02.08.2010

INTERNET Null Blog

Die Jugend, zur „Netzgeneration“ verklärt, hat in Wahrheit vom Internet wenig Ahnung. Und die Moden des Web 2.0 - von Bloggen bis Twittern - sind den Teenagern egal. Neue Studien zeigen: Es gibt für sie immer noch Wichtigeres im Leben.
Tag für Tag ist Jetlir online, oft viele Stunden bis spät in die Nacht. Fast immer ist auf dem Bildschirm das Fenster seines Chat-Programms offen. Freunde und Bekannte schreiben da gleichzeitig durcheinander. Ab und zu tippt Jetlir einen Halbsatz in den ruckelnden Strom der Dialogzeilen, irgendwas Witziges oder ein Hallo, während er sich nebenher durch die Sportvideos bei YouTube klickt.
Jetlir, 17 Jahre alt, Gymnasiast aus Köln, könnte gut in einer der üblichen Geschichten über die "Netzgeneration" auftreten, die sich angeblich im Virtuellen zu verlieren droht.
Der Junge ist aufgewachsen mit dem Internet; seit er denken kann, ist es da. Seine halbe Freizeit spielt sich ab zwischen Facebook, YouTube und dem Chat.
Wirklich wichtig aber sind ihm andere Dinge, allen voran der Basketball. "Der Verein geht vor", sagt Jetlir. "Nie würde ich ein Training auslassen." Auch sonst hat das echte Leben Vorrechte: "Wenn sich jemand mit mir treffen will, mache ich sofort die Kiste aus."
Was Jetlir vom Internet erwartet, ist eher bescheiden. Die Älteren mögen es für ein revolutionäres Medium halten, von den Segnungen der Blogs schwärmen und um die Wette twittern. Jetlir ist zufrieden, wenn seine Freunde in Reichweite sind und bei YouTube die Videos nie ausgehen. Nie würde es ihm einfallen, ein Blog zu schreiben. Er kennt auch sonst niemanden in seinem Alter, der auf so was käme. Getwittert hat er ebenfalls noch nie: "Wofür soll das gut sein?"
In Jetlirs Alltag spielt das Internet eine paradoxe Rolle: Er nutzt es ausgiebig - aber es interessiert ihn nicht. Es ist unverzichtbar, aber nur, wenn sonst nichts anliegt. "Eine Nebensache", sagt er.
Jetlirs Abgeklärtheit ist typisch für die Jugend von heute; das bestätigen mehrere aktuelle Studien. Ausgerechnet die erste Generation, die sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen kann, nimmt das Medium nicht übermäßig wichtig und verschmäht seine neuesten Errungenschaften: Ganze drei Prozent der jungen Leute schreiben selbst ein Blog. Und nicht mehr als zwei Prozent beteiligen sich regelmäßig an der Wikipedia oder sonst einem vergleichbaren Freiwilligenprojekt.
Nicht minder konsequent ignoriert die Null-Blog-Generation kollektive Linksammlungen wie Delicious oder Foto-Gemeinschaftsportale wie Flickr und Picasa. Das ganze hochgelobte Mitmach-Web, auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbürgern der Zukunft offenbar völlig egal. Das ergab eine große Studie des Hans-Bredow-Instituts.
Dabei schwärmen Experten seit Jahren von einer technikbeseelten Jugend neuen Typs: mobil, vernetzt und chronisch ungeduldig, verwöhnt von der Überfülle der Reize im Internet. Ihr Leben verbringe sie in steter Symbiose mit Computern und Mobiltelefonen; die Netztechnik sei ihr quasi schon ins Erbgut übergegangen. Die Medien nennen sie deshalb "Cyberkids", "Generation @" oder schlicht die "Netzgeneration".
Zu den vielzitierten Wortführern der Bewegung gehören der US-Autor Marc Prensky, 64, und sein kanadischer Kollege Don Tapscott, 62. Prensky hat sich das Bild von den "Digital Natives" ausgedacht, den Eingeborenen von Digitalien, traumwandlerisch vertraut mit allem, was das Internet möglich macht an Teilhabe und Selbstinszenierung - und den Älteren in diesen Dingen uneinholbar voraus. Wer über 25 ist, zählt bei Prensky zu den "Digital Immigrants", den Zugezogenen, die sich durch ihre Unbeholfenheit verraten wie sonst die Migranten mit ihren ulkigen Akzenten.
Eine kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten lebt von der immer gleichen Botschaft: Die Jugend sei durch und durch geformt von dem Online-Medium, in dem sie groß geworden ist. Speziell die Schule müsse ihr deshalb ganz neue Angebote machen; der herkömmliche Unterricht erreiche diese Jugend gar nicht mehr.
Belege dafür gibt es kaum. Statt auf Studien stützen die Visionäre sich vor allem auf eindrucksvolle Einzelbeispiele jugendlicher Netzvirtuosen. Für die ganze Generation besagt das freilich wenig, wie die Forschung inzwischen weiß; sie ist zügig dabei, ihren Rückstand aufzuholen.
Zahlreiche Studien haben inzwischen zusammengetragen, wie die Jugend tatsächlich mit dem Internet umgeht. Ihre Befunde lassen vom Bild der "Netzgeneration" wenig übrig - und zugleich räumen sie auf mit dem Glauben an die alles verändernde Macht der Technik.
Die Erhebung des Hans-Bredow-Instituts - Titel: "Heranwachsen mit dem Social Web" - ging dabei besonders gründlich vor. Neben einer repräsentativen Umfrage kamen 28 junge Leute in ausführlichen Einzelinterviews zu Wort. Wie sich auch hier wieder zeigte, dient das Internet vor allem der Freundschaftspflege. In den sozialen Netzwerken von Facebook bis SchülerVZ wird getratscht, gewitzelt und posiert - ganz wie im echten Leben.
Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert. Für die meisten Befragten ist das Internet keine neue Welt, sondern eine nützliche Erweiterung der alten. Entsprechend pragmatisch ist das Verhältnis zwischen Mensch und Medium: "Wir haben überhaupt keine Belege dafür gefunden, dass das Internet die Jugend prägt", sagt die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink, die das Projekt geleitet hat.
Die angeblich so virtuosen Netzbürger sind nicht einmal besonders geschickt darin, ihr Medium auszureizen. "Fummeln können sie", sagt der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. "Sie bringen jedes Programm zum Laufen, und sie wissen, wo sie sich Musik und Filme besorgen können. Aber wirklich gut darin ist auch nur eine Minderheit."
Schulmeister, ein Experte für digitale Medien im Unterricht, muss es wissen: Er hat sich gerade durch mehr als 70 einschlägige Studien aus aller Welt geackert. Auch er kommt zu dem Schluss, dass das Internet keineswegs die Herrschaft über die Lebenswelt übernommen habe. "Nach wie vor machen die Medien nur einen Teil der Freizeitaktivitäten aus", sagt er, "und das Internet ist nur ein Medium unter anderen. Für Jugendliche ist es immer noch wichtiger, Freunde zu treffen oder Sport zu treiben."
Der Marke "Netzgeneration" dürfte das freilich nicht schaden. "Das ist so eine naheliegende, billige Metapher", sagt Schulmeister, "die kommt einfach immer wieder hoch."
Zudem scheint allein schon die Statistik zu zeigen, wie die Technik immer größere Teile des Alltags verschlingt. Nach
der jüngsten JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest haben bereits 98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen einen Zugang zum Internet, und sie verbringen damit nach eigener Schätzung im Durchschnitt 134 Minuten am Tag - nur noch drei Minuten weniger als mit dem Fernsehen.
Allerdings besagt die schiere Dauer wenig. Die Frage ist, was die "Cyberkids" tun, wenn sie online sind. Und darin unterscheiden sie sich wenig von früheren Jugendgenerationen: Es geht um den Austausch mit ihresgleichen. Fast schon die Hälfte der Zeit verbringen sie damit. E-Mail, Chat und soziale Netzwerke machen zusammen den größten Einzelposten in der Nutzungsstatistik aus.
Tom zum Beispiel, ein Mitschüler von Jetlir, steht fast rund um die Uhr mit 30 oder 40 Freunden in Verbindung. Die Kanäle wechseln je nach Gelegenheit: morgens ein kleiner Chat am PC, in der großen Pause ein paar SMS, nach der Schule die tägliche Facebook-Sitzung, ein paar Anrufe per Handy und abends noch ein, zwei gemütliche Videotelefonate über den Internetdienst Skype.
