30.08.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE911 Fuß

Wie sich eine Gefesselte befreite
Es war kurz nach Mitternacht, Stille in der Glenwood Avenue, als Amy Windom aus einem tiefen Schlaf erwachte und ihn in ihrem Schlafzimmer stehen sah.
Er war vermummt, ein Mann mit Maske, dunkle Augen darunter, dunkle Haut. Sie hatte nicht viel Zeit zu reagieren, sah schnell, dass er eine Pistole bei sich trug. Es gab einen Kampf, kurz und aussichtslos, dann schlug er ihr mit seiner Waffe auf den Kopf, zog ein paar Schnürsenkel hervor und fesselte ihre Handgelenke an das Bett. Sie konnte nur noch ihre Beine frei bewegen.
Amy Windom, 39 Jahre alt, eine freundliche Frau, selbstbewusst, schulterlanges Haar, lebt in einem hellblauen Häuschen in Atlanta, Georgia, einer der gefährlichsten Städte im Land. Im nationalen Vergleich der Kriminalitätsraten liegt Atlanta auf Platz 18 von 393 Städten. Auch Amy Windom wurde nicht zum ersten Mal ausgeraubt in dieser Nacht. Es war nur das erste Mal, dass sie zu Hause war.
Das letzte Mal, daran musste sie denken, geschah es am Silvesterabend. Sie war mit ihrem Freund John unterwegs, und ihre Mutter hatte das Holzhaus gehütet in der Glenwood Avenue. Die Einbrecher dachten wohl, das Haus sei unbewacht. Als sie sahen, dass doch jemand da war, flüchteten sie, stahlen noch schnell Windoms Auto, aber ihrer Mutter taten die Einbrecher nichts.
Windoms Handgelenke schmerzten, sie verstand: Wenn sie Pech hatte, würde es diesmal sehr viel schlechter für sie laufen. Sie sah, wie sich der Mann durch ihre Räume bewegte, wie er ihre Sachen durchsuchte, zwischendurch kam er in ihr Zimmer und fuchtelte mit seiner Waffe. Dieser Einbrecher war gewaltbereit. Sie versuchte auf ihn einzureden, "du wirst mir nichts tun", sagte sie zu ihm, sie sagte es auch, um sich selbst zu beruhigen.
Der Mann war jetzt dabei, Windoms Laptop einzustecken. Ihr Laptop ist ihr wichtig. Ihre Arbeit steckt dort drin, ihre Unterlagen. Jeden Morgen, wenn sie aufwacht, klappt sie als Erstes ihren Laptop auf und chattet mit John, ihrem Freund. Wahrscheinlich war es dumm, was sie jetzt tat, vielleicht sogar lebensmüde, aber Amy Windom erzählte dem Einbrecher, er solle von ihrem Laptop seine Finger lassen.
Ihr Internetanbieter, behauptete sie, habe einen Suchsender eingebaut, die Polizei könne ihn mit dem Ding ohne weiteres finden. Und tatsächlich: Der Mann ließ von ihrem Laptop ab, ließ ihn am Fußende ihre Bettes liegen.
Gegen ein Uhr verließ er das Haus. Er nahm ihren Wagen mit, einen 2009er Acura TSX, ihren iPod, das Mobiltelefon. Amy Windom war noch immer gefesselt. Wahrscheinlich würde sie noch Stunden so in ihrer Wohnung liegen, Tage vielleicht. Und was, wenn er wiederkäme? Wenn er es sich anders überlegen und sie doch noch töten würde?
Sie stellte sich vor, wie es wäre, MacGyver zu sein, MacGyver schafft es immer, seine Fesseln zu lösen, es sah im Fernsehen so einfach aus. Sie bewegte ihre Handgelenke: nichts. Sie drehte und wand sie hin und her, aber die Bänder waren zu fest. Zwei Stunden lang versuchte sie, sich zu befreien. Sie schrie um Hilfe, aber ihre Nachbarn in der Glenwood Avenue schliefen, niemand hörte sie.
Dann sah sie den Laptop am Fußende ihre Bettes liegen. Gegen 4.15 Uhr kam ihr eine Idee.
Es gibt einen Witz in der Familie von Amy Windom, er hat mit ihren Füßen zu tun, der Länge ihrer Zehen, ihre Schwester ärgerte sie damit, als sie jünger war. Windom griff mit den Füßen die Decke und zog sie zu sich herüber, auch der Laptop rutschte so zu ihr heran. Es gelang ihr, ihn zu öffnen. Dann versuchte sie, das Gerät mit den großen Zehen zu entsperren. Dazu brauchte sie die Tastenkombination "ctrl, alt, delete".
Die Zehen, das merkte sie schnell, waren zu breit, um einzelne Tasten zu drücken. Sie überlegte. Dann klemmte sie sich das Ladekabel zwischen die Zehen ihres rechten Fußes und benutzte den metallenen Stecker, um damit einzelne Tasten zu drücken. Es funktionierte. Amy Windom war plötzlich ziemlich zufrieden mit ihren Zehen.
Sie öffnete den Instant Messenger und schrieb mit rechtem Fuß und Ladekabel eine Nachricht an John, ihren Freund.
5.08 Uhr: "CALL 911 POLICE."
"Schwachsinn", schrieb John zurück.
5.09 Uhr: "Bin zu Hause ans Bett gefesselt."
5.10 Uhr: "Ausgeraubt."
Wenig später war die Polizei in ihrem Haus. Noch am selben Tag tauchte Windoms Auto wieder auf, der Einbrecher hatte es irgendwo im Südosten von Atlanta abgestellt. Ein paar Tage später nahm die Polizei ihn fest, einen 17-jährigen Jungen, der bereits mit anderen Verbrechen in Verbindung gebracht wird.
Amy Windom traut sich noch nicht zurück in ihr Haus. Sie ist vorübergehend bei ihrem Freund eingezogen.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 35/2010
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