19.07.2010

Leben im Stand-by-Modus

Es ist eine übereilte Zeit, allen wird alles zu viel, vor allem das ständige Blinken und Bimmeln der Handys und Smartphones. Doch jeder muss ständig präsent und für den Job verfügbar sein. Dichter, Philosophen und Naturforscher weisen einen Ausweg: Muße. Eine fast vergessene Daseinsform.
Die Zeit rast. Die Mitte des Jahres ist überschritten. Sieben Monate sind schon fast herum. Ferienzeit.
Zeit für Muße.
Neulich fiel dieser Begriff: Muße. Ein Begriff von weit her. Fremd. Verlockend. Ein Wort zum Staunen. Gibt es Muße noch in der Welt der E-Mails, der iPhones und der BlackBerrys, des permanenten elektronischen Bombardements? Ist Muße leicht oder schwer?
In Hotelprospekten heißt es, es sei leicht, sich zu entspannen. Es lohne sich. Auf jeden Fall ist es nicht ganz billig. Ist Muße Entspannung, oder ist es mehr?
Ein Versuch.
In Berlin steht ein Hotel für sehr Wohlhabende oder solche, die so sein wollen, mitten im "pulsierenden Leben", wie es in den Touristenprospekten immer heißt. Aber in diesem Hotel soll man sich auch "vollkommen entspannen" können, der Wellness-Bereich sei riesig und sehr schön, jedenfalls ist er neu. Man kann auch einfach nur einen Tag dort verbringen, "Day Spa" heißt das dann.
Das wäre eine Möglichkeit. Von Hamburg nach Berlin für einen Tag, es versuchen mit der Entspannung, sehen, ob das Muße ist. Danach, wenn man schon mal da ist in Berlin, ein Interview, das schon lange gemacht werden muss.
Der ICE 791 verlässt um 9.08 Uhr den Hamburger Hauptbahnhof. Die Landschaft rast vorbei und plötzlich: Störche, tatsächlich Störche, sie fliegen langsam, ganz unbeeindruckt vom Zug. Der Waggon ist voll, zwei Reisende am Tisch haben ihren Laptop aufgeklappt. Hinten im Waggon brüllt ein Mann in sein Handy: "Gleich bin ich weg, auf dieser Strecke sind lauter Funklöcher", und man stellt sich vor, wie der Mann von einem am Wegesrand lauernden Funkloch aufgesaugt wird und verschwindet. Der Mann brüllt weiter, man erfährt, dass er das "paper" bald vorlege.
Es gibt diese Menschen überall. Im Zug, am Flughafen, an der Kasse im Supermarkt. Das Dumme ist: Jeder ist manchmal so ein Mensch.
Vor dem Hotel in Berlin stehen 14 schwarze Limousinen, Polizei, Touristen. Eine Frau mit einer sanften Stimme zeigt den Weg in den Keller, der hier "Spa-Bereich" heißt. Es wird stiller, die Farben verschwinden, alles ist weiß hier. Die Frau öffnet die Tür zu einem vielleicht 18 Quadratmeter großen Raum. Es ist eine "Spa-Suite", die einem nun für zwei Stunden gehört, damit man wieder weiß, wie das geht: Muße.
Muße in zwei Stunden. Die Frau stellt noch ein paar Fragen. Ob es klassische Musik sein soll oder Chill-out? Klassik. Ob man Lavendel-Badezusatz haben möchte oder Sandelholz? Sandelholz. Welchen Tee? Grünen. Dann schließt sich die Tür, weiß ist der Raum, wirklich weiß, aber Ruhe? Die Musik läuft schon, klingt nicht nach Klassik, klingt nach Soundtrack, triumphales Gedröhn, aha, "Star Wars"-Filmmusik. Will man jetzt an Darth Vader denken, Krieg der Sterne?
Man setzt sich in einem zu großen Bademantel auf eine zu kleine Bank. Jetzt: "Schindlers Liste", wieder ein Soundtrack, Holocaust-Drama, diesmal sind es Hakenkreuze, die man vor sich sieht. Die Anlage lässt sich ausschalten. Vielleicht funktioniert das alles ja so: ausschalten.
Was tun? In den Whirlpool gehen? Man denkt an die Berichte von den Bakterien in den immer feuchten Zuleitungen. Sauna? Dampfbad?
Es ist langweilig. Ist Muße langweilig? Man denkt zu viel. Jetzt auch an Zen-Buddhismus. Da gilt der ständige Gedankenstrom als nicht gerade nützliche menschliche Veranlagung. Zen-Meister versuchen ihren Schülern beizubringen, während einer Meditation den Zustand innerer Stille zu erleben.
In einem Buch hieß es, Muße habe etwas mit Gegenwart zu tun, damit, die Dinge, wie sie im Moment seien, wahrzunehmen und die Gedanken nicht forteilen zu lassen in die Zukunft. Wie sind die Dinge also hier und jetzt? Die Einrichtung: griechisch-römisch-asiatisch. Eine Kaminattrappe, ein Glasfenster in der Wand, das kein Fenster ist, sondern ein Leuchtkasten, der gerade weiß-blau leuchtet.
Es ist immer noch langweilig. Eine Wand lässt sich öffnen. Dahinter ist eine Tastatur. Man kann die Farben des Leuchtkastens ändern. Weiß-Blau ist "Himmel", Grün-Orange ist "Wald", "Lavendel" lila-pink.
Endlich klopft es. Ein junger Mann kommt herein, weiß gekleidet. Er hat die dunklen Haare zu einer Art Entenschwanz hochgekämmt, er sieht aus wie Max oder Moritz aus "Max und Moritz". Es darf nicht wahr sein, jetzt gehen einem Wilhelm-Busch-Verse durch den Kopf.
