23.08.2010

MEDIZINFehldiagnose Zappelphilipp

Viele Kinder bekommen Pillen gegen ADHS, weil ihr Geburtstag kurz vor dem Stichtag für die Einschulung liegt: Ärzte deuten ihre Unreife als Hirnschaden.
Wie folgenreich das Datum der Geburt sein kann, haben Forscher an den besten Eishockeyspielern Kanadas erkannt: Auffällig viele der Stars haben kurz nach dem 1. Januar Geburtstag - dem Stichtag für die Jugendmannschaften. Sie hatten früher in ihren Teams stets einen körperlichen Vorsprung, den ihre Trainer als Talent deuteten - und das förderten diese dann nach Kräften.
Doch nicht nur über Sportlerkarrieren, sondern auch über Krankheitsgeschichten können Stichtage entscheiden, wie jetzt eine Studie an knapp 12 000 Kindern in den USA offenbarte. Die jüngsten Schüler in den Eingangsklassen der Grundschulen haben demnach eine um 60 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass Ärzte ihnen eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bescheinigen.
In manchen US-Bundesstaaten werden Kinder nur in die Eingangsstufe der Schulen aufgenommen, wenn sie bis Ende November fünf Jahre alt geworden sind. 6,8 Prozent der November-Kinder haben der Studie zufolge eine ADHS-Diagnose. Unter den Dezember-Kinder in ihren Klassen, die fast ein ganzes Jahr älter sind, sind es nur 1,9 Prozent.
Der Risikofaktor Geburtsdatum wirkt weit in die Schullaufbahn hinein: Im Vergleich zu den ältesten Klassenkameraden haben die jüngsten Schüler in der achten Stufe eine fast verdoppelte Wahrscheinlichkeit, dass man ihnen Psychopillen gegen ADHS verabreicht.
Diese Erkrankungswelle wird offenbar von Lehrern ausgelöst, die den altersbedingten Rückstand ihrer jüngsten Schüler für einen Hirnschaden halten und Eltern empfehlen, die betreffenden Kinder einem Kinderpsychiater vorzustellen. "Aber diese ,Symptome' spiegeln bloß die emotionale und intellektuelle Unreife der jüngsten Schüler wider", sagt der Forscher Todd Elder von der Michigan State University in East Lansing. Er hält jede fünfte ADHS-Diagnose für falsch - allein in den USA wären demnach eine Million Kinder und Jugendliche zu Unrecht zu Zappelphilippen gestempelt worden.
Tatsächlich gibt es keinen eindeutigen Test auf die Modekrankheit. Und die hohe Zahl der diagnostizierten Fälle lässt befürchten, dass sich die Ärzte auch in Deutschland häufig vertun. In jeder Klasse findet sich rein statistisch ein angebliches ADHS-Kind; immer mehr von ihnen schlucken Mittel wie Ritalin oder Medikinet, die den Wirkstoff Methylphenidat enthalten. Enorm ist in Deutschland der Verbrauch dieser Substanz gestiegen: von einst 34 auf 1735 Kilogramm im vergangenen Jahr (siehe Grafik).
Die Gabe von Psychostimulanzien an Kinder rechtfertigen Eltern und Ärzte mit dem Hinweis, ADHS sei ein organisches Hirnleiden. Darauf achteten schon frühe Beobachter der Krankheit, als sie um 1935 den Begriff "post-enzephalitisches Syndrom" ins Leben riefen. Das unliebsame Verhalten der Kinder wurde als Folge einer Gehirnentzündung gedeutet - selbst wenn die betroffenen Schüler noch nie eine solche Enzephalitis gehabt hatten.
Bald darauf sprachen Nervenärzte vom "gehirngeschädigten Kind" - obwohl kein Arzt je einen Gewebeschaden im Denkorgan nachweisen konnte. Deshalb wurden neue Namen erforderlich: Aus dem Begriff "hyperkinetisches und unaufmerksames Kind" wurde das wissenschaftlich klingende Kürzel ADHS, das eine angeblich erbliche Hirnstörung bezeichnet.
"Die Vorstellung, die Probleme der Kinder seien genetisch bedingt, ist für viele Eltern eine enorme Entlastung", sagt Christian Rauschenfels, 36, ein Familientherapeut von der Sinn-Stiftung in München. Wer die Umwelt ausblendet, muss sich nicht vorwerfen lassen, die Erziehung sei schuld am Schulversagen und an den sozialen Problemen des Kindes.
Doch just diesen Mythos von der Allmacht angeblicher ADHS-Gene entzaubert nun Studie um Studie. Neben dem Risikofaktor "Stichtag für die Einschulung" haben Forscher andere Umweltfaktoren wie Stress und übermäßigen Fernsehkonsum ausgemacht.
Anders Hjern vom Centre for Health Equity Studies in Stockholm hat die Daten von mehr als einer Million Kinder im Hinblick auf ADHS und soziale Herkunft ausgewertet. Er stellte fest, dass Kinder deutlich häufiger ADHS-Pillen schlucken, wenn der Bildungsstand der Mutter besonders niedrig ist. Und wenn eine Familie Sozialhilfe erhielt, dann stieg die Wahrscheinlichkeit der Pilleneinnahme der Kinder um 135 Prozent.
Diese Befunde lassen es fraglicher denn je erscheinen, das Problem bei den betroffenen Kindern zu vermuten und ihr Gehirn pharmakologisch verändern zu wollen - wäre es nicht angebrachter, die Umwelt anders zu gestalten?
Einfache Antworten gibt es nicht, aber zumindest legt die Stichtag-Studie jetzt eine Möglichkeit nahe: unreife Kinder ein Jahr später einschulen.
Von Blech, Jörg

DER SPIEGEL 34/2010
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