26.07.2010

ROHSTOFFESchokofingers Superwette

Ein britischer Hedgefonds treibt die Kakaopreise in die Höhe, auch Zucker und Weizen geraten ins Visier von Spekulanten - der Beginn einer neuen Teuerungswelle für Agrarprodukte?
Der Geschäftsmann Anthony Ward lebt in Verhältnissen, die selbst im exklusiven Londoner Viertel Mayfair als ausgesprochen luxuriös gelten. Mit seiner Familie residiert er in einem 500-Quadratmeter-Stadthaus mit fünf Schlafzimmern, jeweils mit Bad, das Personal hat einen Trakt für sich. Und wenn Ward am Abend auf der Veranda einen Wein öffnet, dann gern eine Flasche vom eigenen Gut am Fuß des Paardebergs bei Kapstadt.
Der Mann kann es sich gutgehen lassen, das Geschäft mit Kakao hat ihm zu märchenhaftem Wohlstand verholfen: Der 50-jährige Brite mit dem Spitznamen "Schokofinger" steht an der Spitze von Armajaro, einem Agrarhandelshaus, das er 1998 gegründet hat und zu dem auch ein Hedgefonds gehört - der in den vergangenen Wochen an den Märkten für Furore sorgte: Ward hat, so berichten Händler, Terminkontrakte in ungeheurer Dimension gekauft, insgesamt geht es um Papiere für die Lieferung von 241 000 Tonnen Kakao im Wert von einer Milliarde Dollar.
Die Menge entspricht rund sieben Prozent der Weltjahresernte; sie würde ausreichen, Deutschland ein Jahr lang mit Schokolade zu versorgen.
Genug Ware jedenfalls, um auf dem überschaubaren Kakaomarkt die Preise mächtig in Bewegung zu setzen: Vorvergangene Woche kletterte der Preis auf ein 33-Jahres-Hoch.
Das Besondere am Coup des Briten: Er hat die Kontrakte an der Londoner Warenterminbörse Liffe nicht, wie sonst üblich, vor Fälligkeit weiterverkauft, sondern ließ sich die Bohnen ausliefern. Damit kontrolliert Armajaro fast die gesamte Ware, die derzeit in registrierten Lagerhäusern in Europa aufbewahrt wird, von Liverpool über Rotterdam bis Hamburg.
Verarbeiter und Händler werfen Ward nun vor, den Markt künstlich einengen zu wollen, ihn zu "cornern", wie sie es nennen. "Der Markt wird von einigen wenigen, die Börsenpositionen kontrollieren, zunehmend manipuliert", sagt der Hamburger Kakaohändler Andreas Christiansen, die Spekulanten machten sich die Intransparenz der Londoner Börse zunutze. Den Schaden hätten die kleineren Trader, deren Absicherungsgeschäfte plötzlich nicht mehr aufgingen: "Hier sind ganz viele Leute reingefallen." Ward selbst will zu diesen Vorwürfen nicht Stellung nehmen.
Die Turbulenzen am Kakaomarkt sind nur der jüngste Beleg dafür, dass wieder spekuliert wird, dass die internationalen Finanzmärkte die Agrarrohstoffe erneut entdeckt haben.
Massiv drängen sie in das Geschäft mit Weizen und Kaffee, mit Reis und Soja, längst bestimmen nicht mehr Angebot und Nachfrage die Notierungen, sondern Investmentbanken und Hedgefonds: Agrargüter sind zum Spielball der Spekulanten geworden.
Nicht nur der Kakaopreis ist in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen. Weizen ist seit April um 17 Prozent teurer geworden, Soja um 12 Prozent. Zucker kletterte Anfang des Jahres innerhalb weniger Monate auf den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten, stürzte dann um fast die Hälfte ab, kostet jetzt aber wieder fast 6 Prozent mehr als noch im April.
Im Juni ist der Nahrungsmittelindex der Welternährungsorganisation FAO, der die Preisentwicklung der wichtigsten Agrargüter zusammenfasst, wieder auf 163 Punkte gestiegen. Er liegt damit nur noch 15 Prozent unter dem Höchststand von 191 Punkten im Krisenjahr 2008.
