23.08.2010

MORALDie neuen Deutschen

Warum genießen ein 91-jähriger Kettenraucher und ein Fußballtrainer mehr Ansehen als die Kanzlerin und der Papst? Zu wem haben die Bürger Vertrauen? Eine SPIEGEL-Umfrage zeigt, dass den Deutschen ihr Glaube an den Staat nicht ausgetrieben wurde. Noch nicht.
Es herrscht Hauen und Stechen in der Koalition. "Die zweite Regierung Merkel ist schon in den Startlöchern elend ins Stolpern geraten. Ein Wunder ist es nicht, dass die Bürger sich verschaukelt fühlen. Zynismus, Missmut, Verdrossenheit macht sich breit im Land." So ist das.
So war das. So beschrieb der "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer im Jahr 1976 das Elend der damaligen Regierungskoalition. Im Zitat ist allein der Name des Regierungschefs ausgetauscht: "Merkel" statt "Schmidt".
Die Misere ist die gleiche. Geändert hat sich nur die Wahrnehmung des damaligen Bundeskanzlers. Helmut Schmidt ist heute der meistrespektierte Deutsche der Deutschen.
Für 83 Prozent der Bundesbürger verkörpert Helmut Schmidt das Deutschland, das sie sich wünschen. Und er genießt die höchste Achtung als moralische Instanz. Einem inzwischen 91-jährigen Kettenraucher wird mehr Vertrauen entgegengebracht als dem Rest der politischen Klasse. Vom Papst ganz zu schweigen.
Alles, wofür Helmut Schmidt damals gehasst wurde, seine Arroganz, seine fischige Kälte und Nüchternheit, wird ihm eine Generation danach hoch angerechnet. Hoffnung für die Kanzlerin? Hin-weis, wie launisch der Zeitgeist hierzulande ist, wie flatterhaft die Gunst der Deutschen?
Der SPIEGEL hat in diesem Sommer in zwei Umfragen herauszufinden versucht, wem die Bundesbürger noch vertrauen, nach den Enttäuschungen der letzten Monate, nach Schuldendebakel, Präsidentenwahl, Reformstillstand, wer bestehen bleibt als moralische Instanz.
Wem wird noch geglaubt, und in welchen Deutschen sehen die Bürger sympathische Deutsche, Menschen also, die von anderen Nationen als moderne Deutsche gesehen werden sollen?
Das Ergebnis ist erstaunlich. Es zeigt ein Land, in dem einem Quizmaster fast genauso viel Vertrauen entgegengebracht wird wie dem Papst. In dem ein schwuler Komiker mehr Respekt genießt als ein Altkanzler aus Hannover, der sein Land aus einem Krieg herausgehalten hat. In dem ein junger Mann mit Namen Mesut Özil für mehr als die Hälfte der Bevölkerung das ideale Deutschland verkörpert.
Das Ergebnis zeigt ein neues Deutschland. Womöglich auch ein besseres.
Wenn es nach den Bürgern ginge, dann säße Günther Jauch im Schloss Bellevue und nicht Christian Wulff. Der allgegenwärtige und allwissende Fernsehmann ist für 84 Prozent der Befragten ein Deutscher, der als Vorbild taugt. Auch Benedikt XVI. wird darin um Längen geschlagen von der armen Verkehrssünderin Margot Käßmann.
Für die große Mehrzahl der Deutschen ist Ursula von der Leyen die politische Idealfrau. Wenn man sie selbst nach einer wichtigen moralischen Instanz gefragt hätte, dann hätte von der Leyen - neben Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker - den Namen einer Frau genannt: "Alice Schwarzer. Sie ist eine Frau von Format und mit Charisma. Sie hat einen geraden Lebensweg, der sicherlich nicht leicht war. Aber sie stand für ihre Sache schon in den Siebzigern, als das schwierig war. Das imponiert mir."
