23.08.2010

Der Beikoch

Von Osang, Alexander

Ortstermin: Die letzte Sommerreise des scheidenden hessischen Ministerpräsidenten

In einer Zeit, in der nahezu jede deutsche Zeitung über die Vorzüge fleischloser Ernährung diskutiert, führt Roland Koch die Gäste seiner Sommerreise in ein McDonald's-Restaurant am Rande einer Frankfurter Autobahn. Es ist halb eins.

Am Vormittag hatte Koch in Wiesbaden einen der Vorlaufkurse besucht, die während seiner Amtszeit in Hessen eingeführt wurden, um Kinder mit geringen Deutschkenntnissen auf die Schule vorzubereiten. Roland Koch saß mit Fünfjährigen auf kleinen Plastikstühlen, er redete mit einer Handpuppe namens Finki, an seiner Krawatte hatte er ein Pappschild befestigt, auf dem "Roland" stand. Eine Dreiviertelstunde später betrat er die künftige Landebahn des Frankfurter Flughafens, die im nächsten Jahr eingeweiht werden soll. 40 000 Arbeitsplätze werden dadurch entstehen, versprach Koch, vielleicht sogar 70 000. Er wirkte entspannt, ein Mann, der die positive Bilanz seines politischen Lebens präsentierte.

Dies war seine letzte Sommerreise als hessischer Ministerpräsident. Er hatte sich am Vormittag als Landesvater gezeigt, der die Integration vorantrieb und wichtige Investoren anlockte. Was das Mittagessen bei McDonald's beweisen sollte, war noch nicht klar.

"Ach", sagt Koch. "Ich war da oft als Student, aber auch als Politiker, nachts, wenn man nirgendwo mehr was zu essen bekam. Da gibt es ja nicht die Wahl zwischen Nieren und Fast Food. Da gibt es nur die Wahl zwischen hungrig ins Bett oder nicht. Außerdem schmeckt es mir."

Der Ministerpräsident nimmt an einem Tisch in der Ecke Platz, jemand bringt ein Tablett mit einem Hamburger Royal mit Käse, Pommes frites und einem kleinen gemischten Salat. Koch hat eine Schramme auf der Stirn, weil er zu Hause gegen eine Glastür gelaufen ist. "Die öffnet sich normalerweise automatisch, wenn man sich nähert, aber diesmal eben nicht", sagt er, und es scheint ein schönes Bild für das Leben zu sein, das ihm bevorsteht.

In knapp zwei Wochen verlässt er sein Büro, was er danach macht, weiß er angeblich noch nicht genau. Klar ist, dass es irgendwas mit einer 80-Stunden-Woche sein wird, sagt er. Bis November bleibt er stellvertretender Parteivorsitzender, dann erst verlässt er Angela Merkel wirklich, und auch danach werde der Kontakt zur Kanzlerin sicher nicht abreißen. Sie haben ja, wie er sagt, ein "freundschaftlich belastbares Verhältnis". Zunächst will er aber erst mal ein halbes Jahr Luft holen.

Er will nach Amerika reisen und einen Kochkurs absolvieren. "Das wollte ich immer schon mal, in einer Hotelküche mitarbeiten", sagt er und lächelt. Man stellt sich vor, wie Koch mit einer weißen Mütze dem Souschef eines Feinschmeckerrestaurants im Weg steht, halb staatsmännisch, halb hilflos, noch stellvertretender CDU-Vorsitzender und schon Küchenjunge. Ein Beikoch.

"Natürlich hätte ich gern noch die neue Landebahn auf dem Frankfurter Flughafen eingeweiht. Aber das wäre Kurt-Beck-Mentalität. Der glaubt, dass es ohne ihn nicht weitergeht. Ich hoffe, dass ich auch ohne die Wahl 2008 die Kraft zu diesem Schritt gefunden hätte", sagt Koch leise, seine Finger umklammern das McDonald's-Tischchen wie das Fensterbrettchen eines Beichtstuhls, und einen Moment lang glaubt man die Erniedrigungen und die Einsamkeit, die ein Politiker ertragen muss, zu spüren und auch die Erleichterung, dass es vorbei ist. Aber dann ist der Cheeseburger aufgegessen, und Koch muss weiter. Den Salat hat er kaum angerührt.

Er geht zum Sommerreisebus, der ihn zur Frankfurter Polizei bringt und von da nach Gießen und Kassel, wo die anderen Geschichten liegen, die er hinterlassen will. Er möchte jetzt ein Beispiel geben für personelle Wechsel, die nach einer gewissen Zeit überall in der Gesellschaft notwendig seien. "Was mich in den letzten Jahren am meisten genervt hat, war, dass die Medien mir selten glaubten, dass ich das, was ich sage, auch so meine", sagt Roland Koch. "Die denken doch immer, hinter allem, was ich sage, stecke irgendein Kalkül."

Man sieht ihm nach und denkt: Genauso ist es.

Vor der McDonald's-Filiale an der Frankfurter Autobahn steht eine Öffentlichkeitsarbeiterin aus der Münchner Zentrale und winkt dem schwarzen Bus hinterher, der immer kleiner wird. Sie heißt Eva- Maria Haas und hat nichts von der Anti-Fleisch-Fibel "Tiere Essen" des Amerikaners Jonathan Safran Foer gehört, die gerade in den deutschen Feuilletons gefeiert wird, aber sie kann sagen, welche McDonald's-Filialen Roland Koch am häufigsten besuchte. Sie ist sogar in der Lage, anhand der Pappschachtel, in der der Burger von Roland Koch lag, nachzuweisen, wie viel Prozent des täglichen Kalorienbedarfs des hessischen Ministerpräsidenten der Royal Cheese deckte. Es sind fast 20.

Sie weiß auch, dass sowohl McDonald's als auch Roland Koch in der hessischen Umweltallianz arbeiten. Sie preist die Vorzüge ihres Unternehmens und die von Roland Koch, denen man gern vorwirft, dass sie nicht halten, was sie versprechen. Und irgendwann ahnt man, wie passend es ist, dass der Ministerpräsident gerade hier die Lunch-Pause seiner letzten Sommerreise machte.

Roland Koch war der Big Mac unter den deutschen Politikern.


DER SPIEGEL 34/2010
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