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TIERE

Asyl für Alligatoren

Von Koch, Julia

Veterinäre an der Münchner Uni betreuen herrenlose Krokodile, gruselige Giftschlangen und bissige Schildkröten. Die Haustiere ohne Kuschelfaktor sind nur schwer vermittelbar.

Tierarzt Markus Baur ist nie allein in seinem Büro. Das düstere Kämmerchen teilt er mit seinem Kollegen Tobias Friz - und mit allerlei Getier. Derzeitige Belegung: eine Erdschildkröte, eine Mexikanische Dünnschlange, zwei Vogelspinnen, mehrere Rotkopf-Plattschildkröten, Kreuzbrustschildkröten, Chinesische Pfauenaugenschildkröten, Schlammschildkröten, eine Eierschlange. "Woanders war kein Platz mehr", erklärt Baur.

Die Veterinäre betreuen gegenwärtig rund 600 Tiere in der Auffangstation für Reptilien an der Münchner Universität, mehr als 1700 Exemplare waren es seit Beginn des Jahres. Viele konnten weitervermittelt werden - darunter auch die neun jungen Nilkrokodile, die Baur und Friz Ende Juni mit Air Berlin in einen spanischen Tierpark eskortierten.

"Für jedes Tier, das wir unterbringen können, kriegen wir zwei neue", seufzt Baur, "wir wissen nie, was morgen kommt."

Fast täglich laden Zoll, Feuerwehr und Polizei beschlagnahmte, ausgesetzte oder entlaufene Reptilien ab; überforderte Hobbyhalter stellen Papiertüten mit Krokodilbabys vor die Tür; Tunesien-Urlauber wollen ihre eingeschmuggelten Landschildkröten wieder loswerden.

Viele Terraristikeinsteiger bemerken zu spät, was sie sich aus Zoohandlungen, von Exotenbörsen oder per Internetversand ins Wohnzimmer geholt haben. Die meisten Reptilien wachsen ein Leben lang, Alligatoren bringen es schon mal auf stolze vier Meter und sind auch bei den Nachbarn eher unbeliebt. Selbst ein vergleichsweise harmloser Grüner Leguan, erzählt Baur, "wird ein Zwei-Meter-Prügel, der das Wohnzimmer als sein Eigentum betrachtet".

Doch immer mehr Tierhalter finden die schuppigen Wechselwarmblüter spannender als Hund, Katze oder Goldhamster. Im Jahr 2002 wurden rund 460 000 lebende Reptilien nach Deutschland eingeführt, 2009 waren es bereits fast 600 000. Die Zahl der Exoten in Tierheimen hat sich seit 2005 beinahe verdreifacht, in Berlin eröffnete vor kurzem eine eigene Exotenstation. "Die kleineren Heime können sich das gar nicht leisten", erklärt Henriette Mackensen vom Deutschen Tierschutzbund, "der Bedarf ist aber überall vorhanden."

Im Münchner Reptilienasyl hausen viele der gestrandeten Exoten im idyllischen Innenhof. Uni-Gebäude und Wohnhäuser grenzen an die kleine Fläche, gegenüber residiert ein Priesterseminar. In Tümpeln und Terrarien, Gewächshäusern und Drahtkäfigen hocken die merkwürdigsten Geschöpfe. Chinesische Weichschildkröten etwa paddeln in trübem Wasser - urzeitliche Wesen mit schnorchelartiger Nase und ledrigem Panzer.

Unter Artenschutz stehen die Kuba-Leguane. Friz und Baur fanden sie in der Wohnung eines krankhaften Tiersammlers im Münchner Umland: "Der Tier-Messie ist ein alter Bekannter", sagt Baur. "Im Schnitt alle zwei Jahre werden wir da hingerufen." Bei der letzten Räumung stießen Polizei und Tierärzte auf rund 2000 Tiere, davon 200 Reptilien, aber auch Affen und Spinnen.

Auch die kleinen Mississippi-Alligatoren stammen aus seiner bizarren Kollektion. Seit zwei Jahren warten sie auf ein neues Zuhause. "Alligatoren sind sehr intelligent, sie reagieren auf ihre Besitzer, und manche hören sogar auf ihren Namen", sagt Reptilienfachmann Friz. An Privatleute könne man sie durchaus vermitteln: "Es gibt sehr verantwortungsvolle Krokodilhalter."

