28.06.2010

PROZESSE Wulffs Revier

Ein schillernder Berliner Filmfinanzier und Freund vieler Prominenter wurde zu hohem Schadensersatz verurteilt. Einer der Stars hatte geklagt.
Man könnte sagen, dass das einzig Biedere an dem Berliner Unternehmer David Groenewold, 37, lange Zeit einer seiner Freunde war: Hier der wilde Filmfinanzierer und Geldjongleur, um dessen Party-Einladungen sich nicht nur die Sternchen der Hauptstadt balgten. Da der Polit-Routinier aus Niedersachsen: Christian Wulff.
Die Männerkumpanei gedieh, auch wenn der Berliner lediglich sagt, er sei mit Wulff "bekannt".
Vielleicht passten die beiden ja deshalb so gut zusammen, weil sich Gegensätze anziehen. Weil die beiden aus völlig unterschiedlichen Welten gefallen zu sein schienen: Hip contra solide, riesiges Townhouse in Berlin contra Einfamilien-Bleibe in Großburgwedel bei Hannover, lautstarker Verkäufer hier, abwägender Diplomat da.
Doch mittlerweile ist es um Groenewold deutlich stiller geworden: Zuletzt stand er vor Gericht, vorvergangene Woche verurteilte ihn das Berliner Landgericht zu 250 000 Euro Schadensersatz. Der Aktienkurs der Produktionsfirma Odeon Film ("Wolffs Revier", "Ein Fall für zwei"), an der Groenewold beteiligt ist, fiel von rund drei Euro 2007 auf unter einen Euro. Sein Promi-Treffen "Abend unter Freunden" zur diesjährigen Berlinale fiel aus.
Für Groenewolds Freund läuft es dagegen besser denn je: Christian Wulff wird womöglich am Mittwoch dieser Woche zum Bundespräsidenten gewählt (siehe Seite 20).
Immer wieder zeigte sich Wulff bislang gern mit seinem Show-Freund. Immer wieder lächelten sie gemeinsam in Kameras. Immer mal wieder war von einer Art Männerfreundschaft die Rede. Im Jahr 2005 zum Beispiel war dem Boulevardblatt "B. Z." die "Couch-Connection" eine ganze Seite wert. Um Groenewolds blaues Sofa versammelten sich damals quasi als Promi-Jury des Kanzlerduells auch "Kir Royal"-Vater Helmut Dietl, Produzent Oliver Berben und die Schauspielerin Alexandra Neldel samt dem TV-Produzenten Fred Kogel neben den ungleichen Kumpels.
Und selbst am Tag, als Kanzlerin Angela Merkel mit Wulff darüber sprach, dass er als Kandidat fürs Bundespräsidentenamt vorgesehen sei, traf der Politiker abends im noblen Berliner Privatclub "Soho House" auf seinen Freund Groenewold, der dort Wulffs wartender Gattin Bettina Gesellschaft leistete.
Als in eine Villa an der Côte d'Azur eingebrochen wurde, ließ er sich danach in der Zeitung zitieren: "Ich bin erleichtert, dass hauptsächlich Sachen wegkamen, die wieder beschaffbar sind. Tragisch wäre, wenn sie meine 40 Jahre alte Rolex mitgenommen hätten." Doch Glück im Unglück, so konnte man ebenfalls lesen, fanden die Diebe wenigstens nicht den Champagner-Vorrat.
Ein Faible für Promis hatte Groenewold wohl schon vor zehn Jahren, als er mit einem Bekannten die Promedium Asset Management GmbH ins Leben rief, an der er zunächst 50 Prozent der Anteile hielt. Die Firma spezialisierte sich auf die Geldanlage für eine ebenso bunte wie schwierige Berufsgruppe: Schauspieler.
So fand auch die gelernte Zahnarzthelferin Alexandra Neldel, die mit verschiedenen Rollen wie in der Seifenoper "Verliebt in Berlin" schnell zu ziemlich viel Gage gekommen ist, zu Promedium. Sie überwies Geld an diverse Konten in der Annahme, die Firma werde die Summe gewinnbringend für sie anlegen.
Doch statt mehr Geld auf den Depotkonten zu finden, verschwand ihre Einlage von rund 1,5 Millionen Euro. Das Landgericht Berlin verurteilte den Geschäftsführer schon 2007 zu einer Gefängnisstrafe von mehr als vier Jahren wegen Untreue und Urkundenfälschung.
Zwar ist das Geld bis heute zu großen Teilen weg. Trotzdem hätte sich die Öffentlichkeit wohl kaum für den Fall interessiert, wenn es nicht Prominente gewesen wären, die Groenewold mit seiner ihm ganz eigenen Art davon überzeugt hatte, bei Promedium an der richtigen Adresse in Geldfragen zu sein.
Auch eine populäre Sängerin fühlt sich mit ihrem Mann, einem bekannten Kino- und TV-Darsteller, von Promedium geprellt. Bei der Polizei sagte sie aus, man habe sich auf eine Zusammenarbeit eingelassen, weil "unser Freund David Groenewold an der Firma Promedium Anteile besitzt und wir ihn für einen sehr kompetenten Geschäftsmann und loyalen Freund halten."
Auch Frau Neldel hat in ihrer Klage vorgetragen, sie habe ihr Vermögen nur deshalb von Promedium verwalten lassen, weil Groenewold als Controller der Firma auftrat.
Der Gescholtene hätte mit der Sache als reiner Mitgesellschafter eigentlich nicht viel zu tun, wenn er nicht später - so das Gericht - versprochen hätte, für die Verluste von Neldel aufzukommen. In dem Verfahren bestritt er sogar, mit ihr überhaupt befreundet gewesen zu sein. Ein schmalziger Brief von ihm an Neldel ließ das Gericht allerdings erheblich daran zweifeln.
Das - bisher nicht rechtskräftige - Urteil: Groenewold muss Neldel die eingeforderte Summe nebst Zinsen überweisen. Neldels Anwälte wollten sich zur "privaten Rechtsstreitigkeit" ihrer Mandantin nicht äußern.
Ein "ziemlich abgehobener und durchgeknallter Vertröstungsweltmeister" sei Groenewold, sagt heute einer, der es noch gut mit ihm meint. Andere raunen, am besten wäre es gewesen, nie was mit ihm zu tun gehabt zu haben. Vor allem nicht in Gelddingen.
Ob Groenewold Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen wird, müsse er noch mit seinen Anwälten prüfen. Und wie steht Wulff nun zu seinem Freund? "Ebenso wie Claudia Roth und Klaus Wowereit ist Christian Wulff mit David Groenewold bekannt", erklärt sein Sprecher. Ansonsten gelte: "Privates ist privat."
Von Müller, Martin U.

DER SPIEGEL 26/2010
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