13.09.2010

VERBRECHENDie Briefe des Zeugen

Vor 30 Jahren riss eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest 13 Menschen in den Tod, Hunderte wurden verletzt. Jetzt wollen Politiker und Opferanwälte den Fall neu aufrollen.
Zur Wiesn-Zeit verliert Robert Höckmayr beinahe den Verstand. Wenn die Menschenmassen fröhlich aufs Oktoberfest strömen, plagen Höckmayr zu Hause Angstschweiß und Alpträume. Seine Frau klagt, er sei dann leicht reizbar. Er selbst sieht sich in diesen Nächten als kleinen Jungen eineinhalb Meter neben einem Papierkorb stehen. Ein Blitz, ein Knall. Stille. Ein zerstörtes Leben.
Höckmayr besuchte am 26. September 1980 mit seiner Familie das Oktoberfest. Vater, Mutter, Bruder Ignaz, Bruder Wilhelm, Schwester Ilona, Schwester Elisabeth. Höckmayr hat keine Geschwister mehr. Zwei starben durch den Anschlag, die anderen scheiterten am Leben. Höckmayr war damals zwölf, ein Kind, das Dinge gesehen hat, die kein Mensch je verarbeiten kann. "Ich war dann gefühlstot", sagt er. Der 42-Jährige ist ein gezeichneter Mann, sein Körper ist derart mit Metallsplittern durchsetzt, dass er am Flughafen durch keinen Metalldetektor kommt.
Wer dem Münchner dies antat, schien für Ermittler jahrzehntelang festzustehen: ein durchgeknallter Einzeltäter mit Kontakten zur rechten Szene. Doch jetzt, 30 Jahre nach dem blutigsten Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte, kommt wieder Bewegung in den alten Fall.
Bislang unbekannte Dokumente beschreiben den wichtigsten Zeugen des Attentats als aktiven Rechtsextremisten und verdächtigen ihn sogar als ehemals aktiven Spitzel des Verfassungsschutzes. War Augenzeuge Frank Lauterjung also nicht zufällig am Tatort? Politiker und Rechtsanwälte interessieren sich wegen diverser Ungereimtheiten wieder für die Vorgänge im September 1980 und die Frage, ob der Bombenleger Hintermänner hatte.
"Ich lasse nicht locker, bis das Ermittlungsverfahren wieder aufgenommen wird", versichert der SPD-Rechtsexperte Peter Danckert. Der Anwalt Werner Dietrich sammelt im Auftrag von Opfern jedes Indiz, um die Untersuchungen wieder zu beleben. Der Grüne Hans-Christian Ströbele unterstützt die Bemühungen und geht einer Italien-Spur nach. Und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude hat schon immer gesagt, dass neu ermittelt werden müsste.
Im Kern geht es darum, ob ein wirrer Einzeltäter das Inferno auf der Wiesn auslöste, oder ob eine rechtsextremistische Gruppe an jenem Septembertag mit einem Terroranschlag die Bundesrepublik Deutschland angriff. Die Bombe, in einem Papierkorb am Eingang zur Theresienwiese platziert, riss 13 Menschen in den Tod, 219 Festbesucher wurden verletzt, viele verloren Gliedmaßen. Der Sprengsatz detonierte um 22.20 Uhr, als Tausende Menschen zum Ausgang strebten. Die grauenhaften Bilder gingen um die Welt.
Zweifelsfrei bewiesen ist, dass der Student Gundolf Köhler aus dem schwäbischen Donaueschingen die Bombe gebaut, nach München gefahren und am Tatort abgelegt hatte. Sein Motiv liegt aber auch 30 Jahre später im Dunkeln.
Köhler starb bei dem Anschlag selbst, weil die Bombe zu früh zündete. An Selbstmord glauben wenige. Technisches Geschick und Kenntnis über Sprengstoffe wurden ihm bescheinigt. Doch der Student hatte auch Beziehungen zu den Rechtsextremisten der Wehrsportgruppe Hoffmann und mehrmals an deren Übungen teilgenommen. Ging es einer Terrorgruppe darum, das Land neun Tage vor der Bundestagswahl ins rechtskonservative Lager zu treiben?