Und mit ihr 38 Prozent der Deutschen. Das ist neu. Eine Emanze, die Buhfrau der Ära Helmut Kohl, steht heute mehr für gute neue Werte als der Altkanzler Gerhard Schröder oder der Spitzenbanker Josef Ackermann. Das Ansehen von Alice Schwarzer ist auch bei CDU-Stammwählern kaum weniger hoch als im deutschen Durchschnitt (35 Prozent) und in fast gleichem Maß verbreitet in Ost und West.
Ein Spitzenpolitiker muss wie Alice Schwarzer in der Lage sein, jedes noch so heikle Dilemma in drei Minuten zu benennen. Und seine Entscheidung zu begründen und den Zuhörer mit dem Gefühl entlassen, dass er in guten Händen ist. Alles in allem maximal eine Viertelstunde. Es geht um das, was die Amerikaner "explainer in chief" nennen. Daran mangelt es in der Bundespolitik.
Die Fundamente des wiedervereinigten Deutschland wackeln. Die friedliche Bundeswehr ist in einen Krieg verstrickt, der nicht gewonnen und nicht beendet werden kann. Der Zustand vieler Gemeindebibliotheken, Schulen und Straßen ist so, wie man es früher nur aus dem Urlaub in Südosteuropa kannte. Die Bundesbürger müssen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise verkraften, und sie werden in den kommenden Jahren noch mehr ausgeben müssen für Gesundheit und Vorsorge. Sie werden weniger vom Staat bekommen.
Wer kann sich da schon um 20 Uhr vor die Kamera setzen und den Deutschen ein Opfer abverlangen, ohne dass gleich umgeschaltet wird zu Stefan Raab.
Wer kann ihnen den Churchill machen und sagen: Die Lage ist ernst. Die Spielzeit ist vorbei. Unser Lebensstandard wird deutlich sinken, aber unsere Kinder werden es besser haben.
Oder: Wir müssen in diesen Krieg ziehen. Es wird Opfer geben. Wir werden Fehler machen. Aber es ist notwendig.
Bei keinem dieser Sätze kann man sich Guido Westerwelle vorstellen. Und schwerlich Karl-Theodor zu Guttenberg. Das sind Sätze, bei denen der Respekt vor den Jahren noch wirkt. Das Gesicht muss Spuren zeigen. Eine faltenlose Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin oder auf Botox und ist deshalb fehl am Platze. Da helfen auch keine Spin-Doctors, keine PR-Berater und passende Krawattenfarben. Es geht auch nicht um die richtigen Argumente. Da geht es um ein Grundvertrauen.
"Helmut Schmidt verkörpert die moralische Instanz in Deutschland. Man spricht ihm auch generelle Bedeutung schlechthin zu im überragenden Maße", sagt der Politologe Franz Walter. "Seit Jahren hat er sich auf jede Zigarette hin die Aura eines letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik kreiert, der bei allen Widrigkeiten im Amt und auch danach stetig und beharrlich die politischen Linien gezogen hat, ohne dabei populistisch nach Beifall zu heischen, der überhaupt die internationale Dimension politischer Vorgänge durchweg im Auge hatte."
Das Schmidt-Bild hat sich mittlerweile verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. "Obwohl", wie Walter sagt, "alle Probleme - von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten - in der Schmidt-Ära ihren betrüblichen Anfang nahmen."
Egal. Die Deutschen sind jetzt schlauer, auch weil sie wissen, was nach Schmidt kam.
Aber auch die exzellenten Werte der Kanzlerin irritieren jeden, der in den vergangenen Wochen Zeitung gelesen hat. 60 Prozent der Deutschen schätzen Angela Merkel? Als Leitbild? Als moralische Instanz?
Die Bundeskanzlerin mag tatsächlich viele Qualitäten haben. Aber gewiss verfügt sie nicht über die Patina eines Helmut Schmidt, die Rhetorik Joachim Gaucks, über die intellektuelle Brillanz der ehemaligen Verfassungsrichterin Jutta Limbach - um nur einige zu nennen.
