12.07.2010

Der große Schüttelfrust

Von Grill, Markus und Hackenbroch, Veronika

Noch nie standen sich Anhänger und Gegner der Homöopathie so unversöhnlich gegenüber - was also bringt die sanfte Medizin? Ihr Nutzen lässt sich nicht belegen. Doch aus dem Geschäft mit den Kügelchen ist längst eine Milliardenindustrie geworden.

Es war die Sorte Humor, wie ihn die Briten schätzen: In mehreren Städten Englands marschierten überwiegend junge Menschen vor den Filialen der Apothekenkette Boots auf. Jeder kaufte ein Fläschchen des homöopathischen Arzneimittels Arsenicum album, das zur Behandlung von Unruhe und Lebensmittelvergiftungen eingesetzt wird.

Um Punkt zehn Uhr öffneten die Aktivisten ihre Fläschchen voller Globuli (lateinisch für "Kügelchen"). Ein Mann mit Mütze rief, er opfere sich jetzt für die Wissenschaft. Auf Kommando schluckte jeder in der Menge seine homöopathischen Zuckerkügelchen. Nicht drei oder vier, nein, den gesamten Inhalt kippten sie sich in den geöffneten Mund. "Hm, lecker", kommentieren manche, viele lachten. Danach passierte - nichts.

Und genau das sollte die Aktion dokumentieren, auf der Internetseite www. 1023.org.uk. Kein Teilnehmer der "Aktion Überdosis" vergiftete sich, von keinem wurde auch nur der geringste Schaden bekannt.

Organisiert wurde der öffentliche Medikamentenversuch von einem Netz britischer Skeptikergruppen. "Es ging darum, zu zeigen, dass in homöopathischen Kügelchen absolut nichts drin ist - außer Zucker", erklärt der Mitinitiator Simon Singh, ein ehemaliger BBC-Journalist, der selbst ein kritisches Standardwerk über den Nutzen der Alternativmedizin verfasst hat(*1).

Seit Monaten tobt in Großbritannien nun schon ein erbitterter Kampf zwischen den Verfechtern der Homöopathie einerseits, die von keinem Geringerem als dem britischen Thronfolger Prinz Charles unterstützt werden, und den Streitern der Wissenschaft andererseits. Schon seit Generationen sind die Mitglieder der Königsfamilie Anhänger der Homöopathie,

auch die Queen lässt sich homöopathisch behandeln. Ihr Vater, König Georg VI., sorgte nach dem Krieg dafür, dass die Methode vom staatlichen Gesundheitsdienst, dem National Health Service (NHS), bezahlt wird.

Es sind zwei Grundgedanken, auf denen die Homöopathie beruht und über die Skeptiker wie Singh nur den Kopf schütteln können: Erstens soll in der Homöopathie Gleiches mit Gleichem geheilt werden. Bei einer Krankheit fragen sich Homöopathen, welcher Wirkstoff bei einem Gesunden die gleichen Symptome hervorrufen würde.

Arsenicum album beispielsweise, das die Aktivisten der Aktion in Überdosis schluckten, müsste bei Gesunden Unruhe und Übelkeit hervorrufen. Bei Kranken soll es genau diese Leiden heilen. Hat ein Patient Fieber, sucht der Homöopath ein Mittel, das bei Gesunden Fieber auslösen, bei Kopfschmerzen eines, das Kopfschmerzen verursachen würde.

Das zweite Grundprinzip ist die Verdünnung: Je häufiger ein Wirkstoff verdünnt und dabei verschüttelt wird, desto stärker wirkt er, so die Annahme. Die meisten homöopathischen Wirkstoffe sind daher derart stark versetzt, dass überhaupt kein Wirkstoffmolekül mehr in den Arzneimitteln nachzuweisen ist.

Dennoch glauben Homöopathen an die Wirkung, weil sie davon überzeugt sind, dass Wasser ein Gedächtnis hat. Auch für diese Theorie gibt es indes keinerlei überzeugende naturwissenschaftliche Belege.

In einer Zeit, in der britische Patienten mitunter sogar auf Blinddarmoperationen zwei Wochen warten müssen und teure Medikamente häufig verweigert werden, fragen sich viele, wieso dann ausgerechnet eine Therapie bezahlt wird, deren Nutzen überhaupt nicht belegt ist.

Selbst der Gesundheitsausschuss des britischen Unterhauses kam im Februar in einem ausführlichen Bericht zu dem Schluss: "Die Regierung sollte der Bezahlung der Homöopathie durch den NHS ein Ende setzen. Denn Placebos sollten nicht routinemäßig auf Kosten des NHS verschrieben werden."

Anfang Mai verschärfte der britische Ärztebund den Ton noch mal: Homöopathie sei "Hexenzauber", so eine Resolution, die von Hunderten Ärzten der British Medical Association in London verabschiedet wurde. Der Ärztebund vertritt die Interessen von mehr als 140 000 Medizinern in Großbritannien. So lange es keine wissenschaftlichen Beweise gebe, solle das System die Kosten für Homöopathie nicht mehr übernehmen. "In Zeiten wachsender Geldknappheit ist es unverantwortlich, den Gesundheitsetat mit Ausgaben für Quacksalberei zu belasten", empören sich die Ärzte.

Die Homöopathen nicht nur in Großbritannien müssen sich langsam warm anziehen: Noch nie standen so vielen hemmungslos Gläubigen so viele fundierte Kritiker gegenüber. Auch in Deutschland wird der Ton rauer, die Auseinandersetzung rabiater.

Rainer Hess, der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, der darüber entscheidet, welche Arzneimittel und Behandlungen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland bezahlen müssen, sagt, dass der Nutzen der Homöopathie wissenschaftlich nicht belegt sei. Dennoch müsse die Alternativmedizin in Deutschland erstattet werden, weil das Sozialgesetzbuch V in Paragraf 2 festlegt, dass auch "Behandlungsmethoden, Arznei- und Heilmittel der besonderen Therapierichtungen" von den Kassen erstattet werden müssen.

