26.07.2010

JUGEND„Panische Angst“

In einem Ferienlager für Kinder auf Ameland soll es zu sexuellen Gewaltszenen gekommen sein. Die Betreuer waren wohl überfordert. Politiker fordern nun strengere Ausbildungsregeln.
Fisten. Sechs Buchstaben, ein Wort, nicht jedem geläufig. Vielleicht kann die Verwirrung über diesen Begriff erklären, wie es in einem Ferienlager für Jugendliche auf der holländischen Nordseeinsel Ameland zu Gewaltszenen kommen konnte. Wie bis zu 13 Jugendliche im Alter von 14 bis 15 Jahren laut Zeugenaussagen offenbar mindestens sechs Kinder misshandelt haben sollen.
Angeblich hätten Kinder schon während der Reise Betreuern gemeldet, dass Kinder "gefistet" würden. Und offenbar hätten diese mit dem Wort wohl nichts anfangen können.
Dass Kinder dieses Wort kennen, zeugt einerseits davon, wie leicht sie vor allem übers Internet die Sprache der Pornos erlernen und sich dabei sexuell aufladen. Dass sie den Begriff aber falsch verwendeten, zeigt auch, wie verstört sie der Konsum zurücklässt.
Unter Fisten wird das Eindringen von Fingern, Hand oder Faust (englisch: fist) in Vagina oder Anus verstanden, aber nicht der Missbrauch mit Flaschenhälsen oder Besenstielen. Doch genau das soll auf Ameland geschehen sein.
Die Staatsanwaltschaft in Osnabrück ermittelt gegen Jugendliche wegen des Verdachts der Körperverletzung und des schweren sexuellen Missbrauchs. Im Blickfeld stehen aber auch Betreuer der Reise, denen ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung droht. Im Laufe der vergangenen Woche kam der Vorwurf an die Öffentlichkeit, dass das Personal noch während der Ferientage über eigenartige Vorgänge im Schlafsaal mit den doppelstöckigen Eisenbetten informiert gewesen sein soll. Bis Freitagabend war keiner der Betreuer für eine Stellungnahme erreichbar.
Es wird noch einige Zeit dauern, bis eindeutig geklärt sein wird, was genau unter den 39 Jungen im Schlafsaal des Jugendheims vorgefallen ist. Aber schon jetzt ist sicher, dass es die über hundert Jahre alte deutsche Tradition, Jungen und Mädchen in großen Gemeinschaften aufs Land und an die See zu verschicken, in der bisherigen Form wohl kaum noch geben darf. Denn in den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis der Jugendlichen zu Gewalt, Alkohol und Sex allzu sehr gewandelt. Und damit sind auch die Ansprüche an die zumeist ehrenamtlichen Betreuer erheblich gestiegen.
Politiker und Fachleute arbeiten schon seit Wochen an strengeren Regeln für Betreuer von Jugendlichen. Denn das Thema beschäftigt so gut wie alle Eltern irgendwann einmal: Mindestens 50 000 Ferienreisen für Kinder und Jugendliche mit weit über 1,5 Millionen Teilnehmern werden jedes Jahr in Deutschland organisiert, meist von Ehrenamtlichen.
Inzwischen ist eine Debatte über die Qualität dieser Ferienlager ausgebrochen, die ein Dilemma zutage fördert: Um Kinder und Jugendliche besser als bisher zu schützen, müssen die Betreuer besser ausgewählt und ausgebildet werden. Die verschärften Vorgaben dürften jedoch die meisten Anbieter überfordern. Es wäre das Ende vieler Jugendreisen.
Die Rekonstruktion der Gewaltszenen auf Ameland gestaltet sich für die Ermittler bislang schwierig, denn bis Ende vergangener Woche kannte die Staatsanwaltschaft lediglich die Aussagen von Tätern und Opfern. Objektive Beweise wie Bildmaterial, Tatwerkzeuge oder rechtsmedizinische Gutachten über Verletzungen fehlen bisher.
Laut Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer hätten die mutmaßlichen Täter mehrmals versucht, unter anderem 0,5- und 1,5-Liter-Cola-Flaschen aus Kunststoff in den Anus der Opfer einzuführen. Begonnen habe es damit, dass sich in einem Schlafsaal des Hauses "Silbermöwe", in dem die 39 Jungen untergebracht waren, eine "regelrechte Hierarchie" entwickelte, sagt Retemeyer. Aus der Gruppe der Älteren, die in einer Ecke des Schlafsaals übernachtete, habe sich ein "vier- bis fünfköpfiger Kerntrupp" herausgebildet, der sich sogar einen eigenen Namen gegeben habe. Im Internet tauchte später die Bezeichnung auf: "Die Analindianer der Fist-Prärie".
