09.08.2010

PARAGUAYAngewandte Nächstenliebe

Seit Jahren unterstützt das Kolpingwerk Hilfsprojekte in Paraguay, auch dank Fördermitteln der Bundesregierung. Aber die Gelder scheinen nicht immer anzukommen.
Das Haus, das hier alle "Casa de Citas" nannten, liegt am Stadtrand von Coronel Oviedo, ein zweistöckiger Bau, ungefähr 300 Quadratmeter groß, die Fassade einst rosarot. Offiziell war es ein Berufsbildungszentrum der paraguayischen Kolping-Stiftung.
Inoffiziell wurden hier von 2005 bis Anfang 2008 mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wohl weniger Schulungen als speziell geschultes Personal gefördert: "Casa de Citas", ein "Haus der Verabredungen", so nennt man in Paraguay ein Bordell. Im Erdgeschoss sollen Bier und Schnaps ausgeschenkt worden sein, die Betten standen im ersten Stock. Eine ganze Fußballmannschaft soll sich hier unter anderem vergnügt haben, berichtet die heutige Geschäftsführerin der paraguayischen Kolping-Stiftung, "eine wahre Orgie" sei das gewesen.
"Gelegentlich kamen auch Pärchen in die Casa de Citas", erinnert sich Adelina Ayala, die Putzfrau, die morgens leere Flaschen entsorgte, das Haus saubermachte und Laken wusch.
Ayala, eine ältere Dame von 74 Jah-ren, die seit 20 Jahren bei der "Fundaciòn Kolping Paraguay" angestellt ist, erhielt für die Reinigungsdienste im Haus der Liebe laut Abrechnungen der "Fundaciòn", die dem SPIEGEL vorliegen, regelmäßig ihr Monatsgehalt aus deutschen Fördermitteln.
Auch eine der Prostituierten soll ein Kolping-Gehalt bezogen haben, eigentlich, um eine Optikerwerkstatt in dem Haus zu betreuen. Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Zentrale von Kolping International in Köln sagen, sie hätten von diesen Vorgängen nichts gewusst.
Als die neue Geschäftsführerin der Kolping-Stiftung in Paraguay, Brigitte Fuzellier, das Haus im März 2008 zum ersten Mal besuchte, habe sie dort nur eine einzige alte Nähmaschine vorgefunden. Geregelte Berufsbildungskurse, so Fuzellier, hätten hier nicht stattgefunden. Sie habe dann schon 2008 dem zuständigen La-teinamerika-Referenten in Köln, Peter Schwab, von den Zuständen berichtet. Der kann sich daran nicht mehr erinnern.
Fuzellier sagt heute: "Ich war in ein Schlangennest getreten und wusste nicht, was auf mich zukam, als ich die Geschäftsführung übernahm." Ihr Vorgänger, Máximo Samaniego, hatte die Stiftung im Dezember 2007 verlassen und war danach untergetaucht.
Der Geschäftsführer der Sozial- und Entwicklungshilfe des Kolpingwerkes (SEK e. V.) in Köln, Hans Drolshagen, berichtet, es habe seit 2007 Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gegeben. "Frau Fuzellier", so Drolshagen, "wurde deshalb von uns eingesetzt mit dem Auftrag, sich alles ganz genau anzuschauen."
Vielleicht aber kam sie diesem Auftrag allzu gewissenhaft nach, der SEK e. V. hat inzwischen Strafanzeige gegen Fuzellier erstattet, wegen Verleumdung, übler Nach-rede und Beleidigung. Die Geschäftsführerin hatte der Zentrale in Köln vorgeworfen, die Aufklärung der Vorgänge zu behindern.
Die Selbsthilfeaktivitäten "benachteiligter Bevölkerungsgruppen" in Paraguay werden vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert. Seit 1999 überwies es über 3,6 Millionen Euro an den SEK e. V. in Köln, der für die Hilfsprojekte verantwortlich ist. Auch die Europäische Union steuerte bis 2009 Mittel bei.
Das Kolpingwerk will "seine Mitglieder befähigen, sich als Christen in der Welt (…) zu bewähren". In über 60 Ländern fördert die Organisation Berufsbildungs- und Lebenshilfeprojekte von Kleinbauern und Armen, die sich in sogenannten Kolpingsfamilien zusammenschließen. In Paraguay unterhält die Kolping-Stiftung neun Berufsschulen mit mehr als 3000 Schülern und unterstützt Hunderte von Bauern. Sie erhalten von den Kirchenleuten Kleinkredite.
Einige der Entwicklungsprojekte allerdings, darauf deuten nun Aussagen von Betroffenen und dem SPIEGEL vorliegende Dokumente hin, gab es wohl nur auf dem Papier. "Wir mussten Blanko-Dokumente unterschreiben", sagt Bäuerin Antonia Olmeda. Die Bauern bauten darauf, dass alles seine Richtigkeit habe. "Sie haben auf den guten Namen von Kolping und der katholischen Kirche vertraut", sagt Priester Mario López, der die Bauern berät.
Der damalige paraguayische Stiftungs-Geschäftsführer Máximo Samaniego soll mit den BMZ-Geldern, die eigentlich für die Kleinbauern-Kredite bestimmt waren, eine heruntergekommene Villa gekauft haben, gleich neben der Kolping-Zentrale. Aufgefallen ist das anscheinend niemandem, nicht der SEK-Zentrale in Köln, nicht den Beamten des BMZ in Bonn. Obwohl das Ministerium gesetzlich verpflichtet ist, nach dem Abschluss jeder Fördermaßnahme eine Erfolgskontrolle durchzuführen.
