20.09.2010

BILDUNG

Erschöpft vom Bummeln

Von Dworschak, Manfred

Studenten klagen über steigenden Leistungsdruck - nun aber enthüllt eine neue Studie, wie wenig die meisten in Wahrheit für ihr Studium tun.

Trostlos ist das Studentenleben, so geht seit Jahren die Sage: nichts als Gebüffel, Prüfungen ohne Unterlass und abends in der Kneipe bedienen für die Miete. Um schlimmen Leistungsdruck ging es auch bei den Massenprotesten im vergangenen Wintersemester. So mancher Kommilitone, hieß es damals, müsse 60 Stunden in der Woche fronen.

Sogar Bildungsfunktionäre und Professoren ließen sich anrühren vom Elend der studierenden Jugend - einen "Fall für den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof" sah darin der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin, ehemals Kulturstaatsminister unter Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Das war wohl doch ein wenig übertrieben. Eine neue Studie zeigt: Die allermeisten Studenten bringen es nicht einmal auf eine 40-Stunden-Woche, Jobben inklusive. Der mittlere Aufwand fürs Studium liegt bei 26 Wochenstunden - und auch das nur, weil einzelne besonders arbeitsame Geister den Durchschnitt heben.

Ein sattes Viertel der Vielgeplagten mogelt sich mit 20 Stunden und weniger durch die Semester.

Das ergab eine Stichprobe an vier deutschen Hochschulen, geleitet von dem Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. In sechs verschiedenen Bachelor-Studiengängen wurde dafür jeweils ein Studentenjahrgang gründlich überprüft - von den Erziehungswissenschaftlern an der Uni Mainz bis hin zu den Mechatronikern an der TU Ilmenau.

Eigentlich wollten die Forscher nur das Ausmaß der allseits beklagten Überlastung dokumentieren. "Es hat uns sehr überrascht, wie wenig die meisten Studenten tatsächlich tun", sagt Schulmeisters Mitarbeiterin Christiane Metzger.

Kann es sein, dass Selbstwahrnehmung und Realität in der Studentenschaft derart weit auseinanderklaffen? Die Methode, die bei der Studie zum Einsatz kam, lässt wenig Raum für Zweifel: Insgesamt 121 Probanden mussten ein ganzes Semester lang täglich in ein Web-Formular eintragen, womit sie jeweils beschäftigt waren, wann und wie lange: Lektüre zur Vorbereitung eines Seminars, Selbststudium in der Bibliothek, Vorlesung, Lohnarbeit. Auch private Zeiten wurden genau erfasst.

Am Ende, als die Auswertung kam, waren viele Teilnehmer selbst schockiert. Ihrer Überzeugung nach hatten sie viel mehr Zeit ins Studium investiert.

Ebendaran aber kranken die üblichen Studien, in denen die Probanden nur aus der Erinnerung einschätzen, wie hoch ihr Aufwand war. In der Rückschau nehmen sich ein paar Stunden des Lernens, abgerungen dem versuchungsreichen Alltag, leicht wie ein Kraftakt aus. Nur wer ein Stundenbuch quasi in Echtzeit führt, ist vor Selbstbetrug gefeit.

Schulmeisters Studie, die nun erstmals das reale Zeitbudget gemessen hat, dürfte die Debatte um die Arbeitslast an den Hochschulen neu befeuern. "Der typische Student hat zwölf Stunden Privatleben am Tag", bilanziert der Forscher. "Die Freizeit hat für diese Generation offenbar einen hohen Wert."

Neue Zahlen aus den USA lassen auf einen globalen Trend schließen. Die kalifornischen Soziologen Philip Babcock und Mindy Marks haben Untersuchungen zum Zeithaushalt aus einem halben Jahrhundert ausgewertet. Ihr Befund: Im Jahr 1961 wendeten die Studenten noch im Schnitt 24 Stunden in der Woche fürs Selbststudium auf. Im Jahr 2003 war der Wert auf 14 Stunden gesunken.

Der deutlichste Rückgang war schon vor 1981 festzustellen, und er vollzog sich quer durch alle Milieus, in elitären wie in mittelmäßigen Colleges. Die Forscher haben nur eine Erklärung: Das Leben jenseits der Universität muss den jungen Leuten wichtiger geworden sein.

Freilich wird auch oft beklagt, dass immer mehr Studenten nebenher Geld verdienen. Das erklärt aber kaum, warum ihr Studieneifer so drastisch nachgelassen hat. Denn die breite Masse verausgabt sich im Job nur in höchst erträglichem Maß. Die Probanden der Zeitbudget-Studie etwa gingen im Schnitt 6,4 Stunden pro Woche einem Nebenerwerb nach. Und auch hier waren es wieder vereinzelte Rekordarbeiter, die mit 40 Stunden und mehr den Durchschnitt hoben - sie wären eher als Teilzeitstudenten einzuordnen. Bei den übrigen aber sollte das Studium nicht ernstlich unter den paar Stunden Jobberei leiden.

