26.07.2010

ITALIEN Der wahre Rettungsschirm

Mit Schulden in Rekordhöhe müsste das Berlusconi-Land eigentlich zu den Problemstaaten der Euro-Zone zählen. Doch Rom lebt schon lange mit der Krise. Kann Europa von den Italienern lernen?
Ihr fällt kein Job ein, der anstrengender wäre: "la signora del debito", Italiens Frau der Schulden. Sie macht diesen Job hervorragend, seit bald zehn Jahren.
Entspannt lehnt Maria Cannata im schwarzen Ledersessel. An den Wänden im Finanzministerium in Rom hängen Familienfotos und Wechsel aus dem Jahr 1850. Cannata verwaltet das Minus des zweitgrößten Schuldners unter den Industrieländern, sie sorgt dafür, dass Italien flüssig bleibt. Eine unprätentiöse Frau, 56 Jahre alt, praktischer Kurzhaarschnitt, ungeschminkt. Sie sagt, nachts schlafe sie gut, sie kenne schlimmere Zeiten.
Kein anderes Land steht so hoffnungslos in der Kreide wie Italien - mit gut 1760 Milliarden Euro, das sind 115,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Spitze in Europa. Im Schnitt belaufen sich die Schulden der Länder der Euro-Zone gerade einmal auf 78,7 Prozent.
Italien zählt inzwischen zu den sogenannten PIIGS-Staaten, zu der Achse der Misswirtschaft, neben Portugal, Irland, Griechenland und Spanien - eine unrühmliche Bilanz für ein Land, das zu den G 8, den acht führenden Industrienationen, zählt. Die Rating-Agenturen bewerten Italien ähnlich schlecht wie Irland, Malta und Portugal. Wird Italien eine Gefahr für ganz Europa?
Maria Cannata kennt das Gerede. Aber es geht nicht um Worte, sondern um Zahlen. Darum, wie viel Zinsen Italien am Ende für die Schulden zahlen muss. Jeder Prozentpunkt misst den Grad des Vertrauens, und jedes Zehntel weniger ist auch ihr persönlicher Triumph.
Als Cannata im April wieder Milliarden umschulden musste, 9,5 Milliarden, um genau zu sein, sah es lange so aus, als gäbe es nicht genügend Käufer für die neuen Staatsanleihen. Es gab Experten, die rieten ihr, weniger Anleihen zu platzieren, um die Preise nicht zu verderben. Aber Cannata hielt Kurs, und am Ende, sagt sie, bekam sie, was sie wollte. Sie bekommt ohnehin oft bessere Konditionen als Spanien, das nicht annähernd so viele Staatsschulden hat.
Ist das höhere Kunst? Zocken gegen den Trend? Oder nur ein billiger Trick? Warum glaubt mitten in der Finanzkrise noch jemand an dieses Land, dessen Staatsschulden auch Folge römischer Vetternwirtschaft und Korruption sind?
Premierminister Silvio Berlusconi, 73, ist angeschlagen wie nie zuvor seit seiner Wiederwahl vor zwei Jahren. Seit Wochen wirkt seine Regierungskoalition wie gelähmt, streitet erbittert um ein Abhörgesetz, das Berlusconi noch vor der Sommerpause durchgeboxt haben will, und tappt in einen Bestechungs- und Justizskandal nach dem anderen. Seit Mai mussten bereits zwei Minister zurücktreten, jetzt ausgerechnet auch ein Staatssekretär aus dem Wirtschaftsministerium, dem Mafiakontakte und die Gründung einer Geheimloge zur Last gelegt werden.
Als dem "Cavaliere" Montag voriger Woche in Mailand der "Grande Milano" für sein Lebenswerk überreicht wurde, pries ihn die Laudatio als "Staatsmann mit seltenen Fähigkeiten, der mit klarem Bewusstsein sein Land in die Zukunft führt". In Wirklichkeit ist Berlusconi ein Auslaufmodell, und der Kampf um seine Nachfolge hat schon begonnen.
Maria Cannata spricht nicht über Politik, sie darf nicht. Sie sagt, seit 20 Jahren herrsche in Italien Dauerkrise, so lange balanciert das Land schon am Abgrund zur Staatspleite. 1994 erreichten die Schulden den Höchststand von 121,8 Prozent. Es gab damals schon viel Gerede, ohne dass es eine globale Finanzkrise gab, aber an der Höhe der Schulden hat das auch nicht viel geändert. Italien hat weitergemacht.
