13.09.2010

BANKEN Sündige Rendite

Katholische und evangelische Kirchenbanken locken Anleger mit ethisch sauberen Geldanlagen. Doch fromm beworbene Fonds spekulieren mit Rüstung, Tabak, Alkohol oder Glücksspiel.
Die grauhaarige Kundin blickt besorgt in die Kamera. "Geld", sagt sie, "ist eine unheimliche Macht." Deshalb ist sie froh, mit der katholischen Pax-Bank den vielleicht letzten Hort von Wahrhaftigkeit in der Finanzwelt gefunden zu haben. Schließlich möchte sie ihr Geld "so investiert haben, dass ich auch gut schlafen kann und nicht ein schlechtes Gewissen habe, weil mit meinem Geld Dinge finanziert werden wie Atomkraftwerke oder Kinderarbeit".
Kein Problem, versichert ein Sprecher der Pax-Bank in dem Werbevideo auf der hauseigenen Web-Seite. "Man verzichtet", gelobt Filialleiter Christian Hartmann ihr und allen Kunden, "auf Werte aus dem Bereich Alkohol, Glücksspiel, Tabak, Pornografie, Militär und Nuklear."
Derart hochheilige Versprechen geben sie im Grunde alle ab, die acht Kirchenbanken - fünf katholische, drei evangelische -, die auf dem deutschen Markt agieren. Aber halten sie die auch? Zumindest bei einigen sind Bedenken angebracht.
In der Öffentlichkeit sind die christlichen Geldinstitute wenig bekannt, da sie auf ein dichtes Filialnetz verzichten und sich lange auf das Geschäft mit ihren Großkunden konzentrierten: von der Caritas über Orden und Bistümer bis zu den Landeskirchen und der Diakonie. Organisiert als Genossenschaftsbanken, wiesen sie Ende 2009 immerhin eine Bilanzsumme von insgesamt rund 31 Milliarden Euro auf. Sie zählen zu den größeren im Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken.
Ursprünglich gegründet wurden sie, um Priestern, um den Orden für ihre Mönche und Nonnen, Gemeinden und Bistümern eine Möglichkeit zu geben, ihre Geldgeschäfte abzuwickeln. Doch inzwischen sind die Kirchenbanken auch mit wachsendem Erfolg im Privatkundengeschäft aktiv - weil sie sich als Alternative positionieren zu den skrupellosen, profitgierigen Großbanken in der schnöden Welt des Mammons.
Die Geldhäuser im Namen des Herrn sind ziemlich gut im Marketing: Sie werben mit einem "Ethik-Kodex", mit "Nachhaltigkeitsfiltern" und mit Beiräten, in denen Kirchen- und Politikprominente über die lauteren Geschäfte wachen. Und welcher Kunde wagt schon an das Böse im Banker zu glauben, wenn er einem Anlageberater gegenübersitzt, hinter dem an der Wand das Kreuz oder ein Heiligenbildchen hängt.
"Setz dein Geld ein für den Bruder und Freund, lass es nicht rosten unter dem Stein, bis es verdirbt." Mit diesem Bibelspruch lockt etwa die Kölner Pax-Bank. Sie hat rund 25 000 Privatkunden und 6000 Großkunden, Filialen in sieben deutschen Städten und ein Büro in Rom.
Zu den Eigentümern gehören katholische Bistümer, im Aufsichtsrat wachen Priester über das Bankgeschehen. Auf ihrer Homepage verspricht die Pax-Bank ihren Kunden, das anvertraute Vermögen "ausschließlich im Sinne der katholischen Kirche" anzulegen: "Kapitalanlagen, die christliche Grundsätze verletzen, sind ausgeschlossen. Dafür stehen wir mit unserem Namen."
Die Realität sieht freilich anders aus. In dem gemeinsam von der Pax-Bank und der Regensburger Liga Bank aufgelegten Fonds "Liga-Pax-Rent-Union" fanden sich in der Vergangenheit nicht nur Tabakwerte, sondern im jüngsten Halbjahresbericht auch die Finanzierungstochter der Uranfirma Urenco, die wegen Exporten nach Russland und einem Unfall in ihrer Urananreicherungsanlage in Gronau für kritische Medienberichte gesorgt hat.
Ein Einzelfall? Ein Malheur? Wohl kaum: So bewirbt die Liga Bank auch den Fonds Unirak, dessen Rendite mit Tabak, mit Rüstungsfirmen wie der unter Korruptionsverdacht stehenden BAE Systems sowie - sehr unkatholisch - mit Aktien von Stada erzielt wurde, dem Hersteller der Verhütungspille Pink Luna.
