05.07.2010

VATIKANKrimi in der Schweinestraße

Auf Ermittlungen gegen die belgische Bischofskonferenz reagiert der Vatikan empört. Im Kampf um den Umgang mit Missbrauchsfällen haben sich die Konservativen durchgesetzt.
Bis kurz nach zehn Uhr am Donnerstagmorgen war Mechelen einfach nur eine blitzsaubere Provinzstadt im flämischen Teil Belgiens: Tausend Jahre Geschichte, blankgeputztes Unesco-Welterbe, acht Kirchen, eine Kathedrale - Mechelen ist das amtskirchliche Zentrum des katholischen Königreichs Belgien. Um 10.15 Uhr klingelte es an der Pforte des Erzbischöflichen Palastes.
Vor der Tür des Erzbischofs André Léonard stand ein Untersuchungsrichter, der zusammen mit 20 Ermittlern erschien. Es war der 24. Juni, im Palast tagte die belgische Bischofskonferenz. Unter Punkt 5 auf der Tagesordnung stand ein heikles Thema: Wohin mit den alten Akten über belgische Priester, die sich an Kindern vergangen haben.
Es waren diese Akten, welche die belgische Justiz angelockt hatten. Für sie steht außer Frage: Belege über schwere Vergehen gehören in die Hände der Staatsanwaltschaft. Den Tipp bekamen die Ermittler von einem pensionierten Priester. Seit Jahren schon, berichtete der frustrierte Geistliche, habe er seinen Kirchenoberen geheime Dossiers ausgehändigt, die sexuelle Übergriffe von Priestern auf Jugendliche belegen. Doch in all den Jahren sei nichts geschehen.
Die Ermittler arbeiteten gründlich, konfiszierten Handys, Terminkalender und 55 Computer, dann verhörten sie die Geistlichen bis in den Abend hinein. Die Razzia war noch nicht zu Ende, als ein paar hundert Meter weiter, in Mechelens Varkensstraat 6, der Schweinestraße, weitere Beamte in das Büro von Kardinal Godfried Danneels eindrangen, der bis Januar Oberhirte der belgischen Katholiken war.
Auch Danneels musste seine Aktenschränke öffnen, Laptop und PC übergeben und die Ermittler in die nahe gelegene Kathedrale führen. Vor den Absperrbändern draußen standen Schaulustige und drinnen, im gotischen Gewölbe, standen Polizisten mit Staubmasken, Brecheisen und Bohrern. Bei Renovierungsarbeiten der Kathedrale, so hatten die Ermittler erfahren, sollen Grabkammern zu Geheimarchiven umfunktioniert worden sein. Sie bohrten Löcher in die Sarkophage zweier Erzbischöfe, führten kleine Kameras hinein, fanden aber keine Spur.
Ist das vorstellbar? Bischöfe, die Beweismaterial in Grabmälern verstecken, als wären sie Schurken aus einem Weltbestseller von Dan Brown? Waren da übereifrige Ermittler am Werk? Oder war der Ortstermin von Mechelen nur eine weitere Folge in dem höchst realen Doku-Drama um die katholische Kirche und ihren Umgang mit dem Kindesmissbrauch?
So viel steht fest: Die Razzia in Belgien mag unangemessen gewesen sein, aber sie ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die von Skandalen erschütterte katholische Kirche fortan keine Schonung mehr erwarten kann. Weder in Belgien, noch in den USA, wo vergangenen Montag der Oberste Gerichtshof entschied, dass der Vatikan im Falle von Missbrauchsvorwürfen gegen Priester keine Immunität genießt, so dass theoretisch auch Papst Benedikt XVI. vor Gericht gestellt werden könnte. Zunehmend mischt sich die weltliche Justiz in Kirchenangelegenheiten, wenn sie von der Kirche nicht die nötige Unterstützung erhält.
Der Vatikan reagierte, wie er schon zum Höhepunkt der Krise Ende März reagiert hatte - er schloss seine Reihen. Scharf rügte der Heilige Stuhl die belgische Justiz und bestellte umgehend den Botschafter ein.
Monate hatte es gedauert, bis sich Papst Benedikt XVI. zu den Missbrauchsskandalen in Irland und Deutschland äußerte. Im April traf er sich mit Opfern auf Malta und prangerte den Feind im Inneren der Kirche an, Anfang Juni bat er um Vergebung für die Sünden seiner Priester und gelobte, alles zu tun, um künftiges Unheil zu verhindern.
Jetzt aber, als weltliche Ermittler die Konsequenzen ziehen wollten, verurteilte er die "überraschenden und beklagenswerten" Umstände der belgischen Razzia. In einer Solidaritätsbotschaft an die Bischöfe in Belgien plädierte Benedikt für eine Zusammenarbeit mit der weltlichen Justiz, aber er pochte auch auf das Recht der Kirche auf interne Ermittlungen.
