06.09.2010

Briefe

Laut nein sagen

Nr. 35/2010, Titel: Die Dagegen-Republik - Stuttgart 21, Atomkraft, Schulreform: Bürgeraufstand gegen die Politik

Sie erwecken mit der Überschrift "Volk der Widerborste" und im Text den Eindruck, als wäre der Widerstand gegen das Projekt "Stuttgart 21" ein Paradebeispiel für eine leicht wirre Tendenz in der Bundesrepublik. Dem ist nicht so! Dieses Projekt unterscheidet sich von allem, was Sie sonst zitieren, deutlich, und der Widerstand lässt sich sehr rational begründen.

Hessigheim (Bad.-Württ.),
Gernot Förster

Demonstranten, die sich gegen Zumutungen und Ungerechtigkeiten staatlicher Autoritäten wehren, tun dies also aus Gewohnheit, Egoismus, lediglich um des Protestes willen? Da kann man dann ja ruhig die Proteste gegen "Stuttgart 21" in einen Topf mit dem unsäglichen Volksbegehren gegen die Hamburger Schulreform werfen!

Aichtal (Bad.-Württ.),
Manfred Wischner

Die Suggestivfrage "Bremse für den Fortschritt?" finde ich sehr bedenklich. Es ist Pflicht eines Bürgers in der demokratischen Gesellschaft, seine Meinung kundzutun.

Düsseldorf,
Andreas Schmidt

Sie behaupten, die Proteste richteten sich "gegen eine Modernisierung des Landes". Damit wiederholen Sie im Falle Stuttgart eine diffamierende Unterstellung der S-21-Befürworter. Das Aktionsbündnis für den Erhalt des Kopfbahnhofs fordert ebenfalls die dringend notwendige und unbestrittene Modernisierung des vernachlässigten Hauptbahnhofs und hat mit K21 ein eigenes Konzept vorgelegt, das allerdings ökonomisch und ökologisch vernünftiger ist als das Milliardengrab einer Untertunnelung.

Stuttgart,
Marlies Beitz

Sie schreiben, dass gewählte Politiker für eine große Zahl an Menschen stehen und jeder protestierende Bürger für sich allein. Dabei hat man heute eher das Gefühl, dass die Politiker für sich allein und ihren Geldbeutel stehen. Auf mich als Demonstrant kommen noch viele, die das Projekt S21 ablehnen, aber aus verschiedenen Gründen nicht demonstrieren gehen.

Renningen (Bad.-Württ.) Eva Helms

Der Gegensatz von Stillstand und Nicht-entwicklung, den Sie glorifizieren, ist das, was uns die Krisen der vergangenen Jahre beschert hat. Wer in altem Wachstumsdenken verhaftet ist, sieht Entwicklung immer nur quantitativ. Dass sie aber auch qualitativ sein kann und auch sein muss, da wir nicht drei Erden zur Verfügung haben, sehen die von Geld- statt von Gedankenmachern beeinflussten Politiker nicht. Wie gut, dass die Dagegen-Bürger ihnen zeigen, welche anderen Wege möglich sind.

Ammersbek (Schl.-Holst.),
Henning Sidow

Zukunftsfähig geht anders. Die Protestierer sind Repräsentanten einer Dafür-Republik: Statt einer veralteten Planung für einen Bahnhof aus der Zeit, als Loks noch umgespannt werden mussten, sind sie für einen hochmodernen Kopfbahnhof mit integralem Taktfahrplan und Anbindung an das Hochgeschwindigkeitsnetz. Statt auf Energiegewinnung mit zur Neige gehenden Ressourcen zu setzen, wollen sie zukunftsfähige, moderne, sichere und saubere Energiegewinnung.

Weinstadt (Bad.-Württ.),
Renate Wöhrle

Der Vergleich mit den siebziger und achtziger Jahren ist deshalb schief, weil wir damals eine andere Meinung hatten als die Regierung und uns dagegen wehrten. Jetzt haben wir eine Regierung ohne Meinung, aber mit viel zu viel Lobby, die Entscheidungen trifft, von denen die Regierung die Folgen nie überschauen kann. Die Proteste sind eher welche gegen die Verantwortungslosigkeit und die Gemächlichkeit, mit der die Regierung unsere Steuern verschleudert und erwartet, dass wir sparen und weiter zahlen.

Frankenau (Hessen) Peter Jan Visee

Kurt Tucholsky hätte seine Freude gehabt, heißt es doch bei ihm: "Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: ,Nein!'" Ganz offenbar zeigt das "Volk der Widerborste" genau diesen Charakter. Seine gewählten Vertreter hingegen scheinen in vielen Fällen zu wendigen Polit-Profis mutiert zu sein, die in ihrem "Modernisierungswahn" am Bürger vorbeiagieren.

Löningen (Nieders.) Bernd Stegemann


DER SPIEGEL 36/2010
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