Der junge Mann macht eine Gesichtsbehandlung, "eigentlich nicht kosmetisch", erklärt er, "sondern meditativ". Die Gesichtsbehandlung beginnt mit einer Fußmassage. Max/Moritz redet viel von der "Produktlinie", die er gerade verwendet. Dann drückt er auf Punkte am Kopf, in den Augenhöhlen, an den Schultern. Es tut nicht weh, aber irgendetwas passiert da, und wenn man ihn fragt, was das sei, dann redet er von "Chakren", "Energiepunkten".
Nächstes "Treatment": Meditation. Ein fensterloser Raum, ein indischer Lehrer, der einmal Mönch war und in den Luxushotels dieser Welt unterrichtet. Er bittet, die Hände aneinanderzulegen und mit ihm "Om" zu rufen.
Nachdem man dreimal "Om" gerufen hat, beginnt der Lehrer zu reden, deutsch-englisch, und das, was von seinem Singsang bleibt, ist der Satz: "You have to maintain the Gleichheit." Gute Gefühle angucken und wegschieben. Schlechte Gefühle angucken. Wegschieben. Eigentlich alles wegschieben. Gleichheit der Gefühle anstreben. Das klingt wunderbar. Man ist schon fast gleichmütig, als er sagt, es würde Jahre dauern, bis man das schaffe. Man hat aber nur noch 30 Minuten.
Nach der Meditation zurück in die Suite. Aus dem Dunkel der Handtasche, die am Eingang steht, leuchtet das Lämpchen des BlackBerrys: neue Nachrichten. Wie herrlich wäre es, jetzt die Nachrichten zu öffnen.
Es gibt Leichteres im Leben, als auf Muße zu warten. Und auch Dringlicheres. Jedenfalls wirkt es so. Die digitale Welt fordert Teilhabe. Das rote Lämpchen des BlackBerrys leuchtet regelmäßig und intensiv, es verschwindet, ist wieder da, verschwindet, ist wieder da, wie ein Herz, das schlägt. Die Suggestion wirkt: Hier schlägt der Puls des Lebens. Nachrichten öffnen, beantworten, weiterleiten - es ist nicht die Art der Geisteshaltung, die der Meditationslehrer im Hotel "maintaining the Gleichheit" nennt, aber es ist einfacher zu haben, es ist Beschäftigung, Teilhabe, Kontakt, die Vergewisserung, dass andere an einen denken. Und es ist eine Verpflichtung, die jeder eingegangen ist, der einmal angefangen hat mit dem digitalen Spiel.
Es ist eine übereilte Zeit, mit ewiger Hast, Nonstop-Präsenz und der symbiotischen Reiz-Reaktions-Beziehung zu komischen, kleinen Geräten. Es scheint schwer, fast unmöglich, auszusteigen aus dem elektronischen Netz. Und so kommt es, dass viele denken: Muße, auch das noch. Dass der Romantiker Friedrich Schlegel die Muße als "heilige Stille der Passivität" lobte, in der der Mensch sich "an sein ganzes Ich erinnern" könne, darüber kann man ja später noch einmal nachdenken. Vielleicht, wenn es doch irgendwo ein Funkloch gibt.
Wenn das rote Lämpchen leuchtet, wenn es vibriert oder klingelt, kann einen alles erwarten: die banale Botschaft, dass jemand pünktlich und wie erwartet mit dem Zug in Hannover abgefahren ist, um pünktlich und wie erwartet am vereinbarten Ort einzutreffen; es kann aber auch sein, dass Existentielles mitgeteilt werden soll: Kind verunglückt, Ehemann sauer, Chef nicht zufrieden.
Das Gehirn, von jeher darauf trainiert, auf ein neues Ereignis zu reagieren, springt an, wenn das Lämpchen leuchtet, das Belohnungssystem wird aktiviert, Neurotransmitter werden ausgeschüttet. Die Urmenschen vererbten diese Reaktionsweise an ihre Nachkommen. Sie waren auf Reize programmiert, mussten ein vorbeispringendes Tier als mögliche Mahlzeit wahrnehmen oder ein lauerndes Tier als Gefahr, demnächst selbst zu einer Mahlzeit zu werden. In Zeiten der Supermärkte und der bezähmten Wildnis müssen Menschen nicht mehr so sehr auf Tiere in Bäumen achten, und dennoch sind sie gefangen in den biochemischen Abläufen. Achtung! Handy gibt Samba-Rhythmus von sich.
Und die Erfahrung hilft nicht viel, dass von einem solchen Rhythmus keine tödliche Gefahr ausgeht. Das Gehirn springt an, der Druck ist da, wie bei einer Droge, denn es sind genau die Nervenbahnen betroffen, auf die auch Nikotin oder Kokain wirken.
Das Magazin "Wirtschaftswoche" berichtet von einem Manager, der sein Handy verlor und daraufhin kollabierte. Er war auf einer Art kaltem Entzug und musste im Krankenhaus mit Beruhigungsmitteln behandelt werden. Mit dem Handy war zu viel Leben verschwunden. Wissenschaftler sprechen schon vom Krankheitsbild der "Nomophobie", der Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein.
Muße mit Mobiltelefon - das aber wird kaum gehen. Muße stellt sich nicht ein, wenn es immer neue Reize gibt, wenn zu viel gleichzeitig zu bedenken ist, sondern nur, so heißt es in Büchern, wenn die Gedanken in Ruhe treiben können. Hier und jetzt. Das Mobiltelefon schafft einen Zustand der Anwesenheit und Abwesenheit, man ist da und doch nicht da.
