30.08.2010

PERUDie Spur des Goldes

Weltweite Nachfrage hat im Regenwald eine hektische Suche nach dem glänzenden Metall entfacht. Ureinwohner und Abenteurer aus aller Welt durchwühlen die Ufer der Flüsse.
Francisca Hualla ist eine Hochlandindianerin. Ihre bronzefarbene Haut ist von der Sonne gegerbt, die Hände sind rau und rissig. Über ihrem Bauch spannt sich ein schmuddeliger rosafarbener Pullover, der braune Rock ist abgewetzt. Quer über den Oberkörper trägt sie an einem Riemen eine zerknitterte schwarze Tasche aus Kunstleder und in der Hand einen großen Klumpen Gold, pures Gold, eingewickelt in Zeitungspapier.
Zielstrebig betritt Hualla die Zweigstelle der Firma Inversur in Huepetuhe, einer langgestreckten Bretterbudensiedlung im peruanischen Regenwald. Ein Angestellter bietet ihr einen blauen Besuchersessel an und öffnet eine Flasche Coca-Cola, sie ist eine Stammkundin. Die Indianerin wickelt ihren faustgroßen Schatz aus und fragt in gebrochenem Spanisch, was der denn einbringe. Ihre Muttersprache ist Quechua, das Idiom der Inka.
Der Angestellte dreht ihr den Computerschirm zu, auf dem Monitor blinkt der aktuelle Goldpreis an der Metallbörse in London. Umgerechnet kostet ein Gramm heute 104 Soles, etwa 35 Dollar. Er legt Huallas Klumpen auf die Waage. "865 Gramm", sagt er. "Etwas mehr als 30 000 Dollar." Es ist der Monatsverdienst der Indianerin, die Ausbeute von vier Wochen harter Wühlarbeit in ihrer Mine.
Seit 25 Jahren schürft Hualla am Río Madre de Dios, dem Mutter-Gottes-Fluss, nach Gold. Aber in den vergangenen drei Jahren hat sie mehr verdient als je zuvor. "Der Goldpreis war noch nie so hoch", freut sie sich.
Die Quechua-Indianerin ist eine Krisenprofiteurin. Dollar und Euro sind angeschlagen, auch Staatsanleihen gelten wegen der hohen Verschuldung der Industriestaaten nicht überall mehr als sicher. So erlebt die älteste aller Wertanlagen eine neue Blüte: Der Goldpreis hat sich seit dem Beginn der Weltfinanzkrise Anfang Juli 2007 fast verdoppelt.
In Südamerika hat die Nachfrage einen neuen Goldrausch ausgelöst. Zehntausende Glücksritter und Abenteurer schürfen zwischen Anden und Amazonas nach "pepitas", wie die Nuggets hier heißen. Und nirgendwo auf dem Kontinent wird so viel Gold gefördert wie in Peru. Bereits die Inka schätzten das gleißende Metall. Die spanischen Eroberer stießen auf der Suche nach dem mythischen Dorado tief ins Amazonasgebiet vor. Sie folgten den Flüssen, die in den Anden entspringen und das Metall in ihren Sedimenten in den Urwald spülen.
Auch Francisca Hualla ist der Spur des Goldes gefolgt. Sie stammt aus Juliaca, einer bitterkalten Stadt 3800 Meter hoch in den Anden. Ihre Eltern bauten Kartoffeln und Mais an, Dürren und Frost machten die Ernte oft zunichte. Als sie 13 war, zog die Familie in den Urwald. "Im Hochland wären wir verhungert", sagt sie.
Mit Blechtellern wusch das Mädchen den Ufersand der Flüsse aus, oft stand sie stundenlang im Wasser. Der Goldstaub, den sie am Ende eines Arbeitstages zusammengekratzt hatte, reichte gerade zum Überleben.
Inzwischen ist Hualla auf dem Weg zur Millionärin. Sie hatte doppelt Glück: Erst war sie auf einen Claim am Fluss gestoßen, der mehr hergab als die Stellen, an denen sie zuvor gesucht hatte. Dann stieg der Goldpreis.
Als die Pleite von Lehman Brothers die Welt erschütterte, kaufte Hualla den ersten gebrauchten Bulldozer - das Gold von Madre de Dios liegt oft metertief in der Erde und ist nur mit schwerem Gerät zu fördern. Bei der Griechenland-Krise reichte es für zwei Volvo-Lkw. Als Spanien wackelte, hat sie sich einen neuen Toyota-Geländewagen zugelegt.
Heute befehligt die Matriarchin eine Truppe von 14 Arbeitern. Von ihrer Baracke am Rand des Flussbetts überwacht sie das Geschehen. Ihre jüngsten Kinder spielen in den Pfützen, der älteste arbeitet schon am Fluss. Ihr Mann hat den Claim nebenan gepachtet. "In derselben Mine würden wir uns nur in die Quere kommen", sagt Hualla.
Wenn sie etwa ein Kilogramm Gold zusammenhat, schmilzt sie die Nuggets mit Hilfe eines Bunsenbrenners in einer Kuchenform zu einem Klumpen. Dann fährt sie nach Huepetuhe, um ihn zu verkaufen.
Der Ort ist eine Goldgräbersiedlung wie aus dem Kino: Bordelle, Bars und Werkzeugläden reihen sich aneinander, die Straßen gleichen einer Kraterlandschaft. Auf der zentralen Plaza parken gebrauchte Bulldozer, Goldgräber feilschen um die besten Angebote. Dutzende Generatoren brummen, es gibt keine Kanalisation und kein Stromnetz. Geier picken in den Abfallhaufen, die sich am Straßenrand türmen.
