19.07.2010

AFFÄRENDie Wurzeln des Missbrauchs

Die Odenwaldschule galt vielen als pädagogisches Paradies, doch andere erlebten hier eher die Hölle. Historische Dokumente lassen vermuten: Schon kurz nach der Gründung vor 100 Jahren wurden Schüler von ihren Lehrern sexuell genötigt.
Sie wollen die Wahrheit ergründen, die ganze Wahrheit, aber am Ende werden sie sich wieder mit Bruchstücken begnügen müssen.
"Als 13-Jähriger bin ich davon aufgewacht, dass Gerold Becker mich am Schwanz lutscht, wie ein Berserker", sagt ein ehemaliger Schüler.
"Eigentlich hätte es jeder wissen müssen", sagt die Juristin Brigitte Tilmann, die sich im Namen der Schule um Aufklärung müht.
"Es tut mir unendlich leid, aber ich kann mich nicht erinnern", sagt ein ehemaliger Lehrer, als ihm ein Ex-Schüler vorhält, dass er ihm bereits damals vom Missbrauch erzählt habe.
Jeder einzelne Satz ist ein Fortschritt an dieser Schule, an der so lange geschwiegen wurde, jeder einzelne Satz bringt ein bisschen mehr Wahrheit. Ausgesprochen werden die Sätze an diesem Abend im Juli 2010 im Theatersaal der Odenwaldschule. Die Schule, so berühmt und berüchtigt wie keine andere in Deutschland, hat Opfer, Täter und Experten geladen, als sie am vorvergangenen Wochenende ihren 100. Geburtstag begeht.
Nichts soll mehr verschwiegen oder vertuscht werden. Ein Bericht, geschrieben von der Ex-Richterin Tilmann und einer Rechtsanwältin, zieht pünktlich zum Jubiläum eine schonungslose Zwischenbilanz: mehr als ein Dutzend Beschuldigte, mehr als 70 Opfer, allein 17 Zeugnisse gegen den langjährigen Schulleiter Gerold Becker. Die beiden Juristinnen haben so viele Schilderungen gesammelt, dass niemand mehr den massenhaften Missbrauch an der Vorzeigeschule zu leugnen wagt.
Doch je deutlicher wird, was war, desto drängender stellt sich eine andere Frage: wie es dazu kommen konnte. Es ist die Frage nach einem System hinter dem Missbrauch, nach den Gründen für das Schweigen, nach den Risiken eines reformpädagogischen Idylls.
Eine Antwort liegt verblüffend nahe. Sie ist mitten auf dem pittoresken Schulgelände mit seinen schmucken Villen versteckt: Im Archiv der Schule lagern unter anderem Tausende Briefe, die Eltern von Schülern in den Jahren seit der Gründung 1910 an die Schulleitung geschickt haben. Gründer Paul Geheeb, der sich von allen Paulus rufen ließ, genießt bis heute Heiligenstatus in der Reformpädagogikgemeinde. Unbestritten ist sein Verdienst, in der Ära wilhelminischen Drills eine moderne Schule aufgebaut zu haben, die ihrer Zeit Jahrzehnte voraus war. Doch die Briefe lassen in Abgründe blicken: Schon damals scheint es mehrere Missbrauchsfälle gegeben zu haben.
Am 13. September 1924 etwa schreibt eine Mutter an Geheebs Frau Edith, die gemeinsam mit ihm die Schule aufgebaut hat. Die Mutter, E. M., schildert detailliert, was ihr zwölfjähriger Sohn ihr anvertraut hat: wie er von einem Erzieher missbraucht worden ist.
Ein Mitarbeiter als Täter, schon wieder. Zu diesem Zeitpunkt ist es nur drei Wochen her, dass ein Vater seine Tochter von der Schule abgemeldet hat. Sie sei, so die Begründung, "sehr beunruhigt" ob "nächtlicher Besuche Erwachsener", die sie beobachtet habe. Im Laufe der Jahre treffen mehrere Schreiben besorgter, betroffener Eltern ein, mal sollen ältere Schüler die Täter sein, mal die Lehrer, wie die Erziehungswissenschaftlerin Christl Stark herausgefunden hat.