Die Dauerkrise hat das Land vielleicht vor dem Schlimmsten bewahrt: Es gilt keine geplatzte Immobilienblase durchzustehen, keine Baukrise. Italien musste auch keine Banken retten. Der Staat hatte genug mit sich und seinen Schulden zu tun und kam gar nicht erst in Versuchung, sich in neue Abenteuer zu stürzen.
Während in Spanien und Irland ein mit Schulden finanzierter Bauboom und windige Geschäfte der Investmentbanker hohe Wachstumsraten bescherten, doktert Italien immer nur an seinen hohen Staatsschulden herum. "Ein stärker reguliertes Bankensystem hatte weniger Gelegenheiten, die Fehler der anderen EU-Staaten zu kopieren", sagt Alexander Kockerbeck, Analyst der US-Rating-Agentur Moody's. Das Land habe die Exzesse der letzten Jahre nicht mitgemacht.
Italien ist plötzlich gefragt als das Land, das sich am hartnäckigsten in der Krise bewährt, als Profi im Schuldenmanagement.
So brutal wie in Italien muss in Europa niemand seinen Schulden hinterhersparen. Gerade hat Cannatas Chef, Finanzminister Giulio Tremonti, seinem Land ein hartes Sparmanöver verordnet. Er tat es gegen den Willen von Berlusconi, der die Krise seit Monaten weglächelt, sogar Steuersenkungen versprach und behauptete, Italien sei das reichste Land der EU.
Bis 2012 sollen knapp 25 Milliarden Euro eingespart werden, die Hauptlast tragen die Kommunen und Regionen. Die Neuverschuldung beträgt 5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, etwa doppelt so viel wie bisher, aber sie bleibt deutlich unter dem europäischen Schnitt und soll bis 2012 unter das Maastricht-Kriterium von 3 Prozent fallen. Damit ist Italien zwar nicht das einzige Land in der EU, das seinen Bürgern etwas abverlangt, aber das einzige, das ihnen nicht an anderer Stelle hilft. Italien fehlte selbst für ein Konjunkturprogramm in der Finanzkrise das Geld.
Und nichts weist darauf hin, dass es in Zukunft besser wird. Laut der jüngsten Studie "Wir, die anderen und die Krise" des italienischen Instituts Demos & Pi glauben mittlerweile 56 Prozent der Italiener nicht mehr an Berlusconis staatlich verordneten Zweckoptimismus, knapp die Hälfte fürchtet sich vor einer griechischen Tragödie und beurteilt ihre eigene wirtschaftliche Lage im Jahr 2010 als schlecht bis sehr schlecht.
"Not macht erfinderisch", sagt Maria Cannata, die Schuldenmanagerin. Sie ist für Italien jetzt viel unterwegs in der Welt, um Vertrauen zu schaffen. Sie muss klarmachen, dass die Staatsschulden allein noch nichts aussagen über ein Land, dass sie keine Bedrohung sind, sondern eine Chance. Die langjährige Erfahrung mit dem Schuldenberg, das sei es, was ihre Anleger überzeuge.
Es sei auch kein Zufall, dass Italien als erstes Land ein ausgeklügeltes elektronisches Handelssystem für Staatsanleihen erfand, mit der Netzplattform MTS.
Italien ist langfristig und damit vergleichsweise solide finanziert. Die durchschnittliche Laufzeit der Staatsanleihen liegt bei stolzen sieben Jahren. Zudem sind die Papiere nicht variabel, sondern meist fest verzinst. "Damit profitieren die Italiener noch lange von den historisch tiefen Zinssätzen", sagt Kockerbeck.
In den Bilanzen italienischer Banken finden sich bis heute vorwiegend Firmenkredite für die vielen Mittelständler, die Italiens Wirtschaft tragen. Riesige Pakete fauler Immobilienkredite sucht man vergebens, was auch damit zusammenhängt, dass das italienische Recht es Banken erschwert, bei Kreditausfall das Haus zu beschlagnahmen. Deswegen verlangen sie zum Teil Anzahlungen, die sich jetzt nur wenige leisten können. "Die Immobilienblase fand wohl eher in der Schattenwirtschaft statt und wurde mit Eigenkapital finanziert", sagt Kockerbeck.
Muss man Italien also bewundern, statt es zu belächeln? "Europa konvergiert Richtung Italien", sagt Kockerbeck, das Land habe jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit hohen Schulden und tiefen Wachstumsraten. Das müssten die restlichen Staaten erst noch lernen, um die Fehlentwicklungen der vergangenen zehn Jahre ausräumen zu können.
