05.07.2010

AFFÄREN„Wie ein Pfau“

Einst galt Norbert Essing als einer der mächtigsten Schattenmänner des Landes. Nun sollen neue Dokumente zeigen, mit welchen Tricks der PR-Profi gearbeitet haben könnte.
Der Unternehmer Jürgen K. wollte eigentlich nur einen Kaffee trinken an jenem 26. Februar 2008 in der Raststätte Nievenheim West an der A57 zwischen Düsseldorf und Köln. Dass er ausgerechnet in dieser kleinen Pause in einen Wirtschaftskrimi geraten würde, konnte er nicht ahnen, als kurz nach zwölf Uhr die Tür aufsprang.
Herein stürmte ein großgewachsener Mann mit weißem Hemd, Brille und hoher Stirn. Er hatte nicht getankt und fragte die Kassiererin nur, wo das Faxgerät stehe.
"Barsch" sei der Mann gewesen, erinnert sich K. heute. Er habe nicht gegrüßt, sich immer wieder umgeschaut und dann "zwei Faxe verschickt".
Irgendwie kamen ihm der Mann und sein Auftritt dubios vor. "Da ist etwas faul", dachte K. Deshalb will er später die beiden Papiere aus dem Papierkorb gefischt haben. Die obligatorische Videoaufzeichnung aus der Raststätte zeigt das, was K. beschreibt - den eigentlich unspektakulären Vorgang eines Faxversandes, wenn man nicht weiß, wer der Mann am Gerät war und was er da möglicherweise verschickt hat.
Denn die Papiere aus der Mülltonne sind brisant: Das eine Blatt war anonym an das Finanzamt Bochum gerichtet, Abteilung Steuerstrafsachen. Der Urheber beschuldigte einen renommierten Stuttgarter Rechtsanwalt, vor Jahren eine Liechtensteiner Stiftung gegründet zu haben. Auf dem anderen war die Kopie einer Pressemeldung über einen pädophilen Banker, verbunden mit dem handschriftlichen Hinweis: "Das ist doch sicher Herr Christ, oder?"
Seit vergangener Woche liegen beide Dokumente bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Sie könnten wichtige Beweise in einer Affäre der besonderen Art sein. Es geht um Verleumdung, Nötigung und anonyme Beschuldigungen.
Im Mittelpunkt steht Norbert Essing, einer der einflussreichsten PR-Berater der Republik. Essing ist ein Stimmungsmacher im Auftrag von Konzernen und Top-Managern. "Ich habe beobachtet, dass Herr Norbert Essing Faxe verschickt hat, die ich später dem Papierkorb entnommen habe", behauptete der Raststättenzeuge K. gegenüber dem SPIEGEL nun in einer eidesstattlichen Versicherung. Seine Aussage will er bei Bedarf vor der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft demnächst wiederholen.
Seit Wochen bereits ermittelt die Behörde in Sachen Essing, der alle Vorwürfe vehement bestreitet. Grundlage ist eine Strafanzeige des Ex-Bankers Harald Christ, laut der Essing den Banker in einem anonymen Fax in die Nähe der Pädophilie gerückt haben soll (SPIEGEL 5/2010).
Mit den neuen Aussagen könnten sich die Untersuchungen weiter in die Länge ziehen. Denn sie könnten belegen, dass es sich bei dem anonymen Schreiben gegen Christ nicht nur um einen Einzelfall gehandelt haben mag.
Dabei geht es nicht mal um die rechtliche Problematik allein. Es geht vor allem um die Methoden jener Schattenmänner, die ihren Auftraggebern gern versprechen, das öffentliche Meinungsklima in Deutschland verändern zu können.
"Mich gibt es eigentlich nicht", sagte Essing immer schon gern. Und tatsächlich gehört die Unsichtbarkeit von ihm und manchen seiner Konkurrenten fast zu ihrer Geschäftsgrundlage. Sie operieren am erfolgreichsten verdeckt.
Begonnen hatte Essings steiler Aufstieg als PR-Mann bei Audi und der Deutschen Börse, bevor er sich als Berater 1999 selbständig machte. Seitdem hat der 49-Jährige einige der mächtigsten Wirtschaftslenker der Republik betreut. Zu Medienmogul Leo Kirch pflegte er genauso langjährige Geschäftsbeziehungen wie zu dem früheren Metro-Chef Hans-Joachim Körber oder dem aktuellen LBBW-Chef Hans-Jörg Vetter.
Der Kommunikationsberater nutzt die Angst vieler Wirtschaftsgrößen vor der Macht der Öffentlichkeit. Er begleitet sie in heiklen Situationen, etwa bei Firmenübernahmen, Auseinandersetzungen im Vorstand oder Aufsichtsrat - und bei der eigenen Karriereplanung.
