23.08.2010

KARRIEREN

Am Limit

Von Hickmann, Christoph

Ein knappes Jahr nach der Wahlniederlage sucht SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles noch nach ihrer Rolle. Dabei steht ihr nicht nur der Parteichef im Weg. Sie hemmt sich auch selbst.

Die Gruppe ist vollzählig, der Schatzmeister des Heimatvereins beginnt seinen kleinen Vortrag über den Regierungsbunker, ins Ahrtal gebaut für den Fall der atomaren Apokalypse, ein monströses Zeugnis der Paranoia in Zeiten des Kalten Kriegs; 3000 Menschen hätten hier 30 Tage überleben und das Inferno da draußen regieren sollen. Andrea Nahles könnte jetzt einfach mal still sein und zuhören.

Der Schatzmeister sagt, dass man hier anfangs nur mit 30 Besuchern am Tag gerechnet habe, Nahles sagt laut: "30?"

"Wir haben insgesamt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter."

"Wow, 60!"

"Die Anlage ist insgesamt 17,3 Kilometer lang."

"Uuuuuuuh! Hä!"

Es ist ein warmer Sommertag, Andrea Nahles reist durch ihren Wahlkreis, der Regierungsbunker ist die zweite Station des Tages, mit ihr gekommen sind ein paar Leute von der örtlichen SPD. Jetzt geht es hinein in den Bunker, durch Stahltüren einen langen Gang entlang, nach ein paar kurzen Stationen wird auf einem Monitor der Schlafraum gezeigt, der einmal für den Bundeskanzler vorgesehen war. Andrea Nahles dreht sich um und sagt: "Überlegt euch mal den Kohl auf dieser Pritsche, meine Fresse!"

Andrea Nahles ist an diesem Tag weit weg von Berlin ganz Andrea Nahles. Man hat das in Berlin nicht so oft erlebt in den vergangenen Monaten. Wenn man sie dort überhaupt erlebt hat.

Es ist jetzt bald ein Jahr her, dass sie sich mit Sigmar Gabriel und ein paar anderen Obersozialdemokraten an einen Tisch gesetzt hat, nach der historischen Niederlage bei der Bundestagswahl teilten sie die Macht in der Partei auf.

Es war eine spektakuläre Einigung, zuvor hatten sich Nahles und Gabriel lange Zeit nur dann eines Blickes gewürdigt, wenn es darum ging, den anderen zu taxieren. Nun war plötzlich viel von einer "Doppelspitze" die Rede, er als Chef, sie als Generalsekretärin, doch inzwischen spricht davon niemand mehr. Die SPD, das ist jetzt Gabriel, der sich vor Kameras breitmacht, auch im Urlaub Interviews gibt und im Zweifel noch zu Lage und Zukunft des Kleingärtnerwesens eine Großvision zu verkünden hätte.

Konkurrenz macht ihm allenfalls Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, während Andrea Nahles zuletzt größere Aufmerksamkeit auf sich zog, als sie heiratete. Seit Ende der vergangenen Woche ist außerdem bekannt, dass sie ein Kind erwartet. Die Frage ist, was sie sonst eigentlich so macht. Und warum die breitere Öffentlichkeit davon nicht sonderlich viel mitbekommt.

Es ist laut in der Maschinenhalle, die Besuchergruppe trägt Kopfhörer, Betriebsbesichtigung in Plaidt, Landkreis Mayen-Koblenz, zweiter Tag der Reise durch den Wahlkreis. In der Maschinenhalle werden Anbauteile für Gabelstapler hergestellt, gerade erzählt der Leiter der Zerspanung etwas über Arbeitsunfälle.

Er lässt dabei das Mikrofon etwas zu weit herunterhängen, man kann ihn über die Kopfhörer nur noch schwer verstehen. Andrea Nahles grinst, nimmt das Mikrofon und drückt es hoch zu seinem Mund. Sie stellt die nächste Frage, diesmal antwortet der Chef, der allerdings kein Mikrofon hat. Nahles grinst wieder, nimmt dem Zerspanungsleiter das Mikro ab und drückt es dem Chef in die Hand.

Bei fast jedem Politiker würde das wie der Übergriff eines Mächtigen wirken, bei Nahles wirkt es pragmatisch, sie ist halt etwas direkter. Nach dem Termin beim Maschinenbauer wird sie breitbeinig am Tisch einer Gastwirtschaft sitzen und in einem derartigen Tempo ihr Schnitzel verschlingen, dass ihr etwas zarter veranlagter Referent nicht hinterherkommt. Sie spricht ihre Begleiter grundsätzlich mit "Leute" an, und wenn sie sich über etwas empört, ruft sie: "Ich mein, hallo?"

Generalsekretäre müssen nicht die filigranen Gesten beherrschen, sie müssen holzen können. Andrea Nahles müsste eine gute Generalsekretärin sein.

Sie hat aber einen Chef, dem das Chefsein manchmal nicht reicht, weshalb er gern mal Generalsekretär spielt oder auch Pressesprecher. Nahles' Freunde sagen jetzt, das mit der Doppelspitze sei ja ohnehin nie so gedacht gewesen, dabei hatten sie damals sogar überlegt, ob man nicht eigens für sie den Posten einer ersten Stellvertreterin erfinden könnte. Statt aber einen Wettkampf um die besten Plätze in den Medien zu beginnen, hält Nahles seit Monaten still.

