20.09.2010

TIBET„Wie im Gefängnis“

Die in Peking lebende tibetische Autorin Tsering Woeser, 44, über die Lage in Lhasa und die Gefahr weiterer Ausschreitungen
SPIEGEL: Mehrere tibetische Umweltaktivisten, Journalisten und Autoren sind verhaftet oder verurteilt worden. Verschärft sich die Lage für die Tibeter?
Woeser: Niemand kennt die Zahl der Verhafteten. Ich schätze, es sind rund 60 bis 70. Die Unterdrückung richtet sich mehr und mehr gegen die tibetische Elite. Sie wird absichtlich ausgelöscht.
SPIEGEL: Sie waren kürzlich wieder mehrere Monate in Lhasa. Ist die Lage angespannt?
Woeser: Es ist auffällig, wie viel Militär und Polizei in der Stadt stationiert sind. Die Anwohner fühlen sich als Volk diskriminiert, sie können nicht atmen, sie fühlen sich wie im Gefängnis. Um den Jokhang-Tempel …
SPIEGEL: … dem wichtigen Heiligtum der Tibeter …
Woeser: … patrouilliert die Polizei entgegen der vorgeschriebenen Richtung auf dem Pilgerweg. Das schafft böses Blut. In den Klöstern sind Polizei und Militär untergebracht, Kameras sind allgegenwärtig. Besucher, die abseits der Wege mit Mönchen sprechen, werden von Polizisten gewarnt und fortgeschickt.
SPIEGEL: Ist die starke Präsenz chinesischer Händler und Wanderarbeiter ebenfalls ein Grund für die Unzufriedenheit?
Woeser: Der Zustrom reißt nicht ab, er wird sogar offiziell gefördert. In der Weststadt von Lhasa ist eine neue Entwicklungszone entstanden. Investoren von außen genießen Steuervorteile.
SPIEGEL: Was muss geschehen, um weitere Unruhen zu vermeiden?
Woeser: Die Regierung sollte dem Dalai Lama erlauben, nach Tibet zurückzukehren.
SPIEGEL: Für die chinesische Regierung ist er ein Separatist und Verräter. Fürchten Sie trotz der starken Militärpräsenz neue Aufstände?
Woeser: Vor allem jüngere Leute sind zornig. Sie sagen: "Wenn sich der Dalai Lama bis zu seinem Tod nicht mit seinem Volk treffen darf, werden wir Widerstand leisten. Wir sind bereit, unser Leben zu opfern." Das wäre eine Tragödie.

DER SPIEGEL 38/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 38/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TIBET:
„Wie im Gefängnis“