Der Besitzer von Alligator Ali gehört nicht dazu: Vorvergangene Woche entdeckte ein Autofahrer die 170-Kilo-Echse auf einer Baustelle in Frankfurt am Main. Ali war aus einer Reptilienshow ausgebüxt. Anfang Juli erst hatte die Polizei im südhessischen Groß-Rohrheim ein herrenloses Krokodil vor einem Motorradgeschäft eingefangen; es gehörte zu einem kleinen Wanderzirkus.

Spektakulärer verlief im April die Suche nach einer Monokelkobra in einem Mehrfamilienhaus in Mülheim an der Ruhr. Die Giftschlange war aus ihrem Terrarium im Dachgeschoss entwichen. Die Mieter flohen, Schlangenjäger entkernten die Wohnung, sperrten die Straße, versiegelten das Haus und präparierten es mit Klebefallen, die dem flüchtigen Reptil zum Verhängnis wurden - allerdings erst nach drei Wochen. Mausetot und ausgetrocknet pappte das Tier am Tesafilm.

Zu lokaler Bekanntheit brachte es "Leoparden-Manni" aus Hamburg-Ottensen: Im vergangenen August rammte ihm seine Gabunviper die Giftzähne in die Hand; der glücklose Schlangenfan konnte gerade noch den Notruf wählen, ehe ihn die Bewusstlosigkeit ereilte. Schon 1996 und 2004 war "Leoparden-Manni" jeweils von einer seiner Klapperschlangen gebissen worden.

Auch die Münchner Reptilienretter beherbergen eine kleine Berühmtheit. Vor acht Jahren machte Geierschildkröte Eugen als "Ungeheuer vom Dornacher Weiher" Schlagzeilen (SPIEGEL 27/2002). Im Kiesweiher hinter dem Münchner Messegelände wurde eilig das Baden untersagt ("Lebensgefahr!"), nachdem Angler das gewaltige Panzertier gesichtet hatten. Nach wochenlanger Krötenhatz landete Eugen in der Obhut von Baur und Friz.

Gerade die Schildkröten machen den Tierärzten Sorgen - Geierschildkröten wie Eugen und die ebenfalls bissigen Schnappschildkröten dürfen nicht mehr von Privatleuten gehalten werden und sind somit nicht vermittelbar. Trotzdem tauchen immer wieder Fundtiere auf. Derzeit drängeln sich an die 200 Wasserschildkröten im Münchner Reptilienasyl.

"Schnappschildkröten sehen so schön dinomäßig aus, das gefällt den Leuten eben", erklärt Friz. "Aber man kann zuschauen, wie die aus dem Becken rauswachsen."

Viele Reptilien werden nicht nur groß und stark, sondern auch steinalt - ein Faktor, den spontane Exotenerwerber ebenso gern übersehen wie die Tatsache, dass sie irgendwo in ihrer Wohnung ein feuchtwarmes Klima von konstant 30 Grad Celsius schaffen müssen. Manche Tiere benötigen auch eine Nachtabsenkung oder mögen es noch heißer. Friz: "Spornschildkröten zum Beispiel sind afrikanisches Sahelzonenklima gewöhnt, da braucht man eigentlich ein privates Kernkraftwerk."

Von Haltungsverboten für exotische Tiere, wie sie regelmäßig von Tierschutzorganisationen gefordert werden, halten die beiden Fachtierärzte dennoch nichts. "Generelle Verbote treffen vor allem die engagierten und sachkundigen Halter", glaubt Baur, "und eben nicht diejenigen, die im Keller heimlich eine Mamba verstecken."

Manche Bundesländer haben eigene Verordnungen zum Umgang mit Gift- und Gefahrtieren erlassen; in Hessen beispielsweise ist die Haltung gefährlicher Tiere durch Privatleute seit kurzem verboten. In Nordrhein-Westfalen dagegen gibt es weder Verbote noch Meldepflicht.

Für Baur und Friz sind die guten Tage solche, an denen sich ein passender Halter für einen ihrer Schützlinge findet. So wie neulich, als eine meterlange Boa constrictor von ihrem neuen Besitzer abgeholt wurde - einem Altrocker mit Zwergpinscher: "Eine Seele von Mensch mit ganz hervorragender Sachkenntnis", lobt Baur.

Die Freude der Veterinäre währte nicht lange. Nach wenigen Tagen brachte der Rocker zwar nicht die Schlange zurück, dafür aber 24 unverhoffte Baby-Boas. Bei Interesse bitte melden.


DER SPIEGEL 29/2010
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