09.08.2010

ESOTERIK„Westler glaubten alles“

Der Mediziner und Autor Hanjo Lehmann, 64, über den Franzosen George Soulié de Morant (1878 bis 1955), der in den dreißiger Jahren die chinesische Akupunktur nach Europa brachte
SPIEGEL: Deutsche Akupunkturgesellschaften stützen sich bei ihrer Ausbildung noch immer auf die Lehren von Soulié de Morant. War der Mann ein Scharlatan?
Lehmann: Eindeutig ja. Es gibt so viele Ungereimtheiten, dass man schon längst hätte drauf kommen müssen. Solié de Morant hat im diplomatischen Dienst zehn Jahre in China verbracht. 1901 will er während einer Cholera-Epidemie in Peking Kranke durch Akupunktur geheilt haben. Das ist lächerlich!
SPIEGEL: Warum?
Lehmann: Es gab in Peking um 1901 gar keine Cholera-Epidemie. Mit Sicherheit hat Soulié erst nach seiner Rückkehr nach Europa mit der Akupunktur begonnen. Vermutlich hat er in China sogar niemals eine Nadelung gesehen. 1822 war die Akupunktur als kaiserliche Behandlungsmethode verboten worden. Seitdem war sie in China eine Rarität.
SPIEGEL: Nach Ihrer Ansicht hat Soulié ein erfundenes Zerrbild der Akupunktur nach Europa gebracht.
Lehmann: Ja, vor allem durch die beiden Schlüsselbegriffe "Meridian" und "Energie", die er geprägt hat. In der Traditionellen Chinesischen Medizin sind die "Jinglou" ein reales Gefäßsystem, durch das Blut und die Feinmaterie Qi fließen. Soulié de Morant dagegen prägte die Vorstellung von körperlosen Meridian-Bahnen, durch die eine immaterielle Lebensenergie strömt. So machte er die Akupunktur für westliche Ärzte erst akzeptabel. Denn die wussten natürlich genau, dass das Blut ganz woanders entlangfließt.
SPIEGEL: Warum haben die Chinesen niemals versucht, das zu korrigieren?
Lehmann: Die traditionelle Medizin galt in China schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr viel. Als dann nach 1976 westliche Akupunkturfreunde ins Land strömten, merkte man schnell, dass die Westler alles glaubten, auch das Absurdeste! Hätten die Chinesen selbst auf Zweifel oder Widersprüche hingewiesen, hätten sie ihre eigene Geschäftsgrundlage zerstört.

DER SPIEGEL 32/2010
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