26.07.2010

Der Enthüller

Mit der ständigen Veröffentlichung von Geheimdokumenten geht WikiLeaks-Gründer Julian Assange Risiken ein. Ein Besuch bei dem Australier, den das Pentagon für einen gefährlichen Mann hält. Und andere als gefährdet ansehen.
Plötzlich ist er da, mit federnden Schritten kommt er herein. Noch bevor er jemanden begrüßt, suchen seine Augen schon nach einer Steckdose für seinen kleinen schwarzen Computer.
Es ist ein simples Netbook für kaum 300 Dollar. Die Geheimdienste dieser Welt würden viel dafür geben, es auswerten zu dürfen.
Der Mann, dem es gehört, heißt Julian Assange. Er kommt gerade aus Stockholm, davor war er kurz in Brüssel, davor ein paar Wochen unauffindbar.
Der Australier ist gesucht in diesen Tagen. Man könnte meinen, er sei auf der Flucht.
Als er am vorvergangenen Wochenende bei einer Konferenz in New York sprechen sollte, schauten vorher fünf Agenten des amerikanischen Heimatschutzes vorbei. Vergebens, Assange blieb in England. Sein Anwalt hatte ihm berichtet, auch verschiedene andere US-Behörden wollten ihn dringend sprechen. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat ihn und seine Arbeit jüngst "unverantwortlich" genannt.
Assange hat die Internetplattform wikileaks.org gegründet - "wiki" wie die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia, "leak" wie das englische Wort für undichte Stelle. Zusammen mit wenigen festen Mitarbeitern und vielen freiwilligen Helfern betreibt er die Seite seit 2007, sie ist eine Art Briefkasten und Schaufenster zugleich: WikiLeaks sammelt und veröffentlicht Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim eingestuft haben. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente.
Die US-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin konnte dort ihre E-Mails nachlesen, die Kenianer erfuhren Entlarvendes über ihren ehemaligen Herrscher Daniel arap Moi, es gab auch Akten aus dem US-Gefängnis Guantanamo. Damals war WikiLeaks eher etwas für Insider. Ihren internationalen Durchbruch hatte die Seite erst im April. WikiLeaks hatte Journalisten in den National Press Club in Washington eingeladen, Assange führte ihnen ein Video vor.
Es zeigte den tödlichen Angriff eines amerikanischen "Apache"-Hubschraubers auf eine Gruppe von etwa einem Dutzend Zivilisten in Bagdad im Jahr 2007, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter. Auch die Stimmen der Hubschrauberbesatzung waren zu hören. Ihre zynischen Kommentare machten die Bilder noch unerträglicher. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte seit dem Vorfall vergebens versucht, in den Besitz des Videos zu kommen. Assange bekam es, es war sein bislang größter Scoop.
Für die einen sind Assange und seine Kollegen seitdem Helden, Kämpfer für die totale Informationsfreiheit und gegen jede Form von Zensur. Für die anderen sind sie Verräter.
Aus Sicht der amerikanischen Behörden gilt der Australier als ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit, das hat er sogar schriftlich. Schon 2008 stufte das US-Militär WikiLeaks als gravierendes Sicherheitsproblem ein und diskutierte, wie die Seite am besten zu bekämpfen sei. Auch dieses Dokument wurde Assange zugespielt. Und dann auf wikileaks.org veröffentlicht.
Seither gibt es Stimmen, die sich um seine Sicherheit sorgen - und sogar um sein Leben. Es ist nicht ganz klar, ob der Mann, der nun in London seinen Rechner startklar macht, eher gefährlich oder gefährdet ist. Auffällig ist er in jedem Fall. Assange ist ein Schlaks mit schlohweißen Haaren und einer für diesen Sommer fast unnatürlich blassen Gesichtsfarbe - was auch daran liegt, dass er seit Wochen sein nächstes Projekt vorbereitet und tagsüber kaum vor die Türe geht.
In einem Büro im vierten Stock des Verlagsgebäudes der britischen Tageszeitung "The Guardian" gibt er den Briten zusammen mit der "New York Times" und dem SPIEGEL vorab Einblick in die mehr als 90 000 Einzelberichte aus dem Afghanistan-Krieg, die überwiegend als "Geheim" eingestuft sind.
Die Veröffentlichung dieses Archivs, sagt Assange, werde nicht nur die öffentliche Meinung über den Krieg verändern, sondern "auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss". Es werfe "ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges" und werde "nicht nur unseren Blick auf diesen Krieg verändern, sondern auf alle modernen Kriege" (siehe Interview Seite 84).