In ihrer enthemmten Sachlichkeit wirkt die Kanzlerin wie die Sprecherin einer Justizverwaltung, die unerwartet hinter ihren Akten hervorgezogen wurde, und zur Rede gestellt, "… sieht man, dass es auf der einen Seite ausgesprochen notwendig ist, deutlich zu machen, dass die Zukunftsinvestitionen an Bedeutung gewinnen, und dass es auf der anderen Seite auch notwendig ist …"
Und doch versteht es Merkel, von den Bürgern als große Nüchterne akzeptiert zu werden. Sie hat diesen Trümmerfrauen-Appeal.
Frank Schirrmacher, der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen", sieht in den Umfragezahlen einen Schrei der Bürger nach moralischer Autorität - und die Unfähigkeit der meisten Politiker, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Er liest die Zahlen als Alarmsignal.
Im Fall der Kanzlerin glaubt er, dass ihre hohe Autorität wenig mit der Person Angela Merkel zu tun habe. Die Deutschen achteten das Amt, nicht den Träger: "Der Bürger macht offenbar einen klaren Unterschied zwischen Amt und Person. Ohne ihr Amt wäre Angela Merkel kaum für irgendjemanden eine moralische Instanz."
Die Studie zeigt einen Überdruss an der herkömmlichen Politik. Sie zeigt zugleich einen Respekt der Deutschen vor Persönlichkeiten, die bei aller Wendigkeit ihren Job gut machen, unideologisch und quer zu den alten Schemata. Die wie Philipp Lahm auf allen Flügeln gleichermaßen gut sind. Joachim Gauck wird als moralische Autorität höher geschätzt als der Parteikarrierist Christian Wulff, und fast rührend ist die Anhänglichkeit der Bürger an Horst Köhler, seinen Vorgänger, der aus rätselhaften Gründen das Amt verwarf.
Der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist ganz unmöglich, gefolgt im Ansehen nur noch von einem Gangsta-Rapper aus Berlin. Aber auch Bushido ist für knapp jeden zehnten Deutschen die Idealbesetzung für "deutsch".
Sie zählen nicht mehr, die alten Werte. Eine Generation von Bürgern ist nachgerückt, die ihr Wissen Google verdankt und nicht mehr Grass. Sie ist mental globalisiert und wendig, und sie erkennt sich nicht wieder in den Kauders und Westerwelles dieser Republik. Sie verehrt die Großväter, aber straft die Väter durch Nichtbeachtung.
Milde findet nur, wer auch medial bestehen kann. Die Bürger suchen sich ihre moralischen Instanzen selbst, stehen Alphatieren skeptisch gegenüber und fragen sich verunsichert, ob sie neuen Leitfiguren trauen können.
Sind wir das, die mitten in der Schuldenkrise schon wieder mehr Steuereinnahmen haben als erwartet? Die schon wieder den Aufschwung melden, den boomenden Export? Und sind wir das, die mit Lena Meyer-Landrut den Grand Prix der Eurovision gewonnen haben, ohne dem Rest Europas auf die Nerven zu gehen? Sind wir das, die plötzlich von vielen Nationen bewundert werden für die jungen Fußballer unserer Nationalmannschaft, die so sind, wie wir als Deutsche gern gesehen werden möchten?
Der Jubel auf den Fan-Meilen war der Jubel des Sichwiedererkennens. Im Fest feiert das Volk sich selbst, die alte Weisheit der Aufklärung. Ein Land liest sich an seiner Mannschaft ab, es nimmt Maß und verhandelt über sich. Und in die Begeisterung für die Nationalmannschaft mischt sich immer die Sehnsucht danach, dieser Welt zu zeigen, wie wir auch sein können.
Es gibt den Wunsch nach Leichtigkeit. Der Auftrag lautet: Spielt effizient, tut etwas, wechselt das Personal. Joachim Löw hat das auf dem Rasen vorgeführt. Ihm wird das in der Umfrage hoch angerechnet, in der Rangliste der vorbildlichen Deutschen steht er auf Platz drei.
