23.08.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Das Ende ist nah

Wie eine Verkäuferin in den USA einen Räuber bekehrte
Es regnet, es stürmt, als Israel Camacho den Telefonladen in Pompano Beach, Florida, betritt, und Camacho, ein erfahrener, wenn auch widerwilliger Räuber, ist froh darüber. Schlechtes Wetter bedeutet weniger Kunden im Laden, weniger Kunden bedeuten weniger Probleme. Es ist kurz nach zehn, als er die Tür aufzieht, und er hat Glück, nur eine Verkäuferin ist im Laden.
Nayara Goncalves kam vor fünf Jahren mit ihrer Familie in die USA. Sie stammt aus Brasilien, ist 20 Jahre alt, sie glaubt daran, dass hier, in den USA, harte, rechtschaffene Arbeit belohnt wird, und sie glaubt auch, dass alles im Leben einen Sinn hat. Goncalves glaubt an Gott, so wie ein Kind an Gott glaubt, er ist ihr nahe, er wacht über sie, beobachtet und prüft sie. Goncalves verlässt ihre Wohnung nie ohne ihre Bibel, eine liegt in ihrem Auto, eine zweite nimmt sie in ihrer Handtasche mit.
Wie immer kam sie kurz vor zehn ins Geschäft. Sie wischte mit einem weißen Tuch über die Glasvitrinen, als der erste Kunde den Laden betrat. Er trug schwarze Schuhe, schwarze Jeans, eine schwarze Regenjacke. Das Basecap war ebenfalls schwarz, er hatte es ins Gesicht gezogen und die Kapuze der Jacke darüber. "Hey, hallo, wie geht's Ihnen?", war sein erster Satz.
Israel Camacho hätte nun seine Pistole ziehen können, die Gelegenheit war günstig, noch war er allein mit der Verkäuferin, stattdessen redete er mit ihr, fragte nach einem Telefon in der Auslage, nach dem Preis, den Vertragsbedingungen. Vielleicht wollte er ein Gefühl für die Situation kriegen, für sein Gegenüber. Vielleicht gab es aber auch einen ganz anderen Grund.
Nach einer knappen Minute ging er einen Schritt zurück, fummelte an seiner Jacke herum, sagte halblaut: "Ich hasse es echt, das zu tun."
Goncalves sah die Pistole, sagte: "Ich habe kein Geld."
Camacho: "Du musst Geld in deiner Kasse haben, Schätzchen."
Dann standen die beiden da, schauten sich an, für ein paar Sekunden sagte keiner etwas. Goncalves überlegte, was sie nun machen sollte, unschlüssig wedelte sie mit dem weißen Tuch durch die Luft. Camacho sagte: "Hab keine Angst."
Goncalves antwortete: "Hab ich nicht", es klang trotzig. "Weißt du was?", sagte sie, "ich werde mit dir über Gott reden."
Camacho schwieg. Es lief nicht gerade gut für ihn. Er ist vorbestraft, war kurz davor, aus seiner Wohnung zu fliegen, er schuldete seinem Vermieter Geld, er schuldete der Mutter seines Kindes Geld, und das hier schien auch gerade in die Hose zu gehen. Jemand zum Reden wäre eigentlich nicht schlecht, eine Beichte könnte gut tun.
Camacho sagte: "Ich hasse das hier wirklich, es ist mir peinlich, dass ich es tun muss, aber ich habe keine Wahl."
"Ich weiß", sagte Goncalves. "Aber Jesus hat dir etwas Besseres zu bie-ten." Ihre Stimme war fest. Sie war jetzt auf vertrautem Terrain. Dies war eine Gelegenheit, eine verirrte Seele zu retten, Punkte fürs Jenseits zu sammeln und nebenbei die Kontrolle über die Situation zu behalten, bis Hilfe kam.
"Ich weiß nicht, was du gerade durchmachst", sagte Goncalves, "aber wir alle gehen gerade durch schwere Zeiten."
"Deswegen überfalle ich auch nicht einfach jemanden auf offener Straße", sagte Camacho. Er mochte die Frau, so schien es. Er wollte ihr zeigen, dass er in Wahrheit kein schlechter Kerl war. Er sagte: "Ich gehe in die Calvary Kirche."
"Ich auch", sagte Goncalves, froh, eine Gemeinsamkeit gefunden zu haben, "ich mag Pastor Bob."
"Ja, Pastor Bob."
Goncalves sprach nun seit gut zwei Minuten mit ihrem Räuber, sie wusste ja, so erzählt sie es später, dass irgendwann jemand durch die Tür kommen würde, und sie hoffte, dass Camacho dann fliehen würde.
Sie fragte ihn nach seiner Familie, fragte, warum er tat, was er tat, und Camacho, gut sichtbar für die Videokamera im Laden, antwortete ihr ohne Hast, ohne Eile. Er schien das Gespräch zu genießen, und nach einer Weile wollte er auch etwas über Goncalves wissen, über ihr Leben, ihre Arbeit: "Gehört dir der Laden?"
"Nein, ich arbeite hier nur."
"Es tut mir leid, aber ich muss das Geld nehmen, das du in der Kasse hast."
"Dann werden sie es mir vom Lohn abziehen."
"Sie werden es dir vom Lohn abziehen?" Camacho klang ehrlich überrascht. Und angewidert. "Dann lass ich es."
Er drehte sich um, ging zur Tür, und Nayara Goncalves war erleichtert, sie rief ihm nach: "Sprich mit einem Pfarrer, er kann für dich beten! Die Wiederkehr Jesu steht bevor, sieh dir die Videos an auf YouTube! Das Ende ist nah! Es ist keine Zeit zu verlieren!"
Dieser Meinung war Israel Camacho auch. Zwei Stunden später überfiel er ein Schuhgeschäft. Auch hier wurde er gefilmt. Bei der verängstigten Verkäuferin verabschiedete er sich mit dem Satz: "Gott segne Sie."
Zwei Tage später wurde er gefasst.
Von Buckow, Isabelle

DER SPIEGEL 34/2010
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