Für ihre Dissertation hat Stark Tausende Elternbriefe ausgewertet, die im Keller eines der Schulgebäude in 61 Kartons lagerten(*). "Viel häufiger als über homoerotische Aktivitäten seiner Kollegen verlangen Eltern von Geheeb Rechenschaft über vermutete oder bewiesene sexuelle Beziehungen ihrer Töchter zu Mitarbeitern der Odenwaldschule", schreibt die Wissenschaftlerin.
Doch die Eltern scheinen schon damals die offene Konfrontation zu scheuen. Auch wenn sie ihren Schreiben gleich Liebesbriefe beilegen können, die ihre Töchter in den Ferien von Lehrern erhalten haben, üben sie sich in Zurückhaltung. Eine Mutter versichert: Es liege nicht in ihrer Absicht, "einen Skandal hervorzurufen", der ein "ungünstiges Licht" auf die Odenwaldschule werfen könne.
Aus den vielen Elternbriefen zeichnet Christl Stark ein facettenreiches Porträt der Schule und ihres Leiters Paul Geheeb. Manches ist eher amüsant: Mütter und Väter beschweren sich über zu kleine Essensportionen, vertauschte Rechnungen
oder verschmutzte Betten in dieser "absoluten Lodderwirtschaft", wie ein Vater schreibt. Doch in den Briefen verstecken sich auch Schilderungen, die man gar nicht ernst genug nehmen kann.
Am 23. Februar 1931 schreibt Geheeb einer Schülerin, die um seine Hilfe gebeten hat. Er hatte die 17-Jährige zu einem befreundeten Pädagogen nach London geschickt - der soll ihr Englisch verbessern, aber sie fühlt sich belästigt. Geheeb verteidigt den Kollegen vehement: "Gerade unter Berücksichtigung des sexuellen Gebietes geht er tapfer neue Wege und hat neue, erfolgreiche Methoden gefunden, die freilich der ,guten Gesellschaft' mit ihrer verlogenen sexuellen Moral größtes Ärgernis sind."
Die Schülerin solle sich, findet Geheeb, mal nicht so haben. Einer solchen Persönlichkeit gegenüber "werden alle dummen Gänschen natürlich gleich sich sexuell gefährdet fühlen, ihn ein ,Schwein' nennen und womöglich nach dem Staatsanwalt schreien". Wissenschaftlerin Stark urteilt über das Verhalten des hochangesehenen Pädagogen Geheeb entsprechend scharf: "Ein junges Mädchen, das sich, angewidert von der Zudringlichkeit eines ihr unbekannten Mannes, offensichtlich in höchster Gewissensnot befindet, in dieser Manier abzuspeisen verdient wohl kaum, pädagogisch genannt zu werden!"
Das Mädchen muss die Schule verlassen, sein Vater beschwert sich bei Geheeb - und unternimmt dann nichts mehr.
Warum geht der Vater, ein Rechtsanwalt, nicht juristisch gegen Geheeb vor? "Weil ihm, der als Jude kaum Klienten hatte, für seine Tochter jahrelang großzügig eine Freistelle gewährt worden war", schreibt Stark. Wenn dies stimmt, dann zeigt sich hier ein Muster, das Jahrzehnte später den schlimmsten aller Vorwürfe gegen die Odenwaldschule begründen wird: dass insbesondere diejenigen Kinder zu Opfern wurden, die sich nicht auf machtvolle Eltern stützen konnten.
Die alten Elternbriefe lassen auch einen literarischen Text in einem neuen Licht erscheinen, den ein ehemaliger Schüler 1925 verfasst hat. Der Schüler stammte aus einer der vielen bekannten Familien, die damals Kinder in den Odenwald schickten, und sein Text sorgte schon seinerzeit für große Aufregung: Die Erzählung "Der Alte", verfasst von Klaus Mann, handelt von einem Schulleiter, der sich jungen Mädchen annähert.
Nach dem Abendessen liegt der Schulleiter auf dem Sofa, lauscht den Geräuschen spielender und singender Kinder. Ein Mädchen tritt hinzu, der Schulleiter redet mit ihm, dann geht er "zu Zärtlichkeiten über". Der Schriftsteller schreibt: "Er begann das Mädchen zu streicheln, ja, er bettete sogar seinen Kopf, seinen weißen, unausdenkbar alten Kopf, mit dem Faunsmund, in ihren Schoß." Von "starren und gierigen Liebkosungen" berichtet der Text und von einem weiteren Mädchen: "Und, ihr unbeweglich ins Gesicht sehend warf er sich über sie und küsste sie."
