26.07.2010

AUFARBEITUNGKampflinien kreuz und quer

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ringen die Opfer des Dopings in der DDR weiterhin um Anerkennung. Trotz schwerer körperlicher Schäden müssen sie sich zunehmend rechtfertigen - und werden sogar verhöhnt.
Sein Hobby, die abstrakte Malerei, auch das Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin, diese Teile seines Lebens sind ganz weit weg. Robert Harting ist jetzt Athlet. Der kleine Ort Kienbaum liegt abgeschieden von Berlin, Harting ist hierher ins Trainingslager gefahren, weil er Diskuswerfer ist.
Es gibt nicht viele deutsche Leichtathleten an der Weltspitze. Unter ihnen ist Harting, 25, der einzige Weltmeister. "Mein Job ist es, weit zu werfen", sagt er, "und ein bisschen Stimmung zu machen."
Harting schleudert einen Diskus nach dem anderen auf eine sonnenverbrannte Wiese. Nahe dem Ring sitzt Werner Goldmann, sein Trainer, ein grauhaariger Mann in Shorts. Er ist etwas in seinem Stuhl hinabgerutscht, jedes Mal wenn Sand in der Ferne aufwirbelt, kommentiert er Hartings Wurftechnik. Der Ton ist freundschaftlich. Goldmann arbeitete schon in der DDR erfolgreich als Wurf- und Stoßtrainer, nach der Wende war er willkommen im Westen. Inzwischen wird ihm vorgeworfen, zu DDR-Zeiten Athleten anabole Steroide verabreicht zu haben. Goldmann selbst mag sich zu seiner Vergangenheit nicht äußern.
Als Harting vor einem Jahr seinen WM-Titel gewann, ausgerechnet in Berlin, wurde er zum Symbol. Zum einen, weil er erst im letzten Versuch am weitesten von allen warf, sich das Trikot vom Brustkorb riss, durch das Flutlicht tanzte und die Wettkämpfe im Olympiastadion krönte. Zum andern aber hatte er tags zuvor eine Bemerkung gemacht, die die Atmosphäre feindselig auflud und Harting bis heute anhängt.
Ehemalige Athleten, die darunter leiden, in der DDR gedopt worden zu sein, hatten aus Protest vor den Stadiontoren undurchsichtige Pappbrillen ausgeben lassen, und auf den T-Shirts der Verteiler stand: "Ich will das nicht sehen!" Als Harting davon erfuhr, sagte er: "Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen."
Harting galt von da an als Verhöhner. Er wurde schwer dafür gerügt, von den Leichtathletik-Funktionären und seinen Vorgesetzten bei der Bundeswehr, "plötzlich war ich der Mörder, ich musste schon schmunzeln darüber", sagt Harting.
Er hat sich für seine Wortwahl entschuldigt, aber die Protestaktion empfindet er weiterhin als beleidigend. Und dass sich viele Ex-Athleten der DDR als Dopingopfer sehen, lässt Harting, der diese Woche bei der Europameisterschaft in Barcelona antritt, nicht gelten. "Keine Frage, die Pillen waren absolut dreckig. Ich kenne einige Geschichten, aber keine von einem, der etwas bekam und nicht wusste, dass er was kriegt", sagt Harting, geboren 1984, aufgewachsen in Cottbus. Als die Mauer fiel, war er fünf Jahre alt.
Doping war in der DDR Staatsplan, Athleten bekamen Mittel verabreicht, ohne über gesundheitliche Risiken aufgeklärt zu werden, manche sogar ganz ohne ihr Wissen. Rund 200 Opfer erhielten nach der Wende Entschädigungen. Doch viele kämpfen auch 20 Jahre nach der Wende um Anerkennung, um das Recht, aufgeklärt zu werden darüber, was mit ihnen gemacht worden war. Darum, dass längst Erwiesenes nicht wieder in Zweifel gezogen wird. Und darum, dass von prominenten Vertretern des Sports wie Robert Harting nicht so getan wird, als wäre die ganze Sache erledigt.
