05.07.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH

Wir haben Freude gebracht

Von Kramer, Jörg und Gilbert , Cathrin

Südafrikas WM-Star Siphiwe Tshabalala, 25, über den Stolz seiner Landsleute auf das Team Bafana Bafana, seine Kindheit in der Township Phiri und ein Treffen mit Nelson Mandela

SPIEGEL: Mr. Tshabalala, mit Ihrem fulminanten Tor im Eröffnungsspiel gegen Mexiko haben Sie im ganzen Land die Begeisterung für Südafrikas Nationalmannschaft entfacht. Am Ende schlug die Elf sogar den Favoriten Frankreich, schied aber als erstes WM-Gastgeberteam überhaupt schon nach der Vorrunde aus. War das Ganze für Sie eine Enttäuschung?

Tshabalala: Für mich war es phantastisch, ein ganz großer Erfolg. Es war meine erste WM, die erste in Afrika, ich habe das erste Tor geschossen, das ist bislang das Highlight meiner Karriere.

SPIEGEL: Teile der südafrikanischen Presse werteten das Abschneiden als Flop.

Tshabalala: Wir haben unser Bestes gegeben, haben aber nun mal diese 0:3-Niederlage im zweiten Spiel gegen Uruguay kassiert. Beim zweiten Tor kam alles zusammen: Elfmeter gegen uns, Platzverweis für unseren Torwart, ein übersehenes Abseits. Man kann es nicht mehr ändern.

SPIEGEL: Zuletzt wurden Exekutivmitglieder des südafrikanischen Verbands zitiert, wonach der sportliche Ertrag des Bafana-

Teams enttäuschend gewesen sei. Sind diese Leute ungerecht?

Tshabalala: Die meisten von uns hatten noch nie auf diesem hohen Level gespielt. Ich habe solch eine Reaktion dieser Leute nicht erwartet. Kaum sind wir ausgeschieden, sehen sie alles negativ, es ist das genaue Gegenteil der Unterstützung, die wir zuvor erfahren haben. Erst hieß es, wir hätten das Ansehen der Nationalmannschaft total verändert und wir könnten stolz sein. Ich bleibe dabei: Wir haben den Südafrikanern Freude gebracht. Wir alle haben zusammen gewonnen, schwarze, weiße, alle Südafrikaner.

SPIEGEL: Hat diese Erfahrung Ihr Leben verändert?

Tshabalala: Sicher. Ich habe die Menschen stolz gemacht mit meinem Einsatz und meiner Leistung. So etwas vergisst man nicht.

SPIEGEL: Der Anspruch war, dass die Mannschaft mit begeisterndem Fußball das zerrissene Land einen sollte. Haben Sie diese Verantwortung gespürt?

Tshabalala: Gespürt schon. Als wir Ende April aus dem Trainingslager in Deutschland zurückkamen und dann die fünf Freundschaftsspiele zu Hause bestritten. Da begannen wir, die Leute zu überzeugen und gewannen ihre Herzen.

SPIEGEL: Zwei Tage vor dem ersten Spiel fuhren Sie auf Anordnung des Verbands im offenen Bus durch Johannesburg. Trainer Carlos Alberto Parreira war nicht begeistert.

Tshabalala: Vielleicht war das im Sinne einer guten Vorbereitung nicht klug. Aber die Aktion hat uns klargemacht, dass die ganze Nation hinter uns stand. Da waren fast 200 000 Menschen auf der Straße, kreischend, fahnenschwenkend, in ihre Vuvuzelas blasend. Da rauszugehen war so was von emotional, das war wirklich ganz stark. Wir wussten dann: All diese Leute würden uns helfen, auch durch schwierige Zeiten. Wir wussten aber auch: Wir durften die jetzt nicht enttäuschen.

SPIEGEL: Wie war es bei Ihnen zu Hause?

Tshabalala: In der Nacht vor dem ersten Spiel bekam ich einen Anruf von meiner Familie: Hör mal, die Leute aus unserer Gegend sind alle auf der Straße und singen!

SPIEGEL: Sie kommen aus der Township Phiri, einem Teil von Soweto.

Tshabalala: Ich hatte dort eine schöne Kindheit. Meine Familie war nicht arm. Auch nicht reich, so Durchschnitt, würde ich sagen. Das Leben war okay. Mein Vater arbeitete als Taxifahrer. Wir wohnten im Haus meiner Großeltern, meine Cousins und Cousinen, meine Eltern, Onkel, Tanten, alle. Es gab das große Haus und noch Zimmer außerhalb.

