06.09.2010

Die leere Mitte

Buchkritik: „Verschwunden“ - Gustavo Germanos Foto-Erinnerung an die argentinische Militärdiktatur
So war der Brauch: Wenn die Schüler die Treppe heruntergekommen waren, tanzten sie den Eröffnungswalzer beim Abschlussball. So war es auch 1970 bei Jorge Emilio Papetti. Er sollte, als Erster in der Familie, studieren. Seine Mutter Margarita Elena Alegre begleitete ihn zum Schulball. Vor dem Fest ließen sie sich fotografieren.
Heute wäre Jorge Emilio beinahe 60 Jahre alt. Doch seine letzte Lebensstation war 1977 das Gefängnis von Paraná. Sein Zellengenosse wird Zeuge, wie Jorge Emilio Papetti unter der Folter stirbt. Offiziell wird er als verschwunden geführt. Es gibt keine Todesnachricht und keinen Bestattungsort.
"Verschwunden" heißt das Fotoprojekt des Argentiniers Gustavo Germano, aus dem der junge Frühling Verlag aus München ein verstörendes, großartiges Buch gemacht hat. Auf 15 Tafeln sieht man links eine intakte Konstellation von Menschen: Familien, Freunde, Gefährten. Rechts steht dem ein Foto von heute gegenüber, in fast identischem Arrangement, auf dem diejenigen fehlen, die Opfer der argentinischen Diktatur geworden sind.
Die Menschen haben sich bei einem Ausflug im Grünen, in einer Küche, bei der Hochzeit oder am Strand fotografieren lassen. Es sind Schnappschüsse oder zeremonielle Porträts. Immer ist es Germano gelungen, die Übriggebliebenen an dem Ort und in der Pose zu fotografieren, die es vor mehr als 30 Jahren schon einmal gab. Es ist fast alles, wie es damals war. Nur die Bäume sind größer, die Menschen sind älter, und das Lächeln ist fort.
Argentinien ist Gastland der Buchmesse 2010. Es ist das einzige Land Südamerikas, das seine grausame Vergangenheit
konsequent aufarbeitet; hier passt dieses Wort wie selten, denn es ist mühsam, sich immer neu mit dem zu konfrontieren, was nicht mehr zu ändern ist und was bei jeder Berührung schmerzt. Etwa 30 000 Menschen wurden während der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 in Argentinien verhaftet oder verschleppt; die meisten verschwanden spurlos, nachdem sie gefoltert worden waren. Tausende wurden ins Meer geworfen, andere verscharrt.
All dies war kein Geheimnis. In einem offenen Brief des Schriftstellers Rodolfo Walsh von 1977 war, neben einer präzisen Analyse der wirtschaftlichen und politischen Situation, bereits zu lesen: "Fünfundzwanzig verstümmelte Körper tauchten zwischen März und Oktober 1976 an der uruguayischen Küste auf, vermutlich ein kleiner Teil der Ladung von zu Tode Gefolterten aus der Mechanikschule der Flotte, die von Schiffen dieser Streitkraft in den Rio de la Plata versenkt wurden. Unter ihnen befand sich auch Floreal Avellaneda, ein Junge von 15 Jahren, an Händen und Füßen gefesselt, ,mit Verletzungen im Analbereich und sichtbaren Frakturen', laut Autopsiebericht. Einen wahren Seefriedhof entdeckte ein Nachbar im August 1976, als er im San Roque See westlich von Córdoba tauchte. Im Kommissariat wies man seine Anzeige ab, er schickte sie an Zeitungen, die sie nicht veröffentlichten."
Das staatsnahe "Zentralregister der Wahrheit" erstellt permanent Listen von Ermordeten und Verschwundenen.
Seit 1977 umrundet die "Vereinigung der Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo" an jedem Donnerstag schweigend den Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, und ein interdisziplinäres Team von Pathologen, Archäologen, Medizinern und Genforschern versucht, aus den exhumierten Resten der Brüder und Töchter, der Mütter und Väter und Schwestern deren Identität zu ermitteln.
Das alles scheint zu helfen. Gustavo Germano, dessen Bruder von der argentinischen Junta ermordet wurde, spricht von den dreißig Lebensjahren "mit der ständigen Anwesenheit der Abwesenheit, dreißig Lebensjahre für die, die noch da sind, und dreißig Jahre, die diejenigen, die ermordet wurden und verschwunden sind, nicht haben leben können". Seine Bilder zeigen nicht die Gewalt, sondern deren Folgen; die leere Mitte und das Loch in der Wirklichkeit, das sich nicht schließen will. Der Textteil des Buches versammelt journalistische Analysen, Berichte von Opfern und die Erzählung einer Tätertochter, Gespräche und kurze Biografien. Und er zeigt da, wo alles andere versagt, die Möglichkeit der Poesie.
irgendwo sind sie
Wolke oder Grab
irgendwo sind sie
ich bin sicher
dort im Süden der Seele
So heißt es bei Mario Benedetti, Dichter aus Uruguay, in seinem Gedicht "Verschwunden", einer Totenklage für jene, die nicht mehr zu finden sind.
Gustavo Germano: "Verschwunden. Das Fotoprojekt 'Ausencias' mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976 - 1983". Aus dem Spanischen von Ricarda Solms und Steven Uhly. Münchner Frühling Verlag; 128 Seiten; 28,90 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 36/2010
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