13.09.2010

GESCHICHTEWeltenherr im Röntgenstrahl

Forscher enthüllen das Geheimnis um die berühmte Goldstatue Friedrich Barbarossas. Im Inneren sind modrige Knochen verborgen. Doch wohin verschwand die Leiche des Mythenkaisers?
Ohne Gewalt wäre der Schwabe nie zum "Himmelskaiser" aufgestiegen. Feinde ließ er hängen, ihre Ernte vernichten und ihre Städte mit Belagerungsmaschinen zertrümmern. Mailand eroberte er gleich zweimal und legte es in Schutt und Asche.
Doch weil Barbarossa ("Rotbart") seine Gegner auch geschickt mit Verträgen umgarnte und zudem jedem Attentäter entkam, der ihn mit Gift oder Dolch töten wollte, hält die Forschung ihn für einen ziemlich ausgekochten Burschen.
Das Urteil ist durchaus wörtlich zu nehmen. Als Friedrich I. (1122 bis 1190) während des dritten Kreuzzugs im Orient plötzlich ertrank, sahen sich seine Begleiter genötigt, den faulenden Leich-nam im Eilverfahren in einem Wasserbottich zu erhitzen und das Fleisch zu garen.
Der berühmteste Badeunfall des Mittelalters beendete das Leben eines Mannes, dessen Glanz bis in die Gegenwart strahlt. In fast 40 Regierungsjahren schuf er einen Staat, der bis Südfrankreich und Sizilien reichte. Er nannte ihn "sacrum imperium", "Heiliges Reich".
Der Legende nach sitzt der Titan noch heute schlafend im Kyffhäuser in Thüringen, von Raben umkreist, um dermaleinst die alte Reichsherrlichkeit wiederherzustellen. Dabei wächst ihm der Bart durch den Tisch.
Die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim widmen dem großen Staufer und seinen acht dynastischen Nachfolgern vom kommenden Sonntag an eine faszinierende Geschichtsschau. Gut 500 Schaustücke werden gezeigt, darunter Leihgaben aus New York und ein sieben Tonnen schwerer Sarg aus Palermo. Nur zu gern hätten die Kuratoren auch Persönliches vom Kaiser gezeigt: am liebsten seine Gebeine, eine Sterbemaske oder die Grabplatte. Doch all das ist verschollen.
Dafür warten die Macher mit einem anderen Glanzlicht auf, dem berühmten Cappenberger Barbarossa-Kopf. Die 850 Jahre alte Bronzebüste, hauchdünn mit Gold überzogen, gilt als ältestes Porträt des Abendlandes.
Einer Urkunde zufolge wurde das Metallwerk lebensecht "nach dem Bildnis" des Regenten geformt. Friedrich ist mit Locken und kurzem Bart dargestellt. Unter großen Augen wölbt sich ein Erdbeermund. In den Haaren steckt eine antike Imperatorenbinde.
Das Goldgesicht birgt ein Geheimnis. Am Hinterkopf befindet sich eine Klappe.
Dahinter gähnt ein Hohlraum.
Prüfungen ergaben, dass sich im Inneren etwa 60 Reliquien befinden. Sie sind eingepackt in bunte Stoffbeutel, Holzbüchsen, Kästchen und Phiolen.
Nur was steckt in diesen Hüllen? Bislang weigerte sich der Besitzer der teuren Goldbüste, die Stiftskirche von Cappenberg, die heiligen Gegenstände auszuwickeln.
Anlässlich der Ausstellung hat der Eigner nun erstmals eine Hightech-Prüfung erlaubt. 32 Reliquiensäcke wurden vorvergangene Woche ins Klinikum Mannheim verbracht und dem Radiologen Christian Fink übergeben. Der schob die Devotionalien in einen Computertomografen.
Bei dieser Röntgendurchleuchtung kamen Skeletttrümmer zum Vorschein, manche kaum fünf Millimeter groß. "In den Bündeln liegen vor allem Fuß- und Zehenglieder sowie winzige Gesichtsknochen", erklärt Fink.
Schnittspuren sind nirgends zu sehen. Der Mediziner vermutet, dass die Knöchelchen bereits jahrhundertelang in Gräbern moderten, bevor man sie als Reliquien nutzte.
Besonders spannend: Einer jüngst aufgetauchten Inventarliste zufolge handelt es sich bei den Knöchelchen um Reste großer Bibelhelden.
Die noch unveröffentlichte lateinische Urkunde von 1705 zählt auf, was angeblich alles in den Metallkopf gestopft wurde: Splitter vom Kreuz Christi, Gewandreste von Johannes dem Täufer, dazu Staub vom Grab des Nikolaus und Dinge aus dem Besitz mehrerer Apostel.
Eingehüllt ist all das in kostbare Stoffe. Einige Bündel sind aus byzantinischem Samt, andere aus bestickter spanischer Seide. Als roter Farbstoff diente das Blut von Schildläusen.
