20.09.2010

ERNÄHRUNGDie immergrüne Revolution

Im Kampf gegen den Hunger hat die Weltgemeinschaft ihre Ziele verfehlt - so lautet die Bilanz vor dem Uno-Gipfel. Eine Wende muss her. Damit künftig neun Milliarden Menschen satt werden, sollten nicht Großfarmen, sondern Kleinbauern gefördert werden.
Das Essen war knapp im vergangenen Sommer. Monatelang hatte es nicht geregnet. Dorca Mutua, 35, sah, wie erst ihr Kalb und dann ihre Kuh starben. "Es gab kein Gras mehr", sagt die Bäuerin. Was der Boden hergab, reichte nur für eine Mahlzeit am Tag: ein wenig Maisbrei.
2004 hatte sich Mutua mit acht Kindern und ihrer Schwiegermutter in Vololo, etwa 200 Kilometer östlich von Nairobi, zwei Hektar Land gekauft. Ihr Mann war gestorben, das Land im Heimatdorf zu teuer. Sie hatte nicht viel Ahnung von Landwirtschaft, für teures Werkzeug und modernes Saatgut fehlte das Geld.
An künstliche Bewässerung ist nicht zu denken. Wenn der nahe Fluss kein Wasser mehr führt, und er führt oft keines mehr, marschiert Mutua mit dem Esel und einigen Kanistern 20 Kilometer zum nächsten Fluss. Und wieder zurück, alle zwei Tage.
Die Bäuerin hat alles probiert. Sie hat Terrassen angelegt, um die Feuchte im Boden zu halten. Ergebnislos. Sie hat versucht, Bäume zu pflanzen, um Wasser zu speichern. Vergebens. Drei Mangobäumchen kümmern dahin, tragen keine Früchte. Die Familie von Dorca Mutua zeigt das moderne Gesicht des Hungers: Neben Slumbewohnern in den Megacitys der Entwicklungsländer leiden ausgerechnet Kleinbauern häufig unter Armut und Mangel. Sie ackern den ganzen Tag, haben aber nicht genug zu essen.
Dabei ist die kleinbäuerliche Landwirtschaft das Rückgrat der weltweiten Nahrungsmittelproduktion. Rund zwei Milliarden Bauern erzeugen trotz miserabler Bedingungen das tägliche Brot für die meisten Menschen.
"Mehr als die Hälfte des Weltbedarfs an Getreide wird von kleinen Familienhöfen erzeugt", sagt Carlos Seré aus Nairobi, einer der führenden Köpfe der Gemeinschaft internationaler Agrarforschungsinstitute. Auf sie komme es an, wenn die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten um weitere zwei bis drei Milliarden Menschen wächst.
Am Montag treffen Staats- und Regierungschefs aus aller Welt am Sitz der Vereinten Nationen in New York zusammen, um über die selbstgesteckten "Jahrtausend-Ziele" zu beraten. Neben Bildung und Gesundheitsversorgung gehört dazu vor allem der Kampf gegen den Hunger. Die Delegierten müssen sich selbst ein Armutszeugnis ausstellen.
Beim Uno-Gipfel in New York im Millenniumsjahr 2000 hatten die Regierungen "Ernährungssicherheit" für alle zur obersten Priorität erklärt. Der prozentuale Anteil der Hungernden in den Entwicklungsländern sollte im Vergleich zu 1990 bis zum Jahr 2015 halbiert werden, auf etwa 600 Millionen.
Doch bislang sind keine Fortschritte erkennbar. Im Gegenteil: In den letzten Jahren ist die Zahl der Hungernden steil gestiegen, zeitweise auf über eine Milliarde. In diesem Jahr werden der Welternährungsorganisation FAO zufolge immer noch rund 925 Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung geplagt. Schätzungsweise eine weitere Milliarde sind mangelernährt. Sie leiden am sogenannten stillen Hunger. Kinder, die unterernährt sind, wachsen langsamer, bleiben oft geistig zurück und sind anfällig für Krankheiten. Wer als Kleinkind nicht ausreichend Vitamine und Mineralien bekommt, erzielt einer Studie zufolge 30 Jahre später rund 40 Prozent weniger Arbeitslohn als gut ernährte Kinder.
Wenn die Staats- und Regierungschefs in New York wirklich die Weichen stellen wollen, um den Hunger nachhaltig zu mindern, müssen sie eine entscheidende Frage lösen: Was hilft wirklich?