SPIEGEL: Wie viele Leute lebten unter einem Dach?

Tshabalala: Da muss ich zählen. Also, um die zehn. Ich konnte zum Glück meinen Eltern inzwischen ein Haus kaufen, ich selbst bin auch in ein eigenes Haus umgezogen, in Littlefox. Ich habe auch eine kleine Schwester, sie ist elf, sie spielt auch schon ein bisschen Fußball. Ich kann Ihnen ein Foto von ihr auf meinem Handy zeigen.

SPIEGEL: Ihr Mannschaftskapitän Aaron Mokoena erzählte, dass er mit elf Jah-ren versteckt und dann in Mädchenkleider gesteckt werden musste, weil ein Mob in den Häusern seiner Township Jungen suchte, um sie zu töten. Haben auch Sie politische Unruhen hautnah erlebt?

Tshabalala: Nein, aber meine Eltern. Beim Aufstand in Soweto 1976 waren sie Studenten.

SPIEGEL: Damals wurden Hunderte Schwar-ze erschossen.

Tshabalala: Da waren sie in der Nähe. Zu Hause wurde oft davon erzählt.

SPIEGEL: Wie viele der Landessprachen sprechen Sie?

Tshabalala: Drei. Zulu, Englisch und Sotho. Dann spreche ich noch drei andere, aber nicht fließend, und Afrikaans kann ich einigermaßen verstehen. Wie viele Sprachen haben Sie?

SPIEGEL: In Deutschland haben wir eine.

Tshabalala: Oh. Wirklich?

SPIEGEL: Welche Schulausbildung haben Sie?

Tshabalala: Ich war auf drei Schulen, habe den Abschluss der Oberschule gemacht. Dann musste ich mich entscheiden, ob ich studieren sollte oder professionell Fußball spielen.

SPIEGEL: Das fiel wohl nicht so schwer?

Tshabalala: Ich habe schon mit sieben in Phiri Fußball gespielt. Erst bei Phiri Arsenal, später bei den Phiri Movers. Ich war schon mal als Jugendlicher bei meinem heutigen Club Kaizer Chiefs. Aber da fing das Training immer um vier Uhr an, und die Schule ging bis vier. Also habe ich mich für die Schule entschieden und ging zurück nach Phiri, dann zu Moroka Swallows. Da musste ich mit dem Zug zum Training fahren. Ich habe immer am Bahnsteig gewartet, bis jemand kam, der mir Geld geben oder seine Monatskarte borgen konnte. Wenn keiner kam, ging ich zu Fuß. Das dauerte etwa eine Stunde.

SPIEGEL: Sie wurden als Zweitligaspieler erstmals in die Nationalmannschaft berufen.

Tshabalala: Ja, ich spielte Zweite Liga bei Alexandra United und bei Free State, wissen Sie, wo das ist? Das ist von Johannesburg vier Autostunden entfernt. Als ich dorthin ging, war ich 20.

SPIEGEL: Wann spielten Sie das erste Mal Fußball mit Weißen?

Tshabalala: Als Kind nie. Mit Kaizer Chiefs in der Jugend habe ich gegen Weiße gespielt. Die Weißen sind nicht so talentiert, aber sie wollen lernen und machen die

Grundlagenarbeit richtig. Lauftraining, akkurate Pässe, freilaufen, diese Sachen. Das lernen sie sehr sorgfältig. Sie verstehen es, im Leben erfolgreich zu sein. Wir dagegen sind geschickt, aber eher träge.

SPIEGEL: Genau so ein Tor wie gegen Mexiko, mit links in den Winkel, sollen Sie mit 17 schon mal geschossen haben, so sagt es Ihr Jugendcoach, und zwar im Batho-Batsho-Bakopane-Cup.

Tshabalala: Wie, das weiß er noch? Um ehrlich zu sein: Ich schieße oft solche Tore. Am Strafraum haue ich öfter mal mit links drauf.

SPIEGEL: Das wussten Ihre WM-Gegner aber nicht.

Tshabalala: Genau das war ihr Problem.

SPIEGEL: Ihre Mannschaft war vorher drei Monate in Trainingscamps. Musste das sein?

Tshabalala: Wir haben dort unsere Identität im Spiel gesucht. Wir haben einen Mix gefunden zwischen dem technisch guten südamerikanischen Stil und dem taktisch disziplinierten europäischen. Das hat uns besser gemacht. Es war anstrengend, klar. Man muss sich aber fragen, was man will im Leben. Dann muss man auch dafür arbeiten. Zweimal am Tag trainieren, andere Teams anhand von DVD analysieren.

