05.07.2010

IDEOLOGIEN Der Denkautomat

Mitten in der Kapitalismuskrise entdeckt die Subkultur den Kommunismus neu. Ihr Star ist der slowenische Philosoph Slavoj #381i#382ek, der Marxismus mit Pop und Psychoanalyse mischt. Seine Auftritte bieten Stand-up-Comedy für eine linksradikale Avantgarde. Von Philipp Oehmke
Schon als er sich auf den Weg zum Kommunismus-Kongress macht, an einem Freitag morgens um fünf, von Ljubljana über Zürich nach Berlin, ärgert sich Slavoj Žižek zum ersten Mal. Wieso hält eigentlich Alain Badiou, der französische Maoist, die Einführung?
Und stimmt es, dass Toni jetzt doch kommt, also Antonio Negri, der ehemalige Rote-Brigaden-Sympathisant, wo der doch immer so viel streitet mit Alain? Und außerdem: Wann wird Negri denn reden und worüber, und vor allem - wieso weiß er, Slavoj Žižek, nichts davon?
Žižek aber hat keine Zeit, sich zu ärgern. Er hat ein paar Stapel vollgeschriebener Zettel dabei, aus denen er jetzt auf den kurzen Flügen einen einstündigen Vortrag zusammenschrauben muss. Ein bisschen über Marx, viel über Hegel, über Badious "kommunistische Hypothese", die könnte er ein bisschen angreifen, über Negris Begriff der "Multitude", den könnte er sogar stark angreifen, mal sehen.
Er findet die verdammten Zettel nicht, egal, die Gedanken in ihm warten eh nur darauf herauszusprudeln. Ein Ersatz-T-Shirt für morgen oder übermorgen hat er auch dabei, es ist heiß, obwohl die Sonne in Ljubljana gerade erst aufgegangen ist, Žižek schwitzt jetzt schon, in ein paar Stunden beginnt der Kommunismus-Kongress.
Ein Wochenende Ende Juni in der Berliner Volksbühne, und die Big Three, die großen Denker der neuen Linken, sind angekündigt: Antonio Negri, Italiener, Ende siebzig, ein ehemaliger politischer Häftling, Autor von "Empire", dem bekanntesten neomarxistischen Bestseller der vergangenen zehn Jahre; Alain Badiou, Philosophieprofessor in Paris, Anfang siebzig, sehr abstrakt, Maoist und Universalist, sucht eine neue "kommunistische Hypothese"; Slavoj Žižek, Slowene, Psychoanalytiker, Philosophieprofessor in Ljubljana, Gastprofessor in Saas Fe und London, Anfang sechzig, der "Elvis der Kulturtheorie" (so der Untertitel eines Films über ihn). Oder: "Der gefährlichste Philosoph des Westens". Einer seiner erbittertsten Gegner hat ihn so genannt. Es war nicht als Kompliment gemeint, gerade deswegen gefällt es Žižek.
Die drei sind Intellektuelle, aber sie sind auch Stars, wie früher Sartre und Camus, die Existentialisten, oder zuletzt Foucault, Deleuze oder Derrida, die Poststrukturalisten, alles Franzosen. Aber seit deren Hochphase, also seit bald 20 Jahren, war diese Planstelle des Pop-Philosophen unbesetzt, sieht man einmal von Bernard Hénri-Levy ab, den Žižek vor allem deswegen verabscheut, weil er immer so viel Brusthaar zeigt.
Es war der Italiener Negri, der vor zehn Jahren die linksradikale Theorie wiederbelebte. Der Sozialismus des Ostblocks war gescheitert, der US-Politologe Francis Fukuyama hatte den ewigen Sieg des Kapitalismus ausgerufen und damit "das Ende der Geschichte". Dann kam Negri. Er war theoriebeschlagen, aber auch glaubwürdig als Klassenkämpfer. Er hatte im Gefängnis gesessen, weil die Behörden ihn für das Gehirn der Roten Brigaden hielten. Der amerikanische Literaturprofessor Michael Hardt half ihm, seine Gedanken in drei Büchern zusammenzufassen. Es wurden Weltbestseller, das berühmteste ist das erste, "Empire" von 2000, eine Art neue Mao-Bibel für eine junge, hippe Anti-G-8-Linke.