Dieser Frage muss sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellen. Deutschland ist der drittgrößte Agrarexporteur und der drittwichtigste Geber in der Entwicklungshilfe zugleich. Deutschlands Haltung hat großen Einfluss auf die Entscheidungen der Staatengemeinschaft. In ihrem Kabinett hat Merkel allerdings Minister, die wenig Interesse an der Linderung des Hungers zeigen. Im Entwicklungsministerium von Dirk Niebel (FDP) gilt die Förderung ländlicher Entwicklung als "Modeerscheinung", Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) agiert allein im Interesse der deutschen Agrarwirtschaft, und bei Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) rangiert Agrarforschung bisher weit hinten.
Die Herausforderungen sind gigantisch. Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von derzeit sieben auf neun Milliarden Menschen zunehmen. Um sie zu ernähren, muss die Lebensmittelproduktion um etwa 70 Prozent steigen, prognostiziert die FAO.
"Wir wissen noch nicht, wie eine derart gewaltige Ertragssteigerung nachhaltig zu erzielen ist, deshalb muss mehr in Agrarforschung investiert werden", sagt der Agrarökonom Joachim von Braun, der das Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn leitet. "Was wir aber wissen, ist, dass junge Kleinbauern, vor allem die Frauen, zu den weltweit am meisten unterschätzten Innovatoren zählen", sagt er.
In den sechziger und siebziger Jahren gab die "Grüne Revolution" der Agrarwirtschaft in Asien und Lateinamerika enormen Schub. Sie setzte neben moderner Pflanzenzucht vor allem auf massiven Einsatz fossiler Energien für Dünger, Pestizide und Maschinen.
Millionen Menschenleben wurden gerettet, doch dieser Erfolg hatte seinen Preis. Die ökologischen Folgen werden immer stärker sichtbar. Neue Agrarflächen lassen sich heute meist nur noch schaffen, indem überlebenswichtige Ökosysteme wie Regenwälder und Savannen zerstört werden. Schon jetzt häufen sich Warnzeichen. In Russland fielen im Sommer zehn Millionen Hektar Getreide-Monokulturen der Dürre und Bränden zum Opfer, auch weil großflächig Moore trockengelegt worden waren. Der Klimawandel führt dazu, dass künftig häufiger extreme Wetterlagen wie Dürren oder Überschwemmungen drohen.
Was das bedeuten kann, zeigt die Jahrhundertflut in Pakistan, wo sieben Millionen Hektar Agrarland überschwemmt wurden und ein großer Teil der Infrastruktur im Wasser versank. Hinzu kommt als Preistreiber der wachsende Fleischkonsum, der riesige Flächen bindet, um Futtermittel anzubauen.
Wie der drohende Mangel am besten beseitigt werden kann, ist unter Experten heftig umstritten. Die einen setzen auf Gentechnik. "Was wir brauchen, ist nichts weniger als eine zweite Grüne Revolution", sagt Friedrich Berschauer, Vorstandsvorsitzender von Bayer Cropscience, einem der führenden Agrarunternehmen - und meint vor allem Gentechnik. Das weckt Widerstände. "Wir müssen skeptisch bleiben, wenn Agrarkonzerne erklären, dass Gentechnik die Ernteerträge in die Höhe treibt und die Hungrigen ernährt", sagt Peter Rosset von Food First. Der Streit wird auf beiden Seiten oft ideologisch geführt und geht an den Interessen der Kleinbauern vorbei. Sie sind Opfer einer Agrarpolitik, deren Erfolge bestenfalls zweischneidig ausfallen - selbst dort, wo sie sich in Zentimetern messen lassen.
Noch in den neunziger Jahren hungerten im Nordosten Brasiliens Zehntausende. Sie waren auffällig kleinwüchsig. Auch der Zuckerrohrschneider Amaro da Silva ist nur 1,35 Meter groß. In jungen Jahren musste er meist auf das Mittagessen verzichten, dafür gab es "Kaffee und ein Stück Zuckerrohr" zum Auslutschen. Als Tagelöhner verdiente er 40 Euro im Monat. An besonderen Tagen kaufte seine Frau Knochenabfälle, ihre zehn Kinder saugten das Mark aus. In einer Kiste mästeten die Kleinen eine Echse für den nächsten Feiertag.