SPIEGEL: Nach dem Sieg gegen Frankreich und dem WM-Aus kam Staatspräsident Jacob Zuma in die Mannschaftskabine. Was wollte er?

Tshabalala: Wir waren überrascht, ihn da zu sehen. Er baute uns auf mit Worten, bedankte sich. Er sagte, die Nation sei stolz auf uns.

SPIEGEL: Kennen Sie "Invictus", den Film von Clint Eastwood über den WM-Triumph der südafrikanischen Rugby-Mannschaft 1995? Sie war ein Symbol der Apartheid, aber Nelson Mandela hat sie als Präsident bei der WM unterstützt.

Tshabalala: Den Film habe ich mir am Tag vor unserem ersten Spiel angeschaut. Zwei Tage vorher hatten wir ihn als Team gemeinsam gesehen, dann habe ich ihn noch mal allein angeguckt. Ich fand ihn sehr inspirierend. Da ist der Moment im Film, in dem die Dinge schlecht laufen für das Rugbyteam, und Mandela lädt den Kapitän zum Kaffee ein. Er erzählt ihm von seiner Zeit im Gefängnis und dem Glauben an sich selbst. Auch wir haben Mandela getroffen, eine Woche vor dem Eröffnungsspiel hat er uns im Haus der Mandela-Stiftung empfangen. Er trug ein Trikot mit der Nummer unseres Kapitäns. Mokoena hat uns alle der Reihe nach vorgestellt.

SPIEGEL: Was bedeutet diese WM für die südafrikanische Nation?

Tshabalala: Es ist nicht nur der Fußball, der zählt. Es geht auch um die ganzen Jobs, die geschaffen wurden.

SPIEGEL: Die Fifa spricht immer beschwörend von einem Vermächtnis der WM. Welches Erbe wird sie den Menschen hinterlassen?

Tshabalala: Manche Jobs enden natürlich nach der WM. Aber schon die Zeitspanne, in der die Leute Arbeit hatten und das Geld verdienen durften, ist ein großes Erbe. Die Menschen wurden wie versprochen bezahlt, das ist nicht selbstverständlich, und sie konnten Geld zurücklegen. Wir Fußballer haben auch versucht, durch Spenden an humanitäre Stiftungen zu helfen.

SPIEGEL: Nur eines von sechs afrikanischen Teams, das aus Ghana, überstand bei der WM die Vorrunde. Wie kann dem afrikanischen Fußball geholfen werden?

Tshabalala: Ich glaube, die europäischen Spieler werden schon als Kinder zu einer gewissen Professionalität erzogen, sie haben eine gute Infrastruktur. Mit 16, 17 Jahren erreichen sie deshalb schon ein hohes Leistungsniveau, mit 22 Jahren sind sie Weltklassespieler. Man braucht aber auch die richtige Mentalität. Du musst dich zwingen können, hart zu arbeiten.

SPIEGEL: Braucht Afrika mehr gute Trainer?

Tshabalala: Es gibt keine Kontinuität, wenn viele ausländische Trainer nur für einen kurzen Job nach Afrika kommen. Sie müssen sich über den Stil des Fußballs und die Kultur hier informieren, bevor sie ein afrikanisches Team trainieren. Bei uns, bei den Kaizer Chiefs, hat sich die Jugendarbeit schon sehr gebessert, die Trainer kommen von hier.

SPIEGEL: In Europa kennt man Sie nun, Ihr Tor hat Sie berühmt gemacht, die Leute mögen Ihren Namen. Möchten Sie dort spielen?

Tshabalala: Sie mögen meinen Namen? Cool. Natürlich träume ich von Europa. Am liebsten möchte ich schon zur nächsten Saison dorthin. Welches Land, ist egal.

SPIEGEL: In der südafrikanischen Liga sollen Top-Spieler rund 150 000 Rand, gut 15 000 Euro also, im Monat verdienen …

Tshabalala: … im Monat? Nein, vielleicht 3000 Euro. Selbst das verdiene ich nicht.

SPIEGEL: Haben Sie eigentlich eine WM-Prämie bekommen für die Freude, die Sie im Land verbreitet haben?

Tshabalala: Ja, sie haben Geld geschickt, aber schon vor der WM. Für die Teilnahme.

SPIEGEL: Mr. Tshabalala, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*1) Beim Treffer zum 1:0 im WM-Eröffnungsspiel Südafrika gegen Mexiko am 11. Juni in Johannesburg.(*2) Mit den Redakteuren Jörg Kramer und Cathrin Gilbert in Johannesburg.

DER SPIEGEL 27/2010
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