Ursula von der Leyen und Karl-Theodor zu Guttenberg heißen die beiden aktiven Politiker, neben Merkel, auf denen das Wohlgefallen der Deutschen ruht (und dies umso mehr, je älter die Befragten sind).
Seit Jahrzehnten führte kein amtierender Verteidigungsminister die SPIEGEL-Liste der beliebtesten Politiker an. Zumal einer, der einen unpopulären Krieg am Hindukusch zu führen hat.
Zwei Drittel der Befragten sehen diese beiden Minister als Verkörperung ihres Wunsch-Deutschland. Dabei sind ihre Ressorts, Verteidigung und Soziales, auf schlechte Nachrichten abonniert. Möglicherweise ist das Paradox die Erklärung: Die beiden Minister werden ernst genommen, gerade weil sie den Bürgern Opfer und Einsichten abverlangen.
Beide haben sich erfolgreich das Image des kompetenten Staatsdieners zugelegt. Die Leute sind überzeugt, dass diese beiden Minister die richtigen Entscheidungen treffen werden. Denn "politische Moral" ist ein Vorschuss, ein Futures-Geschäft an der Wertebörse.
Die Arbeitsministerin kommt nicht deshalb beim Wähler an, weil sie mit ihren sieben Kindern Hausmusik vollführt. Die neue Bürgerlichkeit ist den meisten Bürgern egal. Sie haben Vertrauen zur Ministerin, weil sie glaubhaft macht, für die bestmögliche Politik einzutreten.
Ursula von der Leyen glaubt, es sei "die klare, einfache Sprache", die sie mit dem Kollegen Guttenberg gemeinsam habe: "Vielleicht honorieren die Leute auch, dass wir beide sehr offen Erfahrungen in unsere Arbeit einbringen, die wir außerhalb des Politikbetriebs sammeln konnten. Mir gibt das bei vielen Themen Sicherheit, und ich glaube, dass die Leute so etwas sehen."
Sie kann von sich sagen, die Kinderbetreuung gegen alle Widerstände durchgesetzt zu haben. Kollege Guttenberg dagegen hat bisher nur eines durchgebracht: sich selbst. Er reüssiert im makellosen Auftritt und glänzt in der Rolle des geraden Typs, des Anderen und Aufrichtigen.
Sein Ansehen ist groß bei den Befragten, aber es ist ein Ansehen auf Pump.
Im Grunde, sagt Ursula von der Leyen, gehe es immer nur um das eine, wenn man sich Respekt beim Wähler erarbeiten wolle: "Steh auf, und geh, mach etwas. Sei standhaft, und erreiche das Ziel."
Genau das hat Gerhard Schröder gemacht. Er hat mit "Basta" und gegen die eigene Partei sein Reformprogramm Agenda 2010 durchgesetzt. Und er hat das gute Verhältnis zu den USA riskiert, als er sich weigerte, die Bundeswehr in den Irak zu schicken.
Er hat Tacheles geredet, und das hat seine Partei die Wahl gekostet. Er wird von weniger Deutschen als "wichtige moralische Instanz" geführt als Hape Kerkeling oder der notorisch unberechenbare Oskar Lafontaine. Was hat Kerkeling, was Schröder nicht (mehr) hat?
"Gerhard Schröder steht nicht für ein Lebensthema. Ich hätte keine Antwort, welches das sein könnte", meint Ursula von der Leyen. Aber das war auch bei Helmut Schmidt nicht immer klar.
"An dem Ergebnis von Schröder ist Gazprom schuld. Das kam zu früh", meint Günther Jauch, derjenige, von dem sich die meisten Deutschen repräsentiert fühlen. Schröder hätte den Job bei dem russischen Energiekonzern nicht so schnell annehmen sollen. Das habe ihn den Ruf gekostet.
Wobei die Deutschen durchaus gebrochene Lebensläufe respektieren.