Erstens hätte sie sowieso keine Chance, Chef bleibt Chef, und Gabriel hätte immer das knackigere Zitat parat. Zweitens weiß sie, dass sich die Partei nach Jahren der öffentlichen Hahnenkämpfe nach kaum etwas so sehnt wie nach Harmonie zwischen ihren Spitzenleuten - und dass gerade sie den Ruf der machtversessenen Königsmörderin loswerden muss. Der haftet ihr an, seit sie gegen den Willen des damaligen Parteichefs Franz Müntefering Generalsekretärin werden wollte und Müntefering zurücktrat.

"Die Andrea wirkt gerade viel nach innen", so klingt das seit Monaten, wenn Sozialdemokraten das aktuelle Betätigungsfeld ihrer Generalsekretärin beschreiben sollen. Das klingt geheimnisvoller, als es ist; tatsächlich geht es um Dinge wie Mitarbeitergespräche, Stellenpläne und Stellenbesetzungen, um eine neue Atmosphäre in einer von tiefen Gräben durchzogenen Parteizentrale, die Beziehungen zur Friedrich-Ebert-Stiftung, Zukunftswerkstätten und eine Parteireform.

Und es geht um Politik. Die SPD hat in den vergangenen Monaten einige Debatten über ihre Vergangenheit geführt, über Hartz IV, Afghanistan, zuletzt um die Rente. Nie ist Nahles dabei öffentlich in Erscheinung getreten, die Antipoden hießen immer Steinmeier und Gabriel, Nahles moderierte, vermittelte. "Die Andrea hat integriert", sagen sie dazu in der SPD.

Gabriel ist 50 Jahre alt, Steinmeier 54, Nahles ist schon die nächste Generation. Sie wird noch da sein, wenn die beiden schon weg sind. Sie hat mit 40 bereits Niederlagen weggesteckt, die andere mit 60 nicht erlebt haben. Sie hat jetzt Zeit, sie muss nur warten, ihren Ruf aufpolieren und darf keine Fehler machen. So sieht ihr Umfeld das.

Mitte April saß Andrea Nahles in der Talkshow "Hart aber fair", der Wahlkampf um Nordrhein-Westfalen war auf seinem Höhepunkt, das Thema lautete "Straßen kaputt, Kassen leer - und dann noch Steuern senken?". Es sah so aus, als müsste der sichere Verlierer des Abends Christian Lindner heißen, Generalsekretär der FDP.

Die FDP phantasierte damals noch über Steuersenkungen und wollte gleichzeitig den Haushalt konsolidieren, weshalb so ziemlich alle Gäste auf Lindner einhackten, Moderator Plasberg eingeschlossen. Es hätte ein Fest sein müssen für eine SPD-Generalsekretärin, doch Andrea Nahles saß da in ihrem roten Blazer, die Hände ineinandergelegt, und sagte die meiste Zeit nichts. Stattdessen kicherte sie öfter mal herum, und wenn sie etwas sagte, wünschte sich mancher Parteifreund, dass sie wieder kichern würde.

Der Sieger des Abends hieß Lindner. Er hatte alle Angriffe pariert, schlagfertig, gerade aggressiv genug und doch noch höflich. Er hatte einen sehr guten Generalsekretär gegeben, Nahles eine ehemalige Juso-Vorsitzende.

Sie war nie eine große Rednerin, doch seit sie im Amt ist, hat sie auch die Unbekümmertheit verloren, mit der sie diese Schwäche kompensierte. Sie war nie eine Parteiintellektuelle, doch jetzt wirkt es, als denke sie vor jedem öffentlichen Satz nach, bis auch der letzte halbwegs originelle Gedanke herausgefiltert ist. Sie sagt auch nicht mehr ganz so oft "Ich mein, hallo?" Das Problem ist nur, dass nichts an die Stelle des "Hallo" getreten ist.

Sie ist in der SPD groß geworden, indem sie immer gegen etwas war. Es gibt Politiker, die damit ganze Karrieren bestreiten, doch das bleiben Nischenkarrieren, die nie ganz nach oben führen.

Andrea Nahles hat die Nische schon vor längerer Zeit verlassen, sie hat sich von links außen in die Mitte der Partei bewegt. Sie hat das Konzept der Bürgerversicherung entwickelt, es ist seit langem ein zentraler Punkt im Programm der SPD. Aber Form und Inhalt stimmen jetzt nicht mehr überein. Das Bild, das sie von sich zeichnen will, hängt ziemlich schief im Rahmen.

Bevor Sigmar Gabriel im November zum Vorsitzenden gewählt wurde, hat er auf dem Dresdner Parteitag eine furiose Rede gehalten, ein sozialdemokratisches Großgemälde entworfen. Andrea Nahles hat gesagt, dass Opposition zwar tatsächlich Mist sei, dass man Mist aber auch gut als Dünger benutzen könne. Ihre Eltern hätten ja einen Misthaufen auf dem Hof und zögen die größten Kürbisse der ganzen Eifel.

Es sah in Dresden aus, als teste Sigmar Gabriel da gerade sein Limit aus. Und als sei Andrea Nahles an ihrem bereits angekommen.

Bad Neuenahr-Ahrweiler, der letzte Termin des Tages, Andrea Nahles steht vor dem Mehrgenerationenhaus der Stadt und wartet auf ihre Begleiter. Eine ältere Frau kommt auf einem sehr niedrigen Fahrrad angefahren, sie hält, steigt ab. "Wat haste denn da für 'n Teil?", ruft Nahles.

"Das ist für alte Damen, die kriegen das Bein nicht mehr so hoch."

"Ja hallo, hab ich ja noch nie gesehen!", ruft Andrea Nahles, die ehemalige Juso-Vorsitzende.

Mehr muss sie hier gerade nicht sein. Es scheint ihr ganz gut zu tun.


DER SPIEGEL 34/2010
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