23.08.2010

Die Erben der Hippies

Global Village: Wie auf Kreta gegen ausländische Investoren gekämpft wird
Manchmal fühlt sich Thanasis Ktistakis an vergangene schlimme Zeiten erinnert. An jene Tage, als sein Vater Georgios mit politischen Freunden in Kretas Bergen gegen die griechische Militärdiktatur kämpfte und jeder neue Unterstützer ein kleiner Sieg gegen die Obristen war.
Damals beschloss Ktistakis, 49, sich im neuen, demokratischen Griechenland zu engagieren. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der sozialistischen Partei Pasok auf Kreta, nachdem die Junta 1974 am Ende war. Er war von 1987 bis 1994 Bürgermeister der Kleingemeinden Kamilari, Kalamaki, Festos und Agios Ioannis an der schönsten Bucht der kretischen Südküste. "Ich hab immer gemacht, was ich machen konnte", sagt er. Heute ist er Elternsprecher an der Schule seiner Töchter.
Jetzt muss er wieder gegen einen übermächtigen Gegner antreten. Chinesische Investoren planen einen riesigen Containerhafen an seiner Bucht bei Timbaki, direkt am Anfang des malerischen, rund drei Kilometer langen Sandstrandes. Dort, wo die vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten ihre Nistplätze haben und große Uferteile durch eine EU-Naturschutzrichtlinie besonders geschützt wurden. Die Investoren können mit der Unterstützung von Ktistakis Parteifreunden in Athen rechnen. Denn die Regierung braucht im Kampf gegen den Staatsbankrott jeden Cent.
Jahrelang haben ökobewusste Bauern und Zimmervermieter hier in der Kommos-Bucht auf beschaulichen Fremdenverkehr gesetzt und großen Hotelketten oder Baukonzernen getrotzt, auch Ktistakis, der Zimmer vermietet, nebenbei biologisches Olivenöl produziert und Wein anbaut. "Wir waren immer stolz darauf, dass hier die Grenze für alle Spekulanten verlief", sagt er.
Nun aber soll hier ein moderner Containerhafen mit drei bis vier Kilometer langen Molen und einer 1200 Meter langen Pier in den feinen Sand gerammt werden. Dazu müsste die seichte Bucht auf 16 bis 17 Meter Tiefe ausgebaggert werden. "Dann ist hier nichts mehr so, wie es mal war", sagt Ktistakis.
Der Plan ist schon fünf Jahre alt. Als Ktistakis, graue Strähnen, Bauchansatz, das erste Mal davon hörte, trommelte er die Nachbarn zusammen. Leute, die sich wie er für ein Leben in Kalamaki entschieden haben, weil sie die Natur respektieren. 25 waren sie am Anfang, etliche Einheimische, aber auch Zugereiste aus Belgien, Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland. Die kamen her zu der Zeit, als die Hippies den Ort Matala hinter der Bucht stürmten und in den berühmten Höhlen dort ihre Joints rollten.
Und so waren es vor allem die Erben der Hippies mit ihren guten Kontakten in der Heimat, die den Aufstand der Kreter nach Brüssel und Athen trugen. Sie belagerten die Präfektur in Heraklion, bedrängten die Parteien, mobilisierten übers Internet, schrieben Eingaben aus allen Winkeln des Kontinents. Alle Bürgermeister entlang des kleinen Golfs von Messara waren dabei, egal von welcher Partei. Irgendwann vor gut einem Jahr glaubten sie, den Kampf gewonnen zu haben, das Projekt lag auf Grund. "Das Spiel ging klar an uns", sagt Ktistakis.
Aber nun droht ein Rückspiel, mit dem sie nicht gerechnet haben und mit dem sie nicht rechnen konnten. Denn Griechenland ist pleite, und die Regierung braucht dringend zusätzliche Einnahmen.
Ein neuer Flughafen mitten auf der Insel ist bereits geplant, nicht weit weg von Timbaki. Griechenlands Wirtschafts- und Schifffahrtsministerin wirbt in China offen um Milliardeninvestitionen.
Der Hafen kommt, sagt die Regionalverwaltung in Heraklion, in spätestens fünf Jahren sei er fertig. Schon in den nächsten Monaten werde die Regierung die nötigen Beschlüsse fassen. Investoren gibt es genug. Südkoreaner und die Araber aus Dubai wären gern eingestiegen, aber alles sieht danach aus, als könnte die staatliche China Ocean Shipping Company (Cosco) den Zuschlag erhalten.
Gerade erst hat sie den Containerhafen von Piräus für 3,4 Milliarden Euro und eine Laufzeit von 35 Jahren gepachtet. Die Chinesen sind auch an der hochdefizitären Staatseisenbahn interessiert, an neuen Logistikzentren und an weiteren Häfen. Griechenland soll Chinas "Tor zu Europa" werden und Rotterdam Konkurrenz machen, Griechenland wird immer chinesischer.
Mindestens 500 Millionen Euro möchte die Cosco auf Kreta investieren, rund zwei Millionen Container könnten dann von hier jedes Jahr auf kürzestem Weg nach Südeuropa und auf den Balkan umgeschlagen werden. Im Juni hat Pekings Vize-Premier Zhang Dejiang in Athen milliardenschwere Verträge unterzeichnet, auch Kreta stand auf dem Reiseplan. "Die Chinesen kommen", jubelten die Zeitungen auf dem Festland.
Für die geplanten Ölbohrungen von BP zwischen Kreta und der libyschen Küste würde der Hafen ganz neue strategische Optionen bieten - als erster Anlaufpunkt aus Südasien nach der Passage des Suezkanals.
Rund 800 neue Arbeitsplätze könnte das bedeuten. Doch das interessiert hier niemanden. Dafür gingen 6500 Urlaubsbetten verloren, sagt Ktistakis. Und dann erzählt er die Geschichte von Prato, der einstigen Hauptstadt der italienischen Textilindustrie. "Dort arbeiten jetzt Chinesen in chinesischen Unternehmen zu chinesischen Dumpinglöhnen unter chinesischen Bedingungen", sagt er, "nur die Klamotten erhalten noch das Etikett ,made in Italy'."
Also wird er tun, was er kann, um das Hafenprojekt zu stoppen, ein zweites Mal, um seine Bucht zu retten. Und mit ihr auch die Geschichte von Matala und den Höhlen.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 34/2010
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