Als Apple im Sommer 2008 das Apple iPhone 3 G in die Geschäfte brachte, wurde es wie ein Wunder gefeiert. Das war nicht nur ein Telefon, sondern ein schlanker Computer für die Hosentasche, der unglaublich viel konnte: im Internet surfen, fotografieren, Videos aufnehmen. Vor den Apple-Geschäften bildeten sich Schlangen, alle wollten das neue iPhone haben; der Kunde, der es in der Tokioter Schlange nach ganz vorn geschafft hatte, war von Reportern und Kameraleuten umstellt und berichtete, er habe drei Tage lang vor dem Geschäft campiert, um das Gerät zu bekommen.
Alle Kunden dachten darüber nach, was an dem Gerät noch besser sei als an seinem Vorgänger. Wie sich herausstellte, war es vor allem besser darin, seine Nutzer beschäftigt zu halten. Ein iPhone funktioniert über Apps, je mehr Programme die Nutzer haben wollen, desto mehr Apps können sie sich auf das Gerät laden, immer wieder bietet das iPhone neue Upgrades und Downloads an. Es ist, als forderte es von sich aus Kontakt, Nähe, Zuwendung, als gäbe es da eine Verwandtschaft des iPhones mit dem Tamagotchi, diesem leicht absurden Gerät, das Mitte der Neunziger von Japan aus den Markt überschwemmte: Tamagotchis waren Computerspielzeuge, etwa so groß wie Taschenuhren, und sollten virtuelle Haustiere sein, die man füttern und schlafenlegen musste, um zu verhindern, dass sie verkümmerten.
Das iPhone verkümmert nicht, aber es fordert den Nutzer, weil es immer noch besser werden kann. Der Konzern Apple erfindet Geräte, die zwar schlicht aussehen und leicht zu bedienen sind, aber einen perfiden Sog ausüben, der dazu führt, dass die Nutzer tiefer und tiefer in die digitale Welt hineingeraten, in der es alles gibt, nur keine Muße.
Bis zum April 2010 sind weltweit mehr als 50 Millionen iPhones verkauft worden. Insgesamt ist die Zahl der Mobilfunkverträge von gut 500 Millionen Anfang des Jahrhunderts auf heute 5 Milliarden gestiegen.
Das lateinische "Computum" war das Wort für den Rosenkranz, mit dem Christen ihre Gebete zählten. In den Gebeten baten sie mit den immer gleichen Worten um Hilfe. Durch die ständige Wiederholung ähnelt diese Art zu beten dem Mantra aus den fernöstlichen Meditationslehren. Zu beten und zu meditieren, das geht nur mit Muße. Erstaunlich, dass ausgerechnet aus "computare", "berechnen", sprachlich der "Computer" wurde: der Beschleuniger der Weltgeschichte.
Alle, die sich einmal in die digitalen Welten begeben haben, wollten Zeit sparen, vielleicht sogar Zeit gewinnen für Entspannung, Muße. Und die Geräte machten Spaß.
Alle haben gedacht, dass es herrlich sei, nicht mehr alles mit Briefen und Telefonanrufen regeln zu müssen. Alle haben gedacht, dass es wunderbar sei, nicht mehr mit richtigen Filmen zu fotografieren, Filme nicht mehr zum Entwickeln bringen zu müssen, auf die Ergebnisse zu warten, dann erst zu sehen, dass die Belichtung auf den Aufnahmen nicht gestimmt hat und alles verdorben ist. Doch weil es so einfach geworden ist mit den Fotos, wird heutzutage unendlich viel mehr fotografiert als noch vor zehn Jahren. Am Ende müssen unzählige Fotos verwaltet, gelöscht, archiviert und verbessert werden.
"Es ist, als wären die Wände unserer Häuser zu Membranen geworden, absolut durchlässig für alles, für alle Nachrichten und Neuigkeiten", schreibt der amerikanische Sachbuchautor William Powers in seinem Buch "Hamlet's BlackBerry", in dem er den Verlust der Muße beklagt: "Die Neuigkeiten schwirren um uns herum, wir spielen ständig fangen."
90 Prozent der 12- bis 13-jährigen deutschen Jugendlichen besitzen bereits ein Handy. Die über 18-Jährigen haben schon fast alle eins: 98 Prozent. Am Bahnsteig oder an den Gates der Flughäfen nutzt kaum jemand die Wartezeit, um nachzudenken.
Einer Studie zufolge lesen 60 Prozent der amerikanischen Besitzer von mobilen E-Mail-Geräten ihre Nachrichten schon morgens im Bett, 37 Prozent, während sie am Steuer sitzen, und 10 Prozent legen das Gerät über Nacht neben ihr Bett und antworten sogar um 3.12 Uhr oder 4.24 Uhr auf Nachrichten, die mit absurdem Gedudel angekündigt werden.
Eine Umfrage des Personaldienstleisters Randstad besagt, dass jeder Dritte an freien Tagen dienstliche Anrufe bekomme. Meinungsforscher von Emnid fanden heraus, dass mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer im Urlaub auf geschäftliche E-Mails antwortet.
Es ist ein Leben im Stand-by-Modus.
Neurologische Studien haben ergeben, dass der Mensch nur alle drei Sekunden in der Lage ist, neue Informationen aufzunehmen. Wenn also während der Autofahrt, vorbei an Stopp- und Vorfahrtsschildern, Termine gemacht werden, ergibt sich im Kopf eine Art mentales Verkehrschaos.
Pädagogen beklagen, dass Kinder heute zu wenig spielen. Auch junge Gymnasiasten müssten noch spielen, das aber, so behaupten Eltern und Lehrer, ist in Zeiten des verkürzten Abiturs kaum noch möglich. Freizeit gestrichen.
