26.07.2010

„Wir müssen sie stoppen“

WikiLeaks-Gründer Julian Assange, 39, über sein Netzwerk, seine Mission und seine Regeln
SPIEGEL: Herr Assange, Sie veröffentlichen eine riesige Menge Geheimmaterial über den Krieg in Afghanistan. Was ist Ihr Motiv?
Assange: Diese Daten sind die umfassendste Beschreibung eines Krieges, die es jemals während eines laufenden bewaffneten Konflikts gegeben hat - also zu einem Zeitpunkt, an dem man noch etwas zum Guten wenden kann. Sie enthalten Aufzeichnungen zu mehr als 90 000 Zwischenfällen, samt präzisen geografischen Angaben. In seiner Fülle stellt das Material alles in den Schatten, was bisher über Afghanistan gesagt wurde. Es wird nicht nur unseren Blick auf diesen Krieg verändern, sondern auf alle modernen Kriege.
SPIEGEL: Glauben Sie, die Veröffentlichung wird die politischen Entscheidungsträger beeinflussen?
Assange: Ja. Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss.
SPIEGEL: Erwarten Sie da nicht ein bisschen viel?
Assange: Es gibt ein allgemeines Gefühl, dass es besser wäre, den Krieg zu beenden. Diese Dateien allein werden das nicht schaffen, aber sie werden den politischen Willen beeinflussen.
SPIEGEL: Das Material enthält militärische Geheimnisse und Namen von Quellen. Gefährden Sie mit der Veröffentlichung nicht die internationalen Truppen - und deren afghanische Informanten?
Assange: Die Daten enthalten keine Informationen über aktuelle Truppenbewegungen. Unsere Quelle war in dieser Hinsicht um Schadensbegrenzung bemüht und hat uns beauftragt, das Material dahingehend zu prüfen, dass keine signifikante Gefahr für Unschuldige entsteht. Wir nehmen Quellenschutz sehr ernst und verstehen deshalb auch, dass es wichtig ist, bestimmte Quellen der US- und Isaf-Truppen zu schützen.
SPIEGEL: Wie genau sieht diese "Schadensbegrenzung" aus?
Assange: Wir haben Fälle herausgefiltert, bei denen Gefahr für Unschuldige bestehen könnte, und das Material entsprechend bearbeitet.
SPIEGEL: Gibt es für Sie so etwas wie ein legitimes Staatsgeheimnis?
Assange: Es gibt berechtigte Geheimnisse und eine Berechtigung, sie zu brechen. Leider können diejenigen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen oder andere Gesetze brechen, das Recht auf Geheimhaltung allzu leicht missbrauchen. Menschen mit einem Gewissen haben derlei immer schon aufgedeckt. Im Übrigen entscheidet nicht WikiLeaks, etwas offenzulegen. Wir sorgen dafür, dass Informanten geschützt werden und die Öffentlichkeit unterrichtet wird.
SPIEGEL: Aber am Ende muss jemand über die Veröffentlichung entscheiden. Wer bestimmt über die Kriterien? WikiLeaks versteht sich als Vorkämpfer für die Informationsfreiheit und ist da selbst nicht transparent.
Assange: Das ist lächerlich. Wir sagen eindeutig und glasklar, was wir veröffentlichen und was nicht. Es gibt bei uns keine Ad-hoc-Entscheidungen. Wir veröffentlichen prinzipiell die Primärquellen zu unseren Texten. Zeigen Sie mir einen anderen Medienbetrieb, der solche Standards hat. Alle sollten unserem Beispiel folgen.
SPIEGEL: Das Problem ist, dass WikiLeaks für mögliche Fehler kaum zur Rechenschaft zu ziehen ist. Ihre Server stehen in Ländern, die Ihnen weitreichenden Schutz bieten. Steht WikiLeaks etwa über dem Gesetz?
Assange: Wir bewegen uns nicht im luftleeren Raum. Alle Beteiligten leben in Staaten, in denen unterschiedlichste Gesetze gelten. Wir sind in verschiedenen Ländern bereits verklagt worden. Bisher haben wir alles gewonnen. Es sind eben Gerichte, die Urteile fällen, nicht Unternehmen oder Generäle. Bislang war das Gesetz, waren Gerichte und auch Verfassungen auf unserer Seite.
SPIEGEL: Sie sagen, es gebe einen Zusammenhang zwischen der Transparenz, für die Sie kämpfen, und einer gerechteren Gesellschaft. Was meinen Sie damit?
Assange: Echte Reformen kann es nur geben, wenn ungerechte Handlungen entlarvt werden. Am besten geht man gegen Ungerechtigkeiten dann vor, wenn sie noch gar nicht begangen wurden, wenn es nur den Plan gibt - dann kann man sie noch stoppen.
SPIEGEL: Während des Vietnam-Krieges hat die Nixon-Administration den Informanten, der die Pentagon-Papiere an die Presse gegeben hatte, den gefährlichsten Mann Amerikas genannt. Sind Sie heute der gefährlichste Mann - oder eher der Gefährdetste?
Assange: Die gefährlichsten Männer sind diejenigen, die Krieg führen. Wir müssen sie stoppen. Wenn mich diese Auffassung in ihren Augen gefährlich macht, dann ist es eben so.
SPIEGEL: Sie hätten eine Firma in Silicon Valley eröffnen und in Palo Alto ein Haus mit Pool bewohnen können - warum haben Sie sich stattdessen für das Projekt WikiLeaks entschieden?
Assange: Wir leben alle nur einmal. Deshalb sollten wir in unserer Zeit etwas Sinnvolles und Befriedigendes anstellen. Das hier ist so etwas für mich. Ich mag es, große Systeme zu entwickeln, und ich genieße es, Menschen zu helfen, die verletzbar sind. Und ich mag es, den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Diese Arbeit macht mir wirklich Spaß.
Von John Goetz und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 30/2010
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