06.09.2010

CHILE

Dreißig Sekunden

Von Moreno, Juan und Shafy, Samiha

Die Rettung der 33 eingeschlossenen Bergleute von Copiapó ist zu einer nationalen Mission geworden. Die Lösung könnte eine Erfindung aus Deutschland bringen.

Héctor Ticona ist 58 Jahre alt und sieht aus wie ein schlechtgelaunter Preisboxer. Er schaut zu den Hütten am Eingang der Mine hinüber, als wolle er sie in Stücke hauen. Hinter ihm weht die chilenische Flagge, die jemand ins Geröll gerammt hat. Eine Frau läuft vorbei und sagt: "Der Kardinal hat sich angekündigt. Er will den Angehörigen Mut zusprechen. Es soll einen Gottesdienst geben." Ticona kratzt sich am Kopf. "Meinetwegen auch ein Kardinal", nuschelt er.

Seit er ein kleiner Junge war, hat er in Gold- und Kupferminen gearbeitet. Er hat nichts gegen Kardinäle. Er kann nur jetzt keinen brauchen. Auch keinen Gesundheitsminister, der hier kürzlich noch herumstand und Interviews gab. Und schon gar nicht braucht er die zwei evangelikalen Nervensägen im Nadelstreifenanzug, die gerade da waren. Die haben kleine Bibeln verteilt und gesagt: "Gott stellt nur deinen Glauben auf die Probe, Ticona."

Eigentlich braucht Héc-tor Ticona aus der Bergarbeiterstadt Copiapó in Nordchile nur einen einzigen Menschen. Ariel, seinen Sohn.

Ariel Ticona ist einer der 33 verschütteten Bergleute, die seit dem 5. August in 688 Meter Tiefe in der Grube San José im Gold- und Kupferbergwerk San Esteban auf Hilfe warten. Fast vier Wochen sind jetzt vergangen, seit vier Wochen starrt Héctor auf den Mineneingang. Er findet, es reicht.

Die Rettung dieser Männer ist ein nationales Projekt geworden. Chiles Präsident Sebastián Piñera brach seinen Kolumbien-Besuch ab, als er von diesem Unglück erfuhr. Man werde alles Menschenmögliche tun, um die Kumpel zu retten, sagte er. Als am 22. August bekannt wurde, dass die Bergleute noch leben, brach Euphorie aus. Die Menschen feierten auf den Plätzen, auf denen sie vor einigen Wochen noch der chilenischen Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft in Südafrika zugejubelt hatten.

Aus 33 Bergarbeitern, die für etwa 600 Euro im Monat ihr Leben riskierten, wurden 33 Helden. 33 Symbole. Im Februar hat das fünftschwerste jemals gemessene Erdbeben in Chile über 500 Tote gefordert. Zwei Millionen Chilenen waren direkt betroffen, eine halbe Million Wohnungen wurden teilweise oder ganz zerstört. Wenn diese Männer 17 Tage in einer Mine überleben können, bei 30 Grad Hitze und unerträglicher Feuchtigkeit, nur mit ein paar Thunfischdosen, Crackern und dem Glauben, dass jemand sie holen wird, dann schafft es auch Chile. Das ungefähr ist die Botschaft des Präsidenten Piñera.

Er ist der erste konservative Politiker, der seit dem Ende der Diktatur Augusto Pinochets an der Macht ist, Besitzer eines privaten Fernsehsenders und ein Freund einfacher Botschaften. Die wird er vermutlich auch am 18. September verbreiten, und alle werden sie hören. An diesem Tag feiert Chile den 200. Jahrestag der Unabhängigkeit von Spanien. Es könnte keinen besseren Anlass geben.

Héctor Ticona dreht sich weg und läuft zum Essenszelt. Er braucht jetzt einen Tee. In den letzten Wochen hat sich ein ganzes Zeltlager um den Eingangsbereich der Mine gebildet. Die Angehörigen haben sich eingerichtet. Die Gemeinde Copiapó spendiert die Lebensmittel. Neben den Zelten stehen die Übertragungswagen der Fernsehsender. Den ganzen Tag lang dröhnt der Lärm ihrer Generatoren. Über 200 Journalisten sind akkreditiert. Außerdem Fotografen und Kameraleute. Neuigkeiten gibt es nicht viele. Eine Maschine namens Strata 950 aus Australien hat ihren Betrieb aufgenommen, der Bohrkopf und ein Antriebsmotor sind aus Deutschland. Der Rettungsplan besteht darin, ein 66 Zentimeter breites Loch in den Fels zu bohren, durch das die Kumpel befreit werden können. Die Rede ist von rund vier Monaten Bohrzeit, der Chefingenieur deutet an, er könnte Ende Oktober fertig sein. Es wird viel spekuliert, ob es nicht noch schneller geht.

Héctor Ticona läuft an einem weißen Pick-up vorbei. Es ist der Wagen, der den 33 Bergleuten das Essen bringt. Anfangs bekamen sie durch den schmalen Versorgungsschacht nur Flüssignahrung in Beuteln. Die Ärzte wollten sie erst langsam an feste Nahrung gewöhnen. Als die Fotografen und Kameraleute merken, dass auf dem Pick-up das Essen der Bergleute steht, stürzen sie sich auf die Laderampe des Wagens. 50 Kameras halten 33 Packungen mit Fleischklopsen und Reis fest. Die Abendnachrichten im chilenischen Fernsehen werden mit diesen Bildern aufmachen. Helden essen Klopse.

Héctor Ticona hat sich seinen Tee genommen. Er sitzt in dem Kantinenzelt, vor einem improvisierten Altar mit einer Figur des Heiligen Lorenzo, des Schutzpatrons der Bergleute.