Dubios bleibt der wichtigste Augenzeuge. Frank Lauterjung konnte so detaillierte Angaben zum Attentat machen wie kein anderer. Obwohl er nur wenige Meter entfernt stand, überlebte er die Explosion, weil er sich wegen eines "unguten Gefühls" rechtzeitig zu Boden geworfen hatte. Mindestens fünfmal befragten die Ermittler den Zeugen 1980, zwei Jahre später starb er mit gerade einmal 38 Jahren an Herzversagen. Seine brisanteste Angabe ließ das Landeskriminalamt unter den Tisch fallen.
Lauterjung berichtete, er habe Köhler etwa eine halbe Stunde vor dem Anschlag in der Nähe des Tatorts im angeregten Gespräch mit zwei Männern in grünen Parkas beobachtet. Gab es also mehrere Täter? Oder Mitwisser? Die beiden Männer wurden nie gefunden. Sie waren weder unter den Opfern, noch meldeten sie sich als Zeugen.
Was die Ermittler damals vernachlässigten: Lauterjung war bekennender Rechtsextremist gewesen. In einem Nachlass in Süddeutschland fanden sich bislang unbekannte Briefe, nach denen er Mitte der sechziger Jahre beim rechtsextremen Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) eine leitende Funktion hatte, indem er dort als "Zweiter Bundesführer" und "Standortführer" fungierte.
Der BHJ organisierte damals Zeltla- ger und huldigte dem Alt-Nazi Hans-Ulrich Rudel, man schloss Briefe mit "Heil Dir!". Nachdem Lauterjung in einem Leserbrief der NPD "aufgewärmten Gefühlsnationalismus" vorgeworfen hatte, schloss ihn der Bund aus; im Aufnahmeantrag habe er außerdem gelogen und "ledig" angegeben, obwohl er geschie-den war.
Ein BHJ-Führer hatte früh den Verdacht, bei Lauterjung könne es sich um einen "eingeschleusten Provokateur" handeln, der wie andere Kameraden womöglich für den Verfassungsschutz arbeite. Verdächtig sei, dass er "vier Wochen lang verschwindet, wie vom Erdboden weggewischt".
Der Hauptzeuge verfügte fraglos über eine schillernde Biografie. Kurz nachdem er beim BHJ hinausgeflogen war, wechselte Lauterjung zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), erst in München, dann in Berlin. Ausgerechnet dieser Mann befand sich am Tatort in der Nähe Köhlers, hatte den Studenten zuvor minutenlang beobachtet. Sollte er ihn beschatten? Lauterjung gab an, er habe als Homosexueller vor dem als Schwulen-Treff bekannten Toilettenhäuschen am Wiesn-Eingang nach Sexpartnern gesucht.
Als solchen habe er auch Köhler genau betrachtet: Einen "intellektuellen Outsider-Typ" mit Wuschelkopf und rotkarierter Jacke. Köhler habe einen zylinderförmigen schweren Gegenstand in einer weißen Plastiktüte getragen, an dem er sich zu schaffen machte. Und einen kleinen Koffer.
Nur: Der Koffer verschwand nach der Explosion spurlos. Dabei behaupten Zeugen, sie hätten ihn unmittelbar nach dem Attentat noch gesehen. Abgestellt wenige Meter neben dem Papierkorb.
Zu den Merkwürdigkeiten des Falls zählt auch die Aussage einer Passantin: Neben Köhlers Leiche hätten zwei junge Männer gestanden, einer habe wild um sich geschlagen und geschrien: "Ich wollt's nicht! Ich kann nichts dafür! Bringts mich um!" Die Polizei konnte den Vorfall nicht aufklären, der Mann wurde nie ermittelt.
