16.08.2010

„Ins Herz getroffen“

Global Village: Was die Gräber auf dem christlichen Friedhof in Kabul erzählen
Mit etwas gutem Willen ließe sich als Familienunternehmen bezeichnen, was Abdul Sami im Kabuler Stadtteil Shar-i-Nau betreibt. Er hat seinen Job vom heute 80-jährigen Vater geerbt, und der wiederum übernahm ihn 1994 von einem Freund, der im Bürgerkrieg bei einem Raketenangriff gestorben war. Abdul Sami steht dem christlichen Friedhof von Kabul vor, dem einzigen für Nichtmuslime in der afghanischen Hauptstadt.
Der "Christian Cemetery", auch British Cemetery genannt, weil ihn vor 131 Jahren die Briten anlegten, liegt am Fuße des Bibi-Mahru-Hügels. Eine hohe Mauer umgibt ihn, durchbrochen nur von einem spitzbogigen, doppelflügeligen Holztor, das aussieht wie der Zugang zu einer kleinen gotischen Kirche. Hinter ihm liegen etwa 150 Gräber - die Kiefern, die den Toten einst Schatten spendeten, haben die Mudschahidin gefällt.
"Und die besten Grabsteine haben später die Taliban geklaut, sie hatten ihr Hauptquartier gleich nebenan", sagt Sami. Er hat Pfirsichbäume zwischen die Grabreihen gepflanzt, die Mauer ausgebessert und wartet von 7 bis 16 Uhr auf Besucher. Es kommen selten welche.
Was auch könnte er ihnen sagen? Abdul Sami ist erst 27, von den Toten, über deren Gräber er Tag für Tag schreitet, weiß er so gut wie nichts. Dabei können die Steine auf Kabuls christlichem Friedhof eine Menge Geschichten erzählen. Geschichten von jenen Westlern, die es wagten, hier herauf in die Hochebene des Hindukusch zu kommen.
In der rechten Ecke des Friedhofs liegen die Engländer. "Diese Gedenkstätte ist all jenen britischen Offizieren und Soldaten gewidmet, die ihr Leben in den afghanischen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts ließen", steht auf einer Tafel.
Also Männern wie Charles John Rumball Hearsey von den 9. Lancers; er fiel am 11. Dezember 1879 in Killa Kazi, dort, wo heute die Kabuler Universität steht. Der Leutnant hatte mit 200 Mann "die britischen Kanonen gegen 10 000 angreifende Stammeskrieger" verteidigt - "er wurde ins Herz getroffen", steht auf dem Stein. Major John Cook von den 5. Gurkha-Rifles, der neben Hearsey liegt, fiel einen Tag später, beim Sturm der britischen Truppen auf den Herrschersitz Bala Hissar, er kam aus Edinburgh.
Auch des Militärarztes Joshua Henry Porter wird gedacht. Porter hatte in Griechenland, auf der Krim und in Indien gedient, Sewastopol gestürmt und das alles überlebt, um dann, in Kabul, beim britischen Feldzug gegen die Afghanen zu sterben - an einer Lungenentzündung.
Die Engländer verloren den Krieg, mit dem sie Britisch-Indien absichern wollten, einen Besitz, den es schon lange nicht mehr gibt. Porters Tod, wie der der anderen Soldaten aus dem Vereinigten Königreich hier, war demnach sinnlos.
War es auch der Tod jener 200 jungen Briten, deren Namen gleich daneben auf sechs Gedenktafeln aufgeführt sind? Sie starben zwischen 2006 und 2009 in Afghanistan, als Angehörige der Isaf-Streitmacht. "Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden", hat die britische Botschaft tröstend auf die Tafeln geschrieben. Matthäus 5,9.
Es liegen noch andere auf diesem Friedhof, die in besonderer Mission nach Afghanistan kamen. Dr. med. Manfred Oberdörffer zum Beispiel. "Geb. 1910, gest. 1941", mehr verrät sein Stein nicht. Er verrät nicht, dass der Mann Oberleutnant war, Mitglied der nationalsozialistischen Spezialeinheit "Brandenburg", ein Geheimagent, der das "Unternehmen Tiger" vorantreiben half, den von Hitler geplanten Zug der Wehrmacht gegen Indien. Sein Grab ist im Gegensatz zu anderen Gräbern gepflegt, ein Rosenstrauch wächst auf ihm. "Die Bestellung eines Ausländers", sagt Abdul Sami.
Oberdörffer liegt nicht weit von den Gedenktafeln für die Isaf-Toten der Deutschen entfernt: An der Nordmauer wird jener Polizeiobermeister, Feldwebel und Hauptmänner gedacht, die seit 2002 "ihr Leben im Dienste Deutschlands und Afghanistans verloren".
Alle liegen sie hier, der Don-Kosake aus der Staniza Gunderowskaja neben dem Jesuiten aus Bombay, Philippiner neben Russen und Chinesen. Was führte sie in dieses Land, und wie starben sie?
Manchmal geben verwitterte Inschriften Auskunft, dass unter den Steinen Forscher, Weltreisende oder Hippies bestattet sind. Westler, die in den friedlichen fünfziger und sechziger Jahren Afghanistans Geheimnissen auf die Spur zu kommen suchten und den Weg nach Hause nicht mehr schafften. Wie der "Engineer-Consultant aus Ohio, U.S.A.", der "Geologe aus Krakau" und der "dänische Forscher Henning Haslund-Christensen".
Der in Budapest geborene Marc Aurel Stein, Entdecker und Archäologe, wird auf einer weißen Marmorplatte als "a man greatly beloved" gerühmt. Stein wurde durch seine Expeditionen ins Innere Asiens weltbekannt, sie verschafften ihm den britischen Adelstitel "Sir". Fast 81 war er, als er bei der Vorbereitung auf eine neue Expedition 1943 in Kabul starb. Stein hatte Afghanistan in sein Herz geschlossen.
Stört es ihn nicht, dass er auch die Gräber jener Männer pflegen muss, die mit weniger friedlichen Absichten kamen? "Nein", sagt der muslimische Friedhofswärter Sami, "vieles ist ohnehin lange her." Im Übrigen zahle die britische Botschaft monatlich 200 Dollar, das sei kein schlechtes Salär in Kabul.
Dann klingt der Ruf eines Muezzins über den christlichen Friedhof. Zeit zum Gebet in der Moschee nebenan, die auf einem muslimischen Gräberfeld errichtet ist.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 33/2010
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