Damals verteuerten sich die Reispreise innerhalb von nur sechs Monaten um 277 Prozent, Mais wurde so unerschwinglich, dass sich Millionen Mexikaner ihre Tortilla nicht mehr leisten konnten, das Grundnahrungsmittel. In Haiti, Ägypten und über 30 anderen Staaten kam es zu Hungerrevolten.
Verantwortlich für den Preisanstieg war in erster Linie der Trend, Agrarrohstoffe als Biosprit zu verwenden. Doch es war auch das Jahr, in dem zum ersten Mal öffentlich darüber diskutiert wurde, dass sich an den Börsen nicht mehr nur Getreidehändler tummeln, die sich mit Warentermingeschäften gegen schlechte Ernten absichern, sondern dass die großen Player der Finanzmärkte das Geschäft mit den Agrarrohstoffen für sich entdeckt haben.
Goldman Sachs machte im vergangenen Jahr allein mit Rohstoffen fünf Milliarden Dollar Gewinn. Die Bank of America, die Citigroup und die Deutsche Bank mischen hier ebenso mit wie Morgan Stanley und J.P. Morgan.
Sie bieten nicht mehr nur klassische Fonds an, sondern handeln mit Finanzinstrumenten, die ähnlich funktionieren wie die Ramschkredite auf dem inzwischen zusammengebrochenen US-Immobilienmarkt: Collateralised Commodity Obligations, genannt CCOs, heißen die Produkte, bei denen der Gewinn sich nach den Preisen an der Börse richtet. Je teurer also Weizen, Reis und Sojabohnen gehandelt werden, desto größer der Gewinn. Der Markt verhalte sich ähnlich wie während der Internetblase Anfang des Jahrzehnts oder vor der Kreditkrise, konstatierte der ehemalige Merrill-Lynch-Co-Chef Gregory Fleming bereits im Mai 2008.
Tatsächlich enden nur noch zwei Prozent der Termingeschäfte auf den Rohstoffmärkten mit einem realen Austausch von Ware, stellte die Welternährungsorganisation in einer Untersuchung im Juni fest. "Damit ziehen solche Geschäfte Investoren an, die nicht am Rohstoff selbst, sondern am spekulativen Gewinn interessiert sind", heißt es fast schon hilflos bei der FAO.
Doch so groß die Empörung in Politik und Gesellschaft über die Lebensmittelspekulanten vor zwei Jahren war, geändert hat sich seither so gut wie nichts. "Paradoxerweise hat die Finanzkrise für eine kurze Verschnaufpause auf den Agrarmärkten gesorgt, mit dem Anziehen der Weltwirtschaft verschärfen sich die Knappheitsprobleme aber wieder", warnt Joachim von Braun, Agrarökonom am Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung und lange Jahre Leiter des renommierten International Food Policy Research Institute in Washington.
Denn während an den Börsen der Handel mit Agrarrohstoffen wieder zunimmt, sind die grundsätzlichen Ursachen nicht beseitigt, die seit Jahren zu steigenden Lebensmittelpreisen führen: Noch immer steht die Produktion von Ethanol und Biodiesel in direkter Konkurrenz zur Herstellung von Lebensmitteln. Noch immer ist Energie so teuer, dass die Kosten für Düngemittel und Transport die landwirtschaftliche Produktion unrentabel machen. Gleichzeitig könnte 2010 das heißeste Jahr seit Aufzeichnung der Wetterdaten werden, Dürren in Osteuropa und Westafrika gefährden die Ernten.
Beim World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen befürchtet man das Schlimmste: "Die Lage in vielen Ländern ist schon jetzt dramatisch", sagt Ralf Südhoff, Leiter des WFP-Büros in Berlin. Der traurige Rekord von mehr als einer Milliarde hungernder Menschen weltweit könnte in diesem Jahr noch eingestellt werden.
