02.08.2010

BUCHMARKTDruckmethoden

Die Buchhandelskette Thalia bedrängte mit rüden Mitteln einen kleinen Familienbetrieb in Österreich. Ein Lehrstück über eine hartumkämpfte Branche.
Normale Buchhandlungen schmücken ihre Wände gern mit Postern von Goethe, Max Frisch oder Paulo Coelho. In der Wand rechts neben dem Eingang zur Buchhandlung Ennsthaler in Steyr, Oberösterreich, steckt eine alte Kanonenkugel, eine Erinnerung an Napoleons Truppen, die die Stadt einst besetzt hatten und am Ende doch besiegt wurden. Man kann das als Warnung verstehen.
Im Büro eine Etage über seiner Buchhandlung blickt Gottfried Ennsthaler, der Eigentümer, auf die Rokokofassade des Rathauses direkt gegenüber und erzählt vom jüngsten Kulturkampf zu Steyr, einem Angriff, der ihm und seinem Geschäft gilt. Der Angreifer ist Thalia, der Buchhandelskonzern aus Deutschland, und er, Gottfried Ennsthaler, hat "die Frechheit besessen, mich zu wehren". Er wirkt nicht unzufrieden dabei.
Ennsthaler, die Buchhandlung, Stadtplatz Nummer 26 in der Kleinstadt Steyr in der Nähe von Linz, das ist ein Haus aus dem 16. Jahrhundert, Verkaufsräume mit verblichenem Teppich über zwei Etagen und dahinter ein Labyrinth aus Gängen, Treppen, Regalen, Lager- und Büroräumen. Ennsthaler, der Buchhändler, ist ein kräftiger Mann mit grauem Kinnbart, 59 Jahre alt, Vater von sechs Kindern, ein Sohn wurde im Zimmer neben dem Büro geboren.
Das Geschäft übernahm Ennsthaler in den siebziger Jahren von seinem Vater. Heute arbeiten vier seiner mittlerweile erwachsenen Kinder in der Firma, zu der auch ein eigener Verlag gehört und eine Verlagsauslieferung, also der Vertrieb für andere Verlage, auch aus Deutschland und der Schweiz. Insgesamt hat das Unternehmen Ennsthaler 24 Mitarbeiter, macht rund vier Millionen Euro Umsatz pro Jahr, und Miete zahlen muss Ennsthaler auch nicht, das Haus gehört ihm ja.
"Ennsthaler ist eine Institution in Steyr", sagt Ennsthaler, und das merkte irgendwann auch die Buchhandelskette Thalia, die vor einigen Jahren eine eigene Filiale in Steyr eröffnet hat, Stadtplatz Nummer 2, nur gut hundert Meter von Ennsthaler entfernt, aber eher am Rand des Zentrums. Man kann Bücher kaufen bei Thalia, natürlich, aber auch Büromaterial, Spiele und kleine Buddhafiguren.
Schon im vergangenen Jahr gab es einen ersten Kontakt zwischen Ennsthaler und Thalia. Da ging es noch um eine Kooperation. Bei einem zweiten Besuch von Thalia-Mitarbeitern schließlich will Ennsthaler erfahren haben, wie die Kooperation aussehen könnte: Ennsthaler sollte eigenes Geld in die Modernisierung seiner Buchhandlung investieren ("Mindestens 500 000 Euro", sagt Ennsthaler), um sie dann an Thalia zu vermieten. Zu sagen hätte Ennsthaler im eigenen Haus allerdings nichts mehr. Er lehnte ab.
Im April dieses Jahres nun meldete sich Ingo Scholz zu einem Antrittsbesuch, seit Herbst 2009 Geschäftsführer von Thalia Österreich, zuständig für "Beschaffung, Kaufmännisches und Infrastruktur". Er kam schnell zur Sache. Scholz machte deutlich, so erinnert sich Gottfried Ennsthaler, dass Thalia die Buchhandlung Ennsthaler übernehmen wolle. Jeder solle künftig das tun, was er am besten könne. Als Verleger könne Ennsthaler am besten Bücher produzieren, und "wir können am besten Bücher verkaufen", so habe es der Thalia-Mann gesagt. "Ich habe erst gedacht, der macht einen Scherz", sagt Ennsthaler.