In Europa war es die Bologna-Reform, die überhaupt erst die Frage nach der Messbarkeit studentischen Einsatzes aufwarf. Seit 1999 werden nicht nur mehr und mehr Studiengänge auf Bachelor- und Master-Abschlüsse umgestellt; auch den erforderlichen Zeitaufwand pro Studium haben die Bildungsbürokraten beziffert. In Deutschland ist für den Bachelor ein Gesamtpensum von 1800 Stunden im Jahr vorgesehen. Das sind, bei sieben Wochen Urlaub, genau 40 Stunden in der Woche. Erwachsenen Menschen sollte das zumutbar sein.

Was heißt es nun aber, wenn schon eine normale Arbeitswoche die Studenten von heute überfordert? Wächst da eine Generation lamentierender Faulpelze heran? So weit würden die Forscher keineswegs gehen.

"Wir haben einige Probanden genauer befragt", sagt Christiane Metzger. "Viele fühlen sich ja wirklich stark gestresst. Im Nachhinein glauben sie dann, sie müssten auch entsprechend viel geleistet haben."

Eine Frau erzählte, sie habe vor dem Studium 50 Stunden die Woche gearbeitet. Das habe sie weit weniger zerrüttet als die 30 Stunden, die sie nun an der Uni aufwendet. Die Studie legt eine überraschende Erklärung für das Missverhältnis nahe. Sie zeigt, dass das Studium zumeist höchst lernwidrig organisiert ist.

Der typische Wochenplan eines Bachelor-Studenten ist scheckig wie ein Flickenteppich: Bunt über die Woche verstreut finden sich da Seminare und Vorlesungen zu zehn oder zwölf verschiedenen Themen. Jede Veranstaltung verlangt eigentlich ein gewisses Pensum des Vor- und Nachbereitens, aber die leere Zeit zwischen den Terminen ist nur schwer sinnvoll zu nutzen - zu kurz sind meist die Lücken. Für anderthalb Stunden in die Bibliothek? Dann lieber ein Weilchen bei Facebook herumklicken.

"Das Internet ist der größte Zeitfresser", meint Schulmeister. "Das sagen auch die Studenten selbst." Das Grundproblem aber sieht er in der chaotischen Fülle des Stoffs. "Wer sich mit zwölf Themen gleichzeitig beschäftigen müsste, weiß eben oft nicht, wo er anfangen soll. Das können die offenbar noch nicht", sagt der Forscher. "Lieber machen sie dann gar nichts, gehen in die Cafeteria oder fahren zwischendurch nach Hause. Gelernt wird erst, wenn es nicht mehr anders geht, also kurz vor den Prüfungen."

Die meisten Klausuren finden obendrein erst am Ende des Semesters statt; zuvor erfahren die Studenten wenig über die Folgen ihres Tuns oder Lassens. Auch das fördert das Trödelverhalten, das die Forscher immer wieder beobachteten: Im vergangenen Wintersemester verbrachten ihre Probanden den Oktober, November und Dezember sehr geruhsam - die meisten saßen nur in ihren Seminaren und Vorlesungen, der Anteil des Selbststudiums war nicht nennenswert. Erst im Januar, kurz vor den Prüfungen, schnellte die Kurve nach oben. Bei den Mechatronikern in Ilmenau verdreifachte sich jäh der Aufwand.

"Wir nennen das Bulimie-Lernen", sagt Schulmeister. "Die Studenten sind nicht in der Lage, sich die Arbeit einzuteilen."

An den vier beteiligten Hochschulen - Hamburg, Mainz, Hildesheim und Ilmenau - werden nun der Reihe nach weitere Studiengänge examiniert. Im kommenden Wintersemester sind in Hamburg rund hundert Studenten der Betriebswirtschaft an der Reihe. Die Forscher erwarten ähnliche Befunde.

"Auch bei den Juristen dürfte es nicht viel anders zugehen", sagt Schulmeister. "Über die Mediziner und die Naturwissenschaftler müssen wir uns dagegen keine Sorgen machen, die sind gut ausgelastet."

Für die anderen Fächer heißt es nun Abhilfe schaffen: "Das Studium müsste blockweise organisiert werden", sagt der Bildungsforscher. Statt zwölf Wissensgebiete in Anderthalbstunden-Portionen übers ganze Semester zu verstreuen, böte es sich an, sie konzentriert in Blöcken von ganzen Tagen zu bearbeiten. Nach vier, fünf Wochen käme dann das nächste Thema dran. Auf diese Weise blieben die Studenten im Stoff, und sie wüssten, wofür sie anfallende Freistunden sinnvollerweise verwenden sollten.

Im nächsten Abschnitt der Zeitbudget-Studie wollen die Forscher nun erproben, wie sich die gefühlte Überforderung der Studenten beheben ließe. An der TU Ilmenau werden deshalb die Mechatroniker im Wintersemester nach einem neuen System studieren: Prüfungen gibt es nicht mehr nur am Ende des Studienhalbjahrs. Stattdessen schreiben sie mehrere "Mikroklausuren" zwischendurch; etliche davon nur zur Selbstkontrolle, ohne Wertung für die Endnote.

Vor allem aber sind gleich drei Tage in der Woche einem einzigen Schwerpunktseminar vorbehalten. In der Regel bekommen die Studenten vormittags neuen Stoff vermittelt; dann gehen sie auseinander zum Selbststudium, und danach tragen sie, wieder gemeinsam, ihre Ergebnisse zusammen - das beste Mittel, hofft Schulmeister, "gegen die chronische Verzettelung".


DER SPIEGEL 38/2010
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