Hess nennt die jetzige Situation "extrem unbefriedigend". Es gebe bisher keinen Nutzennachweis für die Homöopathie, dennoch müssen die Kassen sie bezahlen. "Es hat schon viele Anläufe gegeben, die Schutzvorschrift für derartige Mittel zu streichen, aber einflussreiche Politiker haben dies immer wieder verhindert."

Jürgen Windeler, der zum 1. September seinen Job als Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) antritt, hat sich jahrelang mit der Homöopathie beschäftigt. Auch er ist überzeugt: "Die Homöopathie ist ein spekulatives, widerlegtes Konzept." Bis heute sei nicht bewiesen, dass die Methode einen medizinischen Nutzen habe. "Dazu muss man auch gar nicht weiterforschen, die Sache ist erledigt."

Der künftige oberste Medizinprüfer im Land räumt allerdings sei, dass es den meisten Leuten egal sei, zu welchen Erkenntnissen die Wissenschaft gelange. Windeler sagt, dass auch er Eltern kenne, die ihren Kindern bei harmlosen Beschwerden Globuli gäben. Bei ernsten Erkrankungen würden sie sich dann aber der richtigen Medizin zuwenden. "Ich sage immer, wenn's euch guttut, na bitte, dann macht es halt. Manche Eltern pusten, wenn sich ihr Kind weh getan hat, andere geben Globuli, der Effekt ist der gleiche."

Mag sich die Theorie auch wie Hokuspokus anhören, in Deutschland hat der Ansatz längst eine Massenbewegung ausgelöst. Und vorneweg marschieren Prominente: Die Schauspielerin Anna Loos etwa bekennt sich in Klatschblättern zu ihrer Homöopathin, der Modedesigner Karl Lagerfeld nahm mit Hilfe eines Homöopathen angeblich 42 Kilogramm ab, Doris Schröder-Köpf, die Frau des ehemaligen Kanzlers, übernahm die Schirmherrschaft des Homöopathen-Weltkongresses, Renate Künast, Chefin der Grünen im Bundestag, will mehr Globuli in der Landwirtschaft, und selbst der Philosoph Peter Sloterdijk preist die Homöopathie als "plausibel und unglaublich in einem, rätselhaft und wirkungsvoll".

Glaubt man einer Allensbach-Umfrage haben 57 Prozent der Bevölkerung schon mal homöopathische Mittel geschluckt. 25 Prozent gelten sogar als "überzeugte Verwender".

Dabei ist der Zeitgeist heute längst nicht mehr so esoterisch wie in den siebziger und achtziger Jahren, als die New-Age-Bewegung vor allem unter Akademikern beliebt war.

Dass die Homöopathie heute dennoch so verbreitet ist, liegt auch an der Kälte und Technikgläubigkeit der Schulmedizin. Patienten erleben in Krankenhäusern, dass sie nicht als Mensch behandelt werden, sondern als "die rechte Hüfte von Zimmer drei". Viele Hausärzte erübrigen kaum fünf Minuten Zeit für ein Gespräch mit ihren Patienten und glauben, allen sei am besten geholfen, wenn sie mit einen Rezept in der Hand die Praxis verlassen.

Eine weltweite Befragung von 10 000 zufällig ausgewählten Patienten, die im Juni im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlicht wurde, ergab, dass in kaum einem Land die Menschen so unzufrieden sind mit der Qualität der Medizin wie in Deutschland. Nur 34 Prozent nannten die Versorgung hierzulande "sehr gut" oder "ausgezeichnet". In England, Kanada und Australien lag dieser Anteil fast doppelt so hoch.

Kein Wunder, dass alternative Heilmethoden (siehe Grafik Seite 66) boomen, die Homöopathie ganz besonders. Mittlerweile gibt es kaum noch eine Apotheke in Deutschland, die keine Globuli in ihrem Sortiment hätte. Vor allem Eltern mit kleinen Kindern werden die Kügelchen gern angeboten, "schadet ja nicht". Mehr als 3000 Apotheker verfügen heute über eine homöopathische Ausbildung, wie der Deutsche Apothekerverband mitteilt. Selbst die Ärzte wollen vom Boom profitieren: 6712 Ärzte führen mittlerweile offiziell die Zusatzbezeichnung "Homöopath". Die Zahl hat sich nach Angaben der Bundesärztekammer seit 1993 mehr als verdreifacht.

Die Branche ist aus dem Gesundheitswesen nicht mehr wegzudenken, egal, wie irrational ihre Grundprinzipien auch scheinen. Mehr als die Hälfte aller gesetzlichen Kassen in Deutschland erstattet inzwischen den Besuch beim Homöopathen wegen des hohen Zeitaufwands sogar mit einem speziellen, besonders hohen Satz, darunter fast alle Betriebskrankenkassen, aber auch die große Techniker Krankenkasse (TK). Obwohl die Krankenkassen sonst ziemlich klamm sind und einige bereits vor der Pleite stehen - für Homöopathie fließt das Geld.

Professor Karl Lauterbach hält diese Politik der Krankenkassen für unverantwortlich. Der SPD-Obmann im Gesundheitsausschuss des Bundestags kritisiert: "Viele Patienten glauben, die Kassen zahlen nur das, was auch nachweisbar hilft. Deshalb adeln die Krankenkassen mit ihrem Vorgehen die Homöopathie." Das führe dazu, dass viele Patienten überzeugt sind, auch ernsthafte Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Krebs könne man homöopathisch behandeln.

Den Ärzten wirft Lauterbach vor, häufig nur aus Marketinggründen die Homöopathie anzubieten, obwohl sie selbst nicht daran glaubten. Dabei könne man doch die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht einfach ignorieren. Der SPD-Gesundheitspolitiker fordert nun eine Gesetzesänderung: "Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen."