"Nein, Ariel ist nicht auf dem Video zu sehen", sagt Ticona, ebenso wenig wie vier andere. Das Video kennt mittlerweile die ganze Welt. Durch eines der schmalen Versorgungsrohre wurde den Verschütteten vor einigen Tagen eine Videokamera hinuntergeschickt. Sie sollten Aufnahmen von sich machen, damit die draußen sehen konnten, dass es ihnen gutgeht. Bisher hatten die Bergleute nur Briefe schicken können.

Es scheint so, als würde sich Ariel gegen die Party wehren. Sein Vater kann das verstehen. Am Wochenende spielten mehrere Musikkapellen vor dem Mineneingang auf. Heute Nachmittag wird eine Folkloregruppe 33 Lieder singen. Für jeden Bergmann eines. Die Musiker haben gerade vier riesige Boxen aufgestellt.

Da unten sind 33 Männer, sagt Héctor Ticona. Einer davon ist sein Sohn. Die meisten von ihnen sind starke Raucher, die jetzt nur Nikotinkaugummis bekommen. Es ist heiß und feucht. Kein Arzt kann sie richtig untersuchen. Sie können nicht essen, was sie wollen, weil sie durch das schmale Loch passen müssen, das die Strata 950 bohrt. Außerdem hat vor ein paar Tagen ein Erdbeben der Stärke 4,7 die Gegend erschüttert.

Wozu dieser Zirkus?

"Jeden Tag kam mein Sohn heim und sagte, dass etwas mit der Mine nicht stimmt." Ticona hat das nicht gewundert, San José hatte seit langem einen schlechten Ruf. Die Eigentümer waren gezwungen, höhere Löhne zu zahlen, um Leute zu bekommen. Darum hat Ariel dort gearbeitet. Er wird selbst bald Vater.

Ariel war zehn, als sein Vater ihn zum ersten Mal zum Arbeiten unter Tage mitnahm. Sie haben beide schon in Gruben ohne Rettungsschacht gearbeitet, jahrelang, ohne Schutzkleidung. Viele aus Ticonas Familie sind an Silikose gestorben, einer Lungenkrankheit, die der Quarzstaub verursacht. Sie sind keine Feiglinge, aber vor dieser Mine hatten sie Respekt. "Das ist alles durchlöchert", sagt Ticona, "und in letzter Zeit waren es einfach ein paar Unfälle zu viel".

Drei Tote in den letzten Jahren, vor gut acht Wochen verlor ein junger Mann ein Bein bei einem Erdsturz. Dann wurde die Mine zwar kurz geschlossen, aber den Eigentümern gelang es, die Genehmigung zurückzubekommen. Nun haben sie gerade öffentlich eingestanden, dass ihre Mine keinen Rettungsschacht hatte.

Ticona ist nicht allein mit der Einschätzung, dass mit der Mine etwas nicht stimmt. Auch deutsche Experten sind besorgt über den instabilen Untergrund. Verschärft wurde die Situation durch einen rücksichtslos intensiven Abbau in der Mine.

Neben dem Bohrkopf und dem Antriebsmotor könnte in den kommenden Wochen auch eine deutsche Erfindung aus den fünfziger Jahren in Copiapó eingesetzt werden: die Dahlbusch-Bombe.

Sie wurde im Mai 1955 aus einer ähnlich akuten Notsituation erfunden, wie sie jetzt in Chile besteht: In der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen waren drei Bergleute in 855 Meter Tiefe verschüttet worden - ein Gerät, um sie zu retten, existierte nicht. So kritzelte ein Ingenieur eine improvisierte Lösung auf einen Fetzen Papier: eine zylinderförmige Kapsel aus millimeterdünnem Stahlblech, zweieinhalb Meter lang und mit einem Durchmesser von nur 38,5 Zentimetern, die an einem Seil herabgelassen werden konnte. Damit wurden die drei Verschütteten nach fünf Tagen aus ihrer Höhle befreit, einzeln, mit einem Gurt festgezurrt, die Arme wie beim Kopfsprung nach oben gestreckt.

Seither ist die Rettungskapsel in Zechen auf der ganzen Welt eingesetzt worden; in Deutschland zum letzten Mal 1963 beim Grubenunglück von Lengede, wo elf Bergleute gerettet wurden. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebauer hat das Gerät dem staatlichen chilenischen Bergbaukonzern angeboten.

Die größte Schwierigkeit sehen die deutschen Experten darin, den 700 Meter tiefen Rettungsschacht so zu stabilisieren, dass die Kapsel nicht irgendwo stecken- bleibt. "Wenn Sie in knackig hartem Fels sind, können Sie auch zwei Kilometer tief bohren, und Ihr Loch bleibt stehen", sagt Wolfgang Roehl, Grubenretter aus Clausthal-Zellerfeld, der die Dahlbusch-Bombe von Lengede nach Chile bringen soll.

Héctor Ticona weiß nichts vom Angebot der deutschen Bergbauspezialisten. Er möchte seinem Sohn ein paar Zeilen schreiben, das kann er nicht allein. Seine Schwiegertochter hilft ihm. Gestern hat er 30 Sekunden mit seinem Sohn über Telefon sprechen dürfen. 30 Sekunden, mehr war nicht erlaubt.

Es gehe ihm gut da unten, sagte Ariel seinem Vater. Gut, antwortete dieser.

Dann schwiegen sie sich an. Die beiden haben es nicht so mit dem Reden. Eines wolle er noch sagen, kam dann Ariels Stimme. Er habe nachgedacht. Seine schwangere Frau solle die Tochter "Esperanza" nennen.

Hoffnung.


DER SPIEGEL 36/2010
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