19.07.2010

„Wir brauchen Veränderungen“

Mariela Castro über Wirtschaftsreformen und die Menschenrechte in ihrem Land, das Verhältnis zu ihrer Familie und Kubas sexuelle Revolution
Castro, 47, ist die Tochter des amtierenden Staatschefs Raúl und Nichte von Fidel Castro. Die Direktorin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung CENESEX setzt sich offensiv für die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen ein. Auf Einladung des Hamburger Theatermachers Corny Littmann, Ex-Präsident des Bundesliga-Aufsteigers FC St. Pauli, kommt sie Anfang August nach Deutschland. Mariela Castro ist mit einem Italiener verheiratet und hat drei Kinder.
SPIEGEL: Frau Castro, Sie sind Vorkämpferin für eine moderne Aids- und Sexualpolitik, wie man sie eher aus den westlichen Demokratien kennt. Sind das die Vorboten von Reformen und einer überfälligen Liberalisierung in Kuba?
Castro: Das könnte womöglich so sein.
SPIEGEL: Warum dauert das so unendlich lange? Selbst der Präsident, Ihr Vater, gibt doch offen zu, dass etwa im Bereich der Landwirtschaft die Lage schlechter ist als je zuvor. Er hat die Ineffizienz von Staatsbetrieben scharf kritisiert. Reformen sind also überlebensnotwendig für Kuba.
Castro: Unser Volk steht hinter der kubanischen Variante des Sozialismus, er soll nur besser sein als bisher. Wir sind selbstkritisch genug, das zu wissen und auch, dass unsere Menschen mehr Flexibilität und Liberalität wollen. Wie das gehen kann, darüber wird momentan in vielen Gremien diskutiert. Das ist ein langsamer Prozess, aber es bewegt sich was.
SPIEGEL: Davon ist nicht viel zu merken.
Castro: Und es bewegt sich doch, wie schon Galilei gesagt hat. Wir müssen aber vorsichtig sein. Kuba ist ein Land, das immer Feinde hatte und unter dem Druck mächtiger Gruppen in den USA steht, die unser Land wirtschaftlich beherrschen wollen.
SPIEGEL: Viele Oppositionelle haben die Geduld verloren. Im Februar starb der Gefangene Orlando Zapata nach einem 85-tägigen Hungerstreik, mit dem er für die Freilassung anderer politischer Häftlinge demonstrierte. Die Regierungen der USA und der EU haben das Verhalten Havannas scharf kritisiert.
Castro: Dieser Streik hatte keinen politischen Hintergrund. Zapata wollte persönliche Vergünstigungen für sich im Gefängnis durchsetzen: Telefon, Fernsehen und eine Küche. Natürlich hat niemand seinen Tod gewollt, aber er wurde aus dem Ausland, aus Miami, angespornt, weiterzumachen und seine Aktion bis zum Ende fortzusetzen. Er wurde benutzt für eine Pressekampagne gegen Kuba.
SPIEGEL: Sie machen es sich zu einfach. Auch renommierte kubanische Künstler plädieren offen gegen Denkverbote. Der beliebte Liedermacher Pablo Milanés beispielsweise hat gerade erst an die Regierung appelliert mit den Worten: "Ideen diskutiert und bekämpft man, man sperrt sie nicht ein."
Castro: Für Meinungsfreiheit wird in Kuba niemand bestraft. Wenn freie und unbequeme Gedanken bei uns unter Strafe stünden, wäre ich mit meinem Eintreten für sexuelle Selbstbestimmung eine gute Kandidatin für das Gefängnis gewesen. Diese Leute sind im Gefängnis, weil sie von Washington bezahlte Söldner sind.
SPIEGEL: Wenn das wirklich alles Hochverräter wären, könnten Sie die doch jetzt nicht so einfach freilassen. 52 politische Gefangene sollen nun freikommen.
Castro: Das ist nicht das erste Mal, dass Söldner und Terroristen nach politischen Gesprächen ausreisen durften. Das zeigt, dass Kuba immer zu vernünftigen Gesprächen bereit ist. Aber wir entscheiden eigenständig.
SPIEGEL: Mit der Meinung, dass es sich um Söldner und Terroristen handelt, steht Kubas Regierung weltweit allein da. Wie wollen Sie ohne Reformen die Abwanderung von jungen, gutausgebildeten Kubanern aufhalten?
Castro: Kuba ist ein armes Land. Die meisten Kubaner gehen nur, wenn sie woanders bessere ökonomische Bedingungen finden. Deshalb brauchen wir Veränderungen. Wir müssen Anreize bieten, die Menschen hier zu halten. Wir müssen eine attraktivere Politik für die Jugend machen, damit die auch wirtschaftlich einen Sinn darin sieht zu bleiben. Wir brauchen Wachstum und bessere Lebensqualität für alle.
SPIEGEL: Vor allem brauchen Sie mehr Freiheit: mehr und bessere Handys, unbeschränkte und bezahlbare Nutzung des Internets und der neuen Medien zum Beispiel.
Castro: Kubaner sind neugierig, nicht weniger als andere Völker auch. Wir möchten alles probieren, aber wir wollen auch selbst entscheiden, was gut für unser Land ist und was nicht.
SPIEGEL: Warum ist Kuba ausgerechnet bei den Rechten für Homosexuelle so mutig? Immerhin hat Ihr Onkel, der Revolutionsführer Fidel Castro, behauptet, ein Homosexueller habe nicht "die Charakterstärke eines Revolutionärs".
Castro: Der erfolgreiche Kampf der Frauenbewegung für Gleichberechtigung hat die Tür geöffnet, auch gegen andere Vorurteile in unserer Gesellschaft offensiv zu kämpfen. Das ist wie eine neue Revolution. Und das musste auch Fidel anerkennen.
SPIEGEL: Gibt es einen persönlichen Grund, dass Sie sich so für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzen?
Castro: Sexuelle Identität und Orientierung ist für mich ein Menschenrecht, das auch von der Uno akzeptiert werden sollte. Natürlich provozieren Neuerungen in diesem Bereich Widersprüche, erst recht in einer Gesellschaft, in der es so viele revolutionäre Prozesse gibt wie bei uns.
SPIEGEL: Kubas Revolutionäre gefielen sich immer sehr in ihrer Rolle als Frauenhelden und echte Machos. Waren sie homophob?
Castro: Nicht mehr als andere in anderen Gesellschaften der damaligen Zeit in Europa oder Amerika auch. In manchen Fragen waren die Ideale unserer Revolution sehr fortschrittlich, in anderen eben nicht.
SPIEGEL: Viele Jahrzehnte lang wurden Schwule in Kuba in Umerziehungslager gesteckt. Auch heute noch führt die Polizei immer wieder Razzien an Treffpunkten von Homosexuellen durch. Haben die Reformen noch nicht gegriffen?
Castro: Die Polizei geht nicht immer mit ganz legalen Mitteln vor, deshalb haben wir noch viel Arbeit vor uns, auch bei der Erziehung der Polizei.
SPIEGEL: Haben Sie den Erfolg Ihrer Arbeit Ihrem Familiennamen zu verdanken?
Castro: Ich weiß es nicht. Es gab und gibt natürlich auch Widerstand in der Partei, Proteste der Bevölkerung und von Seiten einiger Kirchen. Und manchmal ist es auch der Name Castro, der Widerspruch provoziert.
SPIEGEL: Warum haben Sie einen Gesetzentwurf erst einmal wieder zurückgenommen, der gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften von Männern und Frauen legalisieren sollte? Ging das Ihrem Vater zu weit?
Castro: Nein, er hat das verstanden und auch unterstützt. Aber es gibt Leute in seinem Umfeld und in manchen Kirchenleitungen, die das nicht verstehen können. Wir kämpfen weiter. Wo es Menschen gibt, gibt es sexuelle Unterschiede und Homosexualität, auch in der Kommunistischen Partei. Die Gegner müssen erkennen, dass unsere Politik auch vielen Parteimitgliedern nützt - damit sie trotzdem politische Karriere machen können.
SPIEGEL: Sprechen Sie mit Ihrem Vater Raúl über Politik?
Castro: Bevor mein Vater Präsident wurde, hatten wir viel mehr Zeit, darüber zu sprechen. Damals hat er mich in meiner Arbeit unterstützt, jetzt ist das viel schwieriger geworden. Er hat zu Recht gesagt, das ist dein Kampf, und den musst du gewinnen.
SPIEGEL: Wie geht es Ihrem Onkel? Mischt er sich weiterhin in die Politik ein?
Castro: Seit Fidel krank wurde, habe ich ihn nicht mehr getroffen. Aber von meinem Vater weiß ich, dass es ihm wieder gutgeht. Es hat ja auch internationale Besucher gegeben, die ihn seitdem getroffen haben.
SPIEGEL: Die Parteizeitung "Granma" veröffentlicht regelmäßig seine umstrittenen "Reflexionen". Zuletzt hat er das vorzeitige Ende der Fußball-Weltmeisterschaft prophezeit, weil er mit einem Krieg gegen Iran rechnete.
Castro: Er hat noch viel Energie, er schreibt viel und möchte am liebsten immer noch die Welt verändern. Er mischt sich aber immer weniger in die Tagespolitik ein. Dafür gibt es jetzt andere.
SPIEGEL: Ihr Vater Raúl ist mit 79 Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Können Sie sich vorstellen, ihn eines Tages politisch zu beerben?
Castro: Nein, ich habe meine Rolle in der Politik gespielt, beruflich und als Staatsbürgerin. Meine Eltern haben sogar verhindert, dass ich für andere politische Aufgaben vorgeschlagen wurde, weil Politik auch emotional belastend ist. Sie wollten mich wohl schützen.
SPIEGEL: Wie wird Kuba nach der Ära Castro aussehen?
Castro: Ich hoffe, dass die Wirtschafts-, Finanz- und Handelsblockade gegen Kuba aufgehoben sein wird, damit die Wirtschaft wächst und die Löhne steigen. Ich hoffe aber auch, dass wir unsere Unabhängigkeit nicht aufs Spiel setzen, dass wir nicht schwach werden und unsere Ideale von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit nie verraten. Dafür haben unsere Eltern gekämpft, das sind wir ihnen schuldig.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 29/2010
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