Denn Folgen für die Gesundheit zeigen sich bei einigen ehemaligen DDR-Athleten erst jetzt, andere begreifen langsam, dass ihre chronischen Leiden damit zu tun haben könnten, vor Jahrzehnten Pillen bekommen zu haben, die etwas anderes als Vitamine enthielten, wie ihnen Ärzte und Trainer weismachten.
Es ist auch ein Kampf gegen die Zeit, den manches Dopingopfer gerade verliert. "Die sterben jetzt weg", sagt Ines Geipel, Schriftstellerin aus Berlin, früher Sprinterin und nun selbst Geschädigte.
Gerd Jacobs sitzt im schattigen Garten seines Vermieters im Berliner Stadtteil Lichtenrade. Jacobs ist 50 Jahre alt, gut 130 Kilo schwer. Er trägt sportliche Kleidung, weil sie bequem ist. Sport treiben kann er nicht mehr. Jacobs ist Rentner, Invalide, ein Opfer des Sports.
Er war früher in der DDR selbst Diskuswerfer, er hatte denselben Trainer wie Harting, und es gab eine Zeit, da dachte er genauso und verbündete sich wie Harting mit Trainer Goldmann. Er hatte bei ihm täglich bis zu vier Tabletten des Anabolikums Oral-Turinabol geschluckt, und er bekam Infusionen, von denen er bis heute nicht weiß, was sich darin befand. "Ich habe denen doch mehr vertraut als meinen Eltern", sagt er.
Nach der Wende ermittelte die Berliner Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung gegen Jacobs' Vertraute, gegen die Dopingärzte und Trainer der DDR. Im Februar 1998 wollten Kripo-Beamte wissen, welche Kenntnisse er vom Doping habe; sie fragten ihn, ob er Strafantrag gegen seine ehemaligen Betreuer stellen wolle. "Nein", sagte Jacobs, "nach Abschluss meiner sportlichen Laufbahn wurde ich untersucht; dabei sind keine Folgeschäden festgestellt worden, zumindest ist mir in dieser Richtung nichts gesagt worden." Kaum fünf Jahre nach der Befragung durch die Polizei machte sein Herz schlapp. Ärzte schlossen ihn an eine künstliche Pumpe an, 2004 bekam er ein Spenderherz eingepflanzt.
Er verlor seinen Job. Seine Familie trennte sich von ihm, er lebte fortan von 1200 Euro Rente und seinen Ersparnissen. "Es war die Zeit, in der ich mich gefragt habe: Was soll das Ganze noch?", sagt Jacobs, "ich habe Schmerzen, sitze nur noch wie blöd rum, und das Schlimmste ist: Keiner will mehr etwas von dir hören."
Vor zwei Jahren hat Jacobs vor den Olympischen Spielen in Peking auf Goldmanns Dopingvergangenheit aufmerksam gemacht. Es folgte eine kurze, heftige Diskussion. Aber dann verhöhnte Har-
ting ihn, Jacobs, den Verlierer. Und sein Trainer Goldmann überstand die Debatte fast unbeschadet.
Dieses folgenlose Gerede ist es, was Jacobs heute erzürnt. Diese Igoranz. "Ist denn Hartings Verstand mit seinen Muskeln nicht mitgewachsen?", fragt er.
Jacobs sieht sich nun ein zweites Mal als Opfer. Sein Körper ist bereits ruiniert, aber er muss um jede kleine Verbesserung kämpfen. Das Bundesverwaltungsamt hat ihn zwar als Dopingopfer anerkannt, aber wegen der Schwere seines Falls hat er eine zusätzliche Rente für Opfer von Gewalttaten beantragt. Sein erster Trainer ist wegen Körperverletzung verurteilt worden, seine Herzerkrankung ist ein typischer Anabolikaschaden, dennoch lehnten die Ämter seinen entsprechenden Antrag ab. Seine Schäden resultierten nicht aus dem Doping, ein "ursächlicher Zusammenhang" liege nicht vor. Nun muss ein Gericht in Frankfurt (Oder) entscheiden.
Um dort bessere Chancen zu haben, hat Jacobs sein altes, entnommenes Herz auf Reisen geschickt. Gaetano Thiene von der Universität Padua, ein renommierter Herz-Pathologe, soll das Organ demnächst untersuchen. Zwanzig Jahre nach der Wende wird wohl Klarheit darüber herrschen, ob Doping Jacobs' Herz ruiniert hat.