Ein Gespräch darüber, weshalb die Techniker Krankenkasse die Zuckerkügelchen bezahlt, lehnte TK-Boss Norbert Klusen ab, offiziell aus Termingründen. Seine Sprecherin gibt allerdings freimütig zu: Bei ihrem Homöopathie-Angebot gehe es für die TK vor allem darum, eine lukrative Klientel zu ködern: junge, gutverdienende Akademiker, die kaum krank sind.

Laut der Allensbach-Umfrage ist die Homöopathie am beliebtesten bei Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, die in Bayern und Baden-Württemberg in Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen leben.

Auch die Mutter von Emilie passt fast genau in diese Zielgruppe. Gemeinsam mit ihrer sechsjährigen Tochter besucht sie an diesem Vormittag die Praxis des homöopathischen Arztes Curt Kösters in Hamburg-Altona. Emilie weiß, dass sie eine Überraschung erhält, wenn sie jetzt brav mitkommt.

Das schmale Sprechzimmer ist ein wenig düster, ein Baum vor dem Haus schluckt die Sonne. Kösters blickt die beiden aufmerksam an, auf dem Regal hinter ihm stehen mehrere Fläschchen mit Globuli.

Kösters ist nicht irgendein Homöopath, er war bis vor wenigen Wochen erster Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte - und damit in gewisser Weise der oberste Homöopath im Land.

Emilie weiß das nicht, und es interessiert sie vermutlich auch nicht. Sie sitzt ein bisschen gelangweilt in Kösters' Praxis und räumt die Schubladen mit den Spielsachen aus, während ihre 45-jährige Mutter, die von Beruf Erzieherin ist, ausführlich über Emilies Zustand berichtet. Ihre Tochter sei in letzter Zeit so wehleidig, außerdem habe das Kind manchmal Nasenbluten. Zudem trinke sie wenig, morgens rieche sie ein bisschen aus dem Mund, und vor ein paar Wochen sei sie mal mit dem Kopf gegen eine Wand gerannt, was anschließend zu Blutungen geführt habe. Wenn es im Auto heiß sei, bekomme Emilie Kopfschmerzen, sagt die Mutter. Außerdem sei ihre Tochter ein wenig ängstlich, abends sei sie aufgedreht, und beim Einschlafen wolle sie immer noch das Licht anlassen.

Auf einen Nichtfachmann mag das Mädchen völlig gesund wirken. Aber die homöopathische Untersuchung ist noch lange nicht zu Ende. Typischerweise dauert so eine Sitzung länger als eine Stunde - pro Patient.

Kösters fragt Emilie noch, was sie so träume, er kratzt sich am Kinn, brummt "Hmm", macht sich mehrere Seiten lang Notizen, und nach zahlreichen weiteren Fragen ist der Fall für ihn klar: "Emilie ist ein wenig angeschlagen."

Kösters dreht sich um, öffnet eines der Globuli-Fläschchen im Regal und lässt ein paar Kügelchen in den geöffneten Mund des Mädchens kullern.

Am Ende der Sitzung sind alle zufrieden: Emilie, weil sie noch eine kleine Überraschung bekommt, die Mutter, weil sie sich mal richtig aussprechen konnte, und Kösters, weil er für das Gespräch 113,50 Euro abrechnen darf.

Wäre Emilies Mutter zu einem gewöhnlichen Kinderarzt gegangen, hätte sie zwar nichts bezahlen müssen, allerdings hätte der Schulmediziner sie nach fünf Minuten wohl wieder nach Hause geschickt, ohne Rezept. "Hier aber fühlt man sich so aufgehoben und so anerkannt", sagt die Mutter, "das schafft tiefes Vertrauen."

Kösters selbst räumt ein, dass er nicht wisse, warum die Homöopathie wirkt. Chemisch gesehen sei es ja wirklich nicht plausibel. Aber die Summe der positiven Erfahrungen, die er gemacht habe, hätte ihn überzeugt, "dass Homöopathie wirklich etwas bringt".

Aber bringt sie wirklich etwas? Immerhin: Vor zehn Jahren war das Rätsel tatsächlich noch nicht endgültig gelöst, ob die Homöopathie vielleicht doch einen Nutzen hat. Nach Hunderten Studien sind sich die Wissenschaftler im Jahr 2010 aber einig: Es gibt nicht den geringsten überzeugenden Beweis dafür, dass homöopathische Kügelchen irgendetwas anderes bewirken als einen Placeboeffekt.

Für viele evidenzbasierte Mediziner steht deshalb jetzt unwiderruflich fest, dass es eine Scheintherapie ist. Genau deshalb werden heute in Großbritannien und anderswo die Stimmen immer lauter, die die Heilslehre nun endgültig als Quacksalberei abgestempelt sehen wollen.

Aber wie kann das sein? Viele Patienten sind schließlich felsenfest überzeugt, dass die Homöopathie wirkt. Und sie kennen viele andere, denen die Kügelchen ebenfalls geholfen haben. Jeder Anhänger kann leicht zwei, drei Beispiele wiedergeben, in denen die Homöopathie "ganz sicher" geholfen habe.

Für Wissenschaftler sind solche Einzelfallberichte aber nicht entscheidend. Sie wollen anhand von Daten nachprüfen, ob es wirklich die Globuli sind, die helfen, oder vielleicht nur das tiefschürfende Gespräch mit einem homöopathischen Arzt, der einem die Zuversicht vermittelt, auf dem Weg der Besserung zu sein. Denn viele Krankheiten verschwinden nach einigen Tagen oder Wochen von allein wieder. Nimmt der Patient zuvor aber die kleinen Kügelchen, ist er überzeugt, dass die es waren, die halfen.

Wenn Wissenschaftler also Beweise wollen, bestehen sie auf Studien, in denen man die Wirkung valide zeigen kann.

Bei solchen Studien werden in der Regel zwei Patientengruppen verglichen: Die eine Hälfte bekommt ein Arzneimittel, die andere nur eine Scheinpille. Anschließend überprüft man, ob es zwischen diesen beiden Gruppen einen Unterschied gibt.