Der Text liest sich wie ein Porträt Geheebs, der sich prompt und heftig bei Klaus' Vater Thomas Mann beschwert. Seine Empörung begründet er "mit dem Schaden, den eine solche Geschichte für die Odenwaldschule bedeuten könne", berichtet der Erziehungswissenschaftler Martin Näf, der eine große Geheeb-Biografie veröffentlicht hat: "Über die von Klaus Mann aufgegriffene Thematik verliert er kein Wort."
Vermutlich wird sich nie mehr aufklären lassen, wie viel Wahrheit in dieser Dichtung Manns steckt. Es ist wie so häufig mit Geschichte und Geschichten: Sie lassen sich Jahrzehnte später nur mit größter Vorsicht beurteilen. Wenn die Schülerin G. D. bereits im Sommer 1918 an Geheeb schreibt, dass sie "abhängig" von ihm sei und "nach dem allen" ein "Anrecht auf einen Ring" habe, "schon um sicher, jedenfalls sicherer zu sein" - handelt es sich um den Beleg für eine Beziehung oder nur um pubertäre Mädchenträume?
Klar ist: Der Blick in die Geschichte der Odenwaldschule offenbart, dass manches spätere Problem schon bei der Gründung vorgezeichnet war. Als Geheeb kurz vor der Eröffnung 1910 um Schüler wirbt, hebt er in einer Schrift hervor, dass Kinder und Erwachsene an seiner Schule gemeinsam leben, wie in einer Familie. "Der enge Zusammenhang zwischen Alt und Jung, der mehr und mehr freundschaftliche Verkehr besonders innerhalb der als ,Familien' bezeichneten Gruppen von 6-8 sich um einen Erzieher scharenden Kindern" förderten das Gemeinschaftsgefühl.
Genau diese Struktur werden später, ab Ende der sechziger Jahre, die beiden Haupttäter, Schulleiter Becker und Musiklehrer Wolfgang H., ausnutzen. Sie wohnen in einem Haus, der eine unten, der andere unterm Dach, und in ihre Wohngruppen, die "Familien", holen sie offenbar gezielt Kinder, die sie sich zu Diensten machen können. Deren Schlafzimmer sind nur wenige Schritte entfernt. Morgens wird ihnen in den Schritt gefasst, mittags müssen sie die Lehrer befriedigen, so werden es die Schüler später erzählen. "Damals haben wir nicht einmal untereinander über das gesprochen, was wir fast jeden Tag gesehen und erlebt haben", sagt Adrian K. heute. "Das war ein geschlossenes System."
Der Tatort Odenwaldschule ist für Lehrer mit pädophilen Neigungen in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall: Hier geht es aus Tradition viel freier und freizügiger zu als an staatlichen Schulen, die Grenzen sind nicht so starr.
"Die Bauern des Hambachtals guckten jedenfalls erstaunt bei der Morgengymnastik im ,Lichtkleid'", berichtet der Bildungshistoriker Ulrich Herrmann in seiner Rede zum 100. Schuljubiläum und hinterfragt das Nacktturnen kritisch: "Hat eigentlich jemals jemand nachgefragt, was das denn für pubertierende Jungen und Mädchen eigentlich bedeutet hat? Wohl nicht, ganz im Zeitgeist von Befreiung von Konventionen."
Das 10-jährige Schuljubiläum, 1920, fällt aus, weil sich eine Mitarbeiterin der Schule in den Tod gestürzt hat: Sie hatte eine Beziehung zu Geheeb, der die Schule gemeinsam mit seiner Ehefrau leitete; erst wenige Monate zuvor hatten Geheeb und die Geliebte noch die Weihnachtstage miteinander verbracht.
Zum 20-jährigen Schuljubiläum, 1930, bekommt Geheeb ein Album geschenkt: Einige Schülerinnen haben sich nackt fotografieren lassen, "eine besonders delikate, halb ironische, halb ernsthafte, in unserer Zeit undenkbar gewordene Festgabe", schreibt Geheeb-Biograf Martin Näf 2006.