Ines Geipel weiß, wie sich Jacobs fühlen muss. Sie hält Kontakt zu Geschädigten, weil sie so etwas wie deren Sprecherin ist. "Dass es immer wieder auf null geht, das ist eine Belastung", sagt sie. Die Opfer kommen nur schwer zu Wort, ihren Erzählungen wird misstraut, und das Mitgefühl für diese Verlierer des Sportwunderlands DDR bleibt gering. Dabei geht es den meisten Opfern gar nicht um Schuldzuweisung: "Es geht darum, herauszufinden: Was ist konkret passiert? Wenn man weiß, was man bekommen hat, kann man auch in der Therapie besser ansetzen."
Im Hochleistungssport gibt es Gewinner und Verlierer. Dass es daneben auch Opfer gibt, ist nicht vorgesehen. Deshalb kennt das System auch keine Strategien, wie es mit Geschädigten umgehen kann. Die Geschichte der deutschen Dopingopfer ist deshalb auch eine Geschichte des Kampfs, des Streits und gegenseitiger Verletzungen, die bis heute andauern.
Schon frühzeitig hatten Kommissionen des Sports und des Bundestags festgestellt, dass das angebliche Wundersportland DDR Hunderte Geschädigte ausgespuckt hatte. Doch um dieses Wissen nach außen zu tragen, braucht es eine starke Lobby, und es braucht Köpfe, die das Thema in die Öffentlichkeit tragen.
Catherine Menschner ist eine ehemalige Schwimmerin, die schon mit elf Jahren Anabolikapillen bekam und danach schwer erkrankte. Sie hat lange lockige Haare und ist nicht auf den Mund gefallen. Menschner ist schon im Jahr 2000 als Nebenklägerin beim Berliner Prozess gegen die DDR-Funktionärsgrößen aufgetreten. Viele Bekannte und Leidensgenossen der Filmemacherin hatten behinderte Kinder bekommen, erkrankten im Unterleib und litten unter Krebs.
Doch es waren zähe Kämpfe von der Verurteilung der Täter bis zum Jahr 2002, als das Dopingopfer-Hilfegesetz in Kraft trat. Deutschland zahlte daraufhin 194 vom Bundesverwaltungsamt anerkannten Opfern je 10 438 Euro Entschädigung.
Die Geschädigten gaben sich damit nicht zufrieden. Sie wollten den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) - als Rechtsnachfolger des DDR-Olympiakomitees - zur Rechenschaft ziehen. Und Jenapharm, jene Firma aus Thüringen, die Oral-Turinalbol, die Anabolika-Hausmarke der DDR, hergestellt hatte und deren Forschungsabteilung Teil der Manipulationsmaschinerie im Osten war. Die Kämpfe wurden noch zäher, weil sowohl der DOSB als auch die Pharmafirma jede Mitschuld zunächst strikt bestritten.
Als sich vor Gericht Erfolge abzeichneten und Jenapharm als Teil der Berliner Schering AG an den Bayer-Konzern verkauft wurde, bröckelte die Front der Gegner. Aber auch die Opfer waren längst keine starke Gruppe mit Zusammenhalt mehr. Irgendwann kam der Berliner Anwalt Sven Leistikow ins Spiel. Es gab Überlegungen, die Klagen der Dopingopfer in die USA zu verlagern. Schließlich lockten dort Entschädigungen in Millionenhöhe, und da DDR-Sportler auch in Amerika gestartet waren, sahen einige durchaus Erfolgschancen.
Rund 40 Opfer versprachen sich viel von Leistikow, auch Menschner wechselte zu ihm. Doch aus der US-Klage wurde nie etwas, dafür saß Leistikow mit am Tisch, als die Vergleichsverhandlungen mit Jenapharm und DOSB in die finale Runde gingen. Menschner war als Protokollführerin dabei. 9250 Euro war der DOSB schließlich bereit an jeden Geschädigten zu zahlen, die gleiche Summe legte Jenapharm drauf.