Als der Mediziner Klaus Linde von der Technischen Universität München im Jahr 1997 die erste große systematische Untersuchung der Homöopathie vorlegte, sah es für die Anhänger der sanften Medizin noch gar nicht so schlecht aus. Linde wertete 89 Studien aus und kam damals zu dem Schluss, dass "die Ergebnisse nicht mit der Annahme vereinbar sind, dass die klinischen Effekte der Homöopathie ausschließlich Placeboeffekte sind".

Bis heute wird Lindes Arbeit von Homöopathen gern als Beweis für die Wirksamkeit der Methode genommen.

Kritiker monierten aber, dass Linde in seine Arbeit zu viele Studien minderer Qualität eingeschlossen habe, die das Ergebnis zugunsten der Homöopathie verzerrt hätten. In einem Folgeartikel gab Linde selbst zu, "dass unsere Metaanalyse die Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen zumindest überschätzt hat". Gegenüber dem SPIEGEL sagt Linde heute: "Wir können unsere damalige Schlussfolgerung so nicht mehr aufrechterhalten, denn die positiven Ergebnisse könnten auch durch Fehler in den Studien bedingt sein." Einzelne Studien mit positiven Ergebnissen allein seien "noch kein überzeugender Beweis für die Homöopathie".

Im Jahr 2005 erschien im medizinischen Fachblatt "Lancet" eine noch genauere Untersuchung. Diesmal waren es Autoren der Universität Bern, die nur Studien berücksichtigten, die den höchsten Evidenz-Ansprüchen genügten. Diese Studien arbeiteten mit einer großen Zahl von Patienten, die nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt wurden. Die Patienten wussten dabei nicht, ob sie nun das Medikament oder eine wirkstofffreie Zuckerpille, ein sogenanntes Placebo erhielten.

Solche Studien nennt man in der Fachwelt: randomisiert-kontrollierte Studien (engl. randomized controlled trial, RCT).

Der Vorteil ist, dass RCTs deutlich seltener falsche Ergebnisse liefern als andere Arten von Studien. In der Medizin gelten sie deshalb als Goldstandard zur Beantwortung der Frage, ob eine Therapie wirklich nützt. Häufig müssen Ärzte und Patienten aber enttäuscht zur Kenntnis nehmen, dass das Mittel, das ihnen angeblich geholfen hat, in RCTs gar keine Wirkung zeigt.

Warum das so ist, erklärt der künftige IQWiG-Chef Windeler: "Der günstige Spontanverlauf von Erkrankungen, die selektive Symptomschilderung durch Patienten und die selektive Wahrnehmung von Ärzten, eine verzerrte Erinnerung und anderes mehr tragen dazu bei, dass im Versorgungsalltag Therapieeffekte oft zu positiv eingeschätzt werden. Die Versorgungspraxis gibt also ein tendenziell geschöntes Feedback."

Auch den Autoren der "Lancet"-Studie von 2005 blieb am Ende nichts anderes übrig, als festzustellen, "dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placeboeffekte sind". Das Fachorgan rief daraufhin sogar das "Ende der Homöopathie" aus. Die Ärzte sollten, "was die Nutzlosigkeit der Homöopathie betrifft, tapfer und aufrichtig mit ihren Patienten umgehen", rieten die Autoren.

Je dünner die wissenschaftlichen Belege werden, desto wichtiger wird die Lobbyarbeit, eine Lektion, die die Alternativmediziner von den großen Pharmakonzernen gelernt haben.

So forderte Curt Kösters im Namen des Zentralverbands homöopathischer Ärzte vor kurzem schon mal im Gespräch mit der "Ärzte-Zeitung" mehr Einfluss bei der Arzneimittelzulassung sowie im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem obersten Gremium im Gesundheitswesen.

Auf EU-Ebene versuchen die Lobbyisten dagegen, die Kommission und Abgeordneten davon zu überzeugen, dass man die üblichen Studien, mit denen man Arzneimittel prüft, nicht auf die Homöopathie anwenden könne. Sehr professionell und aggressiv versuchen Globuli-Lobbyisten derzeit auch Einfluss zu nehmen auf die Neuformulierung jener EU-Direktive, die die Registrierung und Zulassung homöopathischer Arzneimittel europaweit neu regeln soll.

"Ich bin deswegen jede Woche ein oder zwei Tage in Brüssel", sagt Lobbyist Nand De Herdt, Präsident des Industrieverbands Echamp, zu dem sich 54 Pharmafirmen aus dem Bereich homöopathischer und anthroposophischer Arzneimittel aus 17 EU-Staaten zusammengeschlossen haben. "Die Türen der Kommission sind uns nicht verschlossen", verrät De Herdt mit einem gewissen Stolz. In Brüssel nehme man die Homöopathie heute ernst.

Auch sein Vorgänger Max Daege vom Homöopathie-Unternehmen Heel aus Baden-Baden sagt: "Der Druck aus dem EU-Parlament und aus der Öffentlichkeit auf die Kommission hat sich erhöht." Dass dies an der Lobbyarbeit von Echamp liegt, muss Daege nicht extra betonen.

Vor kurzem unterstützte Echamp nach Kräften in Brüssel den "Homeopathy Day", um für Verständnis bei den EU-Politikern zu werben. Das Motto: "Weil es MIR hilft."

Enid Segall, Präsidentin der Vereinigung homöopathischer Patientenorganisationen, berichtete den Parlamentariern dort von dem zu Tränen rührenden Fall eines Mädchens, das die Schulmedizin sehr krank gemacht habe und das anschließend homöopathisch geheilt wurde. "Wir wissen, dass die Homöopathie hilft", ruft Segall ins zustimmend nickende Publikum. "Jetzt müssen wir die anderen überzeugen! Ich weiß, dass die EU anfängt, uns zuzuhören."

Ken Mayne, Vorsitzender der nordirischen Homöopathenvereinigung, sieht die Welt gar im Übergang zu einem neuen "Zeitalter der Homöopathie".