Ebenso schnell sorgten Benedikts römische Verbündete dafür, dass sich das Verhältnis von Kirche und Welt abermals verkrampft. Das italienische Bischofsblatt "Avvenire" sieht in der Gräberschändung einen "gewaltigen Akt, der mitten ins Herz der Kirche trifft". Und Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, nach dem Papst der zweitmächtigste Mann im Vatikan, empörte sich darüber, wie es denn möglich sei, dass ehrenwerte Bischöfe neun Stunden lang ohne Essen und Trinken festgehalten wurden, "als wären sie Kinder". Nicht mal unter Kommunisten seien Kirchenleute so verfolgt worden.
Es sieht so aus, als sei wieder alles beim Alten im Vatikan, die Zeit der Reumütigkeit scheint abgelaufen, und geändert hat sich wenig.
Auch im sechsten Jahr von Benedikts Pontifikat gibt der Vatikan den Landeskirchen noch immer kein universell verbindliches Regelwerk an die Hand, wie mit Missbrauchstätern umzugehen sei, wie sie unter Kirchenrecht angezeigt und bestraft werden sollen, wie die Zusammenarbeit mit der weltlichen Justiz auszusehen hat.
Es gibt alte Leitlinien, die teilweise schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kraft gesetzt wurden. Seit April stehen sie im Netz auf der Vatikan-Homepage, aber das sind Empfehlungen, keine Regeln. Und die beharrliche Weigerung, örtlichen Bischöfen mehr Freiheit bei der Behandlung von Missbrauchsfällen zu lassen, ist Grund dafür, warum immer öfter Fälle aus Brasilien, Italien oder jetzt auch aus Belgien bekannt werden, wo die Bischöfe versuchen, die Missbrauchsfälle auf eigene Art zu lösen, ohne sie dem Vatikan - oder der Staatsanwaltschaft - anzuzeigen.
Die Kirchenfürsten in Belgien hatten den Besuch von der Polizei dagegen weitaus zurückhaltender kommentiert. Wozu sie offenbar gute Gründe haben. Wenige Tage nach der Durchsuchungsaktion in Mechelen machte ein Dutzend Männer auf den Stufen der Kathedrale von Brüssel bekannt, was sie wenig später auch ihren Bischöfen hatten vortragen wollen: Schon vor zehn Jahren, am 25. Januar 2000, hätten sie in einer Gruppe von etwa 20 Männern Erzbischof Danneels berichtet, wie sie von belgischen Geistlichen missbraucht worden waren. Danneels hätte sie abgewiesen. Er könne nicht wissen, habe er damals gesagt, ob sie die Wahrheit vortrügen oder pure Phantasien. Dann habe er sie zum Schweigen ermahnt, denn ihr Getratsche würde der Kirche schaden.
Erst Irland, dann die Vereinigten Staaten, Deutschland, Österreich und nun Belgien - die katholische Weltkarte füllt sich mit Ländern, in denen immer neue und immer mehr Missbrauchsfälle ans Licht kommen. Es ist längst ein globales Problem, doch der Vatikan unter Benedikt XVI. reagiert darauf nach seinen eigenen Zeitvorstellungen. Benedikt versteht das als Fürsorge für die eigenen Leute, auch wenn sie sich versündigt haben. Theologisch bleibt ein Priester, egal wie schuldig er ist, Priester in Ewigkeit, und nur die Zentrale, so sieht man es im Vatikan, kann einen Kirchenrechtsprozess gegen schwarze Schafe führen.
Das führt zu einem Machtkampf zwischen liberalen und konservativen Kräften im Vatikan. Die Null-Toleranz-Politik amerikanischer Bischöfe gilt den Konservativen im Kirchenstaat als eine Beschneidung von Rechten beschuldigter Priester. Liberale Geister drängen dagegen auf rasche Aufklärung und zügige Weiterleitung an die weltliche Justiz.
Derzeit, so sieht es aus, haben die Konservativen wieder größeres Gewicht. Am vergangenen Montag reiste der Wiener Kardinal Christoph Schönborn nach Rom, er gilt als mutigster Kämpfer für die Aufklärung der Missbrauchsfälle. Schönborn kam, um sich eine persönliche Rüge des Papstes abzuholen, weil er einem Kardinalskollegen vorgeworfen hatte, Missbrauchsermittlungen jahrelang behindert zu haben. Nur der Papst dürfe Kardinäle zurechtweisen, sonst niemand.
Auch die deutschen Bischöfe Robert Zollitsch und Reinhard Marx erhielten einen Rüffel. Ihnen hält Benedikt vor, sie hätten sich nicht liebevoll genug um ihren Kollegen Walter Mixa gekümmert, als er ins Kreuzfeuer der Kritik geriet.
Wie man in wahrhaft christlichem Geist mit gefallenen Brüdern umgeht, machte der Heilige Vater deutlich. Er ließ verkünden, dass Bischof Mixa "nach einer Periode der Heilung und Versöhnung" wie andere emeritierte Bischöfe für Aufgaben der Seelsorge zur Verfügung stehe.
Von Fiona Ehlers und Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 27/2010
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