Ein freundliches Foto hier, ein paar nette Zeilen da, man kennt den zuständigen Redakteur. Ein Verriss über den vermeintlichen Konkurrenten? Kein Problem. So sieht das Versprechen solcher "Berater" aus.
Das Vertrauen in Essings Dienste schwand, seit der SPIEGEL im Februar zum ersten Mal über die dubiosen Machenschaften des PR-Einflüsterers berichtete. Damals hatte sich Ex-Banker Harald Christ, der im Wahlkampf 2009 als Mittelstandsexperte im Kompetenzteam der SPD angetreten war, zu einer spektakulären Anzeige gegen seinen eigenen Ex-Berater Essing durchgerungen. Der PR-Mann, so der Vorwurf, habe ihn bei seinem früheren Arbeitgeber, der Weberbank, mit einem anonymen Schreiben in die Nähe der Pädophilie gebracht, weil er ihm seinen hochdotierten Beratervertrag nicht habe verlängern wollen.
Als Beleg präsentierte Christ nicht nur ein anonymes Fax mit der Kennung einer Autobahnraststätte in der Nähe von Düsseldorf. Gleichzeitig legte Christ Ausschnitte eines Überwachungsvideos der Raststätte vor. Und das zeigt - ohne jeden Zweifel - Norbert Essing, wie er zwischen 12.13 und 12.18 Uhr Papier in ein Faxgerät in der Raststätte einlegt und anschließend an der Kasse bezahlt.
Christ stellte mittlerweile Strafanzeige gegen Essing. Essing hatte zuvor ebenfalls Strafanzeige gegen Christ eingereicht. Er sei das Opfer eines Komplotts, keilte er zurück. Die vermeintlichen Belege, sagt sein Strafverteidiger Norbert Gatzweiler, seien äußerst fragwürdig.
Zwar räumt Essing ein, er habe zum betreffenden Zeitpunkt tatsächlich ein Fax aus Nievenheim verschickt - allerdings nicht anonym und auch nicht an die Weberbank. An den Adressaten kann sich der PR-Berater allerdings auch nicht mehr erinnern.
Kunden aus der Wirtschaft und einige Chefredakteure großer Zeitungen gingen seither auf Distanz zu ihm. Und die nun aufgetauchten Dokumente deuten zumindest darauf hin, dass er möglicherweise sogar zwei Schmuddelfaxe verschickt haben könnte.
Vergangene Woche gingen die Papiere bei der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ein: die beiden Faxvorlagen samt Adresse und Namen des Zeugen K., der den Auftritt von Essing auf dem Autobahnrasthof im Jahr 2008 minutiös beobachtet haben will.
K. war früher Unternehmer im Ruhrgebiet. Als Essing an jenem 26. Februar um 12.13 Uhr die Raststätte Nievenheim West betritt, steht er bereits seit einigen Minuten an einem kleinen Tisch. Essing habe sich aufgeführt "wie ein Pfau", erinnert sich der Zeuge. Als er die Zettel dann beim Verlassen des Verkaufsraums in einen Mülleimer schmiss, sei er, K., neugierig geworden und habe die zerrissenen Dokumente herausgefischt. Mit dem Papier über den angeblich pädophilen Banker, so der Zeuge, habe er damals nicht viel anfangen können. Dafür elektrisierte ihn das zweite Schreiben.
Darin nämlich wurde der ihm namentlich bekannte Mittelstandsanwalt Brun- Hagen Hennerkes aus Stuttgart bei der Bochumer Steuerfahndung bezichtigt, in Liechtenstein eine Stiftung aufgebaut zu haben. Außerdem wurde darin der Eindruck erweckt, Hennerkes könne persönlich Steuern hinterzogen haben. Unterzeichnet ist das Fax mit "xy".
So eine anonyme Verdächtigung sei ihm "schlichtweg gegen den Strich gegangen", sagt der Ex-Unternehmer. Deshalb rief er in der Kanzlei Hennerkes an, um den Anwalt von dem ungewöhnlichen Vorgang zu unterrichten. Zwei Tage später trafen sich die beiden Männer im Ruhrgebiet in einem Hotel.
Hennerkes ist der Seniorpartner einer gutgehenden Kanzlei in Stuttgart, die viele renommierte deutsche Familienunternehmen zu ihren Kunden zählt. Er hat eine Münchner Stiftung Familienunternehmen gegründet, bei deren Veranstaltungen gelegentlich auch die Bundeskanzlerin oder ihre Minister vorbeischauen. So einer lebt vom guten Ruf.
Doch auch Hennerkes hat nicht nur Freunde. Der Jurist zeigte dem Fax-Finder K. einige Fotos von Menschen, denen er eine solche Denunzierung zutrauen würde. Doch keinen von denen erkannte der Zeuge. Am Ende übergab K. die Originaldokumente an den Anwalt, der sie in Stuttgart in seinem Büro-Tresor deponierte.