Aber Thalia will keine Witze machen, Thalia will wachsen, immer weiter. Der Konzern, benannt nach der Muse der heiteren Dichtkunst aus der griechischen Mythologie, ist die größte Buchhandelskette im deutschsprachigen Raum, mit 294 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und einem Jahresumsatz von zuletzt 910 Millionen Euro. "Wir wollen eine Milliarde erreichen", spätestens 2011, so Thalia-Chef Michael Busch zur "Süddeutschen Zeitung".
Ein ehrgeiziges Ziel, möglicherweise gefährdet durch die Konkurrenz des Internetversands Amazon und den Siegeszug des E-Books. Thalia arbeitet wohl längst an einem eigenen Modell, die Ressourcen dazu sind da.
Thalia gehört zu 75 Prozent zur Douglas Holding, die auch die Douglas-Parfümerien und die Juwelierkette Christ betreibt, und wird wegen bisweilen ruppiger Geschäftsmethoden gefürchtet. Methoden, wie sie bei einigen Supermarktketten üblich sein mögen, in der noch immer von Schöngeistern geprägten Buchbranche jedoch für Verstörung sorgen.
So schickte Thalia im Herbst 2005 einen Brief an viele Verlage mit der Aufforderung, sich an den Modernisierungskosten für Thalia-Buchhandlungen finanziell zu beteiligen. Sogar eine "Neueröffnungs-Prämie für neue Filialen" sollten die Verlage zahlen - "unglücklich formuliert", "mittlerweile gegessen", wie Thalia später beteuerte. Verlage stöhnen jedoch auch über hohe Rabattforderungen, die meisten geben nach. Kaum ein Verlag kann es sich leisten, dass seine Bücher nicht in den Thalia-Geschäften erhältlich sind.
Für Buchhändler Gottfried Ennsthaler war Thalia bis dahin nicht nur ein Konkurrent, der ebenfalls Bücher verkauft, sondern auch ein wichtiger Geschäftspartner. Als Kleinverleger und Auslieferer ist er auf Thalia angewiesen, er machte 2009 mit dem Verkauf seiner Bücher bei Thalia rund 200 000 Euro Umsatz. "Ein verlässlicher Partner", sagt Ennsthaler - bis es wegen seiner Buchhandlung zum Streit kam.
Wenn er nicht gesprächsbereit sei, habe Thalia-Mann Scholz ihm in Steyr gesagt, müsse Thalia darüber nachdenken, keine Bücher mehr bei ihm zu bestellen.
Ennsthaler regt sich immer noch auf, wenn er davon erzählt, er empfand die Gedankenspiele als Erpressung. Er warf Scholz "höflich, aber bestimmt" aus dem Haus.
Noch glaubte Ennsthaler an ein Missverständnis, daran, dass diese "unanständigen Druckmethoden" nicht ernstgemeint seien. Ennsthaler fragte nach bei Josef Pretzl, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Thalia in Österreich; man traf sich im Mai auf der Jahresversammlung der österreichischen Buchhändler in Schladming. Kein Missverständnis, so Ennsthaler, habe Pretzl gesagt: Thalia werde beschließen, bei Ennsthaler nichts mehr einzukaufen.
Ennsthaler versuchte zu retten, was zu retten ist, er fürchtete um seinen Verlag, seine Existenz. Er sei "an der Fortführung der Geschäftsbeziehung weiterhin ungebrochen interessiert", schrieb Ennsthaler an Pretzl und Scholz, es "besteht die volle Leistungs- und Lieferbereitschaft".
Zu spät. Ennsthaler selbst habe die Geschäftsbeziehung abgebrochen, als er in Schladming "halböffentlich klar zum Ausdruck" brachte, dass er "mit Thalia nichts mehr zu tun haben" wolle, behaupteten Pretzl und Scholz in einer E-Mail, "daraus haben wir verständlicherweise die Konsequenzen gezogen".
Thalia bestellte keine Bücher mehr bei Ennsthaler, Ennsthaler-Bücher wurden in den Thalia-Computern gesperrt, ebenso die Bücher jener Verlage, für die Ennsthaler den Vertrieb in Österreich organisiert. Buchlieferungen, die Ennsthaler durch einen Zustelldienst an Thalia schickte, kamen wieder zurück, versehen mit dem Vermerk "Ware darf nicht angenommen werden". In einer E-Mail wies Thalia den Zustelldienst an, keine Sendungen von Ennsthaler mehr zu liefern.