Doch Spiel ist Muße in Reinform, alle Kinder können es und machen es von sich aus. Selbst ein Leistungsmensch wie der Dichter Friedrich Schiller behauptete in seiner Schrift "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", abgefasst in den Jahren 1793 bis 1795, dass im "Spieltrieb" Glückseligkeit und Vollkommenheit zueinanderkämen und dass das "ästhetische Spiel" den Menschen erst zum "humanen Menschen" mache.
Wer aber die Kommunikationstechnik nutzt, verändert sich. Er passt seinen Lebensrhythmus den Geräten an und spürt kaum noch, dass er langsamer und weniger kreativ arbeitet. Allein in den USA sollen Angestellte 28 Milliarden Arbeitsstunden verplempern, weil sie sich ständig ablenken lassen, 588 Milliarden Dollar koste das pro Jahr, sagen Experten der Beratungsfirma "Basex".
Es wird immer schwerer, sich auf einen bestimmten Gedanken, einen Aspekt im Leben zu konzentrieren. Die Außenwelt fordert Teilnahme, so sehr, dass die Innenwelt verkümmert. Wer wartet auf einen Anruf von mir? Eine solche Frage ist wichtiger als die, ob man gerade wirklich telefonieren möchte. Die Energien fließen in die Bedürfnisse anderer. Sie bei sich zu behalten, dafür bedürfte es - und schon die Formulierung klingt heute betulich - Momenten der Sammlung.
Eltern versuchen ihren Kindern in nervenzehrenden Erziehungsprozessen beizubringen, nicht in die Gespräche von Erwachsenen hineinzureden, doch dieselben Eltern sind sofort bereit, vor den Augen ihrer Kinder ihre Gespräche zu unterbrechen, nur weil ein Telefon klingelt.
Forschungen haben ergeben, dass es sehr viel länger braucht, sich nach einer Unterbrechung wieder auf etwas zu konzentrieren, als die eigentliche Unterbrechung dauerte. Die ganzen unnützen Störungen und die daraus folgende Zeit, die man braucht, um sich wieder auf die eigentliche Arbeit zu konzentrieren, fressen angeblich 28 Prozent der Arbeitszeit am Tag.
Solange das Leben gut läuft, ist vieles auszuhalten. Doch in krisenhaften Zeiten kann es sein, dass auf einmal das Instrumentarium der Bewältigung fehlt. Dieses Instrumentarium kann nur aus der Innenwelt kommen, und es ist nie einfach so da, sondern entsteht erst im Wechsel von Erfahrungen und deren Verarbeitung - für die Zeiten der Muße nötig wären.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel berichtet in ihrem Bestseller "Brief an mein Leben" von ihren Erfahrungen mit dem Burnout, wie sie zusammenklappte, weil sie vor lauter Verpflichtungen gar nicht mehr gewusst hatte, wie sie mit Warnsignalen ihres Körpers umgehen sollte. Meilensammeln statt Muße - irgendwann ging gar nichts mehr.
Der Entspannungstag im Luxushotel ist zu Ende. Es war wunderbar, sonderbar, neu - aber war das Muße? Wenn Muße, wie alle immer sagen, "Bei-sich-Sein" bedeutet, dann war es keine Muße. Es war ein neuer Reiz in einer nicht gerade reizarmen Welt.
Aufbruch jetzt, die Zeit drängt. Nun ein Taxi, um es pünktlich zum vereinbarten Interview zu schaffen. Im Taxi läuft orientalische Musik. Das ist anstrengend, weil im Kopf noch das "Ommmmm" des Meditationslehrers nachklingt. Man fragt sich, warum Muße mitten in Europa etwas Asiatisches geworden ist. Yoga statt Spaziergang. Meditation statt Beten.
Das Taxi fährt durch die Invalidenstraße, vorbei am Naturkunde-Museum. Ein Inbegriff des alten Europa. Hier werden Steine und Pflanzen und ausgestopfte Tiere gesammelt. Man muss an Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) denken, den alten Dichter, der auch dauernd Steine sammelte. Für ihn war das Muße. Goethe verstand viel von Muße. Viele alte große Geister Europas verstanden etwas von Muße. Aber kann das, was sie darüber wussten, den hypermodernen Menschen noch etwas sagen? Es kann.
Sich mit Muße zu beschäftigen bedeutet immer, über das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft nachzudenken, über den Wunsch dazuzugehören und den manchmal nötigen Abstand. Das ist nicht erst seit der Digitalisierung ein Thema. Es gehört zum Menschen dazu, genauso wie der Gegensatz von Arbeit und Freizeit dazugehört, wie auch das Verhältnis von Mensch und Maschinen. Das Thema Muße ist mit allen diesen großen Menschheitsthemen verbunden, und deswegen haben sich Dichter, Philosophen und Naturforscher immer mit der Muße befasst. Sie tun es bis heute.
Sie haben in der Natur, bei den Tieren und in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns nach dem Muße-Prinzip gesucht, immer wieder. Und herausgekommen ist meist ein Lob der Muße.
"Die Muße scheint Lust, wahres Glück und seliges Leben in sich selbst zu tragen", sagte der griechische Philosoph Aristoteles. "Wenn der Mensch zur Ruhe gekommen ist, dann wirkt er", erklärte der italienische Renaissance-Dichter Francesco Petrarca. "Das glücklichste Los", sagte der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, sei die "Entbindung vom Tun und Lassen".
Der alte Goethe erhob die Muße zum Daseinsprinzip. Natürlich war er immer beschäftigt, mit der Botanik, mit den Steinen, doch die Erkenntnisse, die er gewann, gingen nur über Umwege in seine Dichtung ein: "Über allen Gipfeln ist Ruh / in allen Wipfeln spürest Du / kaum einen Hauch / (…)Warte nur, balde ruhest du auch".
