05.07.2010

PROSTITUTIONMorgens Mathe, mittags Hure

Sie sind noch Kinder, 12, 13 Jahre alt. Sie verlieben sich zum ersten Mal - und geraten an einen Zuhälter, auf dem Schulhof oder bei Facebook. Eltern und Polizei kämpfen gegen die Macht sogenannter Loverboys. Oft ist es schon zu spät. Von Dialika Krahe
Gestern Abend war es wieder so weit, einer ihrer Freier kam zu ihr hinter die Scheibe, grapschte, wollte mehr, als es für 50 Euro gibt.
"20 Minuten, normalen Sex", das habe sie immer wieder zu ihm gesagt, aber der Mann hörte nicht, schlug um sich, schrie, er wolle Analverkehr. Sie drückte den Alarmknopf, die einzige Zuflucht in dieser Zelle aus Glas, Kacheln, einem Bett mit abwaschbarem Bezug.
In diesem Moment, sagt Angelique, als die Polizei wieder einmal nicht kam und der Mann randalierte, da habe sie sich gefragt, warum zum Teufel sie das alles tue. Warum sie so dumm sei, sich herzugeben, ihre Jugend, ihren Körper, hier im Amsterdamer Rotlichtbezirk, bis zu 20-mal am Tag. Warum?
"Ich hab eben nie was anderes gelernt", sagt Angelique. Sie war 15 Jahre alt, als sie sich in ihren ersten Zuhälter verliebte. Wenn sie aus der Schule kam, wartete er in seinem Auto. Er hatte kurze Röcke gekauft, hohe Schuhe, große Ohrringe, sie sollte das alles tragen. Sie stieg ein, weil sie ihn liebte. Dann fuhr er sie auf Parkplätze, brachte sie in Wohnungen und vermietete ihren Körper, ein 15-jähriges Mädchen. Angelique wurde zum Sex erzogen.
"Er sah aus wie ein Model", sagt Angelique nun. Sie steuert durch das kopfsteingepflasterte Straßenlabyrinth des Amsterdamer Rotlichtviertels De Walen, ein großes Mädchen mit klimpernden Goldohrringen und langem Haar. Touristen drücken sich durch die engen Gassen, Dealer, Freier.
"Ich habe ihn nach der Schule kennengelernt", erzählt Angelique, nach dem Unterricht sei sie mit einer Freundin eine Cola trinken gegangen, da habe ihr dieser Junge einen Stuhl angeboten, ein hübscher Marokkaner, 19 Jahre alt, er lud sie auf einen Drink ein, dann in sein Au-to, ein bisschen Musik hören. Bald nahm er sie mit auf Partys, in Discotheken, gab ihr Alkohol. Sie verliebte sich. Wenige Wochen später zwang er sie zum ersten Mal, mit fremden Männern zu schlafen.
Loverboys, so nennt man in den Niederlanden diese Typen, die Schulmädchen durch ihre Liebe an sich binden und sie anschaffen schicken. Junge Männer, die 13-, 14-, 15-jährige Mädchen vor der Schule abfangen oder sie über das Internet ansprechen, soziale Netzwerke wie Facebook; die sie abhängig machen von ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Zuneigung, von Drogen, bis es zu spät ist und die Mädchen ihnen gehören.
So war es bei Angelique, sie ging damals in die achte Klasse; so war es bei Maria, 12, er achtete darauf, dass sie weiterhin zur Schule ging; so war es auch bei Mowitha, einem 13-jährigen Mädchen, das gern Fußball spielte und Gitarre, bevor es diesen Jungen traf.
Morgens Mathe, mittags Hure, manchmal Sex in den Freistunden dazwischen, diese Geschichten erschüttern die holländische Gesellschaft. Weil es nicht Mädchen aus zerrütteten Familien, aus sozial schwachen Milieus sind, die hier in die Unterwelt rutschen und verschwinden, sondern Mädchen aus der Mitte der Gesellschaft, Töchter von Lehrerinnen, Cafébesitzerinnen, manchmal läuft es über Jahre, ohne dass es jemand merkt.
Emotionale Abhängigkeit zwischen Prostituierten und Zuhältern hat es immer schon gegeben. Frauen werden durch Drogen, Gewalt, auch durch Zuneigung hörig gemacht, damit sie funktionieren. Dass aber junge Männer systematisch nach Schulmädchen suchen, um sie zu Huren heranzuziehen, ist ein bisher unbekanntes Phänomen, das Eltern, Lehrer und Polizei überfordert.