Žižek, Badiou und Negri kennen sich seit Jahren, sie arbeiten mitunter zusammen, aber noch viel genauer beobachten sie, was der andere gerade macht, was er sagt oder worüber er schreibt, auch wenn sie wahrscheinlich die Bücher des anderen gar nicht lesen. Zu wenig abgehoben und zu real klassenkämpferisch ist Negri den beiden anderen; viel zu sehr im luftleeren Raum ist Badiou für Negri, und Žižek veröffentlicht so viele Bücher, dass wahrscheinlich noch nicht einmal er selbst dazu kommt, sie alle zu lesen.
Am frühen Nachmittag endlich sitzt Žižek in der ersten Reihe im großen Saal der Volksbühne, er muss jetzt eine Stunde lang schweigen. Er kann vieles, aber das ist eine fast unlösbare Aufgabe. Neben sich hat er eine Plastiktüte von Saturn, in der er alles transportiert, was er braucht in diesen drei Tagen. Der Saal ist voll, die rund tausend Zuhörer sitzen sogar auf den Treppenstufen. Es sind junge Menschen, die meisten unter dreißig, ein Panoptikum linker Subkulturen, manche haben sich als Brecht verkleidet, andere als Sartre, viele sehen aus, als wären sie auf Rucksacktrip durch Südostasien und würden gleich anfangen, mit brennenden Keulen zu jonglieren. Alle haben Simultanübersetzungskopfhörer auf den Ohren, denn die Vorträge sind auf Französisch (Badiou), Italienisch (Negri) oder Englisch mit starkem Akzent (Žižek und der Rest). Nur Žižek hat keinen Kopfhörer auf den Ohren, er braucht keinen, er ist fließend in sechs Sprachen, darunter auch Deutsch.
Dabei sind die meisten Wortbeiträge schon in ihrer Originalsprache kaum zu verstehen. Simultan übersetzt werden sie zu sinnfreier Lyrik. Aber es soll hier nicht um einfache, um konkrete Antworten gehen, die gibt es bei der Linkspartei oder den Gewerkschaften. Genauso wenig soll es um einen Blick zurück in die Geschichte gehen, zurück in das düstere 20. Jahrhundert, zu seinen Katastrophen, die im Namen des Kommunismus geschehen sind, zu seinen Opfern, zu den mehr als 30 Millionen Ermordeten, zu Stalin, zu Pol Pot, den Arbeitslagern, der Überwachung. Nein, es soll hier um Theorie gehen, um eine neue "kommunistische Hypothese", wie Badiou es nennt, um Universalismus, das Subjekt in der Geschichte, Wahrheitsereignisse, um Hegel und um Psychoanalyse nach Jacques Lacan.
"Kommunismus" steht in großen Buchstaben auf dem Dach des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz. Aber was wollen all die Menschen hier? Draußen, in den Straßen Berlins, ist endlich Sommer, es laufen Fußballspiele auf großen Leinwänden, man könnte Bier trinken.
20 Jahre nach dem vorläufigen Ende des kommunistischen Experiments und genau 21 Monate nach dem Fastkollaps des kapitalistischen Status quo gibt es offenbar eine Sehnsucht: nicht nach linker Politik, sondern nach linker Theorie. Je drängender die praktischen Probleme, je müder unsere Demokratie, je kaputter der Euro, je schlechter die Koalition, je unkontrollierbarer die Banken - desto abstrakter die Suche nach Wahrheit, desto interessanter die Philosophie.
Die Philosophie habe nicht mehr den Einfluss auf die Gesellschaft, wie sie ihn bis Ende der sechziger Jahre hatte, schreibt Karl Heinz Bohrer im aktuellen "Merkur". Doch das Denken der vergangenen Jahrzehnte hat sich verändert, Philosophie ist Kulturkritik geworden, essayistischer, sprunghafter, anekdotischer, literarischer, wie es die Franzosen um Gilles Deleuze, Michel Foucault und Roland Barthes vorgemacht haben, aber auch Leute wie Peter Sloterdijk.