Es gibt keinen üppigen Sozialstaat in Italien und eben auch kein Geld in der Krise. Was der Staat nicht konnte, haben die Leute selbst in die Hand genommen: Sie haben gespart. Die private Verschuldung beträgt nur 56,6 Prozent, in Deutschland sind es 89,4 Prozent, in Spanien 127,8 Prozent, in Großbritannien sogar 152,6 Prozent. Vielleicht ist das ja die Lehre aus dem italienischen Wunder, dass sich jeder um sich selbst kümmern muss.
"Italiener haben nie viel von ihrem Staat erwartet, sie vertrauen ihm nicht - sie helfen sich selbst", sagt Beppe Severgnini, Kolumnist des "Corriere della Sera". Severgnini schreibt Bücher über die Mentalität der Italiener, "Überleben in Italien … ohne verheiratet, überfahren oder verhaftet zu werden" heißt einer seiner Bestseller. Er sagt: "Italiener sind Seiltänzer." Perfekt beherrschten sie die Kunst, über einen schmalen Grat zu laufen, schwindelfrei, ohne hinunter in den Abgrund zu schauen. Gewiss, die Fakten sind dramatisch, die jüngsten Polit-Skandale, eine auseinanderbrechende Regierung, eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, gemeinsam mit Spanien die niedrigste Geburtenrate Europas, katastrophale Einschnitte im Bildungs- und Gesundheitssystem, alles bekannt - aber eben nur die eine Seite der Realität.
Die andere Seite, sagt Severgnini, sei der Rückhalt in der Familie. Italiener seien "animali sociali", Familienmenschen, jeder denkt an sich und an seine Sippe. Die Familie sei der wahre Rettungsschirm Italiens, sie ersetze das fehlende Sozialsystem, sei absolut krisenfest und kostenlos für den Staat, ja entlaste ihn sogar. Gut 80 Prozent der Italiener besitzen ein Haus oder eine Eigentumswohnung, und die meisten davon sind abgezahlt, auch deshalb konnte es in Italien in der Finanzkrise keinen Immobiliencrash geben.
In der Krise rücken die Familien näher zusammen, stecken ihre Alten seltener ins Heim, leben in drei Generationen unter einem Dach, teilen sich die Pension der Großeltern, schanzen sich Jobs in ihren Familienbetrieben zu, leihen sich Ferienhäuser und gehen an ihr Gespartes. "Die Familie rettet den Staat", sagt Severgnini, "noch ein Grund, warum Italien in der Finanzkrise relativ gut dasteht."
Die Italiener haben diesem Phänomen einen Namen gegeben: "Bamboccioni", Riesenbabys; so nennt man inzwischen längst erwachsene Kinder, die noch bei den Eltern wohnen. Dies betrifft 70 Prozent der 20- bis 30-Jährigen. Es sind meist gutausgebildete Männer wie Giorgio und Franco Mazzeo, 44 und 36 Jahre alt.
Jede Nacht klappen die Brüder die Schlafsofas im Wohnzimmer ihrer Eltern auf, Zwei-Zimmer-Hochhauswohnung, siebter Stock, Trastevere, ein besseres Viertel in Rom. Beide sind Akademiker, beide haben Jobs, nur keine Festanstellung. Giorgio ist Ingenieur, sein Bruder arbeitet in einem Callcenter. Zusammen verdienen sie weniger, als ihr Vater an Pension bekommt, knapp 2000 Euro. Mutter Mazzeo kocht, wäscht, bügelt, die Söhne helfen, aber sie zahlen keinen Cent. Sie können nicht für sich selber sorgen, nicht in Rom, der Stadt mit den höchsten Mietpreisen Italiens. Über tausend Euro müsste jeder für ein Zimmer ausgeben, es würde zu wenig übrig bleiben.
Sie können lange über die Krise klagen, übers "Hotel Mama", das unselbständig mache und mutlos. Aber wenn es dann darum geht, dass sie ausziehen könnten, wie Giorgio, der sich vom Ersparten eine Wohnung gekauft hat und jetzt nur noch die Küche einrichten muss, dann zögern sie doch. "Für einen Neuanfang bin ich zu alt", sagt Giorgio Mazzeo. Er grübelt jetzt oft, wie es mit ihm weitergehen soll, nachts auf dem Sofa seiner Mama, er fragt sich, wer seine Kinder, sollte er noch welche in die krisengeschüttelte Welt setzen, durchfüttern soll und wie es wohl sein könnte, das ganz normale Leben. Er hat sich an die Krise gewöhnt, und wenn sie eines Tages überstanden sein sollte, wird er sie wohl vermissen.
Von Balzli, Beat, Ehlers, Fiona, Hujer, Marc

DER SPIEGEL 30/2010
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