Das Archiv enthält Geheimdienstinformationen, Einschätzungen und viele Namen - die von Militärs, aber auch die von Quellen. Die Veröffentlichung einer geheimen militärischen Kriegsdokumentation, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, wirft neue Fragen auf. Ist das Journalismus, vom Auskunftsrecht der Öffentlichkeit gedeckt? Ein legitimer Blick hinter die Propagandamaschinerie des Krieges? Oder ist es ein Spionageakt, machen Assange und seine Mitstreiter sich des Geheimnisverrats schuldig? Gefährden sie am Ende die internationalen Truppen und die afghanischen Zuträger, die ihnen helfen?
Schon heute verändern Angebote wie WikiLeaks den Umgang mit sensiblen Informationen.
Whistleblower, also Firmen- oder Behördenmitarbeiter, die der Presse vertrauliches Material zugänglich machen, um auf Fehlentwicklungen hinzuweisen oder Korruption und Machtmissbrauch aufzudecken, gab es schon immer. Eine derart umfangreiche Kriegsdatenbank, die auf einen einzigen USB-Stick passt und einfach so ins Internet gestellt werden kann - das ist neu.
Ist WikiLeaks also ein neuer Leuchtturm der Aufklärung? Oder ist die Website eine Gefahr für demokratische Staaten, weil ein Ex-Hacker zusammen mit einigen Vertrauten darüber entscheidet, welche Informationsbombe sie als Nächstes zünden - ohne der anderen Seite die Chance einer Gegendarstellung oder juristischen Gegenwehr einzuräumen? "Diese Leute können veröffentlichen, was immer sie wollen, und sie werden dafür nicht zur Rechenschaft gezogen", sagte US-Verteidigungsminister Robert Gates. Selten hat man Repräsentanten einer US-Regierung so hilflos gesehen.
Das Problem beginnt schon damit, dass WikiLeaks bis heute mehr eine geniale Idee ist als eine Organisation im herkömmlichen Sinn. Es gibt kein Hauptquartier, nicht einmal eine Adresse, nur ein anonymes Postfach an der Universität von Melbourne. Assange und sein deutscher Kollege, der sich Daniel Schmitt nennt, sind bislang die beiden Einzigen, die ihr Gesicht öffentlich zeigen. Ansonsten gibt es nur die Website selbst, ein paar Mail-Adressen und einen Twitter-Account, den die Macher für ihre PR-Zwecke nutzen. Das Herzstück der Operation sind ihre Server, die über die Welt verteilt sind und dort stehen, wo die Gesetzgeber Informanten besonders weit- gehende Schutzrechte einräumen. Die Grundkosten von rund 200 000 Euro im Jahr werden durch Spenden gedeckt. Bislang haben sich Assange und Schmitt nicht einmal Gehälter ausgezahlt, sagen sie.
In London wird schnell klar, wie sehr WikiLeaks von einzelnen Aktivisten lebt - und zu welch großem Teil von Julian Assange und seinem kleinen schwarzen Rechner. Und dass der hochintelligente, selbstbewusste 39-Jährige für alle, die in ihm keinen Helden des Informationszeitalters sehen, ein ernstzunehmender Gegner ist.
Assange arbeitet wie besessen an der Datenbank, mit der WikiLeaks den Afghanistan-Krieg anschaulich machen will. Er trägt eine seltsame Kombination aus einem knittrigen Jackett, einem T-Shirt und Cargohosen, seine Füße stecken in ausgelatschten Turnschuhen, er ist unrasiert und sieht aus, als habe er zwei Nächte lang nicht geschlafen. Leute, die es gut mit ihm meinen, sagen, er brauche dringend ein paar Wochen Urlaub.
Assange sieht das anders, seine Finger fliegen über die Tastatur, ab und zu hält er kurz inne. "Wir brauchen eine Funktion, die das Gewicht der Vorfälle einordnet", sagt er in seiner sonoren tiefen Stimme. Kurz darauf hat er einen Filter eingebaut, mit dem die Nutzer der Seite die Tausenden Einzelvorfälle nach ihrer "Signifikanz" durchsuchen können. Als Kriterium hat Assange vor allem die Zahl der zivilen Toten ausgewählt. Man kann die Datenbank auch nach Datum und Region sortieren und bei jedem einzelnen Vorfall auf einer Kartenansicht sehen, wo genau in Afghanistan er sich ereignet hat. Der Krieg als Multimediapräsentation.