In dieses Altersgedicht Goethes sind naturwissenschaftliche Überlegungen eingeflossen, aber entscheidend an diesen Zeilen ist der Appell des Dichterfürsten, dass nur ein einziger Zustand im Angesicht des Todes, der nun mal alle erwartet, angemessen ist: der Zustand der Ruhe. Ruhe, die den Naturbetrachter überwältigen kann.
Die Natur war für Goethe ein Abbild der Muße, weil die Natur nichts will, nichts bezweckt, sondern aus sich heraus vollkommen ist: "Natur und Kunst sind zu groß, um vom Zwecke auszugehen."
Goethes Hauptwerke, "Faust I" und "Faust II", werden von Germanisten als Tragödien der Übereilung interpretiert. Doktor Faustus hastet gemeinsam mit dem Teufel durch sein Dasein, will immer das Nächste und Übernächste, er ist, so wie es im "Faust II" heißt, "der Zukunft nur gewärtig / Und so wird er niemals fertig".
Vielleicht würde Goethe heute seinen Faust mit dem iPhone ausstatten? Und Mephisto sich immer wieder neue Apps ausdenken.
Faust war der vorweggenommene Inbegriff des modernen Menschen, Faust hatte das ganze Misstrauen seines Schöpfers, der mit zunehmenden Jahren einen regelrechten Kult ums Langsamsein entwickelte. In den Badeorten, die Goethe besuchte, sah man ihn betont gemächlich auf und ab schreiten.
Goethe trieben dabei die Gedanken vom Verhältnis des Menschen zu seinen Erfindungen um. Die Segnungen, die der Fortschritt über die Menschen brachte, und die Nachteile, die am Ende dazu führen, dass der Mensch die Muße nicht mehr kennt. Auch im "Faust" geht es um das Thema Mensch und seine Erfindungen, Goethe variiert es hier oft, und letztlich kulminiert seine Haltung in einem Satz: "Am Ende hängen wir doch ab, von Kreaturen, die wir machten."
Man muss Goethe in seinem Fortschrittsskeptizismus nicht folgen, doch tatsächlich lassen sich das Verhältnis von Mensch und Maschine und das Fehlen der Muße, das daraus resultiert, genauso sehen, nämlich als die Geschichte eines Missverständnisses.
Jahrtausendelang lebten Ackerbauern überall auf der Welt im Rhythmus der Tages- und Jahreszeiten. Saat und Ernte, dann wieder Muße. Anspannung, Entspannung, Anspannung, Entspannung. Heute stellt man sich vor, wie die Bauern in ihren Mußestunden am Feuer saßen und sich Geschichten erzählten. Es ist ein Sehnsuchtsbild. Ähnlich gemütlich das Leben der Jäger und Sammler: wie sie in der Höhle saßen, wenn es draußen stürmte, die Vorräte aßen und herumlungerten, weil es einfach nichts zu tun gab.
Aber für die Jäger und Sammler und auch für die Ackerbauern war die Abhängigkeit vom Wetter und vom fehlenden Licht am Abend hart. Das Jagen, Sammeln, Ackerbestellen war körperliche Schwerstarbeit, weswegen auch das Verb "ackern" an diese Zeiten erinnert: "Ich ackere wie ein Wahnsinniger."
Dann kam das Industriezeitalter. Die Maschinen nahmen den Menschen viele Lasten ab, das elektrische Licht machte die Nacht zum Tag, und all das galt als großer Fortschritt, als Erleichterung. Und doch wurden genau auf diese Weise die Voraussetzungen für die 24-stündige Nonstop-Arbeit geschaffen, für die Vertreibung der Muße. Jede Maschine war eine Hilfe, manchmal vielleicht sogar ein Spaß. Das Ergebnis aber war nicht ganz das, was man wollte: Anspannung rund um die Uhr.
Mit dem Engagement der Gewerkschaften in der Mitte des 20. Jahrhunderts haben Arbeitnehmer viel mehr und vor allem eine geregeltere Freizeit bekommen.
Durch die Digitalisierung ist es heutzutage sogar möglich, während der Arbeitszeit das Büro zu verlassen, denn man ist ja vernetzt und ständig über E-Mail und Telefon erreichbar, kann also vielleicht die Kinder aus der Kita holen und abends dann die Arbeitszeit wieder aufholen. Die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem sind fließender geworden. Wunderbar. Eine Riesenchance. Und ein Verhängnis: Wenn alle immer und überall erreichbar sind, gibt es keine Freizeit mehr, keine Muße.
Doch das Problem sind nicht die Geräte, auf die sowieso niemand verzichten will und kann. Die Entwicklung ist unumkehrbar. Das Problem ist die Haltung zu den Geräten und überhaupt die Haltung zur Arbeit oder vielmehr: zum Beschäftigtsein. Die Geräte, die Handys, die Smartphones, die Computer zeigen, wie beschäftigt ihr Nutzer ist. Und die Gesellschaft achtet den Beschäftigten und misstraut dem Müßiggänger. Das Ergebnis skizziert der Schriftsteller Eugen Roth in einem Gedicht: "Ein Mensch sagt - und ist stolz darauf / Er geh' in seinen Pflichten auf. / Bald aber, nicht mehr ganz so munter, / geht er in seinen Pflichten unter."
Der Soziologe Max Weber machte für den Kult um das Beschäftigtsein in seiner Schrift "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" die evangelischen, vor allem die calvinistischen Christen verantwortlich. Mit Arbeitsfleiß in der diesseitigen Welt, so hätten diese Christen gehofft, verbesserten sich die Aussichten, ins Paradies zu kommen, denn nicht allen Christen sei dies vorbestimmt - "Prädestinationslehre", so wird in der Theologie diese Auffassung genannt.