Keiner der anwesenden EU-Parlamentarier widersprach. 20 Abgeordnete hatten sich zuvor schon zu einer "interest group" innerhalb des EU-Parlaments zusammengeschlossen. "Nehmt Kontakt auf mit der Kommission!", mahnt Nessa Childers, Impfgegnerin und irische Europaabgeordnete. "Ihr müsst aggressiv vorgehen, wenn ihr etwas erreichen wollt!"

Die in der Apotheke am häufigsten verkauften Präparate sind sogenannte Komplexarzneimittel, die für eine ganz bestimmte Krankheit, etwa Kopfschmerzen, entwickelt wurden. Genau diese Mittel benötigen nach bisherigem EU-Recht aber eine formelle Zulassung, die von Land zu Land etwas anders, in einigen Ländern sogar gar nicht geregelt ist. Die homöopathischen Pharmaunternehmen streben an, die gesetzlichen Anforderungen dazu zu vereinheitlichen und abzumildern, das ist ihr wichtigstes Ziel.

Vor allem sollen randomisiert-kontrollierte Studien nicht vorrangig notwendig sein, um die Wirksamkeit eines Medikaments zu belegen. Stattdessen soll die Homöopathie mit Methoden untersucht werden, die die Homöopathen für richtig erachten. Nach Möglichkeit sollen bei den Behörden deshalb entsprechende Experten eingestellt werden. Mit der gleichen Logik könnte man fordern, dass nicht mehr die Polizei, sondern zum Beispiel der ADAC die Geschwindigkeitskontrolle auf den Autobahnen übernehmen soll.

Nach Angaben des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller liegt der Umsatz homöopathischer Präparate weltweit bei zwei Milliarden Euro. Die Hälfte des Geschäfts wird in Europa gemacht, der Rest vor allem in den USA und in Indien. Zu den größten Nutzern in der EU gehören Franzosen, Niederländer, Belgier und Deutsche. Die meisten Ärzte mit homöopathischer Ausbildung gibt es dagegen in Italien, Tschechien und der Slowakei.

Im Jahr 2005 gab jeder Deutsche im Schnitt 4,87 Euro für Homöopathika aus, die Franzosen sogar 7,01 Euro, neuere Zahlen gibt es nicht. Insgesamt kamen die Firmen hierzulande auf einen Umsatz von 400 Millionen Euro, wobei nur 100 Millionen vom Arzt verordnet und 300 Millionen durch Selbstkäufe in der Apotheke ausgelöst wurden.

Zu den bekanntesten Herstellern homöopathischer Kügelchen in Deutschland gehören die Firmen Heel, Hevert, Pflüger, Wala und Weleda. Marktführer ist aber die Deutsche Homöopathie-Union (DHU). In der Firmenzentrale in Karlsruhe arbeiten rund 500 Beschäftigte, dazu kommen Standorte in Indien, den Niederlanden, Mexiko, den USA, der Schweiz und Österreich. Als Branchenprimus in Deutschland und Firma mit langer Tradition fühlt sich die DHU "auch als Wächter der Homöopathie", wie Geschäftsführer Franz Stempfle, 59, versichert.

Stempfle macht im Jahr knapp hundert Millionen Euro Umsatz. Wie hoch dabei der Gewinn ist, will Stempfle nicht verraten. Nur so viel: Es sei deutlich weniger als die Umsatzrendite globaler Pharmakonzerne, die meist zwischen 20 und 30 Prozent liegt. Das Feindbild sitzt noch, auch wenn man sich von den Pharmagiganten viel an Organisation und politischem Lobbying abgeschaut hat.

In den Produktionshallen bei der DHU sieht es genauso aus, wie bei Big Pharma: Menschen in weißen Laborkitteln beaufsichtigen Maschinen, die Tabletten abfüllen und verpacken. Ungewöhnlich sind allenfalls jene Maschinen, die aussehen wie Betonmischer und mit reinen Zuckerkügelchen gefüllt sind. Sie werden hier jeweils mit einer bestimmten homöopathischen Flüssigkeit vermischt und dann als Arznei-Globuli abgefüllt. 80 Prozent der DHU-Produkte seien Globuli, sagt Stempfle. Der Rest teile sich je zur Hälfte in homöopathische Tabletten und Tinkturen.

Sergej Skurjatin hat dagegen einen Job, den es bei keinem klassischen Pharmaunternehmen gibt. Der 50-Jährige steht vor einem Glaskolben, in den etwa fünf Liter passen. Skurjatin gießt ein wenig orangefarbene Flüssigkeit in den Kolben und füllt dann neun Teile Ethanol hinzu. "Das Ausgangsmaterial ist China", sagt er, homöopathische Urtinktur aus Chinarinde. Er nimmt den gefüllten Glaskolben und schlägt ihn lehrbuchmäßig zehnmal hintereinander mit Wucht Richtung Erdmittelpunkt auf ein Lederkissen.

Anschließend kippt er 90 Prozent davon in das Fass, das neben seinem Tisch steht, und füllt noch mal neun Teile Ethanol in den Glaskolben. Erneut schlägt er den Glaskolben zehnmal auf das Lederkissen, schüttet wieder weg, füllt wieder auf, schlägt wieder zehnmal. Indem er es dreimal um den Faktor zehn verdünnt, stellt der DHU-Mitarbeiter ein Mittel mit der Potenz D3 her.

D3 ist eine ungewöhnlich niedrige Potenz. "Das ist für die Selbstmedikation", sagt Stempfle, "das kaufen die Leute in der Apotheke ohne Rezept des Arztes." Stempfle sagt, dass bei der DHU alles mit Hand verschüttelt werde. Maschinen kämen dafür nicht zum Einsatz.

Wie wenig Wirkstoff in einem homöopathischen Mittel nach der Verdünnung am Ende tatsächlich noch enthalten ist, kann man sich kaum vorstellen. So kommt bereits bei D9 etwa ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt eines Tanklasters. D23 entspricht bereits einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und D78 bedeutet, dass wenige Wirkstoff-

moleküle auf alle Moleküle des Universums kommen (siehe Grafik).

