02.02.1998

LITERATURDamenhafte Launigkeit

Angelika Schrobsdorff erzählt im Reisejournal „Grandhotel Bulgaria“ von ihrer Wiederbegegnung mit Bulgarien, dem Exilland ihrer Jugendjahre. Von Gregor von Rezzori
Rezzori, 83, wurde in Czernowitz (ehemals Österreich-Ungarn) geboren und lebt bei Florenz; zuletzt veröffentlichte der fabulierfreudige Schriftsteller seine Erinnerungen "Mir auf der Spur".
Angelika Schrobsdorff ist eine zünftige Erzählerin. Entwaffnend ist ihre Routine, mit einem knappen Dutzend stummelhafter Dialoge gleich auf den ersten Seiten den Leser in Kenntnis zu setzen über alles, was ihm die Wanderschaft durch die folgenden beinah 300 Seiten zum Intimerlebnis eines familiären Treffens im postkommunistischen Bulgarien machen soll.
Das Déjà-vu-Gefühl läßt nicht los und verführt dazu, alles Kommende hinzunehmen, als gäbe es keine Möglichkeit, die Welt auf andere Weise aufzufassen als die der warmherzig lebensklugen, aufmerksam beobachtenden und gelegentlich sacht spöttischen Ich-Erzählerin. Sie lebt seit vielen Jahren tapfer freiwillig in Jerusalem; zwar jenseits alles ideologisch Demonstrativen, dennoch in einer Art von Zeugenschaft. Jerusalem - der Begriff, nicht die leidige politische Wirklichkeit der Stadt - ist es wert, zum Schauplatz des Geschicks gewählt zu werden, ohne daß dieser Wahl Dramatisches anhaftete. Sie hat sich ergeben mit der Selbstverständlichkeit der moralischen Haltung, die der dominante Zug des Charakters der Autorin zu sein scheint.
Das ist sowohl geographisch wie auch psychologisch ein guter Ausgangspunkt. In Jerusalem erreicht Angelika Schrobsdorff im Dezember 1996 der Anruf einer Nichte aus Bulgarien - aus dem Land, in das sie 1939, bei Ausbruch des Krieges, mit ihrer Mutter aus Deutschland geflüchtet war und wo sie ein glückliches Asyl gefunden hatte. Ihre Kindheit und Jungmädchenblüte liegen eingebettet in die Erinnerung an folkloristische Farbigkeit und ursprüngliche menschliche Wärme. Sie liebt Bulgarien, gibt sich aber keiner Täuschung hin über das, was in einem halben Jahrhundert kommunistischen Regimes mit Land und Leuten geschehen ist.
Die Nachkommen einer Schwester der Schriftstellerin ("Jericho") leben in Bulgarien. Aus den telefonischen Andeutungen geht hervor, daß ein Tiefpunkt erreicht ist, den zu überleben nicht allen gelingen wird. Kurz entschlossen macht die Tante in Jerusalem sich auf und fliegt hin. Um was zu tun? Zu helfen? Das wird über ein paar Tafeln Schokolade und wackeren Zuspruch hinaus kaum möglich sein. Um einen nostalgischen Blick aufs sterbende Land zu werfen? Um in bitterster Stunde Solidarität zu bekunden? Offenbar aus einem Bündel solcher Regungen.
Angelika Schrobsdorff liefert uns den zweifellos autobiographischen Bericht über diese Reise in eine glorifizierte Vergangenheit, eine trübe Gegenwart und eine unheilschwangere Zukunft höchst lebendig und anschaulich - dank ihrer damenhaften Launigkeit auch amüsant. Sie gibt mehr als nur einen Einblick in die Misere, die der abgewirtschaftete Kommunismus, immer noch seinen Schatten über alles Leben werfend, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in den Psychen hinterlassen hat.
Es kann nicht hoch genug gepriesen werden, mit welcher Scharfsicht von Angelika Schrobsdorff der Schaden einer unerträglichen Banalisierung gezeigt wird - die Ausgerichtetheit der Seelen aufs Triviale, auf Lebensgüter, die anderswo zum Alltäglichsten gehören, hier aber zu Wunschtraum-Objekten geworden sind - und die moralischen Folgen der Armenhauswirklichkeit: Gleichmut gegen das Leiden anderer, stumpfe Ergebenheit und Zynismus.
Dazu wird gesoffen. Aber es ist nicht der Betäubung suchende Suff von Verzweifelten. Es handelt sich vielmehr um eine liebe Gewohnheit, auch um prinzipielle Welteinverstandenheit, so beschissen die Welt und das Schicksal auch seien. Man ist ja schließlich noch nicht verhungert, irgendwie schafft man''s doch, sich und seinen Freunden und Anverwandten ein Omelettchen zu brutzeln, zwei, drei Schnäpschen dazu aufzunötigen und einzugestehen, daß Bulgarien bei aller Niedergewirtschaftetheit doch das menschlichste Land auf Erden ist.
Die Menschen, die die Autorin schildert, sind liebenswert nicht trotz, sondern eben wegen ihrer menschlich-allzu-menschlichen Fehler; bedauernswert nur, wenn sie ihre Menschenwürde verloren haben. Die Witwe des Universitätsprofessors, die in der Mülltonne nach etwas Eßbarem stöbert, ist ebenso vom Geschick getroffen wie der Bauer, der seinen Hof verloren hat und betteln gehen muß.
Wohlgemerkt: Es ist das Geschick, das die einstmals heile Welt befallen hat; niemand ist persönlich dafür anzuklagen, es sei denn ein Klüngel von Bösewichten, die sich zum Werkzeug des Geschicks gemacht haben. Aber sie treten nicht mehr auf.
Und die Leute der Mafia im Postkommunismus werden nicht als Theaterschurken vorgeführt, sondern als um ein paar Grade ordinärere, besser gekleidete, im Umgang mit Luxuslebensgütern bedenkenlos aufprotzende Zeitgenossen. Eine Wahrheit, die sich auch in die Begriffswelt der demokratisch freien Marktwirtschaft übersetzen ließe.
"Grandhotel Bulgaria" ist nicht nur eine Metapher, sondern ein Wirklichkeitsraster für die geliebte, verlorene und doch unausrottbar liebenswerte Balkanwelt. Man erkennt in den verschäbigten Salons und Speisesälen des dereinst hochrenommierten alten Kastens die gegenwärtige Verlotterung ebenso wie den fragwürdigen Glanz von ehemals, zugleich aber in der Schludrigkeit von Kellnern und Hausangestellten die unverlierbar gleiche Schlitzohrigkeit von gestern, heute oder morgen.
Das macht''s möglich, die bittere Alltagswirklichkeit eines vom Kommunismus ruinierten Landes lebendig anschaulich hinzuerzählen wie einen Unterhaltungsroman. Es ist dabei an der moralisch aufrechten Haltung und am warmherzigen Mitgefühl der Tante aus Jerusalem nicht einen Augenblick zu zweifeln. Der Bericht über ihre Reise durchs schicksalgeprüfte Bulgarien ist auch ein Selbstporträt, das der Erzählerin Angelika Schrobsdorff erneut die Sympathie ungezählter seelisch gleichgestimmter Leserinnen sichern dürfte.
Angelika Schrobsdorff: "Grandhotel Bulgaria. Heimkehr in die Vergangenheit". Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 280 Seiten; 26 Mark.
Von Gregor von Rezzori

DER SPIEGEL 6/1998
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