Dass die Anzeige gegen ihn tatsächlich bei den Steuerbehörden eingegangen war, wurde Hennerkes einige Monate später klar. Steuerprüfer gingen den Verdächtigungen im Rahmen einer Betriebsprüfung minutiös nach.
"Die Verdächtigungen erwiesen sich als haltlos. Das konnten wir in kurzer Zeit klären", sagt Hennerkes. Danach war das Thema für ihn erst einmal erledigt. Zumindest bis zum Februar 2010.
Da nämlich stieß ein Anwalt der Kanzlei im SPIEGEL auf die Geschichte um Essing, das erste Fax von der Autobahn und die Affäre Christ. Es war genau jenes Fax, das neben der Steueranzeige an das Finanzamt Bochum seit Monaten im Original in Hennerkes' Tresor lag. Plötzlich bekamen die bis dahin anonymen Vorwürfe ein Gesicht.
Essing war dem Stuttgarter kein Unbekannter. In einigen Projekten hatten sie in der Vergangenheit sogar zusammengearbeitet.
Hennerkes griff zum Telefonhörer und rief den Zeugen K. an. Der erkannte in dem SPIEGEL-Bericht nicht nur Essing als Absender der beiden Faxe "zweifelsfrei" wieder, auch er selbst, so der Zeuge, sei auf den im SPIEGEL abgedruckten Videobildern zu sehen.
Zur Rede gestellt, stritt Essing die Vorwürfe vehement ab. Er habe sich, sagt der PR-Berater, zu einer Gegenüberstellung mit dem Zeugen bereit erklärt, auch die Faxe wollte er auf mögliche Fingerabdrücke untersuchen lassen. Doch darauf wiederum ließ sich der Anwalt nicht ein. Er schickte die Dokumente vergangene Woche an die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft.
Die muss nun prüfen, ob die Vorwürfe von Christ und die Beobachtungen des Zeugen K. wirklich stimmen. Die Ermittlungen gestalten sich zäh. Einige mögliche Straftatbestände sind verjährt, andere wie etwa Nötigung lassen sich kaum belegen.
Deshalb steht das Ermittlungsverfahren offenbar kurz vor der Einstellung. Daran dürften selbst die neuen Hinweise nichts ändern. Aber das ist eben nur die eine, die juristische Seite der Affäre, in der sich Essing selbst mittlerweile als Opfer einer großen Verschwörung sieht.
Hinweise dafür glaubt sein Anwalt Gatzweiler gefunden zu haben: Das Schriftbild der Faxkennung stimme nicht mit dem ehemaligen Faxgerät in Nie-venheim überein. Viele Aussagen von Christ hätten sich als falsch entpuppt. Zudem gebe es klare Hinweise, dass Essing von Detekteien beschattet worden sei. Möglicherweise gehöre der vermeintliche Zeuge ja sogar zu der Gesamt-inszenierung. Nur: K. stand bereits vor seinem Kaffee, als Essing die Raststätte betrat.
Wie absurd die Behauptung sei, Essing habe noch ein zweites Fax von der Tankstelle versandt, werde sogar durch die Anzeige von Christ gegen ihn untermauert. Darin gebe es die eidesstattliche Versicherung einer Kassiererin. Die habe ausgesagt, dass Essing 40 Cent für die Übersendung eines Blatts gezahlt habe. Von einem zweiten Fax sei nie die Rede gewesen.
Tatsächlich ist das ein eklatanter Widerspruch zur Aussage von K. Aber vielleicht hat sich die Kassiererin auch nur vertan?
Inzwischen liegt dem SPIEGEL das elektronische Kassenjournal der Tankstelle vor, in dem sämtliche Zahlungen des 26. Februar 2008 mit Datum, Uhrzeit und Bezeichnung aufgelistet sind. In der entsprechenden Zeit vermerkt die Aufzeichnung nämlich nur eine einzige Nutzung des Faxgeräts.
Aufgeführt ist sie unter der Rubrik "963568 Telefongebühr". Abgerechnet, heißt es dort, wurden "2 St" zum Preis von jeweils "0,20 Euro/St" und einem Gesamtbetrag von "0,40 Euro".
Das wiederum lässt zwei Interpretationen zu: Entweder Essing hat, wie er selbst behauptet, nur ein Fax versandt, dessen Übermittlung hätte dann aber zwei Telefoneinheiten gedauert.
Oder es handelt sich um Seitenpreise. Dann wären zwei Faxe versandt worden - und Essings Rechtfertigungen kaum noch zu halten.
Anm. der Redaktion:
Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat das Ermittlungsverfahren gegen Norbert Essing im März 2011 gem. § 153a StPO ohne Schuldvorwurf gegen Zahlung eines Geldbetrags in Höhe von 40.000 Euro eingestellt.
Von Frank Dohmen und Christoph Pauly

DER SPIEGEL 27/2010
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