Ob die Verbindung jeweils über das Internet hergestellt wird oder nicht, ist offenbar ziemlich egal. Es kommt nicht auf die Medien oder die Geräte an; es zählt nur, wofür sie gut sind. Das können vor allem beim Internet inzwischen ganz verschiedene Dinge sein: Mal dient es als Telefon, dann wieder als eine Art besserer Fernseher. Ein, zwei Stunden guckt Tom täglich, meist bei YouTube, aber auch ganze TV-Sendungen, sofern sie irgendwo abrufbar sind. "Jeder weiß, wie man Folgen von Fernsehserien findet, die man sehen will", sagt Toms Mitschülerin Pia.
Die Unterhaltung ist der zweitgrößte Posten in der Nutzungsstatistik. Inzwischen hören mehr Jugendliche ihre Musik bei diversen Abspielstationen im Internet als im Radio. Das ergab schon 2008 eine Studie der Universität Leipzig. Vor allem das Videoportal YouTube ist nebenher, weitgehend unbemerkt, zur globalen Jukebox für den Musikbedarf der Jugend geworden - kaum ein Song, der dort nicht aufzutreiben wäre.
"Das ist auch praktisch, um mal was Neues zu finden", sagt Pia. Die Suche ist sehr effizient; in der Regel genügt schon eine halbe Textzeile, irgendwo auf einer Party aufgeschnappt, und YouTube liefert das Video mit dem dazugehörigen Song.
So füllt sich das Internet mit den Angeboten älterer Medien; zum Teil tritt es an ihre Stelle. Und das jugendliche Publikum, immer schon auf Austausch und Unterhaltung aus, nutzt dafür nun vermehrt das Netz - nicht gerade der Stoff für eine Revolution der Lebensweise.
Auch gibt es weiterhin noch ein Leben fern von Bildschirmen aller Art. Bei neun von zehn Teenagern steht laut JIM-Studie von 2009 das Treffen mit Freunden ganz oben auf der Liste der Freizeitaktivitäten jenseits der Medien. Noch bemerkenswerter: 76 Prozent der Jungen treiben mehrmals pro Woche Sport; bei den Mädchen sind es immerhin 64 Prozent.
Vollends erstaunlich ist, was Anfang des Jahres in den USA herauskam: Selbst die intensivsten Mediennutzer verbringen dort nicht weniger Zeit mit körperlichen Aktivitäten als ihre übrigen Altersgenossen. Das ergab die Studie "Generation M2" der Kaiser Family Foundation.
Und wie passt das alles in einen Tag? Wer einfach nur Nutzungszeiten addiert, bekommt ein falsches Bild. Die meisten Jugendlichen können problemlos gleichzeitig telefonieren, bei Facebook stöbern und nebenher Musik hören. Und sie sind wohl vor allem zu jenen Zeiten online, die sonst ungenutzt bleiben würden. "Ich bin im Internet, wenn ich nichts Besseres zu tun habe", sagt Jetlir. "Und leider auch oft, wenn ich längst schlafen sollte." Dank Mobiltelefon und MP3-Player lassen sich auch unterwegs die ehedem leeren Nischen im Tageslauf füllen. So kann die Mediennutzung stetig ansteigen, und doch bleibt reichlich Lebenszeit erhalten.
Obendrein gibt es nach wie vor viele Jugendliche, denen der ganze Online-Rummel egal ist. Immerhin 31 Prozent nutzen die sozialen Netzwerke selten oder nie. Anna würde "in einer Welt ohne Internet höchstens den Bahnfahrplan vermissen". Torben findet "einfach die Zeit zu schade" für den Computer. Er spielt Handball und Fußball; ihm genügen "zehn Minuten Facebook am Tag".
Mitschüler Tom dagegen vergisst schon mal die Uhr im Hin und Her zwischen Facebook und Chat. "Es ist ein seltsames Gefühl", gesteht er, "wenn mal wieder so viel Zeit vergangen ist, ohne dass man was davon hat." Er weiß auch, dass auf andere dieser Sog noch weit stärker wirkt. "Wir kennen alle welche", bestätigt Pia, "die den ganzen Tag im Internet herumhängen" - vielleicht nur mangels besserer Angebote, wendet Jetlir ein: "Wenn man die fragt, ob sie mit rauskommen wollen, sagt auch keiner nein."
