12.07.2010

ZENSURStiefel und Kreuze

Bizarrer Kulturkampf in Moskau: Staat, Ultrarechte und die orthodoxe Kirche wollen gemeinsam die Freiheit der Kunst einschränken.
Auf dem Wohnzimmertisch liegen noch die Reiseführer für Iran. Wiktor Jerofejew, 62, Russlands bekanntester Schriftsteller der Gegenwart, ist gerade zurückgekehrt aus Teheran, sein Bruder Andrej, 54, ist zu Besuch, er hat Chatschapuri, eine Käse-Teig-Spezialität, mitgebracht, sie trinken Rotwein.
Im Nachbarzimmer krächzt ein Papagei, der Schiva heißt. Zwischen den Familienfotos der Jerofejews hängt die Reproduktion eines Gemäldes von Alexander Kosolapow. Es zeigt eine goldene Ikone. Die Mutter Gottes und das Jesuskind scheinen aus Kaviar zu bestehen. Religion ist für die Brüder Jerofejew in diesen Tagen das große Thema.
Das Original von Kosolapow war 2007 in einer Ausstellung im Sacharow-Zentrum zu sehen. Organisiert hatte sie Andrej Jerofejew, nun droht ihm das Lager.
Die Ausstellung hieß "Verbotene Kunst" und zeigte Gemälde, die in staatlichen Museen nicht aufgehängt werden durften. Zu sehen waren neben der Kaviar-Ikone, gedacht als Symbol für die Verschwendungssucht des neureichen Russlands, 22 weitere Kunstwerke. Darunter das Gemälde einer Nackten, die mit Öl duscht ("Heil Russland"), das Bild einer muslimischen Selbstmordattentäterin mit Sprengstoffgürtel, die unter ihrem schwarzen Tschador Reizwäsche trägt ("Die tschetschenische Marilyn") und ein Jesus-Bild mit dem Kopf von Micky Maus. Die Besucher mussten auf Leitern steigen, um durch Gucklöcher einen Blick auf die umstrittenen Gemälde zu werfen.
Die Ausstellung sollte die drohende Zensur in Russland thematisieren. Andrej Jerofejew verlor daraufhin seine Stellung als Kurator für zeitgenössische Kunst der staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau. Er wurde zusammen mit dem Direktor des Sacharow-Zentrums wegen Schürung religiösen Hasses angeklagt. Angezeigt worden waren sie von der ultranationalistischen Gruppierung "Narodnyj Sobor". Deren Anführer forderte, "diese sogenannten Meisterwerke zu vernichten, weil sie die Gefühle von Christen beleidigen und den Hass gegen die Religion schüren". Nun soll Anfang dieser Woche das Urteil gesprochen werden. Für den Fall eines Freispruchs kündigten die Ultranationalisten Selbstjustiz an. Im vergangenen Jahr hatten Rechtsradikale den Bürgerrechtsanwalt Stanislaw Markelow und eine liberale Enthüllungsjournalistin ermordet.
Doch bei dem Prozess geht es nicht nur um die Freiheit der Kunst fast 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, sondern auch um den vorsichtigen Liberalisierungskurs von Präsident Dmitrij Medwedew. "Es ist ein Kulturkampf", sagt Wiktor Jerofejew, "und wir müssen uns fragen, ob wir uns dem Diktat der orthodoxen Kirche unterwerfen oder ein modernes, weltoffenes Land werden wollen."
Russland hat bis heute keine kulturelle Aufklärung erlebt. Alexander Puschkin lästerte in seinen Gedichten über den Zaren, bis er schließlich verbannt wurde. Leo Tolstoi beschimpfte Nikolai II. als "schwachen und dummen Führer". Er schrieb: "Die Autokratie, die von der orthodoxen Kirche gestützt wird, hat sich überlebt. Sie kann nur mit Gewalt und dem Verbot von Büchern und Zeitungen, mit Todesstrafe und Repression aufrechterhalten werden." Tolstoi wurde exkommuniziert, der Patriarch der orthodoxen Kirche lehnt bis heute seine Rehabilitierung ab.
Nach der Oktoberrevolution 1917 hatte die russische Avantgarde eine kurze Blüte. Kasimir Malewitsch beispielsweise vertrauten die Bolschewisten die Kunstsammlung des Kreml an, seit der Machtübernahme durch Stalin aber herrschte der Staat über die Kunst. Werke von Weltrang wie Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" oder Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" entstanden im Untergrund, wurden ins Ausland geschmuggelt und konnten in Russland lange nicht veröffentlicht werden.
Unter Stalins Erbe leiden Künstler noch heute. "An den Hochschulen wird gelehrt, als wäre das hier Nordkorea", sagt Andrej Jerofejew, "als sei der Sozialrealismus immer noch das Maß aller Dinge."
Der Prozess gegen Andrej Jerofejew läuft seit 2009, es gab rund 50 Verhandlungstage. Der Staatsanwalt forderte drei Jahre Straflager für Jerofejew. Niemand mag derzeit ein Urteil voraussehen. Die Stimmung im Land richtet sich gegen Demokraten, Liberale und Juden. Führende kirchliche Vertreter propagieren einen antiwestlichen russischen Sonderweg.
Sie sehen die orthodoxe Kirche als einzige wahre Hüterin des Christentums. Und trotzdem finden sich sogar in Kirche und Politik Fürsprecher für Andrej Jerofejew. Sein Bruder Wiktor wurde sogar bei Wladislaw Surkow vorstellig, dem Chefideologen des Kreml. Surkow ist eigentlich ein Intellektueller und schreibt Texte für Rocksongs. Er lässt Parteien gründen und zugrunde gehen. In seinem unter Pseudonym veröffentlichten Enthüllungsroman "Nahe Null" prangert er das System an, das er selbst schafft.
Der Kulturminister schlug nun vor, die Angelegenheit um die Kunstzensur "moralisch-ethisch statt juristisch" zu bewerten. Und doch scheint die Angst groß zu sein, vor den Stiefeln der Rechtsradikalen und den Kreuzen der Orthodoxen. Keiner der an der Ausstellung 2007 beteiligten Künstler besuchte den Prozess.
Im heutigen Russland sind die Jerofejews Einzelkämpfer. Sie leiden an der autoritären Geschichte ihres Landes, am dumpfen Volksempfinden und auch an den Fehleinschätzungen des Westens: "Im Vergleich zur Mehrheit des Volkes", sagt Wiktor Jerofejew, "sind Putin und der Patriarch Liberale."
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 28/2010
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