20.09.2010

AUTORENAuch du, mein Freund

Oskar Pastior, Vorbild für den Roman „Atemschaukel“ der Nobelpreisträgerin Herta Müller, wurde als Spitzel enttarnt. Muss das Buch neu gelesen werden?
Sie hatte sich hineingeschraubt in sein Leben, monatelang, jahrelang. Erst haben sie zusammen gearbeitet, Herta Müller und ihr enger Freund Oskar Pastior, um ihn sollte es gehen, seine Geschichte wollten sie erzählen, wie er als junger, rumäniendeutscher Schwuler gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in ein sowjetisches Lager kam, welches Grauen er da durchlebte. Als der Freund 2006 gestorben war, hat sie allein an dem Buch weitergearbeitet, sie hatte ihn zum Ich-Erzähler gemacht - eine größere Nähe gibt es nicht als die einer Schriftstellerin zu ihrer Hauptfigur.
Das Buch "Atemschaukel" erschien im Sommer vergangenen Jahres, wenig später wurde bekannt, dass Herta Müller den Literaturnobelpreis bekommen sollte.
Plötzlich war sie raus aus der literarischen Nische, plötzlich kannte man sie auf der ganzen Welt, wusste von ihrem Leben, wie sie als Rumäniendeutsche bei den Banater Schwaben aufgewachsen war, wie sie, von der Securitate bespitzelt und drangsaliert, 1987 in die Bundesrepublik ging und hier weiterschrieb, Buch um Buch, 15 Stück, mit denen sie die Anerkennung der Kritiker, aber nie das große Publikum gewonnen hatte.
Die "Atemschaukel" wurde, naturgemäß, zum Bestseller und die Hauptperson, die so sehr Oskar Pastior, Müllers engem und verstorbenem Freund nachempfunden war, zum Freund der Leser, die ebenfalls hineinkrochen in sein Schicksal, mit ihm litten, ihn vor sich sahen in seinem Lagerdasein.
Am Ende vergangener Woche ging eine Meldung durch das Land der Literaten, die ihnen den Schreck in die Glieder schickte: Auch du, mein Freund. Es wurde bekannt, dass ebenjener Lyriker Oskar Pastior seit 1961 als Spitzel der Securitate geführt wurde, Deckname: Otto Stein. Seine Akte
war von dem Germanisten Stefan Sienerth gefunden worden. Sienerth ist Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Herta Müller, mit diesem Fund konfrontiert, empfand erst "Erschrecken, auch Wut", so sagte sie, dann "Anteilnahme" und "Trauer".
Erschrecken, Wut, Anteilnahme, Trauer, das ist sehr viel auf einmal. Herta Müller erklärte es in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen": Natürlich sei es schrecklich, wenn man von jemandem, den man zu kennen glaubte, etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre, etwas, was einem nie anvertraut wurde. Dann aber habe sie sich darauf besonnen, wie verletzbar, erpressbar Pastior gewesen sei: ein Homosexueller in einem Staat, der Homosexualität mit mehreren Jahren Haft ahndete. Daher: Anteilnahme, Trauer.
In den Akten selbst findet sich, bis auf einen Bericht eine Kulturfunktionärin betreffend, kein belastendes Material. Pastior jedoch war vor allem auf Besucher aus dem Westen angesetzt - und diese Akten sind, weil der Auslandsgeheimdienst für sie zuständig ist, nicht öffentlich. Es findet sich, so sagt es der Germanist Sienerth, auch kein einziger Versuch Pastiors, dem rumänischen Geheimdienst die Mitarbeiterschaft aufzukündigen. Das Ende seiner IM-Tätigkeit kam, als er 1968 nach Österreich und in die Bundesrepublik reisen durfte und nicht zurückkehrte.
Ernest Wichner, langjähriger Freund Pastiors und Herausgeber seiner Werkausgabe, sagt: "Ich weiß schon lange, dass irgendetwas war." Er habe im Sommer des vergangenen Jahres im Marbacher Literaturarchiv dessen Nachlass ausgewertet und darin Notizen gefunden, in denen Pastior sich gefragt habe, was passieren werde, wenn man seine Akte finde. Man dürfe nicht vergessen, dass Pastior selbst als tendenziell regimekritischer Dichter jahrelang "von allen Seiten" bespitzelt worden sei und sich bei seiner Einreise bundesdeutschen Behörden wohl offenbart habe.
Und was ist mit der Literatur, mit "Atemschaukel"? Müller erzählt darin ganz ohne Idealisierung von Pastiors Schicksal, ohne Vereinnahmung, ohne Heldenkult. In ihrer grandiosen Einfühlungsleistung gibt es keine Idyllen, keine schönfärberische Taktik, sondern poetische Radikalität.
Wer einen verstorbenen Menschen ins Leben zurückdichtet, muss viel wissen, aber nicht alles. So merkwürdig es ist, in dem Fall dieser verheimlichten oder verschwiegenen Spitzelverpflichtung zählt wohl nicht die äußere, sondern die innere Wahrheit der Kunst. Eine Selbstbezichtigung hätte daran nichts geändert.
Am Freitagabend vergangener Woche wurde im Berliner Literaturhaus eine Ausstellung über das Leben von Herta Müller eröffnet, mit Fotos, Manuskripten, Collagen und ihrer 900-seitigen Opferakte bei der Securitate. Müller stand im Regen, tief in Schwarz gekleidet. Sie sagte: "Ich muss mich von Oskar Pastior nicht distanzieren. Und ich habe einen Menschen so lieb, wie ich ihn vorher hatte." Dann fügte sie, die als große Wortschöpferin gilt, noch einen Satz hinzu.
Es war nur ein Versprecher, eine Kreuzung zwischen tragisch und traurig. "Es ist eine traugische Geschichte."
(*) Für die Öffnung der Securitate-Akten.
Von Susanne Beyer, Nikolaus von Festenberg und Elke Schmitter

DER SPIEGEL 38/2010
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