19 Jahre später lebt da Silva mit seinem jüngsten Sohn João, 23, in einem schmucken Häuschen südlich von Recife. Der Sohn überragt den Vater um 40 Zentimeter. Im Wohnzimmer flimmert ein Fernseher, in der Küche steht ein neuer Kühlschrank. Da Silva wiegt jetzt 56 Kilo, zum Mittagessen gibt es Fleisch und Bohnen. "Mir ging es noch nie so gut wie heute", sagt der 65-Jährige. Er bekommt eine staatliche Rente in Höhe eines Mindestlohns, etwa 230 Euro im Monat. "Das haben wir Lula zu verdanken", sagt er.
Präsident Luiz Lula da Silva weiß, was es bedeutet, mit knurrendem Magen einzuschlafen. Als der Arbeitersohn 2003 sein Amt antrat, galt ein Drittel der 178 Millionen Brasilianer als arm, fast 11 Millionen litten Hunger. Heute betreibt die Regierung kommunale Suppenküchen und Volksrestaurants, sie finanziert Bewässerungsprojekte und unterstützt Bauern mit günstigen Krediten. Mindestlöhne wurden erhöht, und Pensionsfonds für Arme wurden eingeführt. Herzstück des Projekts "Fome Zero" (null Hunger) ist "Bolsa Família", ein Programm der Einkommensumverteilung zugunsten der Armen.
Über zwölf Millionen Haushalte erhalten Stütze. Das Geld ziehen die Bedürftigen mit einer Plastikkarte aus speziellen Geldautomaten in Lottoannahmestellen oder Sparkassen.
Der Erfolg ist riesig: Rund 20 Millionen Brasilianer haben die Armutszone verlassen, 12 Millionen haben den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft. Die Kindersterblichkeit ist drastisch zurückgegangen. "Bolsa Família hat den Wirtschaftszyklus ganzer Städte und Dörfer angekurbelt", sagt Márcia Lopes, die Ministerin für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung mit einem Budget von 18 Milliarden Euro.
Finanziert wird das Projekt auch mit Steuereinnahmen aus dem Boom der Agroindustrie im Westen Brasiliens. Wie Trutzburgen stehen die Silos an jedem Ortseingang. Die Großfarmer züchten Rinder, Schweine und Geflügel oder pflanzen gentechnisch verändertes Soja.
Die politische Doppelstrategie der Regierung - staatliche Fürsorge für die Armen und ungebremstes Wachstum der Agroindustrie - dürfte auf Dauer aber nicht aufgehen. Kleinbauern erzeugen 70 Prozent des brasilianischen Eigenbedarfs. Doch sie werden von den wachsenden Großplantagen für Exportwaren wie Soja, Orangen und Zuckerrohr verdrängt. "Die Großgrundbesitzer sind stark im Parlament, sie unterstützen Lula, aber sie verhindern auch die überfällige Landreform", sagt Flávio Valente, Chef der Hilfsorganisation Fian und früherer Lula-Berater. "Das Vordringen riesiger Plantagen stellt ein Risiko für die Familienlandwirtschaft dar", räumt Ministerin Lopes ein.
Agrarforscher suchen deshalb nach neuen Wegen: "Kleinbauern müssen im Zentrum der nächsten Grünen Revolution stehen", erklärt Olivier de Schutter, Uno-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung. "Die nächste Grüne Revolution ist eine Wissensrevolution. Die Kleinbauern müssen lernen, mit knappen Flächen produktiv und umweltfreundlich zu wirtschaften", sagt Agrarforscher Seré.
Die Millionen Kleinbauern brauchen nicht nur bessere Pflanzen, sondern modernste Beratung. Sie benötigen keine satellitengesteuerten Hightech-Traktoren, aber Zugang zu regionalen Datenbanken mit Informationen über die Bodenqualität. Sie brauchen Kapital, ohne dafür von Großkonzernen abhängig zu werden oder in die Schuldenfalle zu laufen.
Die Bauern müssen lernen, wie sie verstärkt biologische Anbaumethoden nutzen und ihren Boden fruchtbar halten können. Sie brauchen eine bessere Infrastruktur, damit ihre Ernte nicht verdirbt, sondern den Markt erreicht. Und sie brauchen auf diesem Markt faire Bedingungen.