Das Goldgräberzentrum ist die größte der wilden Siedlungen im Madre-de-Dios-Gebiet. Überall in der Provinz schießen neue Orte aus dem Boden. Über die Interoceánica, eine feste Überlandstraße, deren gerade fertiggestellter Südabschnitt Peru mit Brasilien verbindet, strömen Zehntausende Indianer aus dem Hochland in den Urwald.
Und der hält dem Ansturm nicht stand: Wo einst jahrhundertealte Bäume in den Himmel ragten, erstreckt sich heute eine braungelbe Mondlandschaft. Schlammlöcher und Schlackenhügel ziehen sich bis zum Horizont. Die Natur ist weitgehend zerstört.
"Goldsuche ist Gift für die Umwelt", sagt Boris Melinc, 63, ein Abkömmling slowenischer Einwanderer. Ein Hut mit breiter Krempe beschattet sein gerötetes Gesicht. Hier in der Gegend nennen sie den großen, schlanken Mann nur den "Gringo". Zwanzig Jahre lang handelte er mit Holz; dann vermietete er Lastwagen und Maschinen für den Bau der Interoceánica.
Vor einem Jahr erwarb er einen Claim an einer Flussschleife, der in den neunziger Jahren schon einmal ausgebeutet worden war. Mit seinen schweren Maschinen kämmt er jetzt das Gelände noch einmal durch, 18 Arbeiter hat er angestellt. Sie spülen den mit Wasser vermischten Schlamm über Veloursteppiche, der Goldstaub bleibt in den Fasern hängen. Täglich gewinnt er etwa 100 Gramm Gold - ein Tageserlös von 3500 Dollar.
Seine Frau Haydee, eine Neurochirurgin, hat ihren Job an der Universität von Lima aufgegeben, sie lebt jetzt bei ihrem Mann im Urwald. Das Ehepaar bepflanzt den zerstörten Uferstreifen mit jungen Bäumen, Melinc will den Umweltschaden begrenzen. Doch die meisten Goldsucher kümmern sich nicht um das, was sie da anrichten. Chinesen, Koreaner und Russen haben sich in seiner Nachbarschaft niedergelassen, sie fressen sich mit Hightech-Bulldozern durch den Dschungel. Wer es sich leisten kann, schmuggelt Schwimmbagger aus Brasilien über die Grenze. Die schweren Maschinen zerstören das Flussbett, die Uferränder erodieren.
Viele Gewässer sind mit Quecksilber belastet, das die Goldsucher einsetzen, um das Metall vom Gestein zu lösen. Die meisten Fische sind mit dem Schwermetall verseucht.
Längst hat der Staat die Kontrolle über das Goldgeschäft verloren. Konflikte werden häufig mit dem Revolver ausgetragen, die Korruption blüht. "Der Polizeichef der Provinz besitzt zwei Schwimmbagger, auch der Bürgermeister der Provinzhauptstadt buddelt nach Gold", klagt Umweltminister Antonio Brack. Alle paar Wochen verlässt der Minister sein Büro in der fernen Hauptstadt Lima und fliegt nach Madre de Dios, um mit den Goldsuchern zu verhandeln. Die Regierung vergibt keine neuen Lizenzen zum Schürfen, doch darum schert sich kaum einer. Brack: "Es ist zu viel Geld im Spiel."
Allein in Madre de Dios werden jährlich 18 Tonnen Gold im Wert von rund 600 Millionen Dollar gefördert. Die Herkunft lässt sich kaum nachprüfen: Goldminen an der Küste und in den Bergen, die über eine staatliche Lizenz verfügen, kaufen das Gold aus dem Urwald heimlich auf und erklären es zur Ausbeute ihrer eigenen Produktion. Das so legalisierte Metall kann dann exportiert werden.
Vor allem Schweizer Firmen kaufen Perus Gold auf. 2009 exportierte der Andenstaat fast 60 Prozent seines Goldes im Gesamtwert von 6,8 Milliarden US-Dollar in die Schweiz. "Die Banken holen die Barren mit Privatjets ab und fliegen sie direkt nach Genf", sagt Pedro Solís, der Eigentümer von Inversur und einer der größten Goldhändler von Madre de Dios. In zerbeulten Toyota-Pick-ups rasen seine Aufkäufer über die Dörfer und sammeln das Metall ein. Sie werden von schwerbewaffneten Leibwächtern mit Pumpguns begleitet, um Überfälle zu verhindern.
Die Filiale in Huepetuhe ist Solís' größtes und ältestes Geschäft. In einem Hinterzimmer steht ein Ofen, wo auch Francisca Huallas Goldklumpen geschmolzen wird. Etwas Schlacke bleibt im Topf zurück, das Reingewicht des Goldes beträgt jetzt noch 855 Gramm, 10 Gramm weniger als bei der Ablieferung. Hualla sammelt die Schlammkrümel sorgfältig in Zeitungspapier auf und steckt sie in ihre Tasche, womöglich lässt sich daraus noch etwas Gold gewinnen. "Man muss genau aufpassen, damit sie einen nicht beschummeln", grummelt sie.
Einen Teil ihres Erlöses lässt sie sich auf ihr Konto in Cusco überweisen, 1000 Dollar streicht sie bar ein, "für laufende Ausgaben". Sie rafft ihren Rock zusammen, knurrt einen Abschiedsgruß, steigt in ihren Toyota und lässt sich zurück zu ihrer Mine chauffieren. Der Fahrer muss die Klimaanlage einschalten, die Hochlandindianerin leidet unter der Tropenhitze mehr als Europäer.
"Ein paar Jahre" will sie die Schufterei im Urwald noch mitmachen, "bis es kein Gold mehr gibt oder der Preis fällt". Dann will sie zurück in die Berge ziehen und sich zur Ruhe setzen.
Um ihre Altersversorgung braucht sie sich keine Sorge zu machen.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 35/2010
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