Niederländische Schulen veranstalten deshalb Aufklärungsseminare, Sozialeinrichtungen richten Häuser für die Opfer ein, Kriminologen beschäftigen sich mit dem Thema. Und auch in Deutschland werden die ersten Eltern wach, wenden sich an Hilfsorganisationen, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Töchter vor deren Zuhältern retten sollen.
"Bald gab er mir auch Marihuana und Kokain", erzählt Angelique. Am Morgen lief sie in die Schule, versuchte, anwesend zu wirken. Am Nachmittag lief sie zu Treffpunkten und stieg in sein Auto.
Wenn sie sich weigerte, kniff er sie, schlug sie, an Armen, Beinen, dort, wo niemand es bemerken würde. Ständig klingelte ihr Handy, kamen Nachrichten von ihm, "wo bist du?"; "du musst herkommen, sofort". Zu Hause erzählte sie, sie gehe zu einer Freundin.
"Ich weiß, dass er schlecht war für mich", sagt Angelique, "dass er mein Leben versaut hat", aber wenn sie ehrlich sei, träume sie noch immer von seinen Augen.
Wahrscheinlich steckte sie schon zu tief drin, wahrscheinlich war sie nicht mehr erreichbar für fremde Hilfe. "Ab einem gewissen Punkt sind die Mädchen nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen", sagt Bärbel Kannemann, der Loverboy sei dann ihre einzige Wirklichkeit. Kannemann ist eine kleine, runde Frau, pensionierte Kommissarin, 35 Jahre lang hat sie in Deutschland bei der Polizei gearbeitet, nun lebt sie abwechselnd in Deutschland und den Niederlanden. Sie wurde durch eine Vermisstensendung auf das Thema Loverboys aufmerksam. Seit zwei Jahren ist sie in der Stiftung "stoploverboys" tätig.
Jedes Jahr werden in den Niederlanden rund 1500 junge Mädchen Opfer dieser Form von Prostitution, das schätzen Hilfsorganisationen. Die Opfer trauen sich nur selten, zur Polizei zu gehen, weil sie bedroht werden, weil sie sich schämen, sich selbst schuldig fühlen oder keine Beweise haben. 180 Anzeigen gegen Loverboys gab es vor zwei Jahren, die Dunkelziffer, das vermutet die Polizei, liegt höher.
Die Mädchen sind in der Beweispflicht. Aber wie beweist man Jahre später, dass man als Kind missbraucht wurde? Oft stehen die Mädchen während dieser Taten unter Drogen, unter Schock, die Monate verschwimmen zu einem Brei aus Orten, Gewalt und Sex. Und überhaupt: Wer glaubt schon einer Hure?
"Nach der Schule gehe ich zu meiner täglichen Vergewaltigung", sagt Bärbel Kannemann, an diesen Zustand hätten sich viele der Mädchen gewöhnt. Gemeinsam mit Angeliques Mutter, Anita de Wit, geht sie in Schulen, spricht mit Eltern und Opfern; erst gestern war sie in einem Rotterdamer Rotlichtviertel unterwegs, auf der Suche nach einer verschwundenen Tochter. Allein in diesem Jahr haben sie sieben Mädchen aus den Fängen des jeweiligen Loverboys befreit. Und auch in Deutschland versucht Bärbel Kannemann aufzuklären, vor wenigen Wochen meldeten sich bei ihr die ersten Opfer.
Die Mechanismen, mit denen die Mädchen hörig gemacht werden, sagt Kannemann, sind gleich: Die Zuhälter entfremden sie ihrem Umfeld, hetzten sie gegen die Familie auf, bis sie die einzige Bezugsperson der Mädchen geworden sind.
Es ist ein ausgeklügeltes System aus Kontrolle, Macht und Belohnung. Irgendwann wissen die Mädchen kaum noch, wer sie ohne diese Männer sind, sagt Bärbel Kannemann. Manchmal dauert es Jahre, bis sie wieder ein eigenes Leben führen können.
Maria Mosterd hat das geschafft, die Frage ist, wie lange es hält. "Wenn er mich finden würde", sagt sie, "ich weiß nicht, ob ich nicht wieder zurückgehen würde zu ihm."