In diesem Geist entstanden Sinnsprüche wie "Sich regen bringt Segen" und "Müßiggang ist aller Laster Anfang".
Über die Leistung konnten sich die Bürger des 18. und 19. Jahrhunderts auch vom Adel abgrenzen. Der Adel galt als Klasse der Müßiggänger. Auf ihren Schlössern feierten sie Feste, und um den Kult um die Muße noch mehr zu steigern, ließen sie sich Landsitze für den Sommer bauen, denen sie vielsagende Namen gaben. Der eigentlich fleißige Friedrich der Große nannte sein Sommerschloss "Sanssouci" (ohne Sorge), ein Zeichen dafür, dass auch er den Ansprüchen seines Standes, zur Muße fähig zu sein, genügen wollte.
Die Bürger setzten der Muße des Adels das sichtbare Werk entgegen. Die Maßeinheit für den Wert des Werks wurde das Geld. Was kein Geld brachte, galt als unnütz. Und so zog Max Weber eine direkte Linie von der protestantischen Arbeitsethik zum Beginn des Kapitalismus.
Doch auch der Kommunismus ist immer eine Arbeitsideologie gewesen. Die DDR war der "Arbeiter-und-Bauern-Staat", ein ganzes Land definierte sich über Leistung. Das lag am antifeudalen Selbstverständnis der Sozialisten, man wollte nicht so sein wie die "Junker". Der kommunistische Chefideologe Wladimir Iljitsch Lenin war ein fanatischer Eiferer gegen den Müßiggang, so sehr, dass er sich sogar auf ein Bibelzitat berief: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen", so hatte der Apostel Paulus in einem Mahnschreiben an die Thessalonicher geschrieben. "Die Müßiggänger schiebt beiseite, diese Welt muss unser sein", heißt es in der "Internationalen", dem Bekenntnislied der Arbeiterbewegung.
In der Antike war all das vollkommen anders. "Arbeit und Tugend schließen einander aus", hatte Aristoteles behauptet. Körperliche Arbeit war bei den Griechen verpönt, man war der Ansicht, sie stumpfe den Geist ab. Sich die Hände schmutzig zu machen, dafür hatte man Sklaven. Den griechischen Denkern war völlig fremd, was die Nachgeborenen späterer Jahrhunderte so antrieb: dass nämlich Muße Belohnung für harte Arbeit sein könnte. Muße war Zweck an sich. Es sollte ein Zustand erreicht werden, in dem man eigentlich im Grunde wunschlos glücklich ist. Als König Alexander der Große auf den kynischen Philosophen Diogenes traf, der angeblich in einer Tonne wohnte, und ihn fragte, was er ihm für einen Wunsch erfüllen könne, sagte der nur: "Geh mir aus der Sonne." Kontemplation als Lebenszweck und Daseinsgrund.
Der griechische Philosoph Aristoteles hielt "die Muße für die Schwester der Freiheit". Der römische Politiker und Schriftsteller Cicero war sicher, dass "Nichtstun erquickt". "Cum dignitate otium", Muße mit Würde, sei das Ziel eines jeden Staatsbürgers, schrieb Cicero. Der Gegenbegriff zu "otium" war "negotium", die Arbeit. Schon sprachlich beschrieb otium somit den eigentlichen Zustand, negotium lediglich die Verneinung dieser schönen Daseinsform.
Naturforscher wiesen immer wieder darauf hin, dass viele Tiere ausgesprochen mußefähig sind. Der König der Tiere liegt 20 Stunden des Tages auf seinem Fell und erhebt sich nur zum Jagen und Fressen.
Die Evolution, so die These der Forscher, belohne all diejenigen, die ein gutes Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag gefunden hätten. Der Nacktmull zum Beispiel lebe in Gängen unter der ostafrikanischen Savanne, investiere minimalen Aufwand in seinen Stoffwechsel und erreiche ein für Nagetiere biblisches Alter von fast 30 Jahren. Die hyperaktive Hausmaus erliege im Schnitt nach drei Jahren dem Exitus durch Burnout.
Bei Menschen gehört der Drang, unentwegt tätig zu sein, keineswegs zum Dasein dazu. Der Schimpanse jedenfalls, mit dem der Mensch über 98 Prozent der Gene teilt - nächste Verwandtschaft al-so -, gibt sich selbst in Hungerzeiten nur sieben Stunden am Tag mit Nahrungssuche ab. Den Rest der Zeit laust er seine Gefährten, schmust und döst herum.
"Unter Druck gerät vor allem das Frontalhirn in eine solche Unruhe", sagt der Hirnforscher Gerald Hüther, "dass dort kein Erregungsmuster für die Steuerung von Handlungen mehr aufgebaut werden kann." Dabei sei, so Hüther, das Frontalhirn genau der Bereich, in dem komplexe Strategien zum Lösen von Problemen entwickelt wurden.
Was hilft? Muße. Um dem Frontalhirn den Druck zu nehmen. Singvögel wie Amseln oder Blaukehlchen singen ihre schönsten, "buntesten Liedchen", wie Hüther sagt, "nur, wenn es ihnen sozusagen um gar nichts geht", weder ums Balzen noch um den Kampf mit dem Konkurrenten. Auf gelassene Weise tätig zu sein, empfänden auch die Menschen als erfüllend. "Wir bekommen so Anschluss an unsere Ressourcen", so Hüther, "darunter auch unbekannte."
Wenn es um nichts gehe, entdecke der Mensch auf einmal sich selbst und könne sehr viel.
Es gibt berühmte Beispiele. Der Physiker Isaac Newton habe unter einem Apfelbaum gelegen, so schrieb sein Biograf William Stukeley, auf einmal sei ein Apfel heruntergefallen - und Newton sei auf die Idee gekommen, die Himmelsmechanik beruhe auf den gleichen Gesetzen, die Äpfel von Bäumen zur Erde fallen lasse.