Jedes Jahr verbringen 20 000 Kinder vorwiegend aus Deutschland ihre Ferien ohne Eltern auf Ameland. Ein Grund für die Beliebtheit ist der geringe Preis: 260 Euro kostete etwa die 13-Tage-Reise des Stadtsportbundes Osnabrück, inklusive Vollverpflegung. Auf dem Programm stand viel Idylle: Treckerfahrt am Strand, Tour mit Kutter, Nachtwanderung, Lagerfeuer und eine Strandolympiade.
Früher hatten sich auch schon mal 200 Kinder für die Reise nach Westfriesland angemeldet, dieses Jahr waren es nur 170. Die Organisatoren waren deshalb offenbar nicht abgeneigt, als sich die Mutter eines Jungen an den Stadtsportbund wandte: Ihr Sohn sei ja schon oft mit nach Ameland gefahren, er sei nun aber 15 Jahre und damit zu alt. Ob da nicht mal eine Ausnahme gemacht werden könne? Der Stadtsportbund ließ den 15-Jährigen mitfahren, obwohl Ausnahmen eigentlich ausgeschlossen waren. Zwei weitere 15-Jährige beriefen sich darauf und durften ebenfalls mit. Zwei der drei gehörten zu den mutmaßlichen Tätern.
Der Osnabrücker Freizeitleiter Dieter Neuhaus hatte ein weiteres Problem: Er fand nur 13 Betreuer, die die offizielle Jugendleiterkarte "Juleica" hatten. Sie sollte eigentlich Voraussetzung sein, um als Betreuer mitzufahren - zumindest dann, wenn man Zuschüsse bekommen will. Die Stadt Osnabrück zahlte für jeden Betreuer mit Juleica 4,10 Euro am Tag, für die Reise also 53,30 Euro.
Was aber sollte Neuhaus machen, der schon 36-mal mit Jugendgruppen auf Ameland war? Die 37. Fahrt absagen? 170 Kinder enttäuschen? Der pensionierte Obergerichtsvollzieher musste auf den Zuschuss verzichten und suchte die restlichen Betreuer im Bereich Sozialpädagogik der Fachhochschule Osnabrück. Zehn Studenten fuhren für eine kleine Aufwandsentschädigung mit. Den Rest füllte Neuhaus mit Helfern auf, die schon früher im Feriencamp waren, aber eben ohne spezielle Schulung. Gemeinsam belegten sie noch ein Vorbereitungsseminar.
Auch dieses Mal schien alles gut gelaufen, glaubte Wolfgang Wellmann, Chef des Stadtsportbundes, als die 200 Reisenden am 8. Juli zurückkamen. Am nächsten Tag allerdings rief die Mutter eines 13-jährigen Zeugen an. Ihr sei aufgefallen, dass sich ihr Sohn auf Ameland so verändert habe. Und auf Nachfrage habe er ihr von den Vorfällen im Schlafsaal berichtet. So kam die Sache zur Kripo.
Die Taten hätten, so Oberstaatsanwalt Retemeyer, mit einer "Bestrafungsaktion" der Älteren gegen ein jüngeres Ferienkind begonnen. Dieser Junge habe sich innerhalb der Hierarchie "zu viele Freiheiten" gegenüber den Älteren rausgenommen.
Aus der Bestrafung habe sich ein "offenkundig negativ gemeintes Ritual" entwickelt, von dem immer mehr jüngere Kinder betroffen gewesen seien. Ein einzelner Junge sei angeblich "fünf- bis sechsmal" Opfer von Vergewaltigungsversuchen mit Hilfe von Gegenständen geworden. Die Tatverdächtigen hätten nicht mehr erkannt, was für eine "panische Angst vor dem Einführen von Flaschen" geherrscht habe.
Mehrere Kinder sagten bei der Polizei aus, dass sie Betreuern angeblich vom "Fisting" berichtet hätten. Diese hätten aber offenbar nicht gewusst, so die Ermittler, was damit gemeint gewesen sei. Die Polizei geht auch einem Hinweis nach, wonach ein Begleiter beim Essen Anspielungen auf die Analpraktiken gemacht habe - und er diese auf keinen Fall dulden werde.