"Ha", sagt er plötzlich, "unglaublich". Er hat ein neues groteskes Beispiel für den Slang gefunden, mit dem Militärs die Realität auf dem Schlachtfeld umschreiben. "Vital Signs Absent", Vitalfunktionen abwesend. Also tot. Die Sprache dieses Krieges beschäftigt ihn, sie ist auch der Grund, warum WikiLeaks dem Bagdad-Video den Titel "Collateral Murder" gegeben hat. Er habe damit den zynischen Begriff Kollateralschaden entlarven und unmöglich machen wollen, sagt Assange.
Wenn Julian Assange über sein Projekt spricht, während eines Abendessens etwa, bei dem sich der Australier nur zwei Kugeln Kardamom-Eis bestellt, sonst nichts, dann ist es vor allem eine Botschaft, die er vermittelt: WikiLeaks ist ein radikales, ein exakt durchdachtes Projekt. Assange überlegt lange, bevor er antwortet, und er besteht darauf, seine Antworten zu Ende zu bringen. Unterbrechungen mag er nicht.
Die Grundidee sei ihm schon in den neunziger Jahren gekommen, sagt Assange, 1999 habe er die Seite leaks.org reserviert. Die Basisregel in offenen Gesellschaften müsse sein, dass alle über alles frei kommunizieren können. Die Erfahrung zeige, dass es dort, wo mit Geheimnissen hantiert werde, oft ungerecht zugehe, weil Geheimnisse von Menschen in Machtpositionen missbraucht würden.
Danach müssen sich so einige Mächtige noch Sorgen machen, WikiLeaks sitzt angeblich auf einer Fülle weiteren Materials. Wer entscheidet, was wann veröffentlicht wird?
Die Quelle, sagt Assange. WikiLeaks frage bei jeder anonymen Einsendung, warum der Informant glaube, das Material sei von politischer oder ethischer Relevanz. "Unsere Kriterien sind glasklar, und wenn sie erfüllt werden, veröffentlichen wir", sagt Assange.
Was heißt wir? "Am Ende muss einer das Sagen haben, und das bin ich", sagt Assange. "Und in Zweifelsfällen werde ich immer veröffentlichen."
Eine bemerkenswerte Haltung für eine Organisation, die noch nicht mal die Namen ihrer angeblich fünf fest angestellten Mitarbeiter veröffentlicht. Und für einen Mann, der Fragen nach der eigenen Biografie auszuweichen versucht. Ein paar Grunddaten, immerhin, scheinen klar.
Assange wurde 1971 im australischen Queensland in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Die Eltern trennten sich, auch eine neue Beziehung der Mutter ging schief. So schief, dass die Mutter mit Julian vor dem Stiefvater flüchtete und teils unter falschem Namen lebte.
Er führte ein Nomadenleben, damals schon, angeblich hat er insgesamt fast 40 verschiedene Schulen besucht.
Noch in der Internetsteinzeit der achtziger Jahre, als die Rechner "Commodore 64" hießen und die Modems "Akustikkoppler", entwickelte Assange eine Leidenschaft für Computer und Netzwerke - später machte er sich in der Hacker-Szene von Melbourne einen Namen, weil er in die Netze von Unternehmen und Behörden einbrach, auch in amerikanische Militärrechner.
"Er bewegte sich in den Rechnern anderer wie Gott der Allmächtige", sagte ein Staatsanwalt ein paar Jahre später, selbst die laufenden Ermittlungen der australischen Bundespolizei gegen sie selbst habe die Hackergruppe online verfolgt. Der Richter verurteilte Assange zu einer Art Bewährung und einer Geldstrafe. Ein Fernsehbericht über das Verfahren zeigt Assange im Trenchcoat, mit langem braunem Pferdeschwanz und Sonnenbrille. Die Hackergruppe hatte sich "International Subversives" genannt.
Als er verurteilt wurde, hatte Assange bereits einen kleinen Sohn, er war früh Vater geworden; allerdings fand er sich mit der Mutter des Kindes bald in einem erbitterten Sorgerechtsstreit, der Jahre dauerte - und zu erneuten Zusammenstößen mit staatlichen Stellen führte.
Ist WikiLeaks die Racheaktion eines verletzten Hackers, eines verkannten Computergenies? Redet Assange wegen seiner persönlichen Geschichte vom "Feind", wenn er den Staat meint?