Daneben stellt die DHU auch Potenzen wie D200 und sogar D1000 her. "Daran sieht man, wie viel Handarbeit in der Herstellung von homöopathischen Mitteln steckt", sagt Geschäftsführer Stempfle. Solche hochverdünnten Mittel sind in der Apotheke deshalb auch die teuersten. Eine Packung Tabletten von DHU kann bis zu 120 Euro kosten. Globuli in niedrigen Potenzen gibt es dagegen schon für 7,40 Euro.

Teuer sei nicht nur das Verschütteln von Hand, sagt Stempfle, teuer seien mitunter auch die Rohstoffe für homöopathische Mittel. "Ambra" zum Beispiel werde aus den Exkrementen des Pottwals hergestellt. "Das müssen Sie erst mal irgendwo mit den erforderlichen Zertifikaten bekommen."

Blättert man im "Handbuch der Materia medica", finden sich noch ganz andere Rohstoffe, etwa Blattläuse, Eierstockextrakt von Kühen, Hornissen, Kakerlaken, Kellerasseln, Krötengift, Quecksilber, Speichel tollwütiger Hunde oder Stinktiersekret. Selbst Coca-Cola, faules Rindfleisch, Hundekot, Kondomgummi, menschlicher Hodenextrakt und Pferdehaar werden zur Herstellung der Mittelchen verwandt.

Je eingehender man sich mit der Homöopathie beschäftigt, desto mehr stellt man fest, wie skurril sie ist. Für einen ersten Überblick hilft schon das Tourismusamt der Stadt Torgau, das eine "Kurzreise zu den Ursprüngen der Homöopathie" anbietet - Besuch des Samuel-Hahnemann-Hauses inklusive.

Hahnemann hatte die Homöopathie zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden. Damals war es noch ein echter Fortschritt, denn die Schulmedizin schwor zu dieser Zeit auf Aderlass, Einläufe und ähnlich gefährliche Methoden, die die Patienten quälten, ohne ihnen zu helfen, oder sogar umbrachten.

Hahnemann galt als kritischer Geist, der die schädlichen Methoden in Frage stellte, berichtet der Regensburger Medizinprofessor David Klemperer. "Er kritisierte beispielsweise die Behandlung des 1792 plötzlich verstorbenen Kaisers Leopold II. durch seine Leibärzte öffentlich." Wegen heftigen Fiebers und eines stark angeschwollenen Unterleibs hatten die Ärzte mehrere Aderlässe bei ihm durchgeführt, womit sie, laut Klemperer, "wesentlich zum tödlichen Verlauf der Krankheit des Kaisers beigetragen hatten".

Hahnemann entwickelte in Abgrenzung zur damals üblichen Medizin seine eigene Theorie und verfasste vor genau 200 Jahren sein Hauptwerk, das "Organon der Heilkunst". Darin vertrat er die steile These, dass Krankheiten einzig geistige Ursachen hätten: Sie beruhen demnach auf einer "Verstimmung der geistartigen, den Körper des Menschen belebenden Kraft".

Durch Selbstversuche mit Chinarinde gewann er den Eindruck, dass sich damit Fieber bekämpfen lasse, weil Chinarinde eben Fieber auslöse. Ein Irrtum, wie man heute weiß, aber schon damals stand die Homöopathie der Schulmedizin unversöhnlich gegenüber.

In Paragraf 52 seines "Organons" schrieb Hahnemann: Nur wer Homöopathie und Schulmedizin "nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, dass sie sich je einander nähern könnten oder wohl gar vereinigen ließen". Allein der Versuch wäre ein "verbrecherischer Verrat an der göttlichen Homöopathie".

Sein Anspruch wurde im Laufe der Zeit immer totalitärer, seine Worte klingen heute wie die eines religiösen Fanatikers: "Wer nicht genau in derselben Spur geht wie ich, wer abweicht, und sei es nur um den Bruchteil nach links oder rechts, ist ein Verräter, und ich will nichts mehr mit ihm zu schaffen haben."

Hahnemanns Haus in Torgau wurde in den vergangenen Jahren für 2,5 Millionen Euro renoviert. Das denkmalgeschützte Haus beherbergt heute das Internationale Homöopathiekolleg Torgau, einen Verein, dem Peter Alex vorsteht. Vor allem Krankenschwestern, Hebammen und Apothekerinnen lassen sich hier unterweisen, sagt Alex.

Der Büchertisch im Eingangsbereich zeigt das Spektrum der Esoterik: Neben Doktor Alex' eigenen Werken wie "Homöopathie für Kinder" finden sich hier Titel wie "Gute Laune kann man essen", "Handlesen the easy way", "Impfungen - der Großangriff auf Gehirn und Seele" oder "Krebszellen mögen keine Himbeeren - Nahrungsmittel gegen Krebs".

Alex, 45, ist eigentlich gelernter Tierarzt, hat aber eine Heilpraktikerausbildung absolviert und hält nun regelmäßig Vorträge, etwa über die homöopathische Behandlung Krebskranker. Seine Grundregel lautet: "Nur wenn ein Tumor größer ist als eine Faust und beginnt zu zerfallen, muss er operativ entfernt werden." Schulmediziner gruselt's bei solch simplen Ratschlägen.

Immerhin gibt Alex zu, dass selbst seine Zunft den Krebs nicht immer heilen könne. "Am größten sind unsere Erfolge bei funktionellen Störungen wie Migräne, Reizdarm und bei Kindern", sagt der Heilpraktiker. "Egal, wie dramatisch die Kinderkrankheiten aussehen, wenn der Homöopath fit ist, ist die homöopathische Behandlung das Beste, was dem Kind passieren kann."

Alex steht mit dieser Ansicht nicht allein. Seine Kollegen haben selbstverständlich den Anspruch, nicht nur Wehwehchen, sondern auch ernste Erkrankungen heilen zu können. Genau an diesem Punkt wird es aber gefährlich. Denn wenn sich Eltern etwa bei Scharlach oder einer Lungenentzündung nur auf die Wirkung von Globuli verlassen und dafür eine gut wirksame schulmedizinische Behandlung ausschlagen, bringen sie ihr Kind unnötig in Gefahr.