Eine Verlagsauslieferung, die keine Bücher bei Thalia unterbringen kann, ist nicht viel wert. Ein deutscher Verlag kündigte, Zufall oder nicht, kurz darauf den Auslieferungsvertrag mit Ennsthaler. Auch andere Verlage und Autoren des Ennsthaler-Verlags meldeten sich, besorgt darüber, dass ihre Werke in Thalia-Buchhandlungen nicht mehr zu finden waren.
Im Ennsthaler-Verlag erscheinen, unter anderem, Gesundheitstitel, Bücher wie "Atme dich schlank", manche haben eine esoterische Schlagseite. Einer der aktuellen Bestseller im Programm ist ein Lebenshilfe-Ratgeber, "Dem Schicksal auf der Spur" von Karin Achleitner-Mairhofer, ein Titel, auf den Thalia offenbar trotz des Boykotts nicht verzichten wollte. Thalia kaufte rund 700 Exemplare des "Schicksal"-Buchs, aber nicht bei Ennsthaler, sondern direkt bei der Autorin. "Die Abrechnung folgt dann auch direkt mit ihr!", schrieb Thalia dem protestierenden Ennsthaler. Sein Umsatz fiel und fiel.
Es war eine Demonstration der Stärke. Thalia zeigte die Folterwerkzeuge nicht nur vor, man setzte sie auch ein. "Sollten Sie an dieser Position etwas verändern wollen, liegt die Initiative bei Ihnen", schrieben die Thalia-Bosse Pretzl und Scholz an Ennsthaler. "Gerne erwarten wir Ihre Vorschläge zu den beiden Ihnen hinlänglich bekannten offenen Punkten" - gemeint waren offenbar die Aufgabe der Buchhandlung Ennsthaler und die Vermietung an Thalia.
Gottfried Ennsthaler schlief jetzt sehr schlecht, Existenzangst, aber er wollte nicht aufgeben. Seine Frau Regina machte ihrem Frust schließlich Luft, sie schrieb auf, was passiert war, eine Mail an ein paar Freunde, mit der Bitte um Weiterleitung. Andere Möglichkeiten sah sie nicht, "wir sind ja kein Konzern". Es dauerte ein paar Tage, aber dann verbreitete sich die Mail, in Verlagskreisen, unter Bloggern, eine Facebook-Gruppe wurde gegründet, Motto: David gegen Goliath.
Goliath reagierte. Ennsthaler suche "mit äußerst fragwürdigen, kreditschädigenden Mitteln den Weg in die Öffentlichkeit", teilte Thalia in einer Presseerklärung mit. Dabei habe Ennsthaler die Lieferantenbeziehung zu Thalia abgebrochen. Es seien zwar "gemeinsame Überlegungen über eine Buchhandlung am Ennsthaler-Standort in Steyr angestellt" worden, ein Kaufangebot für diese Buchhandlung habe es jedoch "zu keinem Zeitpunkt" gegeben.
Viele Kunden waren befremdet über Thalias Vorgehen und kauften aus Solidarität in der Buchhandlung Ennsthaler. "Die Bestellungen bei uns sind explodiert", sagt Ennsthaler. Radiosender und Zeitungen in Österreich berichteten über den Fall. Thalia stand am Pranger, der Angreifer war in die Defensive geraten, eine neue Situation.
Am Ende gab Thalia klein bei. "Dem Wunsch von Herrn Ennsthaler, die Geschäftsbeziehung zu Thalia wiederaufnehmen zu wollen", wurde entsprochen, teilte das Unternehmen mit.
Man kann also wieder Bücher von Ennsthaler bei Thalia kaufen, "Atme dich schlank", "Dem Schicksal auf der Spur", und Gottfried Ennsthaler kann nachts wieder ruhig schlafen und tagsüber in seine Buchhandlung gehen, vorbei an Napoleons Kanonenkugel am Eingang.
Und Thalia? Dort hält man den Vorgang für "erledigt". Geschäftsführer Pretzl mochte nicht mit dem SPIEGEL reden, die Konzernleitung in Hagen lässt mitteilen, dass man sich im Fall Ennsthaler vorbildlich offen verhalten habe, "detaillierte Äußerungen zu diesem Vorgang" werde es nicht mehr geben.
"Im Mittelpunkt all unserer Bemühungen", schreibt Pretzl in einer Mitteilung an Thalia-Kunden, "steht das Kulturgut Buch."
Zumindest darin sind sich Thalia und Gottfried Ennsthaler einig.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 31/2010
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