Die Freizügigkeit wird irgendwann keine Grenzen mehr kennen. Schuldgefühle müssen nicht die Peiniger haben, Schuldgefühle werden den Gepeinigten eingeredet. "Das erklärte Minimalziel war, bisexuell zu sein - wer das nicht schaffte, hatte versagt", sagt Ex-Schüler Gerhard R., der 1975 an die Schule kam und im folgenden Jahr erstmals von seinem Musiklehrer missbraucht wurde. Und der Betroffene, der im Theatersaal in drastischen Worten von dem Berserker Becker und dessen Taten gesprochen hat, berichtet über seine Schulzeit: "Wir hatten ein Gefühl: Alles geht, immer."
Fernsehmoderatorin Amelie Fried, Odenwaldschülerin ab 1969, erzählt im Jubiläumsband der Schule, wie ein Lehrer sie zum Strip-Poker in seiner Wohnung genötigt habe: Er habe sie so lange als "verklemmte schwäbische Spießerin" verhöhnt, bis sie sich "diesem Druck schließlich beugte", sich "furchtbar schämte" und die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängte".
Die Täter konnten sich offenbar darauf verlassen, dass sich ein Schweigegebot quasi vererbte, unter den Schülern und auch unter den Lehrern. Das Städtchen Heppenheim ist fünf Kilometer gewundene Landstraße entfernt, der Hand-Empfang noch heute auf weiten Teilen des Schulgeländes schlecht. So entwickelte sich hier oben auf dem Hügel ein kleiner Kosmos, in dem kritische Geister schnell als Nestbeschmutzer galten und als "Judas" beschimpft wurden, wie es ein Lehrer hören musste, der sich 1999 den kritischen Fragen eines Journalisten stellte.
Von der "inselartigen Abgeschlossenheit" hatte Schulgründer Geheeb schon in seiner Werbeschrift 1910 geschwärmt und versprochen, dass an seinem Lehrinstitut "ein Corpsgeist gezüchtet" werde. Schüler und Mitarbeiter durften sich stets als etwas Besonderes fühlen, Geheeb wählte häufig allergrößte Worte, wenn er von der Odenwaldschule sprach. Im Antrag auf Genehmigung einer Schule 1909 schreibt er von einer "Musteranstalt, die das Interesse der weitesten Kreise beanspruchen darf, insofern sie die fortgeschrittensten pädagogischen Theorien auf die Praxis anwenden" will. Und in seiner Eröffnungsrede ein Jahr später verkündet er seinen 15 Schülern: "Wir stehen am Beginne eines großen Werkes."
Tatsächlich gelingt es ihm, der Schule innerhalb weniger Jahre ein glänzendes Renommee zu verschaffen. "Täglich wurden wir von pädagogisch Interessierten besichtigt", wird ein Schüler in der Geheeb-Biografie zitiert. "Wir führten geschulte Erwachsene durch die Schule, dass es eine Ohrenweide für jeden Fachpsychologen sein musste." Zumindest dieser Schüler erkennt die Gefahr. "Man hatte uns gelehrt, dass wir anders waren als die anderen, und welches Kind, welcher Mensch übersteht es unbeschadet, wenn er merkt, dass er fortwährend bewundert wird? Was waren wir doch für Teufelskerle, wir in unserem Paradies hinter goldenen Gittern."
Es scheint dieser Mechanismus zu sein, dem später etliche Lehrer und Schüler erliegen. "Wenn Gerold Becker eine Rede gehalten hat, dann hieß es doch immer, wir sind die beste Schule der Welt mit den besten Lehrern der Welt", sagt Ex-Lehrer Salman Ansari auf der Diskussionsveranstaltung zum Hundertjährigen. Amelie Fried berichtet in dem Jubiläumsband von ihrer Erkenntnis, "dass die Tatsache, Oso-Schülerin gewesen zu sein, mich immer von anderen unterscheiden, mit allen Oso-Schülern aber für immer verbinden würde".
Zur Reputation der Schule tragen die großen Namen bei, die mit ihr verbunden sind. Beim 75. Schuljubiläum tritt Richard von Weizsäcker auf, der Bundespräsident hatte eines seiner Kinder an die Schule geschickt und dem Förderverein jahrelang als Vorsitzender gedient.
Schon in den zwanziger Jahren finden sich im Gästebuch der Schule bekannte Namen wie Karl Schmidt-Rottluff, Ludwig Thoma, Käthe Kruse, Martin Buber, Frank Wedekind, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Golo Mann. Geheeb selbst hält Kontakt zu wichtigen Menschen, als "gute Freunde" nennt er unter anderen den preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker.