Sie sitzt im Garten eines Reihenhauses in einer holländischen Kleinstadt, ein hübsches Mädchen, ihre Haare sind zu Zöpfen geflochten. Niemand solle wissen, wo sie lebt, sagt sie. Sie ist 22 Jahre alt, hat eine kleine Tochter jetzt, ein Leben, "aber es ist schwer für mich", sagt sie. Jahrelang hat sie nach Befehlen gelebt, "was ich anziehen soll, was ich sagen soll, mit wem ich schlafen soll", über alles habe er bestimmt, "und plötzlich muss ich so viele Entscheidungen allein treffen".
Der Tag, an dem Maria ihren Loverboy traf, war sommerlich, August oder September, sie fuhr mit dem Fahrrad zur neuen Schule, Maria war 12 Jahre alt.
Er lehnte an seinem Wagen auf dem Schulparkplatz, sein Auto hatte verdunkelte Scheiben, ein dicklicher Typ, schwarze Haut, schwere Goldkette um den Hals, wie ein Darsteller aus einem Rap-Video.
"Hallo", rief er ihr hinterher, mehr nicht, cool klang das, fand Maria, sie fühlte die Blicke der anderen Mädchen, bewundernd, neidisch vielleicht. "Hallo", rief sie, dann fuhr sie in die Schule.
Wenige Tage später stand er wieder da, diesmal wollte er mit ihr reden, machte Komplimente. Er sei Manou, sagte er. Beim übernächsten Mal nahm er sie in seinem Auto mit, brachte sie in ein Haus, vergewaltigte sie, so erzählt Maria es. Er sagte ihr, es sei normal, dass Mädchen in ihrem Alter so etwas täten. Sie war nun seine Prostituierte, sein Eigentum.
Er holte sie nach der Schule ab, gab ihr Marihuana, vermietete sie in den Freistunden, passte auf, dass sie rechtzeitig wieder im Unterricht saß, wichtige Tests mitschrieb, er sorgte dafür, dass niemand etwas merkte.
Marias Mutter, Lucie Mosterd, eine Lehrerin an einer benachbarten Schule, beobachtete, wie sich ihre Tochter veränderte in dieser Zeit, wie sie eine Fremde wurde. "Sie war aggressiv, ihre Sprache änderte sich", sagt sie. Früher sei Maria schüchtern gewesen, ausgeglichen. "Plötzlich war sie ein Biest, eine Schlampe." Wenn Maria am Nachmittag nach Hause kam, ging sie zuallererst unter die Dusche. "Ich dachte, sie sei verschwitzt vom Fahrradfahren", sagt ihre Mutter, in Wirklichkeit wusch sich ihre Tochter die Freier vom Körper, dann knallte sie ihre Tür.
Für Eltern ist es schwer einzuschätzen, ob die Veränderung ihrer Töchter noch auf die Pubertät zu schieben ist. Es ist die Zeit, in der sich ohnehin Risse bilden in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern. "Ich dachte, das sei pubertätsbedingt", sagt Lucie Mosterd, Marias Mutter. "Vielleicht auch Depressionen. Oder Borderline." Sie schickte ihre Tochter zu einer Therapeutin, "aber ich war eine brillante Lügnerin geworden", sagt Maria, für alles habe sie eine Erklärung gehabt.
Auch in der Schule merkte lange Zeit niemand, was mit Maria los war. Ihr Loverboy dosierte ihre Fehlzeiten so, dass es grenzwertig, aber nicht alarmierend war. Wenn sie den Unterricht verlassen sollte, erzählte Maria, sie müsse zum Arzt, oder sie ließ sich andere Lügen einfallen.
Nach zwei Jahren, als Maria 14 war, ging ihr Loverboy zum ersten Mal mit zu ihr nach Hause, ein nettes Reihenhaus, an einer kleinen Gracht gelegen. Er stellte sich der Mutter als neuer Freund vor, er sagte, er mache eine Ausbildung an der Berufsschule neben der Schule von Maria. Die Mutter fand den Jungen zu alt, er hatte ja schon ein Auto, aber er war nett, und so erlaubte sie ihm, Maria zu besuchen, solange sie zu Hause war.
Er saß mit der Familie am Tisch beim Abendessen, er spielte mit Marias kleinen Brüdern. Es gibt Fotos von ihm und Maria, auf manchen hält er sie im Arm. Auf anderen ließ er sich mit Kampfhunden fotografieren.