René Descartes, ein Philosoph des 17. Jahrhunderts, studierte bei den Jesuiten und fühlte sich außerstande, früh aufzustehen. Seine Lehrer kübelten eimerweise kaltes Wasser über ihn, er aber schlummerte einfach weiter, denn im Halbschlaf dachte er nach. Später sollte dieser träg-geniale Mensch die Dualität von Körper und Geist postulieren und so zum Kernsatz seiner Philosophie vordringen: "Ich denke, also bin ich." Denken und Sein im Übergang von Traum und Tag.
Der britische Philosoph Bertrand Russel schrieb: "Ohne die Klasse der Müßiggänger wären die Menschen heute noch Barbaren." "Warum sind denn die Götter Götter?", fragte Friedrich Schlegel. Antwort: "Weil sie mit Bewusstsein und Absicht nichts tun."
Doch auch die Dichter und Philosophen wussten, dass Muße zwar erstrebenswert ist, aber eben nicht einfach zu haben: "Dass es so leicht ist, nichts mehr tun zu wollen. Dass es uns so schwerfällt, wirklich nichts zu tun", wunderte sich der Philosoph Ernst Bloch. Lange vor Bloch hatte schon Aristoteles gemahnt: "Und so leuchtet denn ein, dass man auch für den würdigen Genuss der Muße erzogen werden muss." Und der britische Schriftsteller Oscar Wilde meinte: "Gar nichts tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt."
Dass das plötzliche Nichtstun den Menschen belasten kann, hat körperliche Gründe, so sagen Mediziner. Anspannung falle dem Körper leichter als Entspannung. Daran seien wiederum die prähistorischen Vorfahren schuld: Schnell Energien mobilisieren zu können war überlebenswichtig.
Die Angst vor Leere, vor Langeweile schreckt Hochleistungsmenschen, doch Muße ist - folgt man den Definitionen der Denker - etwas völlig anderes als Faulenzen. Langeweile bedeute die Abwesenheit von Interesse, so sagen sie. Muße aber heiße, sich in aller Ruhe und zweckfrei dem hinzugeben, was Freude mache und interessiere. Somit sei die Muße dem Tätigsein näher, weswegen der Begriff im Altgriechischen mehrere Bedeutungen habe: sowohl Ruhe als auch Studium und Schule.
Dichter und Denker haben immer behauptet, Muße könne die tollsten Gedankensprünge hervorbringen. Insofern müsste die Leistungsgesellschaft genau diesen Zustand eigentlich anstreben.
Und doch, das dürfte das Schwierige an der Muße sein: Sie lässt sich nicht zwingen. Muße sei nur Muße - darin sind sich alle einig, die sich damit beschäftigten -, wenn es nicht wie in Schule und Studium um Ergebnisse gehe. Der Dichter Arthur Schopenhauer meinte, wenn der Geist "wahrhaft müßig" sein solle - und das sei sowieso die Voraussetzung zum Philosophieren -, dann "muss er keine Zwecke verfolgen und also nicht vom Willen gelenkt sein".
Es kann also etwas dabei herauskommen, muss aber nicht.
Für die Leistungsgesellschaft dürfte das die eigentliche Herausforderung sein. Da geht es um etwas nicht Messbares, nicht Kontrollierbares. Und die Leistungsgesellschaft misst und kontrolliert gern, nichts anderes zeigen ja die Studien, die die Leistungsfähigkeit moderner Menschen unter digitalem Beschuss untersuchen.
Der Taxifahrer fährt weiter die Invalidenstraße entlang, zum Treffpunkt des Interviews. Etwas weiter weg sieht man Reichstag und Bundeskanzleramt. Es sind die Hochdruck-Arbeitsstätten, in denen über die Zukunft des Landes entschieden wird. Mußefreie Zonen.
Als die Regierung der Bundesrepublik noch in Bonn saß, gab es Wochenenden ohne Politik. In der Berliner Republik überschlagen sich aber auch am Samstag und Sonntag die Ereignisse, es herrscht der maßlose Anspruch an Politiker, jederzeit auf alles Mögliche reagieren zu müssen - und in der Enttäuschung darüber, dass viele Politiker nur noch getrieben wirken, liegt ebenfalls Maßlosigkeit. Wie sollten sie denn anders wirken als getrieben - in einem Leben ohne Pause?
In der Wirtschaftswelt herrscht noch mehr Tempo. Es reicht inzwischen aus, wie neulich passiert, dass ein volltrunkener Börsianer aus Versehen den Ölpreis hochtreibt, und die Märkte kollabieren beinahe. Die Märkte reagieren auf alles. Sofort. Die Dinge nehmen ihren Lauf.
Die Arbeitswelt ist - wie auch die Muße - zu einer Sphäre geworden, in der sich nichts mehr berechnen lässt. Wenn auch ganz normale Arbeitnehmer mit ihrem Laptop ihr Büro quasi überall dabeihaben und nicht in 8-bis-16-Uhr-Kategorien denken, ist es sehr schwierig zu beurteilen, wann jemand arbeitet und wo überhaupt die Freizeit anfängt.
Wenn sich die Arbeit aber nicht mehr berechnen lässt und die Muße auch nicht, dann wäre es Zeit, dass sich der hypermoderne Mensch von der Muße/Arbeit-Dichotomie befreit. Arbeit als das Messbare, Muße als das Unwägbare - dieser Gegensatz stimmt nicht mehr.
Warum sollte dann aber das Leistungsprinzip so viel bedeutsamer für die Gesellschaft sein als das andere, ebenso wenig zu kontrollierende Prinzip der Muße? Für Muße immerhin gibt es eine Maßeinheit: Glück. Muße ist eine Empfindung, und zwar immer eine positive. Muße und schlechte Gefühle schließen einander aus.