Für Assange sind das typische Journalistenfragen. Er hasst sie mit derselben Leidenschaft, wie er den "Geheim"-Stempel auf offiziellen Dokumenten verachtet. WikiLeaks ist für ihn auch ein medienkritisches Projekt. Er will, dass die Nutzer sich auf der Basis von Originaldokumenten ein eigenes Bild machen können. Ohne journalistischen "Dreh". Beim "Collateral Murder"-Video verstieß WikiLeaks indes schon durch den wertenden Titel selbst gegen dieses Prinzip, was Assange einige Kritik einbrachte.
Das Problem entstehe im Kopf des Reporters, sagt der Australier. Sein Ideal sind wissenschaftliche Zeitschriften mit Fußnoten und Quellenverweisen. Er bezeichnet sich selbst als investigativen Journalisten. Eigentlich arbeitet er aber eher wie ein Archivar und Dokumentar. Es ist kein Zufall, dass er WikiLeaks in Australien als Bibliothek registriert hat.
Assange und seine Kollegen könnten mit der Entwicklung gerade sehr zufrieden sein. Der Australier hat in London vor ein paar Tagen einen Vortrag vor investigativen Journalisten gehalten, sein deutscher Kollege Daniel Schmitt in Hamburg, beide bekamen begeisterten Applaus. Im vergangenen Jahr haben sie den Medienpreis von Amnesty International gewonnen.
Doch seit dem 29. Mai liegt ein Schatten über dem Projekt. Es war der Tag, an dem der 22-jährige US-Soldat Bradley Manning in seiner Basis "Operation Station Hammer" im Irak verhaftet und in ein Militärgefängnis in Camp Arifjan Kuwait gebracht wurde.
Inzwischen hat das US-Militär seine Vorwürfe gegen den ehemaligen Militäranalysten Manning bekanntgemacht: Danach habe er im Zeitraum vom 19. November 2009 bis ins Frühjahr dieses Jahres unter anderem das inzwischen von WikiLeaks veröffentlichte Bagdad-Video sowie 150 000 geheime Drahtberichte des amerikanischen Außenministeriums und eine geheime "Powerpoint-Präsentation" heruntergeladen.
Das Video und 50 der Drahtberichte habe er an eine "unberechtigte Person" weitergegeben, wirft ihm das US-Militär vor. Laut einem Armeesprecher drohen Manning im Fall einer Verurteilung bis zu 52 Jahre Haft.
Wie es aussieht, hat sich Manning selbst enttarnt. Am 21. Mai begann er offenbar eine Serie von Internetchats mit einem amerikanischen Hacker namens Adrian Lamo. Die US-Zeitschrift "Wired" hat Auszüge dieser Chats veröffentlicht.
Darin schüttet ein Teilnehmer, hinter dem US-Behörden Manning vermuten, dem ihm zuvor persönlich nicht bekannten Lamo sein Herz aus. Er schildert, er habe an seinem Arbeitsplatz über zwei Rechner auf die geheimen Netze "SIPRNET" und "JWICS" zugreifen können; auch auf einem Centcom-Rechner habe er ungeschütztes Material gefunden. "Ich kann gar nicht glauben, was ich dir alles beichte", fügt er hinzu.
Sogar den Weg, auf dem er das Material hinausgeschmuggelt haben will, verrät er in dem Chat: Danach habe er an seinem Arbeitsplatz im Irak beschreibbare CDs in seine Rechner geschoben, die er zuvor mit Namen wie "Lady Gaga" beschriftet hatte, um später vermeintliche Musik-CDs nach Hause zu tragen: "Ich hab die Lippen zu Lady Gagas ,Telephone' bewegt, während ich die wahrscheinlich größte Datenmenge in der amerikanischen Geschichte abgesaugt" habe, heißt es im veröffentlichten Teil der Chat-Logs.
Mehrfach bezieht sich der Chatter auch auf WikiLeaks und Assange, mit dem er in Kontakt stehe. Und er gibt Hinweise auf sein Motiv: eine tiefe Unzufriedenheit mit der Situation vor Ort und dem US-Militär.
Lamo informierte das FBI und übergab seine Chat-Protokolle. Er habe die nationale Sicherheit bedroht gesehen, sagte er US-Medien zur Begründung. Kurz darauf wurde Manning festgenommen.
Für WikiLeaks und Assange ist damit eine heikle Situation entstanden. Sie ähnelt verblüffend dem Szenario, welches das US-Militär in seinem Geheimpapier von 2008 entworfen hatte, um WikiLeaks zu schaden: Eine erfolgreiche Identifizierung, Verfolgung und öffentliche Vorführung von Personen, die Informationen an WikiLeaks weitergeben, würde die Plattform beschädigen, möglicherweise sogar zerstören und andere von ähnlichen Handlungen abhalten, hieß es darin.