"Wir müssen die kleinen Landwirte dazu befähigen, ihre Produktivität ökologisch nachhaltig zu steigern", sagt David Nabarro, Vorsitzender der Uno-Taskforce gegen den Hunger, "das ist der wichtigste Schlüssel." Von einer "immergrünen Revolution" spricht M. S. Swaminathan. Einst war er Pionier der ersten Grünen Revolution in Indien. Nun will er das Beste aus Öko- und Hightech-Landbau kombinieren. "Gut kooperierende, gut informierte Kleinbauern können ihre Produktivität genauso schnell steigern wie große Unternehmen", hat Braun in Ostasien und Lateinamerika festgestellt.
Wie die nötige Umwälzung beginnen kann, lässt sich im Himalaja besichtigen. Drei Stunden dauert die halsbrecherische Fahrt von der Stadt Haldwani hinauf nach Selalekh, einem Dorf auf 2200 Meter Höhe.
Indien ist das Land der Kleinbauern. 80 Prozent der Landwirte verfügen über weniger als zwei Hektar Land. Zugleich gibt es in Indien mit seinen fast 1,2 Milliarden Einwohnern mehr hungernde Kinder als in ganz Afrika. 230 Millionen Inder verfügen laut Uno über keine gesicherte Ernährung. Vier von zehn Kindern haben nicht genug zu essen.
Oben in Selalekh steht Pitambhae Milkani, 42, in einem weißgetünchten Neubau und lässt frisch geerntete Kartoffeln durch seine Finger gleiten. Milkani baut auf seinen 1,2 Hektar vieles an: Erbsen, Birnen, Äpfel, Kartoffeln, Paprika, Blumenkohl, Buschbohnen. Der Erlös muss reichen für seine siebenköpfige Familie. "Es geht uns besser als früher", sagt er.
Dieser Fortschritt beruht auf einem Konzept von Weltbank, der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der indischen Regierung. Bisher hatte jeder Bauer einzeln an Zwischenhändler aus dem Tal verkauft. Was auf dem Großmarkt in Haldwani dafür erlöst werden konnte, wussten sie nicht. Ideal für den Zwischenhändler, der sie übervorteilte und satte Gewinne einstrich.
Das weiße Haus von Selalekh steht für einen tiefgreifenden Wandel. Der Neubau ist eine Sammelstelle, von der aus die Bauern ihre Produkte selbst vermarkten. Per SMS bekommt die Dorfgemeinschaft mitgeteilt, wie die Preise auf den Märkten der Region stehen. "Wir können jetzt immer dorthin verkaufen, wo es am meisten bringt", sagt Milkani. Gemeinsam ernten sie genug Obst und Gemüse, um tagtäglich einen Lastwagen ins Tal schicken zu können. Eine Waage wurde angeschafft. "Früher haben uns die Zwischenhändler einfach mal zehn Prozent vom Gewicht abgezogen", sagt Milkani, "jetzt passiert das nicht mehr."
Als Nächstes wollen die Bauern Vorprodukte fertigen für Ketchup, Pickles und Chutneys. Besonders attraktiv ist eine fünfte Jahreszeit: die "off-season", wenn es in den überfüllten Tiefebenen so heiß ist, dass kaum etwas wächst. Dann können die Bauern von ihren kühleren Hängen die hungrigen Talbewohner versorgen. Der Klimawandel wird dies vermutlich noch verstärken und die Bauern in kühleren Hanglagen in eine zentrale Rolle für Indiens Ernährung rücken.
Bauer Milkani ist zufrieden. "Erstmals sparen wir", sagt er. Mit dem Geld kann er Bücher und Medikamente für die Kinder oder hochwertiges Saatgut kaufen.
Hunderte ähnlicher Vorhaben wie im Dorf Selalekh leitet Shiv Kumar Upadhyaya in der Region. Unter Regie des gelernten Pflanzengenetikers entstehen Wasserbecken, um die Trockenzeit zu überbrücken und Sturzfluten abzufangen. Die Bauern wagen sich an Fischzucht, den Anbau von Aromapflanzen und an Ökotourismus. Frauen produzieren "Bio-Kohle" aus Kiefernnadeln. Das erspart ihnen den gefährlichen Weg zum Brennholzsammeln und schont die Wälder.
"Es sind kleine Projekte. Zusammen aber ergeben sie eine erneuerte ländliche Infrastruktur", sagt Upadhyaya. Denn die leistungsstärksten Pflanzensorten nützen nichts, wenn es etwa an Lagerhallen oder Lkw fehlt. Indien hat in diesem Jahr eine Rekordernte beim Weizen - nur gibt es zu wenig Speicher, das Korn verrottet. Bis zu 40 Prozent der Ernten in den Entwicklungsländern gehen heute auf dem Weg zwischen Krume und Küche verloren, beim Transport, durch Schädlinge, falsche Lagerung.