Experten wie Braun, aber auch Hilfsorganisationen und Unternehmen fordern deshalb eine strengere Regulierung an den Finanzmärkten. Schon im März beschwerte sich Andreas Land, Geschäftsführer beim Gebäckhersteller Griesson-De Beukelaer, darüber, dass Zertifikate über 60 Millionen Tonnen Kakao gehandelt würden; das entspreche dem Zwanzigfachen der physisch verfügbaren Jahresmenge. "Das ist weder gut noch tolerabel", so der Manager, "mit Lebensmitteln darf nicht spekuliert werden, es sei denn, man nimmt die Ware auch ab." Strenggenommen würde es sich dabei um eine Re-Regulierung handeln. Denn zumindest in den USA hat der Commodity Exchange Act von 1936 über Jahrzehnte das Spekulieren mit Agrarrohstoffen begrenzt. Dank der gezielten Lobbyarbeit der Finanzindustrie wurde das Gesetz in den neunziger Jahren aufgeweicht, das Geschäft mit den Nahrungsmitteln nahm erheblich zu. Agrarökonom Braun fordert deshalb mehr Transparenz, etwa bei der Frage, wer welche Kontrakte kauft. "Und zweitens", so der Wissenschaftler, "brauchen wir höhere Kapitaleinlagen der Händler, die das Spekulieren mit Grundnahrungsmitteln unattraktiver machen."
Immerhin: Im Zuge seiner Finanzmarktreform hat US-Präsident Barack Obama den Derivatehandel ein wenig transparenter gemacht. Die Europäer dagegen tun sich selbst mit solch einem ersten Schritt zur Eindämmung der Spekulation schwer.
Zwar bezeichnete EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier die Spekulationen mit Nahrungsmitteln als "skandalös" - er will im Laufe des Jahres einen strengen Regulierungsvorschlag einbringen. Doch schon jetzt haben die Briten angekündigt, für die Londoner Börse eigene, weniger strenge Regeln schaffen zu wollen. Kein Wunder, ist London doch der größte Handelsplatz für Agrarrohstoffe außerhalb der USA.
Kakaokönig Ward muss sich also erst mal keine Sorgen machen, dass seine Geschäfte eingeschränkt werden könnten. Dennoch ist längst nicht ausgemacht, ob seine aktuelle Superwette aufgeht. Zwar wächst die weltweite Nachfrage nach Kakao, insbesondere in Asien. Schlechtes Wetter an der Elfenbeinküste, wo 40 Prozent des Weltbedarfs herkommen, lässt für den Herbst keine gute Ernte erwarten. Schon bald, so Wards Kalkül, werden Schokoladenhersteller wie Lindt & Sprüngli oder Kraft nicht anders können, als teuer bei ihm zu ordern, das Weihnachtsgeschäft steht schließlich vor der Tür.
Bislang freilich haben sich die Märkte anders verhalten: Unmittelbar nach dem Coup ist der Kakaopreis unter Druck geraten, die Bohnen haben in drei Tagen mehr als sieben Prozent verloren.
Doch selbst wenn sich der Kakaokönig am Ende verspekuliert haben sollte - Händler und Verarbeiter wollen sich solche Eskapaden nicht mehr gefallen lassen. Eine Gruppe von 20 Unternehmen und Verbänden hat die Londoner Börse schriftlich aufgefordert, das Geschehen transparenter zu machen, nach Vorbild des Finanzplatzes New York: Dort wird regelmäßig veröffentlicht, wer am Markt agiert, ob Spekulanten oder Agrarhändler, wie viele Kontrakte sie halten und welche Positionen sie einnehmen.
Am Dienstag dieser Woche werden die Zockerkritiker mit den Börsenmanagern in London darüber verhandeln. "Alle müssen die gleichen Chancen bekommen", fordert der Händler Christiansen. Bis zum nächsten Fälligkeitstermin für Kakaokontrakte Mitte September werden allerdings wohl kaum neue Regeln gelten. Schoko-Spekulant Ward bleibt also noch etwas Zeit, sein Spiel zu gewinnen.
Von Susanne Amann und Alexander Jung

DER SPIEGEL 30/2010
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