Nicht viel anders geht es bei der Dortmunder KD-Bank zu. Sie wirbt damit, sich von den Ethikberatern der Münchner Firma Oekom Research leiten zu lassen; "kontroverses Umweltverhalten" sei ein Ausschlusskriterium für Geschäftsbeziehungen. Vor knapp zwei Jahren ließ sich die Bank sogar mit einem ökumenischen Umweltpreis aus der Hand des Berliner Kardinals Georg Sterzinsky und des damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber auszeichnen. Dabei hielt ihr Ethikfonds KCD-Union Nachhaltig Aktien schon damals Anteile von BP und Statoil. Insbesondere BP wird von der eigenen Beraterfirma aber ausdrücklich nicht empfohlen, da BP seit Jahren große "Versäumnisse und Schwachstellen in den Bereichen Anlagensicherheit und Arbeitsschutz" aufweise, "die zu Umwelt- und Arbeitsrechtsverstößen geführt haben".
Aufgrund früherer Umweltverstöße in den USA, Russland oder Südafrika sei das Rating von BP bei Oekom Research bereits vor dem aktuellen Geschehen im Golf von Mexiko massiv abgewertet worden: "Wer Umweltverstöße ausschließt, sollte unseren Ergebnissen zufolge nicht in BP investieren." Dennoch hielt der als nachhaltig angepriesene Kirchenfonds laut letztem Halbjahresbericht BP-Aktien.
Den gleichen Fonds legt auch die Paderborner Bank für Kirche und Caritas (BKC) seinen Kunden nahe. Auch sie verspricht die Auswahl der Werte "mittels ausdifferenzierter Nachhaltigkeitsanalysen". Man habe die Anlagekriterien entwickelt, heißt es, "auf der Hintergrundfolie eines spezifisch christlichen Wertgefüges". Bei Beratungsgesprächen reist neben einem Banker meist auch ein Theologe mit zu den Großkunden, um zu erläutern, wie das Geld angelegt wird.
Nur: Zum Angebot der katholischen Bank zählt der Investmentsparplan Uniprofirente, dessen Gelder bei Uniglobal investiert werden. Zu dessen Werten gehörten in diesem Jahr neben Tabakkonzernen die Rüstungsfirma BAE Systems, die von Atom-U-Booten bis zu Jagdbombern weltweit ein komplettes Waffenarsenal anbietet, und bis vor kurzem der langjährige Streumunitionshersteller Lockheed Martin. Peinlich auch das Bild des aktuellen BKC Treuhand Portfolio: Dessen jüngster Halbjahresbericht weist Alkoholwerte wie Carlsberg und Unternehmen wie Walmart aus, die wegen ihrer Arbeitsbedingungen massiver Kritik ausgesetzt sind.
Auf Nachfragen des SPIEGEL meinte ein BKC-Vertreter: "Wir können uns mit unseren Vorstellungen von ethischer Geldanlage nicht komplett durchsetzen." Die KD-Bank konnte sich den Widerspruch, entgegen der Empfehlung ihrer eigenen Beraterfirma BP im Nachhaltigkeitsfonds gehalten zu haben, vorerst nicht erklären. Die Pax-Bank teilte mit, ihr sei "nicht bekannt", dass sich Wertpapiere von Urenco im Liga-Pax Rent Union befänden, man wolle es aber prüfen.
Dabei sind die heiklen Offerten nicht nur für gutgläubige Privatanleger konzipiert. Von jeher nutzen auch Bistümer oder Orden die Fonds der Kirchenbanken. So kreierte die Regensburger Liga Bank für ihre klerikalen Kunden den "Spezialfonds 125". Die Gelder wurden unter anderem in Tabakkonzerne, den finnischen Kernkraftwerksbetreiber Fortum, den Triebwerkshersteller des Eurofighters MTU und in einen Lottosystemhersteller namens Intralot investiert, der weltweit im Glücksspielgeschäft tätig ist. Die Liga Bank mochte sich dazu nicht äußern.
Eine echte Aufsicht durch den Klerus haben die frommen Banker kaum zu fürchten - schließlich profitieren so gut wie alle deutschen Kirchen von den sündigen Renditen.
Im Hohen Dom zu Aachen feierte einer der Nutznießer zum 50. Betriebsjubiläum seiner Pax-Bank-Filiale sogar eigens ein Pontifikalamt. In die weihrauchgeschwängerte Luft hinein lobte Bischof Heinrich Mussinghoff dabei die "Vorreiterrolle der Pax-Bank im Angebot einer ethischen Vermögensverwaltung und der Auflage ethisch orientierter Investmentfonds".
Von Oppong, Marvin, Wensierski, Peter

DER SPIEGEL 37/2010
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