Maria war nun fast nur noch auf Drogen. Sie war brutal geworden, wer sie in der Schule ansprach, bekam Schläge. Sie dealte für ihn, stellte ihm andere Mädchen vor. Irgendwann, als Maria 16 war, wurde sie von einer Lehrerin angesprochen, ihr aggressives Verhalten, ihre Fehlzeiten in der Schule, die rotgeränderten Augen waren der Pädagogin aufgefallen. Weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte, erzählte Maria der Lehrerin, wie sie von vier Männern in einer Wohnung vergewaltigt worden sei.
"Ich habe damals gar nicht verstanden, warum sie und meine Mutter so eine große Sache daraus machten", sagt Maria, "für mich war das Alltag." Sie führte die Polizei zu der Wohnung, in der es passiert war, drei der Männer wurden verurteilt, zu lächerlichen Haftstrafen, wegen Sex mit Minderjährigen, nicht wegen Vergewaltigung. Manou, ihren Zuhälter, brachten sie nicht damit in Verbindung, Maria hielt dicht. "Ich war so abhängig von ihm", sagt Maria, "es war wie eine Sucht."
In den Niederlanden kommen Mädchen wie Maria, die Opfer von Loverboys wurden, zu ihrer eigenen Sicherheit in eine Spezialabteilung des Jugendgefängnisses. Ihre Mutter war verzweifelt, stellte die Tochter vor die Wahl: Gefängnis oder ein therapeutisches Projekt in Indien, so weit weg von ihm, dass er sie niemals finden würde. Maria ging nach Indien, sie war jetzt 16, arbeitete dort mit Kindern in einem Waisenhaus, sprach täglich mit ihrer Sozialarbeiterin. Es dauerte lange, bis sie einsah, dass dieser Mann ein Täter war. "Ich kannte mich ja gar nicht ohne ihn", sagt sie, es war, als sei sie mit ihm groß geworden.
"Mein Leben ist langweilig heute", sagt Maria jetzt, in ihrem kleinen Garten, hinter ihrem Reihenhaus. Ja, sagt sie, das hört sich absurd an, aber irgendwie, auf eine kranke Art und Weise, vermisse sie die Aufregung ihres früheren Lebens. Sie sei ein stumpfer, harter Mensch geworden durch ihn, sagt sie. Es sei schwer für sie, mit anderen Menschen mitzufühlen. Liebe, eine Beziehung, das kann sie sich nicht vorstellen. "Männer sind für mich widerliche Kreaturen."
Es ist früh am Morgen, ein klarer Frühlingstag im südholländischen Maasland, 70 Kilometer weiter bereitet sich Angelique, das Amsterdamer Mädchen, auf ihre nächste Schicht hinter der Schaufensterscheibe vor, als sich ihre Mutter, Anita de Wit, in einem stickigen Klassenzimmer voller Teenager hinter das Pult setzt. Sie will verhindern, dass es noch mehr Mädchen gehen wird wie ihrem eigenen.
"Was ist ein Loverboy?", fragt sie. "Ein Pimp, Zuhälter", sagen die Schüler und kichern.
Anita de Wit startet einen Film, ein Mädchen ist zu sehen, das erzählt, wie es von seinem Loverboy zum Sex gezwungen wurde, wie es für ihn Drogen schmuggelte, wie es erwischt wurde und nun im Gefängnis sitzt. Auch Maria Mosterd ist zu sehen. Und dann ist da noch eine Aufzeichnung aus einer holländischen Vermisstensendung von 2007.
Angelique war damals aus einer therapeutischen Einrichtung verschwunden, zusammen mit einem Jungen, und Anita de Wit suchte ihre Tochter mit Flyern, in Rotterdam, in anderen Städten, immer in Begleitung eines Kamerateams.
Plötzlich, nach sechs Wochen, erhielt sie einen Anruf von ihrer Tochter. "Wo bist du, wo bist du?", fragte die Mutter. "Ich weiß es nicht", sagte Angelique, Panik lag in ihrer Stimme, "irgendwo in Rotterdam."
Sie sei aus einem Haus weggelaufen, voller Männer, sie sei in ein Telefongeschäft gerannt. Man sieht in dem Film, wie sich Mutter und Tochter das erste Mal wiedersehen, Angelique ist verquollen, die Augen verweint. "Sie haben mich gezwungen, Drogen zu nehmen und mit Männern zu schlafen", sagt sie. Die Polizei stürmte das Haus und nahm die meisten von ihnen fest.
Danach schien es Angelique besserzugehen. Sie half ihrer Mutter in der Stiftung stoploverboys, sie schien es überstanden zu haben. Sie war inzwischen 19 Jahre alt. Dann, an einem Wochenende in Amsterdam, traf sie Yassin, ihren nächsten Zuhälter, verliebte sich, der Horror begann von vorn.