"Wir reden über intensivere Bewässerung, besseres Saatgut, Kredite und Mechanisierung", sagt Achim Steiner, Chef des Uno-Umweltprogramms, "dabei liegen enorme Effizienzpotentiale zwischen Produktion und Verbrauch."
Die vielleicht wichtigste Frage, die bei der letzten Grünen Revolution ignoriert wurde, ist die Geschlechterfrage. Wo immer Agrarfachleute versuchen, entlegene ländliche Regionen produktiver zu machen, stellen sie fest, dass der Erfolg entscheidend von den Frauen abhängt.
"Von der Aussaat bis zum Verkauf erledigen Frauen 60 bis 80 Prozent der Arbeit", sagt Kanayo Nwanze, Präsident des Uno-Fonds für ländliche Entwicklung. Je weniger Gleichberechtigung in einem Land herrsche, desto größer das Hungerproblem, schreibt die Asiatische Entwicklungsbank. Gleichberechtigung der Frauen in Südasien könnte Experten zufolge die Zahl der unterernährten Kinder um einige Millionen verringern.
Der indische Entwicklungshelfer Pawan Kumar erlebt täglich, was Frauen verändern können. Von einem Büro in Dehradun aus leitet Kumar eines der großen Projekte für Kleinbauern in Indien.
Rund 3500 Selbsthilfeorganisationen sind mit Entwicklungsgeldern im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand seit 2004 entstanden. Zu den Treffen kommen zu 80 Prozent Frauen. "Sie sind die Säule der ländlichen Ökonomie, die Männer arbeiten entweder weit entfernt, sind krank oder ertragen ihr Schicksal eher passiv", sagt Kumar.
Projekte wie diese erreichen aber nur eine Minderheit der indischen Kleinbauern. Besser funktioniert der nötige Wandel in China.
Vize-Landwirtschaftsminister Niu Dun rechnet vor, dass die Zahl der Hungernden auf dem Land von 250 Millionen Ende der siebziger Jahre auf 14 Millionen geschrumpft sei. Im Jahr 2030 muss das Land rund 140 Millionen Tonnen Nahrungsmittel mehr produzieren als heute. Dabei setzt die Regierung weniger auf die durchindustrialisierte Landwirtschaft als auf "die genossenschaftliche Zusammenarbeit der Bauern". Niu fügt selbstbewusst hinzu: "Wir ernähren mit 9 Prozent des weltweiten Agrarlands 20 Prozent der Weltbevölkerung."
Was der Funktionär nicht sagt: Um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern, greift die Volksrepublik in erheblichem Umfang auf Flächen im Ausland zu. China ist einer der Akteure beim "land grabbing", der ungeregelten Landnahme auf dem afrikanischen Kontinent, zu Lasten der einheimischen Bevölkerung.
Eine neue Zwei-Klassen-Ordnung entsteht. "Die Hälfte der Hungernden lebt in Ländern mit stark wachsenden Ökonomien, die massiv in die ländliche Entwicklung investieren können", sagt Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. "Das ist die gute Nachricht." Die schlechte sei, dass die andere Hälfte komplett abgehängt von dieser Entwicklung lebe, in Ländern mit schwachen Regierungen, unter denen es immer wieder zu Konflikten und Kriegen kommt, vor allem südlich der Sahara.
Dabei hatten sich die afrikanischen Länder viel vorgenommen. 2003 verpflichteten sich die Staatschefs des Kontinents, bis 2008 mindestens zehn Prozent ihrer nationalen Budgets in die Landwirtschaft zu investieren. Das wäre bitter nötig. 70 Prozent der Afrikaner leben von dem, was die eigene Scholle abwirft.
Doch nur eine Handvoll Länder haben das selbstgesteckte Investitionsziel inzwischen erreicht, darunter Malawi, Ghana oder Ruanda. Allein in Kenia sterben jeden Tag 280 Kinder unter fünf Jahren wegen einseitiger und mangelhafter Ernährung. In Ländern wie Somalia, dem Kongo oder dem Sudan machen Clan-Konflikte und Bürgerkriege eine Entwicklung der Landwirtschaft nahezu unmöglich.
