23.03.1998

ZEITGESCHICHTEFelix der Lügner

Generationen galt er als Seeheld und Erfolgsautor. Aktenfunde belegen nun, was Felix Graf von Luckner noch war - ein Kinderschänder.
Für sein "liebes Halle" hat der Graf Bedeutendes geleistet. Daß die Stadt an der Saale gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von schweren Bombenangriffen der Alliierten weitgehend verschont blieb, notierte der Seemann, sei "dem Umstand zu verdanken, daß meine Mutti und ich dort lebten".
So einem gebührt noch postum Dank. Ein Platz, eine Straße oder doch zumindest eine Sackgasse soll den Namen des 1966 gestorbenen Felix Graf von Luckner tragen. Dafür macht sich seit Monaten die "Marinekameradschaft Halle / Saale - 484 im Deutschen Marinebund e. V." stark und erhofft vom Bildungs- und Kulturausschuß der Stadt Zustimmung.
Über den Antrag zum Ehrenakt soll am 25. März entschieden werden. Würdigt Halle den - lange vor Hans-Dietrich Genscher - weltberühmten Mitbürger, sollten die Stadtväter eine Häuserzeile wählen, die fern vom nächsten Kinderhort liegt.
Denn Graf von Luckner, Kaperfahrer der Kaiserlichen Marine und selbsternannter "Seeteufel", hatte zu Mädchen ein höchst problematisches Verhältnis.
Um sein einziges Kind, 1913 in erster Ehe geboren, hatte sich der Vater nie gekümmert. Erst für den Twen entdeckte der Seebär sein Herz - und das voll inzestuöser Lust. "Wahrscheinlich im Jahre 1936", so geht aus jetzt bekanntgewordenen Untersuchungsakten der Nazi-Zeit hervor, "kam es zwischen dem Grafen v. Luckner und seiner Tochter" im Hotel Excelsior in Berlin "zum Geschlechtsverkehr".
Graf von Luckner, heißt es unter Aktenzeichen 4125 / 39A vom 21. August 1939, "gibt die Tatsachen als solche zu". Geständig zeigte sich der geile Graf auch in einer anderen Sexgeschichte: Anfang 1937 hat sich Luckner, so die Dokumente, an den damals acht- und elfjährigen Töchtern seines Rechtsanwalts in Hannover "in unsittlicher Weise vergangen". Luckner habe ihr, so eines der Mädchen, gesagt: "So machen es die Großen auch, wenn sie Kinder haben wollen."
Reichskanzler Adolf Hitler, der ein Faible für den Seemann hatte, bestimmte im Juli 1939, daß ein "Sonderehrengericht" die Vorwürfe klären solle. Der Führer wollte kein öffentliches Verfahren um den Grafen, der zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit dem Hilfskreuzer "Seeadler" von den Gestaden Afrikas bis zu den Atollen der Südsee Handelsschiffe gekapert hatte.
Der Graf, der, wie Luckner-Biograph Norbert von Frankenstein notiert, schon seinen Offizieren als notorischer Wichtigtuer galt, machte aus dem lustigen Piratenleben einen "Krieg in seiner unerbittlichen Grausamkeit"*. Auf Felix den Lügner und seine Mannen wurde keine Kugel abgefeuert, bis er seinen Segler im August 1917 westlich der Insel Tahiti auf Grund setzte.
Des Grafen Seemannsgarn sponn ein Ghostwriter 1920 zur Abenteuererzählung "Seeteufel". Mehr als 600 000 Exemplare seines Buches wurden in Deutschland verkauft. Besonders US-Leser liebten "Count Luckner''s Adventures", griffen über eine Million mal zum "Sea Devil".
Zwischen 1926 und 1933 tingelte der Graf durch Amerika und gab auf bezahlten Vorträgen seine Döntjes zum besten. Zur Gau-
* Norbert von Frankenstein: "Seeteufel. Felix Graf Luckner - Wahrheit und Legende". DSV-Verlag, Hamburg 1997; 264 Seiten; 42 Mark.
di des Publikums zerriß er Telefonbücher und schmückte seine Heldentaten immer weiter aus.
Als die Neue Welt das Interesse am Münchhausen der Meere verlor, bot der sich den 1933 zur Macht gelangten Nazis als Propagandist an. Tatsächlich stimmte das Goebbels-Ministerium zu, ihm einen Segler für eine braune Werbereise zu finanzieren. Von Mai 1937 bis Juni 1939 kreuzte sein "Seeteufel" rund um die Welt.
Zurück in Deutschland, wartete ein Desaster auf ihn. Anfang 1939 hatte ein Sonderermittler begonnen, seinen sexuellen Verfehlungen nachzugehen. Gegenüber dem "Sonderehrengericht des Führers" räumte der Graf die Vergehen grundsätzlich ein.
Er habe mit seiner Tochter mehrere Lokale besucht, ehe es im Zimmer des Excelsior zum Beischlaf kam. Während die Tochter behauptete, ihr Vater habe sie "mit Alkohol traktiert" und sich gegen ihren Willen "zu ihr gelegt", erklärte Luckner, sie habe ihm "einen leidenschaftlichen Kuß gegeben" und sich ihm "ohne Widerstand hingegeben". Das sei später in einem Hamburger Hotel noch ein zweites Mal geschehen.
Ähnlich versuchte er, die sexuellen Übergriffe im Hause seines Anwalts zu verharmlosen. "In einem Zustand sinnlicher Erregung", schilderte Luckner die Tat, habe er lediglich das schlafende Kind "mit dem Rücken an sich gezogen" und sich durch "beischlafartige Bewegungen" befriedigt. Die Akten sprechen dagegen von eindeutigen Vergewaltigungsversuchen.
Das Ehrengericht forderte im Januar 1940, Graf von Luckner dürfe "für alle Zukunft" unter "gar keinen Umständen und bei keinerlei Anlässen öffentlich hervortreten". Daran hielt sich der gefallene Seeheld. Seinen Hallensern erklärte der Privatier den erzwungenen Ruhestand mit einem Zwist auf höchster Ebene: Er habe sich gegenüber dem Führer standhaft geweigert, seiner Ehrenbürgerschaft von San Francisco zu entsagen.
Nach dem Krieg, vom geheimen Ehrengerichtsverfahren war nichts bekannt, versuchte der Seeteufel erneut an alte Form anzuknüpfen. Telefonbücher konnte der 1953 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Luckner als Mittsechziger noch immer zerreißen, und an Fabulierkunst hatte er auch nichts eingebüßt.
1961, fünf Jahre vor seinem Tod, erregte der greise Graf ein letztes Mal Aufsehen. Deutsche Zeitungen meldeten, Luckner sei aufgrund seiner völkerverbindenden Bemühungen für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Auch diese Ente hatte, wie sich später herausstellte, der Meister der Selbstdarstellung in die Welt gesetzt.
* Norbert von Frankenstein: "Seeteufel. Felix Graf Luckner - Wahrheit und Legende". DSV-Verlag, Hamburg 1997; 264 Seiten; 42 Mark.

DER SPIEGEL 13/1998
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