Ebenso gefährlich ist die unter Homöopathen beliebte Impfgegnerschaft. Wenn ein Kind nicht gegen Masern oder Wundstarrkrampf geimpft wird und anschließend erkrankt, können die Nebenwirkungen der Homöopathie sogar tödlich sein - allein dadurch, dass eine wirkungsvolle Medizin verhindert wird.

Auch zu Peter Alex kommen Patienten mit allen möglichen Erkrankungen, wie er sagt: Multiple Sklerose, Krebs, Zeckenbiss, chronische Rückenschmerzen, Neurodermitis. Alex behauptet, zwei Drittel der Kranken heilen zu können. "Da brauch ich keine Studie mehr, die mir den Nutzen der Homöopathie zeigt."

Doch Beweise wollten sogar schon die Nazis, die heftig mit den Globuli sympathisierten und enorme Anstrengungen unternahmen, ihre Wirksamkeit zu belegen. Vor allem Rudolf Heß wollte der "verjudeten Schulmedizin" mit Hilfe der Homöopathie eine "neue deutsche Heilkunde" entgegensetzen, die mit Hahnemann auch noch ein Deutscher erfunden hatte.

1937 fand in Berlin der Homöopathische Weltkongress statt, und in den beiden Jahren danach begann das Reichsgesundheitsamt damit, den Bereich im großen Stil zu untersuchen. Doch die Bilanz fiel katastrophal aus. So gut wie keine der zahlreichen durchgeführten Arzneimittelprüfungen und Placebo-kontrollierten Studien brachte ein positives Ergebnis.

Der damalige Vorsitzende der homöopathischen Ärzte, Hanns Rabe, war mit seinen Nerven am Ende, wie sein Kollege Fritz Donner später berichtete. Geradezu panisch überlegte Rabe, "wie er diese Überprüfungen sabotieren könne", und kam schließlich zu dem Schluss, dass die Homöopathie vielleicht "in Wirklichkeit nur eine larvierte Form einer Psychotherapie" sei.

Sogar in Konzentrationslagern wurde die Homöopathie erprobt - etwa in Dachau an Patienten mit Malaria und Blutvergiftung. Die Malaria, ergaben die makabren Menschenversuche, blieb von den Globuli "unbeeinflusst", die Patienten mit Blutvergiftung verstarben alle.

Nur der Zweite Weltkrieg verhinderte, dass die Methode schon damals endgültig als Scheintherapie bloßgestellt wurde. Nach dem Krieg verschwanden die Unterlagen in den Archiven, und keine homöopathische Zeitschrift mochte den desillusionierenden Bericht des beteiligten homöopathischen Arztes Fritz Donner drucken, den er schließlich 1966 fertiggestellt hatte. Erst 1995 erschient der "Donner-Report" - in der schulmedizinischen Zeitschrift "Perfusion".

Bis dahin jedoch war die Homöopathie längst zum sympathischen Gegenbild der angeblich unmenschlichen Schulmedizin avanciert. Und die Anhänger hatten sich mit wissenschaftlichen Scheinargumenten gegen die negativen Ergebnisse von Studien gewappnet.

Randomisiert-kontrollierte Studien, wie sie zur Prüfung von Medikamenten internationaler Standard sind, passten eben nicht zur individuellen Vorgehensweise in der Homöopathie, behaupten sie bis heute. Doch das ist ein Bluff.

Mit einem einfachen Versuch kann man die Wirksamkeit der Globuli durchaus testen: Wenn 1000 Migränepatienten einen homöopathischen Arzt aufsuchen und danach mit einem Rezept die Praxis verlassen, werden sie in eine spezielle Apotheke geschickt. Dort geben sie ihr Rezept ab, und nach dem Zufallsprinzip bekommen 500 von ihnen (ohne dass sie davon wissen) das homöopathische Mittel, die anderen 500 (ebenfalls ohne dass sie es wissen) nur Globuli ohne Wirkstoff. Sechs Monate später könnte man vergleichen, ob sich unter den 500 Patienten, die das Homöopathie-Mittel bekommen haben, mehr Geheilte finden als in der Gruppe mit dem Scheinmedikament.

"So eine Studie würde höchsten wissenschaftlichen Standards entsprechen", sagt Edzard Ernst, der den weltweit ersten Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Peninsula Medical School im südenglischen Exeter innehat.

Ernst ist ein freundlicher, ruhiger Herr, und man kann wohl sagen, dass niemand die wissenschaftlichen Studien zur Homöopathie besser überblickt als der in Deutschland geborene Mediziner. Gleichzeitig gibt es aber auch keinen, der die Zunft schneller auf die Palme bringt als Ernst.

Dabei kennt Ernst die Szene schon seit Jahrzehnten: Er ging lange Jahre selbst zu einen homöopathischen Hausarzt, am Münchner Krankenhaus für Naturheilweisen behandelte er selbst für einige Monate Patienten mit Globuli.

Heute sitzt er in seinem Institut in Exeter, das ähnlich vollgestopft ist wie die Praxis von Curt Kösters in Hamburg. Bücher und Akten aus 17 Jahren Forschung stehen in dunklen Holzregalen bis unter die Decke. An den Wänden hängen Diplome, Holzmasken und ein tibetisches Thangka-Rollbild.

"Über viele Jahre habe ich gedacht, die Homöopathen seien einfach ein bisschen überenthusiastisch, ein bisschen verblendet und realitätsfremd", erklärt Ernst und nimmt einen Schluck Tee. "Aber inzwischen bin ich mir sicher, dass viele lügen wie gedruckt. Die wissen es besser, was die Wissenschaft angeht. Die haben sich ein bisschen Kenntnis über wissenschaftliche Arbeit angeeignet und nutzen das, um Wissenschaft zu kritisieren."