Verantwortlich für die Misere sind nicht nur die korrupten und unfähigen Regime Afrikas, sondern auch die reichen Länder des Nordens. Ihre Neuerungen sind für viele Kleinbauern entweder zu teuer oder unbrauchbar. Das gilt vor allem für gentechnisch veränderte Pflanzen, die jedes Jahr neu gekauft werden müssen, weil sie Patenten von Großkonzernen unterliegen. Um die Kosten dafür zu erwirtschaften, müssen die Bauern sich verschulden und möglichst expandieren.
Es fehlt eine globale Forschungsoffensive, um speziell Kleinbauern die Erkenntnisse der modernen Agrarwissenschaft nutzbar zu machen. Auf jährlich zwei Milliarden Dollar schätzt das Internationale Institut für Ernährungspolitik den Mehrbedarf für staatliche Agrarforschung, um Pflanzen zu entwickeln, die umweltverträglich sind und die Bauern nicht von Konzernen wie Monsanto abhängig machen.
Doch die Regierungen setzen andere Schwerpunkte. 1979 entfielen noch 18 Prozent der öffentlichen Entwicklungshilfe auf Investitionen in der Landwirtschaft. 2007 waren es nur noch 5,5 Prozent. "Die Folgen waren verheerend", sagt FAO-Präsident Jacques Diouf.
Enorm unter Druck gerieten Kleinbauern durch Exportsubventionen in Europa und den USA. In Kamerun und anderen afrikanischen Ländern brach zum Beispiel der florierende Binnenmarkt für Hühner Ende der neunziger Jahre fast zusammen, als Billigimporte von Hühnchenteilen aus Europa die Märkte überschwemmten. Die Welthandelsorganisation WTO ist bisher gescheitert, faire Handelsbedingungen zu schaffen.
Zudem profitiert die europäische Ernährungsindustrie von hohen Subventionen und verbilligt damit ihre Fleisch- und Milchexporte. Diese Agrarpolitik untergräbt das proklamierte Ziel, den Hunger zu bekämpfen, und macht Erfolge der Entwicklungshilfe vielfach wieder zunichte.
Der rumänische EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos muss bis zum November die gemeinsame EU-Agrarpolitik für die Jahre 2014 bis 2020 entwerfen. Die Bundesregierung sieht bisher keinen Reformbedarf: "Das europäische Landwirtschaftsmodell hat sich bewährt", heißt es in einem Grundsatzpapier von Agrarministerin Aigner. Ihre Beamten rechnen fieberhaft, wie die zu erwartenden Subventionskürzungen im EU-Etat möglichst gering gehalten werden können.
Es ist offen, wer sich in Brüssel durchsetzt. Erstmals kann das Parlament im kommenden Jahr gleichberechtigt mitentscheiden. Doch ob die Abgeordneten die Chance nutzen, sich von den Fehlern der Vergangenheit zu verabschieden, ist mehr als fraglich.
Da passt es ins Bild, dass die EU beim New Yorker Gipfel kein zusätzliches Geld zu geben bereit ist. Beim G-8-Gipfel von L'Aquila im Jahr 2009 versprachen die Industrieländer sechs Milliarden "frisches Geld" - bisher steht das meiste davon nur auf dem Papier. Die Zeit drängt. Nicht nur Agrarexperte Seré warnt vor einem "Jahrhundert der Nahrungsunsicherheit".
In Maputo, der mosambikanischen Hauptstadt, kam es Anfang September zu heftigen Protesten gegen die um 20 Prozent erhöhten Brotpreise. Zwei Tage lang demonstrierten Menschen, warfen Steine, zündeten Reifen an und plünderten Geschäfte. Mindestens 13 Personen kamen ums Leben, 400 wurden verletzt.
Vorvergangene Woche war Kofi Annan, der frühere Uno-Generalsekretär, in Berlin, um rechtzeitig vor dem New Yorker Gipfel Kanzlerin Merkel "an die deutsche Führungsrolle im Kampf gegen Hunger und Armut" zu erinnern. "Was bei den Millenniumszielen versprochen wurde, muss eingehalten werden", mahnte er. Noch sei der Weg weit, eine Welt ohne Unterernährung zu schaffen. Das zu erreichen liege auch im ureigenen Interesse der reichen Länder, sagte Annan. "Die Stabilität der Weltgemeinschaft hängt davon ab."
Von Bornhöft, Petra, Glüsing, Jens, Knaup, Horand, Schwägerl, Christian

DER SPIEGEL 38/2010
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