Schlagartig wird damit klar, was für eine Verehrung und religiöse Inbrunst sich einst auf den staufischen Staatenlenker richtete. Kaum eine andere Gestalt der deutschen Geschichte ist mit so viel Heilshoffnung verknüpft.
Im Urteil moderner Historiker hat Barbarossa dagegen an Ruf verloren. Zwar gilt er als Verfechter des Cäsarentums, der sogar den Papst fassen wollte (der ihm entwischte). Seine Untertanen lebten von Polen bis zur Côte d'Azur.
Doch dieses Großreich war kaum stabiler als ein Fesselballon. Zu weit gespannt war Barbarossas universeller Machtanspruch, zu selbstherrlich sein Plan, in antiker Manier den "Herrn der Welt" zu spielen.
Womöglich säte der Mann damit sogar jenen Keim, der sich später zur nationalen Tragödie auswuchs. Während Engländer und Franzosen begannen, London und Paris zu prachtvollen Königssitzen und Kulturzentren auszubauen, pfalzte der Deutsche ohne festen Wohnsitz kreuz und quer über die Alpen: Mal war er in Augsburg, mal in Ancona.
Am Ende verloren die Staufer fast alles. Dem letzten Vertreter der Dynastie, König Konradin, schlug man im Jahr 1268 in Neapel den Kopf ab.
Andererseits: Zumindest unter Barbarossa gelang für kurze Zeit der Spagat über ein Herrschaftsgebiet von 2000 Kilometern. Das Land gedieh, die Prachtentfaltung war enorm.
Auf dem Höhepunkt lud der Gekrönte 20 000 Ritter aus ganz Europa in eine gezimmerte Holz- und Zeltstadt in die Rheinauen bei Mainz ein. Diener karrten feinsten Rotwein heran. Zwei eigens errichtete Hühnerfarmen lieferten knuspriges Geflügel.
Der ganze Kontinent blickte neidisch auf die Mega-Fete, der Gattin Beatrix zusätzlichen Glanz verleih. Der Kaiser hatte die Grafentochter aus Burgund geheiratet, als sie 13 war. Poeten lobten ihr "schöne Antlitz" und ihr "glänzendes, goldenes Haar".
Ob die Dame wirklich so anmutig war, steht dahin. Barbarossa war ein früher Meister der PR. Ob bei der Stadtgründung von Chemnitz oder beim Abstrafen polnischer Rebellen - stets umgab er sich mit Schönschreibern, die seine Taten verherrlichten. Einer lobte gar seine Schenkel, sie seien "ansehnlich und durchaus männlich".
Zum tödlichen Finale haben die Chronisten dagegen nur dunkle Kunde überliefert. Im Mai 1189, so viel ist klar, scharte Barbarossa eine ungeheure Streitmacht um sich, angeblich 100 000 Kämpfer. Dann zog er über den Balkan Richtung Jerusalem.
Der Grund: Sultan Saladin hatte kurz zuvor das Heilige Land erobert.
Der Kaiser war 67 Jahre alt, aber noch erstaunlich fit. Wochenlang saß Friedrich klaglos im Sattel. Vor Konya rang er angeblich "wie ein Löwe" Muselmanen nieder.
Beim weiteren Durchqueren Kleinasiens traf das Heer allerdings zermürbende Sonnenglut. Halb wahnsinnig vor Durst tranken die Kreuzritter Urin und Pferdeblut.
Endlich stand der fahnenumwehte Tross am Saleph (heute Göksu). Nach den "unerträglichen Strapazen", so ein Zeitzeuge, hielt der Truppenchef inne, um "ein Mahl" zu nehmen. Danach sprang er in den Fluss, um sich zu erfrischen.
Er tauchte nicht wieder auf.
Was war passiert? Ein Chronist behauptet, der Kaiser sei in einen "Strudel" geraten. Moderne Mediziner tippen eher auf einen Kreislaufkollaps.
Noch am selben Tag eilten treue Paladine mit der Wasserleiche in die acht Kilometer entfernte Stadt Seleucia, um eine flüchtige Konservierung durchzuführen. Später kochten sie den Toten aus. In Tyros verliert sich dann die Spur der Gebeine (siehe Grafik).
Was für ein Jammer! Schon 1878 ließ Reichskanzler Otto von Bismarck nach dem Leichnam suchen. Archäologen machten sich auf den Weg in den Orient und gruben in der Kirche von Tyros. Sie fanden nichts.
Für die Ausstellung in Mannheim haben die Kuratoren die Spur des Mythenkaisers wiederaufgenommen. Ein vielversprechender Hinweis führte sie nach Brienno am Comer See. In der dortigen Pfarrei befindet sich lokaler Tradition zufolge ein Zahn von Barbarossa. Angeblich verlor er ihn, als er sturztrunken aus der Dorftaverne stolperte.
Doch auch diese Suche verlief enttäuschend. Als man das Kästlein aus Como öffnete, lag darin nur ein Stück Holz.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 37/2010
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