13.09.2010

WAFFENINDUSTRIERevolver in Rosa

Die Amerikaner kaufen mehr Handfeuerwaffen als je zuvor. Die Angst, dass Präsident Obama den Handel einschränken könnte, heizt den Boom weiter an.
Die Waffenmesse in Chantilly, Virginia, ist eine der größten ihrer Art: "1,5 Meilen Schusswaffen und Messer", die Ausstellungsfläche "so groß wie zwei Football-Felder", jubelt der Veranstalter und kündigt als "Stargast" einen ganz besonderen Experten an: Russell Gackenbach ist eines der letzten lebenden Mitglieder der Bomber-Crew, die 1945 die Atombombe auf Hiroshima abwarf.
Schon am frühen Morgen sind die Parkplätze rund um die Veranstaltungshalle überfüllt. Mehr als 15 000 Besucher kommen über drei Tage verteilt zu "The Nation's Gun Show".
Zu kaufen gibt es alles, was schießt und sticht, sauber aufgereiht auf den Klapptischen der über tausend Aussteller - oft Waffenläden aus der Gegend. Nichts ist hinter Glas oder in Schränken weggeschlossen, anfassen und probezielen ist willkommen. Die beliebte Pumpgun in Tarnfarben lackiert gibt es schon für 299 Dollar. Die Smith & Wesson 9 mm kostet 339 Dollar. Wer es lieber wie Clint Eastwood mag, muss für eine 357er Magnum dagegen schon 800 Dollar auf den Tisch legen.
Vom weiblichen Publikum geschätzt: der Revolver in hellem Rosa und im Handtaschenformat. Perfekt für den Privatkrieg dagegen ist das Wilson Urban Tactical, "das ideale taktische halbautomatische Gewehr mit 3,5 Pfund Durchschlagskraft am Abzug" für 2399 Dollar. Am Stand nebenan gibt es dazu auch gleich das Nachtsichtzielfernrohr für 999 Dollar extra.
Natürlich kann man auch die passenden Accessoires kaufen. Besonders beliebt ist das T-Shirt mit dem Konterfei von Präsident Barack Obama und dem Slogan "Verkäufer des Jahres". Denn für die amerikanische Waffenbranche laufen die Geschäfte besser als je zuvor, seit Obama zum Präsidenten gewählt wurde.
Schon im Wahlkampf hatten seine politischen Widersacher den Präsidenten als radikalen Gegner der liberalen amerikanischen Waffengesetze gezeichnet. Mit Erfolg: Laut Umfragen glauben inzwischen über 40 Prozent der Amerikaner, dass der Präsident den freien Waffenverkauf weitgehend verbieten will - obwohl Obama nichts dergleichen angekündigt hatte. Im Gegenteil, der von strauchelnder Wirtschaft und schlechten Umfragewerten geplagte Präsident hat sich in seiner Amtszeit gar nicht zu dem in den USA traditionell emotional aufgeladenen Thema geäußert.
Dennoch sind offenbar Millionen Amerikaner überzeugt, dass es allerhöchste Zeit ist, sich schleunigst mit möglichst vielen Waffen einzudecken, bevor der Präsident sich am Ende doch noch des Themas annimmt.
Die Waffenbranche verdankt dieser Furcht einen immensen Aufschwung. "So etwas hat es noch nicht gegeben", jubelt der Branchendienst "Shooting Industry".
Remington Arms etwa, einer der größten Waffenfabrikanten der USA, musste vergangenes Jahr eine vierte Produktionsschicht einführen, um die Nachfrage zu befriedigen. "Es ist ein Phänomen, das ich in meinen 30 Jahren in der Branche noch nicht gesehen habe", sagt Unternehmenssprecher Al Russo.
Die Zahl der gesetzlich verlangten Hintergrundüberprüfungen von potentiellen Waffenkäufern ist 2009 gegenüber dem Vorjahr über zehn Prozent gestiegen. Da die Verkäufe selbst nicht erfasst werden, gelten diese Zahlen als Indikator für den Absatztrend im Waffenmarkt.
Die Geschäfte laufen prächtig. Die Firma Smith & Wesson, ein weiterer führender Handfeuerwaffenhersteller, verkündete jüngst einen Umsatzanstieg von über 20 Prozent auf 400 Millionen Dollar für das Geschäftsjahr 2009, das am 30. April endete. Und die Beteiligungsgesellschaft Cerberus hat 13 Waffen- und Munitionshersteller zusammengekauft und will daraus ein gemeinsames Unternehmen formen, das sie gewinnbringend an die Börse bringen kann.
70 bis 80 Millionen Amerikaner haben nach Schätzungen der Lobbyorganisation National Rifle Association eine Schusswaffe zu Hause. Genaue Zahlen gibt es mangels landesweiter Registrierpflicht nicht.
Für viele Amerikaner gilt der Waffenbesitz von jeher als identitätsstiftend, als mit allen Mitteln zu verteidigendes Grundrecht, so wie es seit über 200 Jahren im zweiten Verfassungszusatz verankert ist: "Da eine gutausgebildete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden."
Selbst Teile der politisch eher Linken können sich der uramerikanischen Überzeugung nicht verschließen, dass Freiheit und Waffenbesitz aufs Engste miteinander verbunden sind. Und viele rechte Politiker lassen sich, wie die Republikanerin Sarah Palin, gern mit Waffen abbilden.
Nur ein paar Meilen sind es von der Messe in Chantilly zur Universität Virginia Tech, wo vor über drei Jahren einer der schlimmsten Amokläufe in der US-Geschichte stattfand. Ein Student erschoss damals 32 Kommilitonen mit seinen beiden halbautomatischen Pistolen.
Nach solchen Amokläufen gab es immer wieder Versuche, strengere Waffengesetze einzuführen. Bislang blieben sie alle erfolglos - und finden immer weniger Unterstützung bei den Amerikanern. 1994 waren knapp 60 Prozent für strengere Gesetze. Im vergangenen Jahr waren es dann nur noch 40 Prozent.
Nur einzelne, von Kriminalität geplagte Städte hatten in der Vergangenheit strenge Vorschriften oder sogar Verbote zum Kauf und Besitz von Schusswaffen erlassen. Doch die sind nun möglicherweise nicht länger zu halten.
Ende Juni verwarf das US-Verfassungsgericht zum Entsetzen vieler Kommentatoren das Anti-Waffen-Gesetz von Chicago, das den Einwohnern verbot, eine Waffe zu besitzen. Es gebe das verfassungsgemäße Recht, eine geladene Waffe im Haus zu haben, so die Richter in ihrem Grundsatzurteil.
Die Folgen der Entscheidung sind weitreichend. Die strengen Gesetze in Washington und Chicago sind bereits quasi annulliert. Aber auch in vielen weiteren Städten werden nun die Waffenfreunde gegen Vorschriften zu Felde ziehen, die ihnen nicht passen.
Damit dürfte es vielerorts noch einfacher werden, eine Waffe zu kaufen. Für die Waffenbranche ist ein Ende des Booms nicht abzusehen.
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 37/2010
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