06.09.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEGrüner Tumor

Warum ein Amerikaner an einem Gemüse erkrankte
Als Ronald Sveden begann, ernsthaft an den Tod zu denken, da ratterte sein Atem, der Husten schüttelte ihn. Er verließ sein Haus im Horseshoe Way in Brewster, Cape Cod, das Sauerstoffgerät im Schlepptau, und machte sich auf den Weg ins Krankenhaus.
Das Ende, so dachte er, sei nah. Ronald Sveden, 75 Jahre alt, Vater zweier Kinder, Großvater dreier Enkel, ein lebensfroher Mann mit wasserblauen Augen, Liebhaber von Räucherfisch und Blumengärten, war selten ernsthaft krank gewesen in seinem langen Leben. Ein paar Erkältungen vielleicht, ein wenig Husten, ja, aber alles in allem war er zufrieden gewesen mit seinem Körper. Stets hatte er auf seine Gesundheit geachtet, hatte Sport getrieben, war an der Luft gewesen, hatte vor allem auf seine Ernährung Wert gelegt.
Gutes Essen sei sein Hobby, sagt Ronald Sveden. Kein Junkfood, gesund müsse es sein, viel Kabeljau und Blaubarsch, die Tomaten aus dem eigenen Garten und auch Erbsen, solche Sachen aß er gern.
Das Krankenhauspersonal nahm ihn in Empfang, die ersten Untersuchungen: entmutigend. Seine Lunge war entzündet, der rechte Lun-genflügel kollabiert, Dehydration, schwacher Blutdruck. Seit fast zwei Jahren hatte Sveden zwar ein Lungenemphysem, aber er war gut damit zurechtgekommen, er hatte ja ein Gerät, das über einen Schlauch in seiner Nase die Sauerstoffversorgung regelte. Er konnte sich mit Freunden treffen, zum Lunch oder Frühstück, nach wie vor, konnte kochen, seine Gymnastik machen. Aber in den letzten Wochen hatte Sveden gespürt, dass etwas anders war.
Er hatte seine Kraft verloren. Der Husten war schlimmer geworden. Er kam nicht mehr von der Couch, und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einfach keinen Hunger mehr. Er wusste: Es musste etwas Ernstes sein.
Der Arzt machte Röntgenaufnahmen von seiner Lunge und entdeckte eine dunkle Masse auf dem linken Lungenflügel. Krebs, dachte Ronald Sveden, es musste Krebs sein. 40 Jahre lang hatte er in Sveden's Fish Market, dem Familienunternehmen, Fische geräuchert. Ziemlich viel Rauch für ein einzelnes Leben. Und er hatte geraucht, jahrzehntelang. Auch der Arzt hielt den schwarzen Flecken für einen Tumor. Er ordnete Biopsien an.
Sveden lag in seinem Krankenhausbett und wartete. Die Stunden, die Tage tropften zäh vor sich hin, die Ergebnisse kamen nicht. Er musste jetzt viel an seine Familie denken. Daran, wie schwer es ihnen fallen würde, mit seinem Tod umzugehen. Was wäre mit seiner Frau? Den Kindern?
Nach einer Woche kamen die Ergebnisse. Aber nichts deutete auf Lungenkrebs hin. Svedens Arzt wiederholte die Tests, entnahm Gewebeproben, Lungenflüssigkeit, aber wieder: kein Anzeichen für Krebs. Der dunkle Fleck aber, der ihm von den Röntgenbildern entgegensprang, war das perfekte Abbild eines Tumors. Er stand vor einem Rätsel.
Ronald Sveden fing an zu grübeln. Er hatte einen Beruf gehabt, der ihn erfüllte, eine tolle Frau, Kinder. Er war 75 Jahre alt, er war schon jetzt 23 Jahre älter geworden als sein Vater. Er wollte keine Chemotherapie, dachte er. Er beschloss: Wenn der Tod ihn holen wollte, würde er es akzeptieren.
Das menschliche Bronchialsystem ist ein komplexes Gebilde aus einer Vielzahl von Verästelungen, Bläschen, Muskeln. Wie ein umgekehrter Baum wachsen die Bronchien mit ihren Ästen in die Lunge hinein und versorgen sie mit Sauerstoff. Dort, wo sich die Luftröhre teilt, haben sie einen Durchmesser von bis zu zwölf Millimetern. Genug Platz für einen Fremdkörper, der sich beim Verschlucken hineinverirren kann, eine Erdnuss, ein Gummibärchen, das passiert nicht selten. Normalerweise wird der Fremdkörper schnell wieder ausgehustet.
Svedens Arzt zog einen Spezialisten hinzu, der mit einer Kamera in seine Lunge vordrang. Er kratzte etwas mehr von dem Gewebe weg, und was er fand, rundherum eingekapselt, war kein Tumor, es war etwas, das er noch nie zuvor in einer Lunge gesehen hatte.
Als der Arzt an diesem Juni-Tag in sein Zimmer trat, rechnete Sveden mit einer tödlichen Diagnose. Er sah, wie der Arzt näher kam, wie er sich mit dem Fuß gegen die Wand lehnte. Der Arzt lächelte, dann sagte er: "Es ist eine Erbse."
"Eine was?", fragte Sveden. "Erbse", sagte der Arzt. Eine keimende Erbse, um genau zu sein, zwölf Millimeter lang. Sie hatte seine Atemwege blockiert und den Lungenflügel zum Kollaps gebracht. Bei einer seiner Mahlzeiten muss er sie eingeatmet haben. Sie blieb stecken, über Wochen, vielleicht Monate. Licht oder Sauerstoff braucht eine Erbse nicht zum Keimen, die warmen und feuchten Bedingungen in Svedens Lunge waren optimal.
Ronald Sveden brauchte einige Minuten, um die Nachricht zu verstehen. Eine keimende Erbse in seiner Lunge. Er würde überleben.
Ein paar Tage nachdem die Erbse entfernt worden war, kehrte sein Appetit zurück. Ronald Sveden bekam das Krankenhausmenü, als Beilage gab es Erbsen.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 36/2010
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