Margot Käßmann hat ihr Rücktritt als Bischöfin nach trunkener Fahrt nur noch populärer gemacht. Sie könnte sich heute für jedes hohe Amt bewerben. Der Bürger will keine Unbefleckte, er will die Ehrlichkeit und den Mut, der damit verbunden ist. "Eine Person, die ihre moralische Eignung nicht aus der Länge der Amtszeiten und dem Einfluss von Seilschaften zieht", wie Richard David Precht kürzlich schrieb.
Günther Jauch ist eine moralische Instanz wider Willen. Er will wohl zur ARD, aber er will kein Alphatier sein: "Es ist natürlich völliger Unsinn, wenn ich bei Umfragen mal vor, mal nach dem Dalai Lama und dem Papst genannt werde oder der intelligenteste Deutsche sein soll", sagt er. "Wir werden doch nur als Projektionsfläche genutzt. Irgendwann wird die Fallhöhe so groß, dass es nur mit einem möllemannschen Absturz enden kann. Anders wäre es, wenn ich wirklich in die Politik gehen würde, irgendwo kandidieren und in die Bütt müsste. Dann könnten die Leute urteilen."
Es sei bemerkenswert, sagt Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, "wie sehr die Präsenz in den audiovisuellen Medien dazu führt, dass öffentliche Akteure als moralische Instanz wahrgenommen werden. Wer bekannt werden will, muss, wie das Beispiel Alice Schwarzer zeigt, ins Fernsehen gehen. Die Erzeugnisse der Medien folgen deren Logik - und die ist nicht wesentlich moralischer, sondern kommerzieller Art. Es mag Ausnahmen geben: Vielleicht ist Marcel Reich-Ranicki die letzte."
Politiker haben diese Medienpräsenz qua Amt und müssen sich darin bewähren. Und schneiden als moralische Instanz, wie der Parteienforscher Franz Walter amüsiert zur Kenntnis nimmt, aller Volksverdrossenheiten zum Trotz weit besser ab als "die klassischen Künder und Wächter des gesellschaftlichen Gewissens: die Intellektuellen. Damit musste man nicht unbedingt rechnen".
Da kann sich ein Dichter und Denker wie Hans Magnus Enzensberger sein Leben lang um Positionen mühen, kann er bedeutende Essays über Krieg, Embryonenforschung und Kapital verfassen, es wird ihm nicht gedankt. Nur 8 Prozent der Befragten verbinden mit seinem Namen moralische Autorität.
Dass beinah 80 Prozent der Deutschen ihren wichtigsten Intellektuellen Jürgen Habermas noch nicht einmal vom Namen her kennen - geschenkt. Auch Adorno, den Vater der Kritischen Theorie, hätten die Bundesbürger der fünfziger Jahre für einen Magenbitter aus dem Rimini-Urlaub gehalten.
Es gab Zeiten, da wurden alte und zornige Frauen und Männer als mutige Stimmen des Widerspruchs gefeiert. Sie hatten (manchmal auch erfolgreiche) Romane geschrieben und mit der Mitgliedskarte im PEN-Club das Recht erworben, sich etwa zu Aspekten der Militärstrategie meinungsstark zu äußern.
Heute tummeln sich Zehntausende von notorischen Widerspruchsgeistern in Internetforen; die Schar der Blogger klagt stündlich irgendeine Ungerechtigkeit irgendwo in der Republik an.
"An die Kraft und Möglichkeit realistischen wie visionären Vordenkens glaubt in heterogenen Gesellschaften kaum noch jemand", sagt Franz Walter. Die Zeit der Groß- und Universalintellektuellen ist vorbei. Gehör findet nur, wer seine Meinung auch in Talkshows amüsant vertreten kann. Oder wer die Rolle des Engagierten seit Generationen so überzeugend spielt, bis jeder sie ihm abnimmt. Günter Grass, trotz seiner spätentdeckten SS-Vergangenheit, ist ein Markenartikel made in Germany, so verlässlich wie Nivea.
"Günter Grass hat in Deutschland die Planstelle für moralische Autorität eingenommen", sagt Frank Schirrmacher. "Er spielt diese Rolle gut, und deswegen nimmt das Publikum es ihm ab."