Was sagt der WikiLeaks-Frontmann zu der angeblichen Selbstbezichtigung des US-Soldaten?
"Wenn wir den Vorwürfen glauben können, wurde Manning von einem amerikanischen Hacker verraten, der mit WikiLeaks nichts zu tun hat", sagt Assange. "Wir können Menschen nicht vor sich selbst retten, leider."
Ist Manning womöglich auch die Quelle für das Afghanistan-Material? "Wir haben keine Ahnung, ob er unsere Quelle war", behauptet Assange. "Wir haben unser System absichtlich so eingerichtet, dass wir die Identität unserer Informanten nicht erfahren."
Und warum will WikiLeaks Manning juristisch unterstützen, wenn es doch angeblich wegen der technischen Sicherungen für WikiLeaks selbst unmöglich ist zu wissen, wer das Material eingeschickt hat?
"Wir müssen alle angeblichen Quellen unterstützen", sagt Assange. "Egal, ob Herr Manning nun die Quelle für das ,Collateral Murder'-Video war, ob er direkt oder indirekt irgendetwas mit dem Material zu tun hatte, das wir veröffentlicht haben - er ist ein junger Mann, der in Kuwait unter dem Vorwurf festgehalten wird, dass er unsere Quelle ist."
Nach Mannings Verhaftung verschwand auch Assange für ein paar Wochen, seine Anwälte empfahlen ihm, die USA zu meiden. "Ich bin darauf hingewiesen worden, dass jemand auf die Idee kommen könnte, mich der Beihilfe zur Spionage zu beschuldigen", sagt er.
Das ist der Grund, warum er in London unter falschem Namen in ein Hotel eincheckt und auch von dort schnell wieder verschwindet, um bei einem Unterstützer unterzuschlüpfen. Wie so oft in den vergangenen Jahren, überall auf der Welt - von Kenia bis Island, wo er mit einem Team von Helfern die Veröffentlichung des Bagdad-Videos vorbereitet hat. Die Vorsichtsmaßnahmen gelten für alle. Der in der Netz-Szene bekannte Programmierer Jacob Appelbaum, der Assange am vorvergangenen Wochenende beim New Yorker Hacker-Kongress vertrat, hatte eigens ein Double organisiert, das dann unmittelbar nach dem Vortrag seine Rolle übernahm. Applebaum selbst fuhr sofort zum Flughafen, nur mit Ausweis, Bargeld und einer "Bill of Rights" bewaffnet, und flog außer Landes.
Auch Daniel Schmitt, der deutsche Repräsentant und neben Assange die wichtigste Stimme von WikiLeaks, ist noch vorsichtiger geworden.
Bei einem Treffen in einem Berliner Café schaut er sich nach möglichen Mithörern um, auch mag er es nicht, wenn in seiner Nähe fotografiert wird.
Deutschland ist für WikiLeaks einer der wichtigsten Standorte, eine feste Säule einer ziemlich losen Organisation. Es gibt viele Einsendungen in deutscher Sprache, es gibt technische Unterstützung aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs - und es gibt einen hohen Anteil deutscher Spendengelder.
Schmitt ist ein schlanker 32-Jähriger mit Vollbart und Hornbrille, er hat Informatik studiert und in der IT-Sicherheit gearbeitet, bevor er seine gesamte Arbeitszeit WikiLeaks widmete. Anders als der leicht exzentrische Assange, der schon mal auf Socken durch London läuft und auf offener Straße Luftsprünge macht, ist er ein nüchterner Typ.
Noch in diesem Jahr soll in Deutschland eine Stiftung namens "Freunde von WikiLeaks" gegründet werden, außerdem arbeitet Schmitt an einer Broschüre, die zum "Leaken" auffordern soll - und die er vor dem Reichstag und dem Verteidigungsministerium verteilen lassen will. Auch über U-Bahn-Werbung hat er schon nachgedacht.
Beide, Assange und Schmitt, sagen, WikiLeaks besitze einen Berg unveröffentlichter Dokumente - und sei erst am Anfang.
"Wenn wir das Bild einer Gipfelbesteigung verwenden wollen, befinden wir uns gerade im Basiscamp", sagt Assange.
Dann klappt er den kleinen schwarzen Rechner zu, packt ihn in seinen grauschwarzen Nylonrucksack - und ist wieder weg.
Von John Goetz und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 30/2010
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