Angelique, die eine, ist inzwischen so gehirngewaschen, dass sie sich freiwillig für einen Mann prostituiert. Maria, die andere, lebt versteckt an einem geheimen Ort und trauert ihrer Vergangenheit hinterher. Mowitha Wittmer wird sich noch entscheiden müssen, in welche Richtung das Leben für sie gehen soll, sie ist abgehauen, weg, verschollen, seit dem 5. November 2009 einfach nicht mehr da.
"Die letzte Spur von ihr führt in ein deutsches Bordell", sagt Estella Kempen, ihre Mutter. Sie sieht sich um im Kinderzimmer unter dem Dach ihres Hauses in Maastricht, hier hat Mowitha gelebt. Estella Kempen ist eine zierliche Frau, verzweifelt, aber aufrecht. "Happy Birthday Mowitha, Sweet 16", steht an einer Tafel, an den Wänden Urlaubsbilder, Poster von Bob Marley, Lichterketten, ein normales Teenagerzimmer. "In Wirklichkeit habe ich sie schon viel früher verloren", sagt die Mutter nun. Mowitha war 13 Jahre alt, als sie ihren Loverboy traf. Vor fünf Monaten ist sie weggerannt, sie war da gerade in einer geschlossenen Einrichtung für Mädchen.
Estella Kempen ist Musiklehrerin, so wie ihr Mann, sie lebt in einem schönen, warmen Zuhause, liebevoll eingerichtet, ihre Stimme klingt erstaunt, wenn sie über die Geschichte ihrer Tochter spricht, so, als wäre das alles eine Geschichte, die sie gerade zum ersten Mal hört. Doch vor ihr auf dem Tisch liegen Polizeiunterlagen, Gerichtsvorladungen, Beweise aus vier Jahren, Spuren einer Tochter, die verlorengegangen war.
Mowitha war in demselben therapeutischen Projekt in Indien gewesen, in dem auch Maria Mosterd war, um von ihrem Loverboy loszukommen. Fotos von ihr im Sari liegen auf dem Tisch, ein strahlendes Mädchen mit Locken und Sommersprossen. Zurück in den Niederlanden, sah es eine Zeitlang aus, als käme sie wieder zu sich, als wolle sie ein normales Leben führen. Aber dann rutschte sie noch einmal ab, und ihre Mutter konnte sich nicht anders helfen, als sie ins Jugendgefängnis einzuweisen.
Von dort ist sie im November mit einem anderen Mädchen über den Zaun geflüchtet. Ihr Loverboy hatte wieder zu ihr Kontakt aufgenommen, über das Internet, über E-Mail und MSN.
Die Ermittler haben seine Mails geknackt. Er nennt sich babsycle23. Sie müsse sich jetzt, steht in einer Mail, ihren Pass besorgen, er wolle sie ins Ausland bringen. Sie solle sich auch zwei Tattoos mit seinem Namen auf die Brüste machen lassen. So markieren Zuhälter ihre Prostituierten.
Zusammen mit Anita de Wit, der Mutter von Angelique, und Bärbel Kannemann von stoploverboys sucht Estella Kempen nach ihrer Tochter. Sie hat Flyer gedruckt, einmal auf Holländisch, einmal auf Deutsch, darauf ein Foto von Mowitha, 17 Jahre alt, 1,60 Meter groß. Sie folgen den Hinweisen von Informanten aus der Szene. Ein Mädchen hat sich gemeldet, das sagte, es habe mit Mowitha in einem Bordell bei Kleve gearbeitet. Estella Kempen wird dorthin fahren, wird Flyer verteilen, Bordelle durchsuchen.
Vor ein paar Wochen legte der niederländische Justizminister Ernst Hirsch Ballin einen Gesetzesentwurf vor, der das Mindestalter für Prostituierte von 18 auf 21 anheben will, um dadurch auch Minderjährige besser vor unfreiwilliger Prostitution zu schützen, vor Menschenhandel, Loverboys.
Estella Kempen wird das vermutlich nicht mehr helfen. Sie hat ihre Tochter schon fast verloren. Im Oktober wird Mowitha 18 Jahre alt, dann ist sie nicht mehr minderjährig. Dann wird sie eine sein wie Angelique, eine Prostituierte hinter der Fensterscheibe oder in irgendeinem Bordell auf der Welt. ◆
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 27/2010
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