Selbst eingefleischte Netzbewohner sind im Übrigen noch lange keine geborenen Experten fürs Medium. Wer aus dem Internet Nutzen ziehen will, muss erst verstehen, wie die Welt funktioniert, die aus dem Internet spricht. Und daran hapert es oft. Das Einzige, was Jugendliche den Älteren voraushaben, ist ihre Unbefangenheit am Computer. "Die probieren einfach drauflos", sagt René Scheppler, Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule. "Dabei entdecken sie auch alles Mögliche. Sie verstehen nur nicht, wie es funktioniert."
Gelegentlich versucht der Lehrer deshalb, die großen Fragen des Mediums aufzuwerfen. Zum Beispiel: Woher kommt eigentlich das Internet? "Dann heißt es: Wie? Was? Das ist doch einfach da!", berichtet Scheppler. "Von allein setzen die sich nicht damit auseinander. Für sie ist das wie ein Auto, es soll fahren."
Und weil die Schüler im Grunde unbedarft sind, neigen sie umso mehr zur Selbstüberschätzung. "Sie halten sich für die wahren Experten", sagt Scheppler, "aber wenn's drauf ankommt, können sie nicht einmal richtig googeln."
Eines Tages setzte er tatsächlich Google auf den Stundenplan, Lehrziel höhere Suchtechnik. Die Klasse fand das drollig: "Google?", hieß es da, "können wir doch, machen wir doch andauernd, jetzt will uns der Herr Scheppler Google erklären!"
Dann bekamen sie ihre Aufgabe: ein Plakat zur Globalisierung entwerfen am Beispiel indischer Leiharbeiter. Und nun war es am Lehrer, sich zu amüsieren: "Die kloppen bei Google ein Suchwort nach dem anderen einzeln rein, und dann geht es zappzappzapp: weg damit, taugt nichts, nächster Versuch", erzählt Scheppler. "Sie sind blitzschnell im Verwerfen, manchmal auch guter Funde. Sie meinen sortieren zu können, nudeln aber einfach nur alles durch - sehr schnell, sehr hektisch, sehr oberflächlich. Und beim ersten Treffer, der ihnen halbwegs passabel erscheint, hören sie sofort auf."
Kaum einer hat eine Vorstellung, woher die Sachen stammen, die im Netz aufzustöbern sind. Bittet der Lehrer um Quellenangaben, hört er schon mal: "Das habe ich bei Google gefunden."
Die neuere Forschung zum Suchverhalten bestätigt Schepplers Beobachtungen. Eine große Studie der "British Library" kam zu einem ernüchternden Schluss: Die "Netzgeneration" weiß kaum, wonach sie suchen soll, überfliegt die Funde nur flüchtig und tut sich schwer, deren Relevanz einzuschätzen: "Die Informationskompetenz junger Leute", attestieren die Autoren, "hat sich mit dem breiteren Zugang zur Technik nicht gebessert."
Ein paar Schulen haben bereits erkannt, dass sie hier gefordert sind. Eine davon ist das Gymnasium, das Jetlir und Tom, Pia und Anna besuchen: die Kaiserin-Augusta-Schule in Köln. "Die Schüler sollen bei uns lernen, das Internet produktiv zu nutzen", sagt Musiklehrer André Spang, "nicht nur zum Rumklicken."
Spang nutzt dafür die Werkzeuge des Web 2.0 im Unterricht. Zur Musik im 20. Jahrhundert etwa ließ er seine Zwölftklässler ein Weblog anfertigen - "die wussten gar nicht, was das ist". Nun schrieben sie Artikel zu Aleatorik und Musique concrète, komponierten einfache Zwölftonreihen und sammelten Klangbeispiele, Videos und Weblinks zum Thema. Alle konnten online verfolgen, was die anderen gerade machten, und sich gegenseitig kommentieren - eine kleine Öffentlichkeit, die auch dem Ehrgeiz der Beteiligten förderlich war.