Inzwischen haben die Berliner eine Außenrevision zur Prüfung einer möglichen "zweckwidrigen Verwendung von Bundesmitteln angeordnet". Die Revisoren wollen Mitte August nach Paraguay reisen, um die Bilanzen zu überprüfen. Ein Abschlussbericht wird für Ende September erwartet. Ein ganz normaler Vorgang, heißt es dazu im BMZ, drei Beamte beschäftigen sich mit dem Fall.
Bereits im April nahm die internationale Buchprüfergesellschaft PricewaterhouseCoopers im Auftrag des BMZ eine "Orientierungsprüfung" bei der Kolping-Stiftung in Paraguay vor. Sie hätten "Anzeichen von Betrug" gefunden, meldeten die südamerikanischen Prüfer und empfahlen eine weitere Untersuchung. Außerdem hätten sie Informationen erhalten, "dass Kolping Deutschland von den Vorgängen in Paraguay wissen könnte".
Tatsächlich herrschte in der Buchhaltung der Stiftung wohl ein wildes Durcheinander: Dokumente und Abrechnungen waren verschwunden oder unvollständig, so Fuzellier, die internen Bücher der Organisation unübersichtlich bis verwirrend. Die Stiftung, so stellte Fuzellier fest, durfte keine offiziellen Rechnungen mehr ausstellen, weil sie seit Jahren keine Steuern mehr gezahlt und ihre Bilanzen nicht offengelegt habe.
Im Tresor ihres Vorgängers fand Fuzellier 323 unterschriebene Schecks im Wert von rund 164 000 Euro. Die meisten waren von Samaniego unterzeichnet, bei einigen war die Kontonummer herausgeschnitten. Ausgestellt wurden sie auf den Namen der Kolping-Stiftung, in Klammern der Vermerk "Europäische Union".
Fuzellier glaubt, dass die Schecks einen Fehlbetrag in der Abrechnung der EU-Gelder kaschieren sollten. Der Buchhalter der Stiftung, Jorge Enrique Caballero, habe die Fotokopien der Schecks offenbar auf Abrechnungsformulare geklebt, um Ausgaben vorzutäuschen. "In der internen Bilanz wurden die Schecks dann abgerechnet", so Fuzellier, dabei sei das Geld nie auf den Kolping-Konten eingegangen. Wo aber blieb es?
"Ich kann mir das überhaupt nicht erklären", sagt der Lateinamerika-Referent Schwab dem SPIEGEL. "Was auch immer der Grund für die Existenz dieser Schecks ist, sie sind nicht eingelöst worden, es ist dadurch wohl kein Schaden entstanden."
Dass etwas faul war, muss auch Schwab schon lange gewusst haben. In einem Brief an den zuständigen Buchprüfer der Stiftung bat er im Mai 2008 noch darum, nicht gleich alle Abrechnungen zu präsentieren. "Du kannst dir vorstellen, dass wir sehr besorgt sind", schrieb Schwab. "Unsere Absicht ist es natürlich, eine Rückerstattung an das BMZ zu vermeiden … Wir bitten dich daher, mit der Präsentation der Endversion noch etwas zu warten." Das klingt zumindest nach einem schlechten Gewissen. In einer Mail an Geschäftsführerin Fuzellier vom Oktober 2008 warnte er, dass sich sogar die Presse mit dem Thema beschäftigen könnte: "Wir müssen vorbereitet sein."
Auch beim Bau, der Erweiterung und dem Betrieb von Kolpinghäusern in Paraguay ging es nach SPIEGEL-Informationen wohl nicht mit rechten Dingen zu: So hatte die Europäische Union die Bauprojekte maßgeblich finanziert, auf dem Papier angeblich eine Investition von knapp 1,5 Millionen Euro. Gutachter schätzten den tatsächlichen Wert der Immobilien auf nur 650 000 Euro für alle Objekte. Werteverfall, eine Fehlinvestition oder schlicht Betrug?
Im Februar setzte sich nach Ex-Geschäftsführer Samaniego auch Buchhalter Caballero ab, einen Teil der Unterlagen soll er mitgenommen haben. Fuzellier schätzt den Gesamtschaden, der dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, der Europäischen Union und der Kolping-Stiftung in Paraguay bislang entstanden ist, auf mindestens zwei Millionen Euro.
Der SEK e. V. weist alle Vorwürfe zurück, distanziert sich von Fuzellier, unterstützt aber die Prüfung des Ministeriums. Außerdem, so Geschäftsführer Drolshagen zum SPIEGEL, habe man Frau Fuzellier seit langem nahegelegt, "doch Strafanzeige zu erstatten, wenn sie so stichhaltige Beweise hat". Im November 2009 folgte sie diesem Rat.
Sogar der Vatikan hat sich inzwischen eingeschaltet: Der zuständige Kardinal Stanislaw Rylko in Rom schlage vor, "dass die Verantwortlichen für die Unregelmäßigkeiten unverzüglich aus der Stiftung ausgeschlossen werden".
Die Verhältnisse in Coronel Oviedo haben sich mittlerweile verändert: Im einstigen "Haus der Verabredungen" kann man sich nun tatsächlich schulen lassen, an Computern und an der Nähmaschine. Reinigungsfrau Ayala erhält seit zwei Jahren den gesetzlichen Mindestlohn von 350 Euro, das sind 300 Euro mehr als zuvor.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 32/2010
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