Diese Theorie muss auch immer sexy sein, sie muss unterhalten, provozieren, bruchstückhaft und leicht zitierbar sein, physisch spürbar wie Rockmusik. All das liefert Žižek. Man könnte sagen, er hat diesen Beruf neu erfunden. Man könnte auch sagen, er hat diesen Beruf entehrt.
Alain Badiou hält die Einführung, und Žižek in der ersten Reihe hält es kaum auf dem Stuhl. Er bewegt die Lippen, als spräche er mit. Badiou ist ein netter älterer Herr mit ordentlichem Hemd, er sieht nicht aus wie ein Staatsfeind, eher wie ein gemütlicher DDR-Rentner. Auf dem Podium sitzt auch Antonio Negri. Er ist äußerlich das Gegenteil von Badiou. Ausgezehrt wirkt er, als wäre er gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden und nicht vor neun Jahren. Badiou zitiert in seiner Einführung sogleich Mao: "Von Niederlage zu Niederlage zum Sieg!"
Und gerade als es einen schaudern will, ruft Žižek dazwischen, er würde es eher mit Beckett sagen: "Scheitern, nochmals scheitern, besser scheitern." Žižek lacht, guckt sich nach Mitlachern um.
Er kann schneller reden, als er denkt, er ist wie ein Presslufthammer. Mehr als 50 Bücher hat er veröffentlicht, in mehr als 20 Sprachen, zuletzt ist "Living in the End Times" erschienen, über 400 Seiten Niedergang der liberalen Demokratie.
Er hält mehr als 200 Vorträge im Jahr, neulich in Buenos Aires kamen 2000 Menschen, hatte Lehraufträge an amerikanischen Eliteuniversitäten. Es gibt zwei Dokumentarfilme über ihn und einen, in dem er Filme psychoanalytisch deutet und dabei in einem Motorboot übers Meer rast. Es gibt Žižek-T-Shirts, einen Žižek-Club, Žižek-Records und ein internationales Žižek-Journal.
Sein Repertoire ist ein Mix aus der Psychoanalyse des obskuren Jacques Lacan und der Idealismusphilosophie Hegels, aus Filmanalyse, Demokratie-, Kapitalismus- und Ideologiekritik und einem manchmal autoritärem Marxismus gepaart mit Alltagsbeobachtungen. Er erklärt das ontologische Wesen der Deutschen, Franzosen und Amerikaner anhand ihrer Toiletten und dem daraus abzuleitendem Verhältnis zu ihren Fäkalien und reagiert auf Kritik zunächst mit einem fröhlichen "Fuck you!", ausgerufen in harten slawischen Konsonanten. Kollegen, die er schätzt, aber eine andere Lehre vertreten, teilt er mit, sie könnten sich darauf einrichten, in den Gulag zu gehen, sollte er, Žižek, bald an der Macht sein. Žižek mag den Schauder, den das Wort Gulag ausstrahlt.
"Mein Freund Peter, zum Beispiel, fucking Sloterdijk, ich mag ihn sehr, aber natürlich muss er in den Gulag. Aber er wird ein bisschen besser gestellt dort, vielleicht kann er Koch werden."
Man kann das lustig finden, vor allem in der Art, wie Žižek es vorträgt, übertrieben und emphatisch. Man kann natürlich auch an die über 30 Millionen Menschen denken, die dem Sowjetterror zum Opfer fielen. Wer das lustig findet, kann gleich Witze über Konzentrationslager machen.
"Aber wissen Sie was?", sagt Žižek da. "Die besten, eindrücklichsten Filme über den Holocaust sind Komödien."
