06.09.2010

MEDIKAMENTEFalsches Vertrauen

Ältere Mittel gegen Allergien wirken ähnlich wie Alkohol. Trotzdem werden die Arzneien weiterhin vor allem Kindern häufig verabreicht.
Als Robert Steinmetz mit seinem Fluggerät auf dem Feld hinter seinem Haus zerschellte, standen seine Töchter am Fenster und sahen zu. Wie so oft hatten sie auch diesmal hinter der Gardine gewartet, um die Flugkunststücke ihres Vaters zu bewundern.
So stolz war er gewesen auf sein selbst zusammengebautes Flugzeug, dass er fast täglich über sein Eigenheim in der Nähe von Albuquerque brauste und mit den Tragflächen wackelte - bis er eines sonnigen Dezembernachmittags in einer Linkskurve die Kontrolle über seinen Flieger verlor.
Nicht Leichtsinn führte offenbar zum tödlichen Crash. Die Ursache glauben die Ermittler vielmehr im Blut und im Urin des Verunglückten gefunden zu haben: Spuren des Arzneimittelwirkstoffs Chlorpheniramin.
Wie viele Allergiegeplagte hatte auch Robert Steinmetz dieses Mittel geschluckt, weil es die Wirkung des körpereigenen Botenstoffs Histamin abschwächt und so die Beschwerden lindert. Was er offenbar nicht beachtete: Sogenannte Antihistaminika der ersten Generation, zu denen auch Chlorpheniramin gehört, sind bekannt dafür, dass sie müde und reaktionsträge machen; im Gehirn wirken sie ähnlich wie Alkohol.
Warnungen vor den Nebeneffekten dieser Substanzen sind fast so alt wie die Medikamente selbst. Doch erst jetzt haben europäische Allergieexperten die Pillen systematisch unter die Lupe genommen. Die Risiken der Mittel seien "deutlich unterschätzt worden, ihr Gefahrenpotential ist beträchtlich", so das Fazit der Forscher in der Fachzeitschrift "Allergy".
Für Berufspiloten sind die sedierenden Antiallergika streng verboten. Die Kleinfliegerei dagegen unterliegt keinerlei Kontrolle: Knapp 5400 tödliche Abstürze wurden beispielsweise zwischen 1990 und 2005 in den USA gezählt; bei bis zu elf Prozent der Bruchpiloten fanden sich die Antihistaminika im Körper.
Auch bei Verkehrsunfällen und Zugunglücken spielen die Müdemacher nach Ansicht von Experten häufig eine Rolle. Doch erkannt werden sie nur selten, weil im Blut der Opfer meist nur nach Alkohol oder Drogen gefahndet wird.
Überdosierungen, ob aus Versehen oder absichtlich, enden wegen der Hirngängigkeit der Stoffe oft tödlich. Mit dem in Deutschland überwiegend rezeptfrei erhältlichen Antihistaminikum Diphenhydramin registrierten Rechtsmediziner von der Berliner Charité zwischen 1992 und 2004 allein in ihrem Einzugsbereich 123 schwere Vergiftungsfälle - 55 davon waren tödlich.
In einem Fall wurde das Antihistaminikum verwendet, um ein schreiendes Baby zum Schweigen zu bringen. In einem anderen, um den Raubmord an einer älteren Frau zu erleichtern. Meist aber hatten die Betroffenen in suizidaler Absicht Überdosen geschluckt. Auch im Medikamentenmix, den die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben Lebensmüden empfiehlt, ist die leicht zu beschaffende Substanz als Antiemetikum enthalten - sie soll verhindern, dass ein als Todesdroge vorgesehenes zweites Mittel in der Agonie erbrochen wird.
Vor allem Kindern mit Neurodermitis, Nesselfieber, grippalen Infekten oder Schlafproblemen werden die Präparate noch immer häufig verabreicht. Dabei ist der Einsatz der Medikamenten-Oldies gerade hier riskant.
Allein in Großbritannien starben Meldungen von 2009 zufolge 38 Kinder an Erkältungsmitteln, in denen Antihistaminika der ersten Generation enthalten waren. In über 3000 Fällen berichteten besorgte Eltern über unerwünschte Nebenwirkungen der vermeintlich harmlosen Präparate.
Allzu oft empfehlen Kinderärzte diese Mittel, weil sie den vom Juckreiz gequälten Patienten angeblich zu erholsamem Nachtschlaf verhelfen. Tatsächlich aber zerstören sie die natürliche Schlafarchitektur: Die wichtigen Traumschlafphasen werden reduziert. Dadurch leiden Lernfähigkeit und Erinnerungsvermögen am Tage.
Die Folgen haben britische Wissenschaftler bei einer im Jahr 2007 veröffentlichten Untersuchung mit über 1800 Schülern belegt: Allergiegeplagte Kinder scheiterten demnach in wichtigen Arbeiten zwar mit 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit als Mitschüler ohne Allergie; hatten sie aber gegen ihre Triefnasen und tränenden Augen Antihistaminika der ersten Generation geschluckt, so lag der Anteil der Versager sogar um 70 Prozent höher.
Viele Eltern halten die Mittel mit den vertrauten Namen für sicher, weil es sie schon so lange gibt. Warnhinweise auf den Packungsbeilagen werden ignoriert. "Die glauben, was schon für ihre Großeltern und Eltern gut war, muss auch für sie und ihr Kind gut sein", erklärt Martin Church, Pharmakologe an der University of Southampton.
Doch die meisten der Alt-Pharmaka sind nie in kontrollierten Studien getestet worden. Die heutigen Zulassungshürden würden viele von ihnen nicht nehmen. "Die Arzneimittelwächter schauen nur auf die neuen Medikamente, für die sie in der Verantwortung stehen - um die alten kümmern sie sich nicht", klagt Torsten Zuberbier, Allergieexperte an der Berliner Charité.
Niesenden und Pollengeplagten empfiehlt er deshalb die zweite Generation der Antihistaminika. Diese moderneren Substanzen können die Blut-Hirn-Schranke kaum noch passieren und machen deshalb nur selten müde und unkonzentriert.
Ganz ohne Tücken sind allerdings auch sie nicht: Wegen des Verdachts, dass sie schwere Herzrhythmusstörungen auslösen, mussten immerhin schon zwei der Nachfolge-Präparate vom Markt genommen werden.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 36/2010
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