Wenn sich aber zu dem, was man tut, eine positive Empfindung einstellt, ist schon viel gewonnen. Ein solcher Mensch merkt, ob es gut ist, was er tut, oder eben nicht, und befindet sich damit in einem weit weniger prekären Zustand als jener Mensch, der besinnungslos an der Börse zockt oder getrieben Politik betreibt.
Dass erst aus den Gefühlen sinnvoll Gedanken und also auch Handlungen entstehen, das hat Johann Wolfgang von Goethe so gesehen: "Erst Empfindung, dann Gedanken / Erst ins Weite, dann zu Schranken", das war seine Forderung - letztlich eine Aufforderung an alle, in Muße tätig zu sein.
"Dieser Prozess des Gebärens der Gedanken aus den Gefühlen aber bedeutet nichts weniger, als die Sturzbäche des sich übereilenden Denkens über die langsamen Mühlen der Gefühle und Empfindungen zu leiten", so interpretiert Goethe-Fachmann Manfred Osten in seinem Buch "Goethes Entdeckung der Langsamkeit" das Lebensprinzip des Geheimrats.
Goethe lebte vor, dass man Muße wollen muss, dass es eine bewusste Entscheidung des Einzelnen sein kann, sich in Muße den Dingen zu widmen. Goethe hatte gemerkt, wie sich das Leben seit der Französischen Revolution, nach 1789, enorm beschleunigte, doch er entschied sich gegen den Geist der Zeit fürs Langsamgehen. Fürs Steinesammeln, in aller Ruhe.
Muße ist eine Frage der Haltung. Der Entscheidung. Einer Entscheidung, die für viele heute in der Hypermoderne schon gefallen ist.
Der US-Autor William Powers zum Beispiel lebt in den USA, arbeitet überwiegend von zu Hause aus, also vor dem Bildschirm, und schreibt medienkritische Kolumnen.
Powers empfiehlt regelmäßigen "Internetsabbath". Er, seine Frau und sein Sohn hätten sich bildschirmfreie Wochenenden verordnet, weil sie gemerkt hätten, dass sie zu Hause kaum noch zusammensaßen, sondern jeder nur noch an seinem Bildschirm.
Er gibt zu, dass die ersten Wochenenden hart waren, dass sie sich leer und unruhig fühlten. Irgendwann aber hätten sich die Freunde und Arbeitgeber daran gewöhnt, die Dinge mit ihnen unter der Woche zu regeln. "An den Wochenenden ist unser Haus eine Insel, weit weg vom Wahnsinn."
Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen, 50, arbeitet für seine Bücher an einem uralten Computer, der nur eines kann: ihn Texte schreiben lassen. Das ist noch keine Muße, aber eine Entscheidung gegen die Ablenkung, also eine Voraussetzung für Muße.
Der Computer, der wenig kann, könnte ein Modell der Zukunft werden. Der aufs Nostalgische setzende Lifestyle-Ausstatter "Manufactum" offeriert ein solches Gerät und verlangt eine Menge Geld dafür.
Einige US-amerikanische Hotels bieten ungestörten Urlaub, garantiert ohne Funk- und Internetverbindung.
In Kirchen ist seit langem nichts mehr von der Prädestinationslehre zu hören, in den Gemeindehäusern wird meditiert.
Weltweit gibt es schon Dutzende "Slow Cities", kleine Städte, die sich - ein neudeutsches Lieblingswort - der "Entschleunigung" verschrieben haben. "Slow Food" ist die Gegenbewegung zum "Fast Food". Es ist eine Entdeckung der Langsamkeit und der Naturverbundenheit.
Auch Langsamkeit ist noch keine Muße, aber sie kann ein Weg dorthin sein.
Muße ist für jeden etwas anderes. Für den einen Klavierspiel, für den anderen ein Spaziergang. Und wenn Muße etwas Individuelles ist, müssen auch die Auswege aus dem digitalen Wahnsinn individuell sein.
Giacomo Casanova hat in zahllosen Liebesakten Muße - und wohl auch Ablenkung - gesucht und einen schönen Satz geschrieben: "Das Dasein ist köstlich, man muss nur den Mut haben, sein eigenes Leben zu führen."
Und für die Weigerung, sich ständig den Ansprüchen von außen zu unterwerfen, hat der amerikanische Autor Herman Melville eine literarische Figur gefunden. In der Erzählung "Bartleby, der Schreiber" von 1853 treibt Bartleby den Notar, bei dem er angestellt ist, zur Verzweiflung, weil er immer wieder sagt: "Ich würde vorziehen, es nicht zu tun."
Im Zug zurück nach Hamburg. Abfahrt Berlin Hauptbahnhof 18.17 Uhr. Das Interview hat nicht mehr geklappt. Es hätte klappen können, doch der Interviewpartner rief an und klang gehetzt. Er werde sich verspäten. Es sei alles ein bisschen viel. Und er war erleichtert, als man ihm vorschlug, das Interview zu verschieben, in den nächsten Tagen zu telefonieren, wenn es besser passe.
Der Zug rast durch Mecklenburg. Herrliche Landschaft. Weite. Ruhe. Diesmal keine Störche. Das Lämpchen des BlackBerrys leuchtet rot. Der Knopf zum Ausschalten ist auch rot. Der IT-Techniker, der den BlackBerry erklärt hatte, als man ihn bekam, hatte gesagt, man solle das Gerät nicht so oft ausschalten, der BlackBerry möge das nicht, der Akku werde zu schnell leer. Der BlackBerry mag es nicht? Macht nichts. Ausschalten. Jetzt.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 29/2010
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