An sich sei das ja durchaus zu begrüßen. "Aber die benutzen das dann in einer sehr destruktiven Weise und führen die Leute hinters Licht. Ganz bewusst."

Scharf kritisiert Ernst beispielsweise seine Kollegin Claudia Witt, die an der Berliner Charité eine von der Karl und Veronica Carstens-Stiftung finanzierte Professur innehat. Veronica Carstens, die Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, ist selbst homöopathische Ärztin und verwendet ihr Geld dafür, Belege für die Wirksamkeit von Naturheilverfahren suchen zu lassen. Jedes Jahr gibt die Stiftung 1,5 Millionen Euro aus, hauptsächlich für die wohlwollende Erforschung der Homöopathie.

Das merke man auch an der Arbeit von Claudia Witt, sagt Ernst. Sie sei nicht angetreten, die Homöopathie kritisch zu prüfen, sondern zu beweisen. Echte Wissenschaft sehe anders aus.

Beobachtungsstudien, wie Claudia Witt sie macht, zeigen regelmäßig, dass es mehr als der Hälfte der Behandelten durch Homöopathie besser geht. Ernst aber sagt: "Diese Studien bringen Methodiker nur zu einem milden Lächeln, damit kann man jeden Unsinn belegen."

Der SPIEGEL versuchte wochenlang, auch mit Frau Witt zu sprechen, die Professorin lehnte ein Gespräch aber aus Termingründen ab. Mit Ernsts Vorwürfen konfrontiert, teilt Claudia Witt per E-Mail mit: "Ernst ist angetreten, die Homöopathie zu widerlegen, und bezeichnet damit jeden, der sich neutral verhält, als Befürworter. Er missversteht bewusst, dass Beobachtungsstudien nicht die Wirksamkeit homöopathischer Medikamente untersuchen, sondern die Versorgungsrealität beschreiben, ohne kausale Schlüsse zuzulassen."

An Ernst prallen die Argumente der Homöopathen ohnehin ab wie an einer Betonwand. "Früher habe ich zu Vorträgen manchmal eine Flasche Wein mitgebracht. Und ich habe gesagt: Derjenige, der mir eine Behandlungsmethode nennen kann, die man nicht mit einer randomisiert-kontrollierten Studie untersuchen kann, der bekommt diese Flasche. Dann gab es oft Diskussionen - aber am Ende habe ich meine Flasche Wein immer wieder mit nach Hause genommen."

Was aber ist mit hochwertigen Studien, die gelegentlich auch mal einen Nutzen zeigen? Das könne mehrere Gründe haben, sagt Ernst. "Homöopathische Komplexmittel zum Beispiel enthalten mitunter Substanzen in pharmakologischen Konzentrationen. Dass die wirksam sein können, bezweifelt niemand", so Ernst.

Es könne aber auch sein, dass die Studie schlicht fehlerhaft sei. Oder Daten könnten gefälscht sein. Und es gebe natürlich den Zufall: "Wenn Sie 100 Studien machen, dann sind schon rein statistisch 5 dieser Studien positiv. Dass es mehr als 5 von 100 sind, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass viele Studien, die negativ ausfallen, niemals veröffentlicht werden."

Ernst muss zugeben, dass die Erforschung der Homöopathie anfangs "eine gewisse Faszination" auf ihn ausgeübt habe. Er dachte, vielleicht gelänge es ja, die Wirksamkeit der Methode zu beweisen. Und er wusste: Damit wäre ihm ein Nobelpreis sicher gewesen - mindestens einer.

Heute ist er aber der festen Überzeugung, dass die ganze Heilslehre letztlich nichts als eine Placebobehandlung ist. "Dabei war es nicht so sehr eine einzelne Studie, die mich überzeugt hat", sagt er. "Was mich mehr beeindruckt, ist die Tatsache, dass seit mindestens zehn Jahren alle gutgemachten, systematischen Reviews und Metaanalysen einheitlich zu diesem Ergebnis kommen. Wenn Sie zehnmal feststellen, dass etwas ein Placebo ist, dann ist es auch wahrscheinlich ein Placebo."

Der Streit mit den Homöopathen beginnt ihn sogar zu langweilen. "Ich habe noch keinen getroffen, der nicht entsetzlich langatmig gewesen wäre", beklagt sich der Forscher. "Selbst die Hassbriefe, die ich bekomme, sind so langweilig, dass ich darüber einschlafe."

Wie sehr die Zunft ihn hasst, sieht man an den seitenlangen Schmähbriefen und Hass-Mails, die in Ernsts Büro einen ganzen Aktenordner füllen. Dazu kommt die üble Nachrede: Er arbeite doch für die Pharmaindustrie, verbreiten die Homöopathen. Wahr daran ist nur, dass einer von Ernsts Mitarbeitern ein Stipendium von der Industrie erhalten hat - aber nur für ein Forschungsprojekt, das nichts mit Homöopathie zu tun hat.

Wieso aber kann es nicht wenigstens ein Nebeneinander geben zwischen Schulmedizin und Homöopathie? Wieso kann Ernst "die Spinner" unter den Homöopathen, wie er sie nennt, nicht einfach machen lassen und den Placeboeffekt ihrer Therapie bewundern?

Bei dieser Frage beginnen Ernsts Augen noch mal zu funkeln: Ein Wissenschaftler müsse immer ein Vertreter der Aufklärung sein, doziert er. "Wenn wir glauben, dass das Schütteln von Hochpotenzen uns heilt, wenn wir an die mystischen Kräfte und diesen ganzen Käse glauben, wenn die Menschen beginnen, wissenschaftliches Denken abzulehnen und der medizinische Aberglaube zurückkehrt, dann kappen wir unsere besten Traditionen, dann sind wir auf dem Weg zurück ins Mittelalter."

(*1) Simon Singh, Edzard Ernst: "Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin?". Carl Hanser Verlag, München; 408 Seiten; 21,50 Euro.(*2) Vorn: NS-Größe Rudolf Heß.

DER SPIEGEL 28/2010
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