Dessen Sohn wird später eine wichtige Rolle für die Schule spielen. Hellmut Becker, der die Bildungsreformen der Bundesrepublik prägt und erster Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung wird, hat als junger Anwalt Ernst von Weizsäcker, den Vater des späteren Bundespräsidenten, verteidigt. Er ist bestens verdrahtet, bestens vernetzt, auch weil ihn und andere wichtige Männer die Verehrung für einen Dichter eint: Stefan George, der einen antibürgerlichen, elitären, homoerotischen Kreis formiert hatte, der vor allem junge Männer anzog.
In der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Odenwaldschule dürfen Beckers Beiträge nicht fehlen. Darin bezeichnet er die freien Schulen als "eine Art Sauerteig im öffentlichen Schulwesen". Becker schreibt: "Das gilt insbesondere für die Internatsschulen, in denen der menschliche Intimbereich auf der Grundlage des freien Zusammenfindens von Eltern und Schülern besser geschützt ist."
Ebendieser Hellmut Becker vermittelt Gerold Becker, nicht verwandt mit ihm, an die Schule. Die beiden sind Teil eines weitgespannten Netzes, das manche als "protestantische Mafia" bezeichnen. Dazu gehört auch Hartmut von Hentig, der Lebensgefährte von Gerold Becker und ein Guru der Reformpädagogik; seine Anhänger bringen ihm eine Art Anerkennung entgegen, die einer Verehrung nahekommt, wie einst Paul Geheeb.
Hellmut Becker weiß schon bald, dass Schulleiter Gerold Becker in eindeutiger Absicht zu einem Jungen ins Bett steigt. Es handelt sich um Hellmut Beckers Patensohn, der sich hilfesuchend an den einflussreichen Mann wendet. Dessen Reaktion ist erstaunlich sanft: Er empfiehlt seinem Protegé Gerold Becker eine Therapie und achtet im Übrigen darauf, dass die Sache keine hohen Wellen schlägt. Der Schulleiter macht angeblich eine Schlafkur, danach widmet er sich anderen Jungen.
So kann man heute nur ahnen, wie viele Chancen an der Odenwaldschule verpasst worden sind, den Missbrauch zu erkennen, zu unterbinden, zu ahnden. Zwei Ex-Schüler berichten, dass sie schon Gerold Beckers Vorgänger als Schulleiter von Missbrauchsfällen erzählt haben. Und die ehemalige Mitarbeiterin Barbara B. beteuert, dass sie dem Nachfolger Gerold Beckers bereits 1985 berichtet habe, was ihr ein Schüler offenbart habe: Er habe in der vergangenen Nacht mit Becker Geschlechtsverkehr gehabt und eine Stereoanlage und Turnschuhe für seine Dienste erhalten.
Beckers Vorgänger ist tot, Beckers Nachfolger sagt, dass er sich an das Gespräch nicht erinnern könne. So geht die Suche nach der Wahrheit mühsam weiter, Bruchstück um Bruchstück, Satz um Satz.
Solange die Täter nicht reden, wird die volle Wahrheit wohl nicht zu ergründen sein, doch etliche Täter werden nie mehr reden. Auch Gerold Becker, der schwer beschuldigte und schwer erkrankte Ex-Schulleiter, ist gestorben, in der Nacht vor dem Beginn des Schuljubiläums. "Es ist bedauerlich, dass sein Leben nicht lange genug war, um Antworten auf drängende Fragen zu geben", sagt der Vorstandssprecher des Trägervereins der Odenwaldschule, Johannes von Dohnanyi, an jenem Abend in der Theaterhalle. Der Titel, unter dem die Debatte angekündigt worden ist, droht ein uneingelöstes Versprechen zu bleiben: Wahrheit.
Auf dem Schulgelände hat eine kleine Künstlergruppe wenige Stunden zuvor ihren eigenen Kommentar zum Tod Beckers veröffentlicht. Sie hat ein Plakat entworfen, links ist eine Vase mit einer welken Rose zu sehen, rechts ein Buchsbaumstrauch, im Hintergrund glänzt ein schwarzer Grabstein. Darauf steht der einfache, der wahre Satz: "Ich sterbe mich aus der Verantwortung".
(*) Christl Stark: "Idee und Gestalt einer Schule im Urteil des Elternhauses". Dissertation, Pädagogische Hochschule Heidelberg 1998.
Von Matthias Bartsch und Markus Verbeet

DER SPIEGEL 29/2010
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