16.03.1998

FRANKREICH

Rächer auf Rollschuhen

Von Widmann, Carlos

Staunen im Prozeß gegen den früheren Vichy-Beamten Maurice Papon: Anwalt Arno Klarsfeld, Enkel eines Auschwitz-Opfers, fordert ein mildes Urteil. Von Carlos Widmann

"Ein Kollaborateur kann nicht gleichzeitig Mitglied der Résistance gewesen sein"

Der Staranwalt neuen Typs fährt nicht im Jaguar vor. Er trägt keinen Maßanzug unter der Robe und bietet rhetorisch keine Stegreif-Kür. Vielmehr kurvt er auf Rollschuhen heran, mit Rucksack, T-Shirt und Lederjacke, und verläßt sich bei der Überzeugungsarbeit stark auf die Körpersprache. Denn nicht der Gerichtssaal ist sein wahres Forum, sondern die Wandelhalle des Justizpalastes, wo die Fernsehkameras stehen.

Dem Hohn der Anwaltskollegen, die den Medienliebling als Prozeßordnungsstümper empfinden, ist ein deutlicher Unterton von Neid beigemischt. Schlank, tänzerisch und langhaarig, erinnert Arno Klarsfeld, 31, mit seinen hellen Augen und vollen Lippen an den jungen John Travolta.

Aber seine Mission hat nichts Frivoles an sich: Vor dem Schwurgericht in Bordeaux, wo der einstige Vichy-Beamte Maurice Papon, 87, der Juden an die Nazis auslieferte, sich seit über fünf Monaten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten hat, vertritt Maître Klarsfeld einen der 24 Nebenkläger: "Die Vereinigung der Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs".

Arno selbst ist der Sohn eines dieser Söhne, Enkel eines Flüchtlings aus Rumänien, der von den Deutschen nach Auschwitz verschleppt wurde. Die Berufung zum Verfolger von Nazi-Schergen und französischen Kollaborateuren aber hat der junge Klarsfeld nicht nur vom Vater Serge, sondern auch von Mutter Beate geerbt: Die errang 1968 schlagartig Weltruhm, als sie den deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger in Berlin öffentlich ohrfeigte.

Damals war der kleine Arno gerade zwei Jahre alt, ein Jung-Achtundsechziger, der bald etwas vom Aktivismus seiner Eltern mitbekam. Die Watsche für Kiesinger, der NSDAP-Mitglied war und dem Hitler-Regime als Diplomat in Paris gedient hatte, machte Beate Klarsfeld zur Pasionaria des Antifaschismus. 1971, als Arno fünf war, versuchten die Klarsfelds, den einstigen Pariser Gestapo-Chef Kurt Lischka nach Frankreich zu entführen. Später machten sie in La Paz spektakulär darauf aufmerksam, daß der ehemalige Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, in Bolivien lebte.

Schon vor einem Jahrzehnt hat der junge Klarsfeld weithin sichtbar die Mission der Eltern übernommen: Er demonstrierte in SS-Uniform gegen den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, der während des Krieges in Jugoslawien allerdings nur Wehrmachtskluft getragen hatte. Er wurde Rechtsanwalt, schrieb gelegentlich Kommentare für die linke "Libération", verfaßte einen wenig beachteten Roman über die Massaker in Ruanda, unterhielt ein vielbeachtetes Verhältnis zu dem Mannequin Carla Bruni und nahm eloquent an Talkshows teil.

In Bordeaux hat er vorerst gegen schwere Konkurrenz den Mediensieg davongetragen. Niemand fand soviel Beachtung wie er: keiner der Anwälte, die die übrigen 23 Nebenkläger vertreten; weder die Staatsanwälte noch die Verteidiger, noch der Gerichtspräsident Jean-Louis Castagnède; ja möglicherweise nicht einmal Papon selbst - der greise Angeklagte, der als Verkörperung der Vichy-Jahre vor Gericht steht und das Schauspiel mit kühlem Interesse oder demonstrativer Nichtbeachtung verfolgt.

Mit Spannung wurde am Dienstag vergangener Woche das Schlußwort von Maître Klarsfeld erwartet. Von seinem Plädoyer waren auf jeden Fall Überraschungen zu gewärtigen. Schon in der ersten Prozeßphase hatten die Klarsfelds für einen Eklat gesorgt: Als der Richter Castagnède dem damals gesundheitlich schwer angeschlagenen Papon Haftverschonung gewährte - eine Vergünstigung, die bis zum Ende eines wahrscheinlichen Revisionsverfahrens und somit womöglich bis ans Lebensende Papons in Kraft bleibt -, verkündete Serge Klarsfeld in Paris eine "Kriegserklärung" gegen den Richter, und Sohn Arno verließ in Bordeaux demonstrativ den Gerichtssaal.

Den zweiten Eklat lieferte Arno Klarsfeld, als er den Rücktritt des Gerichtspräsidenten verlangte. Er hatte herausgefunden, daß ein Onkel Castagnèdes während des Krieges Esterina Benaim geheiratet hatte, deren Mutter und Schwestern in Auschwitz umkamen. Die Amtsenthebung Castagnèdes (und damit die Aussetzung des Verfahrens) forderte Klarsfeld mit dem Argument, Papons Verteidiger könnten hinterher ein Urteil wegen Befangenheit des Richters anfechten.