Caterine Menschner sagt, sie sei verdutzt gewesen, als der Anwalt Leistikow anschließend bei ihr ein Honorar von 2526,95 Euro verlangt habe: "Das war eine reine Abzocke." Der Heidelberger Anwalt Michael Lehner, der die Verfahren und Verhandlungen von Beginn an begleitet hatte, nahm lediglich 240 Euro von jedem Mandanten. Leistikow teilt mit, von Abzocke könne keine Rede sein, er habe die "Mindestgebühren" der Vergütungsordnung abgerechnet.
Nicht zuletzt wegen des Disputs um die Anwaltshonorare sind die Opfer heute untereinander ziemlich zerstritten. Menschner zahlte irgendwann an Leistikow, doch dann kamen weitere Forderungen wegen angeblich zusätzlicher Verhandlungen. Sie weigerte sich zu zahlen, wurde verklagt und verlor vor Gericht. Die Richter hielten die Rechnung für korrekt.
Catherine Menschner hatte gegen die Sportfunktionäre gewonnen und wollte nicht gegen einen Rechtsanwalt verlieren, der nach ihrer Ansicht an den Opfern viel Geld verdient hatte. Im Juni stand der Gerichtsvollzieher in Leistikows Auftrag vor ihrer Tür. Er pfändete nichts, aber sagte, er werde ein paar Tage Ruhe geben. Dann werde er einen Antrag auf einen Haftbefehl stellen. Menschner hat trotzdem nicht gezahlt.
Der Streit ums Geld hat einiges zerstört. Er hat dazu beigetragen, dass die Dopingopfer selbst in den neuen Bundesländern keinen großen Rückhalt haben. Als es die DDR noch gab, verband die Menschen mit ihren Weltklasseathleten eine Art Hassliebe. Man hat sie gehasst, weil sie mitgeholfen haben, Honeckers Reich zu stabilisieren, und man hat sie geliebt, weil sie Weltniveau verkörperten. Diskus-Weltmeister Robert Harting sei nun derjenige, sagt die ehemalige DDR-Weltrekordlerin Ines Geipel, der die Zerrissenheit weitertrage, weil er eben das "Sprachrohr dieser ewig ungelösten Sportgeschichte der DDR" sei.
Gibt es tatsächlich eine ungeklärte DDR-Geschichte - 20 Jahre nach dem Mauerfall und einer Vielzahl von Filmen und Büchern über den Aufstieg und den Fall dieses Sportlands? Wer sich das nicht vorstellen kann, muss nur einem Verhandlungstag vor der Pressekammer des Hamburger Landgerichts beiwohnen. Seit über drei Jahren führt dort die ehemalige Leichtathletin Grit Breuer einen Prozess gegen den Heidelberger Dopingfachmann Werner Franke. In einem Interview hatte Franke gesagt, aus Unterlagen gehe hervor, dass Breuer schon als Mädchen vom damaligen Trainer gedopt worden sei. Eine frühere Sportkollegin habe dies vor der Kripo ausgesagt.
Am 2. Juli tritt Katrin Zimmermann auf, unter ihrem Mädchennamen Krabbe war sie über Jahre Breuers Trainingspartnerin und neben ihr die erfolgreichste deutsche Sprinterin nach der Wende. Ob sie damals Oral-Turinabol genommen habe, wird sie gefragt. Das sei "nicht Gegenstand des Verfahrens", antwortet sie. Später fügt sie hinzu, sie erinnere sich an nichts. "Leiden Sie unter Amnesie?", ruft Franke.
Die Akten und Aussagen seien eindeutig, sagt Franke. Es wäre "ein Wunder, wenn diese beiden Damen keine Dopingpräparate genommen hätten. Was sie erzählt haben, ist Geschichtsklitterung".
Es ist eine bizarre Situation. Eigentlich müssten die zwei Sportlerinnen als vermeintliche Dopingopfer mit dem Anti-Doping-Kämpfer Franke auf einer Seite stehen. Gegen die Trainer, Ärzte, Hasardeure, die junge Frauen vermännlichten und schwere Krankheiten in Kauf genommen haben. Aber die Kampflinien gehen kreuz und quer. Krabbe und Breuer zehren noch von ihrem Ruhm, den sie offenbar beschädigt sehen, sollten sie ins Zwielicht geraten. Und deshalb bellt Breuers Anwalt Franke an: "Hinter Ihrem hehren Opferschutz steckt nur Geltungswahn."