Žižek liebt es, Sichtweisen zu ihrem Recht zu verhelfen, wenn eigentlich das Gegenteil als richtig gilt, kontraintuitive Beobachtungen nennt er das. Seine liebste Denkform ist die des Paradoxons, mit Hilfe seines psychoanalytischen Rüstzeugs versucht er nachzuweisen, wie die liberale Demokratie die Menschen manipuliert. Eine seiner berühmten Alltagsbeobachtungen dazu betrifft die Tür-zu-Knöpfe in Fahrstühlen. Er hat herausgefunden, dass sie Placebos sind. Die Türen schließen keine Sekunde schneller, wenn man den Knopf drückt, aber das müssen sie auch nicht. Es reicht, dass der Drückende die Illusion hat, er könnte etwas beeinflussen: Genauso, sagt Žižek, funktioniere auch die politische Illusionsmaschine, die sich westliche Demokratie nennt.
Seine Gegner werfen ihm vor, die liberale Demokratie zu bekämpfen und durch autoritären Marxismus, Stalinismus gar, ersetzen zu wollen. Sie finden, dass er besonders gefährlich sei, weil er seinen Totalitarismus als Pop verkleide. Der Umschlag seines Buchs "Auf verlorenem Posten" zeigt eine Guillotine, das Symbol für den linken, von oben verordneten Terror, "guten Terror", wie Žižek auch schon gesagt hat. Der Suhrkamp-Verlag hat in der deutschen Ausgabe Teile des Textes nicht veröffentlicht, es waren Passagen, die mit dem Totalitären spielten, heißt es.
Wer Žižeks Wohnung in einem Neubau der Innenstadt Ljubljanas betritt, dem guckt Josef Stalin von zwei Plakaten entgegen.
"Das bedeutet nichts! Das ist nur ein Witz", ruft Žižek sofort.
Er bietet an, Stalin sofort abzuhängen, falls er störe. Er habe genug davon, sagt er, als Stalinist bezeichnet zu werden. In den vergangenen Wochen sind wieder einige Beiträge erschienen, die ihn scharf angreifen, in der linksliberalen US-Zeitschrift "The New Republic", im deutschen "Merkur", auch in der "Zeit". Geschichtsvergessen sei sein Nachdenken über den Kommunismus, zu wenig ernsthaft, seine Revolutionstheorie schlicht faschistisch. Jetzt haben sie ihm sogar wieder Antisemitismus vorgeworfen. Selbst Suhrkamp hat einige Passagen von ihm nicht veröffentlicht, weil sie - böswillig - als antisemitisch ausgelegt werden könnten. Diese Vorwürfe sind infam, doch Žižek weiß, dass er an ihnen nicht unschuldig ist. Sein ständiges Bohren, Stechen, Infragestellen ist wahrlich subversiv. Aber manchmal führt es dazu, dass es ihn extrem angreifbar macht. Er sagt, die, die ihn so attackieren, hätten sein Denken selten durchdrungen.
Philosophie, wie sie Žižek versteht, ist grenzenloses Denken, weit entfernt von jeder Umsetzung, und keine praxisbezogene Politikwissenschaft, die Schranken haben muss. Wenn ihm die linksliberalen Amerikaner vorwerfen, er wolle einer neuen Linksdiktatur das Wort reden, verweist Žižek darauf, dass er es war und nicht sie, der unter Tito gelebt hat und als junger Professor nicht lehren durfte.
Žižeks Wohnung sieht aus, als wäre Tito noch immer an der Macht. Sie hat drei kleine Zimmer, vielleicht 50 Quadratmeter und ist programmatisch lieblos eingerichtet. Über dem Sofa in Ostblockfarben hängt ein Plakat von einer Mark-Rothko-Ausstellung. Ansonsten DVD-Ständer, Bücherregale, Berge von "Star Wars"-Lego, seine Wäsche ist in den Schränken der Einbauküche verstaut. Es gibt Eistee aus Disneyland-Bechern.
Žižek wohnt hier allein und zeitweise mit seinem Sohn aus zweiter Ehe. Er hat auch noch einen aus erster Ehe. Er war zuletzt mit einem 30 Jahre jüngeren argentinischen Unterwäschemodel verheiratet, der Tochter eines Lacan-Schülers, die zu allem Überfluss auch noch Analia heißt.