Papst Benedikt XVI. ist der andere hauptberufliche Moralist in der Auswahl. Die einzige moralische Instanz, die ihr Urteil nicht nur aus einem Buch, sondern auch aus einer jahrtausendealten Erfahrung mit der Welt ableitet.
Man muss nicht Katholik sein, um das Wort aus Rom als Maßstab ernst zu nehmen, ohne sich gleich daran zu halten.
Es kann jedenfalls nichts schaden, jemanden an Bord zu haben, der auf einem Wahrheitsanspruch beharrt und eine Sprache spricht, die von weiter her kommt als vom letzten Trend-Kongress.
Der Katholizismus ist eigentlich eine sehr unbürgerliche Veranstaltung, und es ist immer wieder erfrischend, den Alten gegen Hedonismus und die angebliche Pflicht zur Selbstverwirklichung anargumentieren zu hören.
Doch nein. Der Papst mag überall respektiert sein, im Himmel und auf Erden, in seinem Heimatland ist er es nicht.
Hier wird das Pontifikat dieses Mannes vor allem anderen mit dem Wort "Missbrauch" verbunden werden. In Benedikt XVI. sehen nur 35 Prozent der Bürger das Deutschland, das sie sich wünschen, Margot Käßmann kommt auf 51 Prozent. Als moralische Instanz immerhin liegen beide gleichauf mit etwa 50 Prozent.
Von wem also wollen sich die Deutschen vertreten sehen? Der ideale Deutsche, von Deutschen gesehen, ist leichtfüßig wie Mesut Özil, fehlbar wie Margot Käßmann, pragmatisch wie Angela Merkel, unprätentiös wie Günther Jauch, konsequent wie Jogi Löw, unbeschwert wie Lena Meyer-Landrut, abgeklärt wie Helmut Schmidt.
Es gibt sie nicht mehr, die alten Gewissheiten.
Und es gibt eine Brache in der politischen Landschaft, nichts ist bemer-kenswerter als die Tatsache, dass sich diese Brache in den Krisenjahren gehalten hat.
In Frankreich gab es Le Pen, in den Niederlanden Pim Fortuyn und jetzt Geert Wilders mit seiner Anti-Islam-Partei, in Österreich Jörg Haiders Nachfolger und in der Schweiz den Populisten Christoph Blocher. Hierzulande ist der Platz des chauvinistischen Tribunen frei geblieben.
Es gibt drei Erklärungen. Entweder hat sich bisher in Deutschland nur noch kein begabter Volkstribun herausgebildet. Oder die Politiker machen ihren Job doch besser, als ihr Ruf es nahelegt.
In Frankreich und den Niederlanden haben sich viele Bürger ungehört und unverstanden gefühlt, als sie mit der Immigration nicht klarkamen. In Italien wird die Lega Nord gewählt, weil das politische System in sich selbst gefangen ist, unfähig zu Veränderungen.
Vielleicht nehmen hierzulande die Politiker die Dinge doch protestantisch ernster. Das wäre eine gute Nachricht.
Es gibt eine dritte Erklärung. Seit den fünfziger Jahren werden die Deutschen als skeptisch beschrieben, zuerst von Helmut Schelsky, zuletzt von Rüdiger Safranski. Sie seien immun gegen das Romantische, gegen Exzess und Weltentwürfe. Dem Rausch der Ideologie und des Krieges entronnen, dem Träumen entwöhnt.
Die Skepsis ist dem Deutschen geblieben und ins Genom eingegangen. Befragt nach seinen Führern, Vorbildern, Alphatieren wählt er sich die Nüchternen. Die Schmidt, Merkel, Jauch. Die anderen sind ihm suspekt, und auch Lafontaine reüssiert nur in den Brachen im Osten. Die Deutschen sind nüchterner geworden. Erwachsener. Sie sind weniger anfällig für Alphatiere.
Das wäre eine noch bessere Nachricht.
Von Alexander Smoltczyk

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