Wellmann gibt zu, dass Betreuer bereits in der ersten Woche mitbekommen hätten, dass unter den Kindern das "Szenewort Fisting" benutzt worden sei. Der Leiter des Hauses "Silbermöwe", dem die Vokabel unbekannt gewesen sei, habe im Internet nachgeschaut. "Bei nächster Gelegenheit", sagt Wellmann, habe dieser das Thema bei den im Speisesaal versammelten Kindern angesprochen. Ihr redet über Fisting, lasst die Finger davon, tut das nicht, das ist gefährlich, habe der Hausleiter sinngemäß erklärt. Wenn einem tatsächlich so etwas widerfahren würde, solle er sich melden. Nach Angaben von Wellmann hätten der Hausleiter und zwei weitere Betreuer versichert, dass sie "in keinem einzigen konkreten Fall" von Kindern auf derartige Vorfälle angesprochen worden seien.
Während die Betreuer offenbar in der Melange aus Naivität und Sorglosigkeit über das Geschehen im Schlafsaal hinwegsahen, trieben die Jugendlichen ihr brutal-kindliches Spiel weiter. Im Internet schrieb ein Osnabrücker Gymnasiast: "Die Analindianer kommen, finden dich und visten dich. so jesus vistus uns beistehe."
Die Kölner Kriminalpsychologin Sabine Nowara hat Hunderte Fälle sexueller Übergriffe Jugendlicher begutachtet, viele verbinde der regelmäßige, manchmal übermäßige Konsum von harter Pornografie auch im Internet. "Viele Minderjährige bekommen beim exzessiven Surfen ein völlig schiefes Bild von Sexualität", sagt Nowara. Viele Teenies hielten Fisting-Praktiken für "völlig normal". Doktorspiele drifteten viel schneller als früher in Unterdrückung und Erniedrigung ab.
Etwa 60 Prozent der Täter, die Nowara begutachtete, bagatellisierten ihre Übergriffe. Ein 14-Jähriger konnte nicht nachvollziehen, warum sein zwölfjähriges Opfer immer dermaßen über Oral- und Analverkehr klagte - die Frauen im Netz hätten doch auch Spaß daran. Zehn Prozent der Kinder verübten ihre Taten gemeinsam mit anderen; sie gaben an, sich gegenseitig angestachelt zu haben.
Doch was heißt das für Ferienfahrten? Fälle von sexuellem Missbrauch gab es zwar auch in der Vergangenheit, selbst in einem anderen Freizeitcamp auf Ameland. Doch da war ein Betreuer der Täter.
In Berlin beschäftigen sich seit einigen Wochen gleich zwei Runde Tische mit der Frage, wie der Schutz von Kindern verbessert werden kann. In einem internen Diskussionspapier wird ein Bündel von Maßnahmen vorgeschlagen: Meldepflichten müssten sichergestellt, Beschwerdeverfahren eingerichtet werden, Jugendeinrichtungen sollten einen Managementplan zum Umgang mit Verdachtsfällen vorlegen und klare Vorschriften zur Dokumentation bekommen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will sie dazu verpflichten, selbst vorbeugende Maßnahmen gegen Missbrauch vorzunehmen.
2009 haben sich die Jugendminister der Länder geeinigt, dass Betreuer mindestens 30 Stunden über Rechts- und Organisationsfragen, psychologische und pädagogische Grundlagen unterrichtet werden müssen. Auch der Kinder- und Jugendschutz steht ausdrücklich auf dem Lehrplan. Alle drei Jahre ist eine Fortbildung notwendig. In Niedersachsen dauert der Jugendleiter-Kurs 50 Stunden. Doch welcher Ehrenamtliche, der seinen Sommerurlaub in einem lauten Jugendcamp verbringt, opfert Tage und Wochen zur Vorbereitung?
Während die Kriminalpolizei in der Woche nach dem Ferienlager fieberhaft ermittelte, tauschten sich die Ferienkinder aus dem Haus "Silbermöwe" schon wieder in der lokalen Internet-Community aus. Es sind Dokumente, in denen mit kindlicher Sorglosigkeit über brutale Sexualstraftaten gesprochen wird.
Einer sagt: "aber so krass wie das inner zeitung steht war das eig nich."
Und ein anderer resümiert: "Die Polizei war heute bei mir und hat mich wegen der fisterei befragt. voll heftig 2 Stunden musste ich mich mit denen unterhalten! das war so schlimm!"
Von Sven Becker, Michael Fröhlingsdorf, Guido Kleinhubbert, Udo Ludwig und Sven Röbel

DER SPIEGEL 30/2010
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