Folgenlos blieb zudem die Aussage einer Frau aus Nordrhein-Westfalen. Die Zeugin sagte, dass sie ein Auto mit fünf Insassen in der Nähe des gerade eröffneten Oktoberfestes gesehen habe, und zwar eine Woche vor dem Anschlag. Auf dem Rücksitz habe die Gruppe einen großen Gegenstand transportiert, der in ein schwarzes Tuch gewickelt gewesen sei. Die Frau konnte sich an das Kennzeichen des Wagens erinnern, VS-DD 500. Es war der Ford von Köhlers Vater. Doch die Mutter des Attentäters erklärte später, der Junge habe sich zu diesem Zeitpunkt zu Hause aufgehalten. Die Fahnder glaubten ihr, obwohl die Eltern selbst an diesem Wochenende verreist waren. Hatte die Gruppe den Anschlag schon vorher versucht?
Nicht einmal die Zündung des tödlichen Sprengsatzes konnten die Experten des bayerischen Landeskriminalamts (LKA) klären. Zünder und Leitwerk der Mörsergranate, die zur Bombe umgebaut worden war, fehlten. In den Tausenden Splittern rund um den Tatort fand sich nicht die kleinste Spur einer Zündvorrichtung. Die Ermittler gingen von einer Zündschnur aus, die den Sprengsatz vorzeitig zur Explosion brachte.
Beweise gibt es dazu keine. So konnte Wehrsportgruppen-Gründer Karl-Heinz Hoffmann 1984 in einem Roman davon schwadronieren, wie die Wiesn-Bombe per Fernsteuerung gezündet wurde. Technisch, räumen die Sprengstoffexperten des LKA ein, wäre dies auch in den achtziger Jahren durchaus möglich gewesen. Auf YouTube verbreitet Hoffmann inzwischen, der Attentäter Köhler sei ein Opfer und von Hintermännern in die Luft gejagt worden, um den Verdacht auf seine Wehrsportgruppe zu lenken.
Stammen diese Hintermänner aus Italien? In Bologna verübten Rechtsextremisten wenige Wochen vor dem Wiesn-Attentat einen Anschlag mit 85 Toten. Münchner Zeitungen erhielten nach der Detonation auf dem Oktoberfest Bekenneranrufe von "den Rechten von Bologna". Angeblich hätten sie die Bombe in München platziert. Der Anwalt und Grünen-Abgeordnete Ströbele hält diese Spur für vielversprechend.
Einige Bologna-Bomber wurden 1995 in Italien verurteilt, doch ihre Vernehmungsprotokolle stehen deutschen Behörden bis heute nicht zur Verfügung. Gaben sie Hinweise auf das Attentat von München?
Mit Hilfe von DNA-Abgleichen wäre heute die Frage nach Hintermännern womöglich zu beantworten. Immerhin wurden Zigarettenstummel, Papier und Kleidungsstücke vom Tatort jahrelang aufbewahrt. Doch 1997, räumt die Bundesanwaltschaft ein, seien alle Asservate der "Soko Theresienwiese" vernichtet worden.
Derweil richtet sich die bayerische Hauptstadt auf die größte Wiesn-Sause aller Zeiten ein. 200 Jahre Oktoberfest feiern die Münchner in diesem Herbst, für Sicherheit werden keine Kosten gescheut. Massive Betonpoller rund um die Theresienwiese sollen islamistische Terroranschläge mit Autobomben auf dem Fest verhindern. Hundertschaften der Polizei sichern die Party ab. Etwas verschämt steht am Eingang ein Denkmal für die Opfer, an dem sich Betrunkene mitunter erleichtern.
Robert Höckmayr, der Mann, der keine Geschwister mehr hat, zu 60 Prozent schwerbeschädigt ist und mit den Versorgungsämtern um jeden Cent streiten muss, wird nicht zur Wiesn gehen. Er fühlt sich im Stich gelassen von der Gesellschaft, vom Staat, besonders vom Freistaat. Nie hat er eine Therapie bekommen, bis heute muss er mit seinen seelischen und körperlichen Problemen allein zurechtkommen. Ein Entschädigungsfonds für die Opfer des 26. September 1980 ist das mindeste, was Höckmayr von den heute Zuständigen erwartet. "Ich möchte ein Stück meiner Menschenwürde zurück."
Von Jan Friedmann, Conny Neumann, Sven Röbel und Steffen Winter

DER SPIEGEL 37/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERBRECHEN:
Die Briefe des Zeugen

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen