sich der Hamburger Deutsch-Türke Latif Durlanik. "Warum wird in türkischen Kulturhäusern nur geraucht und Karten gespielt?"
Mit einem "Amt für Auslandstürken" will Ankara jetzt zumindest formell eine Institution ins Leben rufen, an die sich die Diaspora, womöglich auch die Rückkehrer wenden können. Die genauen Aufgabenbereiche des Amts sind allerdings noch unklar. "Es ist die Erwartung der Menschen, dass die Türkei die Stimme unserer arbeitenden Brüder in der EU und in Deutschland hört", sagte der zuständige Staatsminister vor einigen Wochen.
Mitunter ist es auch der deutsche Staat, der die Almancilar im Stich lässt. Şükriye Dönmez kam 1969 mit ihren türkischen Eltern als Baby nach Berlin-Kreuzberg und lebte 40 Jahre lang dort. Die Deutsch-Türkin wurde Schauspielerin, später Regisseurin. Für ihre Rolle als Oberschwester Ayfer in der Fernsehserie "Klinikum Berlin Mitte" wurde sie als "hübscheste Krankenschwester Berlins" bejubelt, in Fatih Akins Erstling "Sensin - Du bist es!" bekam sie die Hauptrolle, auch bei seinem ersten Spielfilm "Kurz und schmerzlos" über eine türkisch-griechisch-serbische Gang in Hamburg spielte sie mit.
Einen deutschen Pass besaß sie nicht, weil sie in der Türkei geboren war. Reine Formsache, dachte sie, als sie im März 1999 den Einbürgerungsantrag stellte. Sie hatte in Deutschland Steuern gezahlt, deutsche Filme gedreht und bis auf wenige Monate nach ihrer Geburt nie woanders gelebt.
Fünf Jahre wartete sie, dann kam der Entscheid. Ihr unregelmäßiges Einkommen sei das Problem, hieß es in der Ablehnung. Wenn sie einen deutschen Pass wolle, brauche sie eine Festanstellung. Gehen Sie doch irgendwo putzen, sagte ihr die Frau vom Einwohnermeldeamt. "Das habe ich dankend abgelehnt", sagt Şükriye Dönmez, "und bin stattdessen in die Türkei gefahren."
Inzwischen lebt sie in Cihangir, einem Künstlerviertel von Istanbul, "das Kreuzberg gar nicht so unähnlich ist". Hier bereitet sie gerade eine Fernsehserie über Rückkehrer aus Deutschland vor. Es soll um eine orientierungslose Almanci-Frau in der Türkei gehen, "Kültürschock" will sie die Serie nennen.
Dönmez selbst findet es ganz lustig, für eine Weile mal nur Türkin zu sein. "Ich bin jetzt Gastarbeiterin."
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 26/2010
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