Slavoj Žižek trägt Jeans und T-Shirt, blaue Badelatschen mit dem Aufdruck des Adlon-Hotels und Socken aus der Lufthansa-Business-Class. "Ich habe mir seit Jahren schon keine Socken mehr gekauft", sagt er. Er wohnt in den besten Hotels, gerade kommt er zurück von einer Reise, die ihn nach China und Los Angeles führte. In China ging es um Mao, in Los Angeles um Richard Wagner. Die Chinesen hatten ihn eingeladen als kommunistischen Vordenker, aber er glaubt nicht, dass sie seine Theorien verstehen.
"Die haben zehn meiner Bücher übersetzt, die Idioten", sagt Žižek. Die Chinesen haben die Bücher als Poesie übersetzt und nicht als philosophisch-politische Schriften. Die Übersetzer hatten angeblich noch nie von Hegel gehört und keine Ahnung, was sie da eigentlich übersetzten. Also versuchten sie, es wenigstens schön klingen zu lassen.
Das Erlebnis, auf Slavoj Žižek zu treffen, ist für jeden zunächst faszinierend (die erste Stunde), dann frustrierend (man kommt nicht zu Wort) und schließlich erlösend (es hört tatsächlich irgendwann auf). Žižek beginnt von der ersten Sekunde an zu reden, und reden heißt bei ihm schreien, gestikulieren, spucken, schwitzen. Er hat einen S-Fehler, der Buchstabe klingt bei ihm wie eine Fahrradluftpumpe. Seine Vorträge beginnen meist mit "Did you know …", und dann springt er von Thema zu Thema, wie ein Denkautomat, den man mit Münzen stopft und der nicht mehr aufhört zu rattern.
Žižek hat eine Kunstfigur erschaffen, seine Auftritte sind Performances, irgendetwas zwischen Kunst und Comedy. Er sagt, er möchte weg von diesen Stand-up-Comedy-Auftritten, in Berlin will er einen ernsthaften Vortrag halten, vor allem über Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von ihm handle auch sein neues Buch, 700 Seiten habe er schon geschrieben. Für 700 Seiten über den vielleicht schwierigsten Denker der Philosophiegeschichte braucht ein normaler Mensch zehn Jahre. Žižek hat es in den vergangenen Monaten im Flugzeug geschrieben.
Nach exakt drei Stunden Žižek-Time passiert Tröstliches. Plötzlich scheint sein Akku leer, die Maschine stoppt. Žižek hat Diabetes, der Blutzucker ist viel zu hoch, nein, viel zu niedrig, die Krankheit scheint im Moment besonders schlimm zu sein. Doch Slavoj Žižek wäre nicht Slavoj Žižek, wenn er das so banal sagen würde. Er sagt lieber: "Wissen Sie, meine Diabetes ist inzwischen ein sich selbst erhaltendes System: völlig unabhängig von äußeren Einflüssen! Sie macht, was sie will. Und jetzt muss ich schlafen."
Auf dem Weg nach Berlin ist es Žižek nicht gelungen, seinen Vortrag wie angekündigt im Flugzeug zusammenzuschrauben. Während sein Vorredner in der Volksbühne noch spricht, ein kleiner Herr aus der Türkei mit langen Haaren und langem Bart, schichtet Žižek Papiere von einem Stapel auf den anderen, sucht, notiert, liest angestrengt. Seine Haare kleben an der Stirn, Žižek schwitzt nicht nur beim Reden, sondern auch beim Denken.
Es ist schon der zweite Tag des Kongresses, bis hierhin musste er sich mit Zwischenfragen über Wasser halten. Er greift sofort Antonio Negri an, der am Vortag Badiou und ihm vorgeworfen hatte, sie vernachlässigten den Klassenkampf. Negris Theorie von der "Multitude", also seine Idee eines revolutionären Subjekts, das in der Unterschiedlichkeit der Einzelnen das Gemeinsame sieht, geht davon aus, dass der Spätkapitalismus sich selbst abschaffe und allein dadurch eine revolutionäre Situation entstehe. Žižek und Badiou ist das viel zu konkret und realpolitisch. Žižek bewaffnet sich mit Hegels Totalitätsbegriff, mit Platons Wahrheitsbegriff und Heideggers Ereignisbegriff. Man müsse außerhalb des Staates stehen, um ihn abzuschaffen, Negri aber bleibe innerhalb des Systems, deshalb könne seine Multitude niemals eine Revolution in Gang setzen.