Die Technik ist unkompliziert und schnell eingerichtet. Sie kommt deshalb auch in anderen Fächern zum Einsatz. Selbst "Wikis" nach dem Vorbild der großen Wikipedia gehören zum Repertoire. Bei Spangs Kollegen Thomas Vieth stellte eine 10. Klasse in Physik gerade eine kleine Enzyklopädie des Elektromagnetismus zusammen. "Vorher konnten wir nur Gruppenarbeiten vergeben", sagt Vieth, "und am Ende wurden die Vorträge abgenudelt. Jetzt lesen alle mit, schon allein weil die Artikel ja auch zusammenhängen und verlinkt werden müssen."
Nebenher lernen die Schüler, wie sie dafür im Internet verlässliche Informationen finden. Und damit sie auch kapieren, was sie da gefunden haben, gibt es regelmäßig die altmodische "Methodenschulung": Texte lesen, verstehen, zusammenfassen. Statt dass also die Netzgeborenen mit ihrer Weltläufigkeit im Virtuellen die Schule herausfordern, muss diese ihnen mühsam beibringen, wie man sich das Online-Medium zunutze macht.
Für die meisten Schüler war es das erste Mal, dass sie das Internet um eigene Schöpfungen bereichert haben. Die große Öffentlichkeit reizt sie nicht; Selbstdarsteller sind selten - selbst anonyme Rollenspiele auf virtuellen Bühnen, wie sie etwa die Online-Welt "Second Life" bietet, werden verschmäht. Die Jugend ist geradezu versessen auf reale Beziehungen: Was immer sie tut oder schreibt, ist an die eigene Gruppe gerichtet.
Das gilt auch für die Gattung Video, die noch am ehesten zum Selbermachen verleitet. Immerhin 15 Prozent der jungen Leute haben schon mal ein Video hochgeladen; großteils mit dem Handy gefilmte Ware.
Sven zeigt ein Beispiel auf YouTube: Man sieht ihn mit ein paar Freunden in Badehose am Seeufer; dann laufen sie zusammen ins offenbar noch schaurig kalte Wasser. "Doch, doch", versichert Sven, "so was interessiert die Leute, darüber wird gesprochen!" In der Tat stehen unterm Video schon 37 Kommentare, alle aus dem Bekanntenkreis.
"Und hier", sagt Sven und zeigt auf den Bildschirm, "hier bei Facebook hat vor kurzem jemand einfach nur einen Punkt gepostet. Trotzdem haben sieben Leute schon auf den 'Gefällt mir'-Knopf gedrückt, und 83 haben zu dem Punkt Kommentare geschrieben."
Älteren mag das völlig sinnfrei vorkommen, für die Jugend gehört es zum Gruppenleben, nicht weniger wichtig als ein freundliches Winken oder eine leutselige Blödelei in der Offline-Welt. Nichts zeigt besser als der Punkt, wie normal das Internet geworden ist - das Gegenteil einer besonderen Welt, in der besondere Dinge geschehen.
"Die Medien werden massenhaft genutzt, wenn sie alltagstauglich sind", sagt der Hamburger Bildungsforscher Schulmeister. "Und sie werden für Ziele genutzt, die man ohnehin anstrebt."
Für die Jugendlichen ist dieser Wendepunkt jetzt erreicht. Das Internet gehört schon nicht mehr zu den Dingen, an die sie freiwillig Gedanken verschwenden. Die Aufregung um den "Cyberspace" war, wie es scheint, ein Phänomen der Altvordern, der technikvernarrten Gründergeneration. Für eine kurze Übergangszeit schien das Netz ungemein neu und anders, eine eigene revolutionäre Macht, die alles packt und umformt.
Der Jugend ist das fremd. Sie spricht kaum mehr vom "Internet", nur noch von Google, YouTube und Facebook. Erst recht versteht sie nicht mehr, was es heißen soll, "ins Netz zu gehen".
"Der Begriff ist sinnlos", sagt Tom. Ein Relikt aus der Zeit, als es noch etwas Besonderes war, die Vorstellung eines separaten Raums, getrennt vom echten Leben, einer eigenen geheimnisvollen Welt, die man betritt und wieder verlässt.
Tom und seine Freunde sind nur noch, wie sie sagen, "on" oder "off". Und das meint einfach: erreichbar oder nicht.
(*) Unten: an der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule.
Von Dworschak, Manfred

DER SPIEGEL 31/2010
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