Damals schon gewannen französische Journalisten den Eindruck, der junge Arno sei die Stimme seines Vaters. "Die Klarsfelds wollen den Prozeß sabotieren, ganz egal, wie er ausgeht", protestierte der Anwalt Alain Lévy, der in Bordeaux den Nationalen Deportierten-Verband vertritt.

Als Arno Klarsfeld am vergangenen Dienstag sein Plädoyer eröffnete, stieg die Spannung im Saal: Im Eiltempo trug er eine fast zwei Stunden lange Rede vor, an der aufmerksame Zuhörer auch den stilistischen Schliff von Vater Klarsfeld zu erkennen glaubten.

Er sprach von der "Rassengrausamkeit der Nazis, dieser Mischung aus Barbarenmystik und Verwaltungsperfektion", von den verschleppten und den zurückgebliebenen Kindern, deren Fotos er im Gerichtssaal projizieren lassen wollte (es wurde ihm nicht erlaubt). Er sprach von "Brüdern, die ihre Schwestern suchen, von Hunderten aufgereihter Schmerzen in den Kindergesichtern auf diesen Bildern", von "den Namen, die eingeschlummert sind im Schlaf eines halben Jahrhunderts". Gemeint waren auch die über 200 Kinder, deren Deportation ins Durchgangslager Drancy Papon angeordnet hatte.

Dann die erwartete Überraschung: Zwar sei der Prozeß gegen den Angeklagten Papon "unerläßlich", gab der Staranwalt zu Protokoll, doch müsse die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben: Papon sei schließlich kein Schlächter wie Barbie, der 1987 zu "lebenslänglich" verurteilt wurde, und auch kein "SS-Krimineller" wie die deutschen Greise Erich Priebke und Karl Hass, die gerade in Rom lebenslange Strafen bekommen haben.

Kaum hatte Klarsfeld um Milde gebeten, erhoben sich zwei Nebenkläger und verließen unter Protest den Gerichtssaal. Gerade von dem Rächer auf Rollschuhen hatte niemand so etwas erwartet. "Es ist doch nicht Sache eines Klägers, für den Angeklagten einzutreten", rief Eliane Dommange, und Maurice-David Matisson fügte hinzu: "Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann man keine Unterschiede machen."

War dies Effekthascherei, Sucht nach Originalität, um garantiert Schlagzeilen zu machen? Es hat eher den Anschein, als habe der Stimmungswandel, der sich in den fünf Monaten seit Prozeßbeginn in der französischen Öffentlichkeit bemerkbar machte, das Familienunternehmen Klarsfeld zu einer taktischen Wende bewogen.

Die Vorverurteilung Papons in den Medien hatte die Erwartungen vieler Franzosen, vor allem der Intellektuellen, zunächst etwas zu hoch geschraubt: Würde zum erstenmal ein hoher französischer Beamter, ein typischer Vertreter der Bürokraten-Elite, für die Verbrechen haftbar gemacht werden, die Frankreich unter dem Kollaborationsregime von Vichy an seinen Bürgern jüdischer Herkunft begangen hat? Würde Papon, mit 31 Jahren Generalsekretär der Präfektur des Departements Gironde, nach dem Krieg unter Präsident Charles de Gaulle Polizeipräfekt von Paris und später gar Budgetminister unter Präsident Valéry Giscard d'Estaing, für eine dunkle Epoche Frankreichs der legitime Sündenbock sein?

Schon bald nach Prozeßbeginn stellte sich heraus, daß die historische Wirklichkeit keineswegs so eindeutig war. Entlastungszeugen marschierten auf, mit denen niemand gerechnet hatte: Bekannte Intellektuelle wie Maurice Druon, "Ewiger Sekretär" der ehrwürdigen Académie française, der daran erinnerte, daß Papon 1981 von einem Ehrengericht der Résistance als Mann des Widerstands anerkannt worden sei. Der Prozeß von Bordeaux "beleidigt das Andenken aller Mitglieder des Ehrengerichts", donnerte Druon.

Alain Perpezat, einem Widerständler der ersten Stunde, ist Papon schon 1943 als Helfer der Résistance aufgefallen, und Christian Campet gab an, ein Vertrauter de Gaulles habe Papon wenige Wochen vor der Befreiung in der Präfektur von Bordeaux aufgesucht.

Gegen dieses Bild wehrt sich beinahe verzweifelt der Deportierten-Anwalt Jean-Serge Lorach, dessen Großvater ebenfalls in Auschwitz umkam: "Es ist nicht möglich, daß jemand, der Juden abschob, auch der Résistance angehört hat. Ein Kollaborateur kann nicht gleichzeitig Widerstandskämpfer gewesen sein."

Doch die Franzosen hatten gerade in den letzten Jahren von einem Sozialisten, den sie zweimal zum Präsidenten gewählt haben, eine Lektion über die Zweideutigkeit menschlichen Verhaltens bekommen. Es war durchaus möglich, erst Karrierist und Kollaborateur zu sein, und später auf die andere Seite überzuwechseln - und sich dabei immer als Patriot zu empfinden.

Das Foto eines vertraut wirkenden jungen Mannes hat der Nation diese Erkenntnis erleichtert: Es zeigt den Rechtsnationalen und späteren Sozialisten François Mitterrand zusammen mit Marschall Pétain, dem Führer des Vichy-Regimes. Der hatte Mitterrand sogar einen Orden verliehen.


DER SPIEGEL 12/1998
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