Negri, sein ledernes Gesicht in Falten, reagiert heftig. Žižek sei das revolutionäre Subjekt verlorengegangen, aber ohne revolutionäres Subjekt gebe es keinen Widerstand. Badiou verfolgt den Streit mit dem Gesicht einer alten Schildkröte, als würde es sich überlegen, wen er zuerst ins Arbeitslager schicken möchte. Ob er darauf eingehen wolle, wird Badiou von dem Moderator gefragt. Badiou winkt ab und bleckt ein Wolfsgrinsen. Er wolle sich am nächsten Tag zu Negri äußern und vielleicht auch zu Žižek. Es klingt wie eine Drohung.
Am Ende von Žižeks Vortrag stellt ein Zuschauer eine ziemlich komplizierte Frage, die nicht zu verstehen ist. "You made a good point", sagt Žižek und redet weiter über Hegel. Seine Antwort hat nichts mit der Frage zu tun, die wiederum überhaupt nichts mit dem Vortrag zu tun hat. So könnte das Spiel endlos weitergehen. Plötzlich schiebt Žižek die Pappfassaden beiseite und unterbricht seinen Hegel-Vortrag. "Na ja! Egal. Wie ich schon sagte, Sie hatten einen ziemlich guten Einwand. Und die Wahrheit ist, ich habe keine Antwort. Mein langwieriger Talk war auch nur ein Versuch, das zu verschleiern!" Dankbarkeit im Publikum. Man darf also sagen, dass man nichts versteht und keine Ahnung hat, Žižek tut es auch.
"Ich weiß, die Leute halten mich zu oft für einen Idioten", sagt er am Abend, "für diesen nostalgischen Leninisten. Aber ich bin nicht crazy. Ich bin viel bescheidener und viel pessimistischer."
Warum pessimistisch? Es ist ja tatsächlich nicht abwegig anzunehmen, dass Kapitalismus und Demokratie an einen toten Punkt gekommen sind. "Das stimmt", sagt Žižek, "aber ich glaube, dass die Linke auf tragische Weise bar jeder ernstzunehmenden Vision ist. Wir alle wünschen uns eine richtige authentische Revolution! Aber sie muss weit weg stattfinden, am besten in Kuba, in Vietnam, China, Nicaragua. Das hat nämlich den Vorteil, dass wir hier unsere Karrieren weiterführen können." Dann muss er ins Hotel, die Diabetes, man wisse doch.
Spät am Samstagabend, die USA spielen gerade in der Verlängerung gegen Ghana, ruft Žižek noch einmal an. Er ist aufgeregt. "Haben Sie heute meinen Clash mit Negri mitgekriegt? Unglaublich! Wovon redet der? Dass der Spätkapitalismus sich selbst abschafft?"
Žižek sagt, die Revolution funktioniere nie ohne eine Obrigkeit, ohne Lenkung. Das sei schon bei der Französischen Revolution und den Jakobinern so gewesen.
Er macht eine Pause. Gesprächspausen gibt es eigentlich nicht bei Žižek, weil sie ihn augenblicklich verlegen machen.
Schließlich sagt er: Das mit dem Staat und der Revolution sei wie mit den Frauen. "Es ist unmöglich mit ihnen, aber noch unmöglicher ist es ohne sie."
Er will sich gerade wieder in Rage reden, der Automat kommt auf Touren, dann bricht er plötzlich ab.
"Ach, lassen wir das. Wir sehen uns morgen, lieber Freund!"
Von Oehmke, Philipp

DER SPIEGEL 27/2010
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