Franke kennt solche Anschuldigungen. Er setzt seine Mittel dagegen: die Kraft der Akten. Im September wird im badischen Weinheim das erste Dopingarchiv der Welt eröffnet, gegründet vom Dopingopfer-Hilfeverein. Franke wird Kopien aller seiner Dokumente dort ausstellen. Irgendwann sollen alle Unterlagen über das Internet abrufbar sein.
Die Wahrheit soll über die Welt verstreut werden.
Auch Robert Harting hätte die Gelegenheit, sich gründlich damit zu befassen. Vielleicht würde er differenzieren, seine Meinung überdenken. Schließlich ist die Problematik der Dopingopfer Teil seiner eigenen Familiengeschichte.
Bettina Harting, 47, und ihr Mann Gerd, 48, sind am Vormittag mit dem Auto aus der Nähe von Cottbus zu den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften nach Braunschweig gefahren, um den Wettkampf ihrer beiden Söhne zu sehen, von Robert und dem 20-jährigen Christoph, auch er ein Diskuswerfer.
Die Eltern sitzen vor den Katakomben des Stadions beim Kaffee, beide sind sie groß, der Vater ist kräftig gebaut wie die Söhne. Bettina und Gerd Harting waren als Jugendliche in der DDR geförderte Leichtathleten, Kugelstoßen und Diskuswurf. Aber irgendwann waren die Leistungen des Vaters nicht mehr vielversprechend genug, und die Mutter wurde nierenkrank, mit 17. Sie mussten runter von der Sportschule, der übliche Vorgang war das in solchen Fällen.
Dennoch blieb der Sport fester Bestandteil ihres Lebens. Robert schickten sie nach der Wende auf eine Sportschule. "Da gab es einen geregelten Tagesablauf, so wie wir das auch kannten", sagt der Vater. Die Hartings sind energische Menschen, sie vermitteln den Eindruck, dass sie die Hindernisse auf ihrem Weg vor allem bewältigt haben, weil sie sich nicht mit Fragen aufgehalten haben, auf die keine eindeutigen Antworten zu erwarten sind. Etwa die Frage, ob das chronische Nierenleiden, mit dem Bettina Harting seit nunmehr 30 Jahren zurechtkommen muss, eine Folge von Doping ist.
Als sie die Diagnose bekommen habe, erzählt sie, "habe ich gesagt: Das ist jetzt so, jetzt mache ich etwas anderes in meinem Leben, ganz einfach. Ich bin nirgends hingerannt und habe gesagt: Der oder der ist schuld! Ich wusste es ja nicht". Und heute? Sieht sie sich als Dopingopfer? "Das würde ich nie behaupten, weil ich mir nicht sicher bin." Sie wüssten nicht, ob ihnen Mittel verabreicht worden seien, beide nicht, sagt Gerd Harting.
Oft bekommen Dopingopfer wie Ines Geipel oder Gerd Jacobs zu hören und zu lesen, dass sie nun über ein System schimpfen, in dem sie als Leistungssportler doch wunderbar gelebt hätten. Auch die Hartings tun sich schwer damit, Betroffene als Opfer zu sehen. Es klingt ihnen zu sehr nach Entschuldigung für eine Krankheit, auch nach dem Versuch des Westens, an einem der wenigen erfolgreichen Kapitel der DDR-Geschichte, dem Sport, herumzumäkeln und von eigener Dopingvergangenheit abzulenken.
Eine Dreiviertelstunde haben Bettina und Gerd Harting vor dem Stadion geredet, dann wollen sie los auf die Tribüne, der Wettkampf im Diskuswerfen naht. Sie wirken so, als gäbe es keine innere Zerrissenheit. Robert Harting gewinnt klar, er ist mehr denn je Favorit auf den Europameistertitel, und Christoph verpasst nur knapp den dritten Platz. Es ist ein schöner Tag für die Familie.
(*) In München.
Von Detlef Hacke und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 30/2010
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